Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 77 (4.11.1919)
- Date
- 1919-11-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1 Seite ö02 konkrete seelische Eigenschaft mit einander vcrbunden sind. Der Ausdruck ,,irreal“ bedeutet demnach einen Widerspruch in sich selbst, man darf hier garnicht von einem irrealen Volk sprechen, sondern Strauß kann höchstens meinen, daß die Juden sich schon durch eine geistige Fähigkeit, nämlich ihre besondere Religiosität, und einzig durch diese als Volk manifestieren, wahrend die übrigen Völker eine ganze Anzahl solcher Bedingungen wie etwa kulturelle Einheit, eigenes Territorium und Aehnliches dazu brauchen. Eine andere Deutung seiner These ist nicht denkbar. Diese Deutung aber zeigt, daß die Straußsche Theorie wirklich nur eine Theorie, eine dem praktischen geschichtlichen Leben weltenferne, aus starrer unlcbendiger Glaubenswütigkeit geborene Anschauung zu bieten hat. Nicht zufällig unterstellt Strauß den Zionisten, sie hätten erst das jüdische Volk und nachträglich zu ihm den jüdisehen Menschen hinzuentdeckt, als ob nicht das eine nur durch den anderen existierte und garnicht vorher entdeckt werden könnte. Ebenso charakteristisch ist der Unterschied, den er zwischen dem gelebten Glauben und der doch schließlich auch gelebten Kultur macht. Bei ihm fallen wirklich Volk und Mensch, Kultur und Religiosität zusaimnenhanglos auseinander, bei ihm sieht es so aus, als wären die Juden immer einerseits Mensehen und andererseits Glaubende gewesen, als hätte ihr bürgerliches Dasein nichts von ihrem religiösen gewußt. Ueberhaupt weist er der Kultur eine!Art Bedientenrolle zu und hält z. B. für die wichtigste Kulturtat der Juden ״die (Jeher- Windung des Dauergrolls“, also eine höchst negalive Angelegenheit. Nicht daß er unter Kultur etwas anderes als die Summe der schöpferischen Leistungen eines Volkes verstünde: Sondern seine ganze Auffassung wird durch eine tiefe Gering- Schätzung alles Schöpferischen, alles ״Naturhaften“, aller ״natürlichen Entwicklung“ charakterisiert, denen als einziger wirklicher Wert, weit über den Kulturen der anderen Völker, die geoffenbarte jüdische Religion gegenübersteht. Es soll hier gewiß nicht die Religiosität an sich abfällig beurteilt werden. Man kann von orthodoxester Treue zum Gesetz erfüllt sein und trotzdem glauben, daß der ״natürliche Verlauf des Welt- Prozesses“ kein geringeres Wunder darstellt als die göttliche Offenbarung. Und die ״wunderbare Geschichte, die nur von der Erhaltung durch die Lehre und um der Lehre willen spricht“, braucht durchaus noch nicht ״ein!ungeheurer Irrtum“ zu sein, weil diese Lehre die Kraft hatte, die ganze Kultur des jüdischen Volkes zu durchsetzen und Jahrhunderte lang der höchste Ausdruck des Diasporalebens zu sein. Ich kann mir diese Furcht vor einer Verbindung von Religion und Kultur, von Auserwähltheit und lebendigem Leben nur daraus erklären, daß Strauß der Sinn für das Geheimnis der schaffenden Kräfte, des ewig vorvvärts drängenden Volksgenius abgeht, und daß er der! Glauben als eine einmalig erfolgte, allem Lebendigen, jeder Erneuerung, ja der Natur über- Haupt feindliche Offenbarung empfindet, die eigentlieh am besten unabhängig von irgendwelchen realen Trägern aufgehoben sei. Man könnte diese Geistesverfassung auf sich beruhen lassen, wenn Strauß nicht eben das jüdisehe Volk als Träger seiner religiösen Idee in Anspruch nähme. Denn nun müssen wir von ihm eine deutliche Aufklärung darüber verlangen, wie er sich denn die Realisierung solcher irrealen Eigenschaften denkt. Es entschuldigt ihn nicht, daß er es im Rahmen seiner Broschüre für unmöglieh hält, ״die positive nichtzionistische Stellung anders als andeutungsweise darzustellen.“ Wer wie er in der lebendigsten jüdischen Bewegung die schlimmste Gefahr für den geistigen Bestand des Judentums sieht, der müßte schon praktischer klarmachen, auf welche Weise sich denn unter seinem metaphysischen Himmel Judenheit und Judentum wieder vereinigen sollen. Aber hätte er wirklich etwas dergleichen versucht, dann wäre ihm vielleicht doch aufgegangen, daß bei richtigem Zupacken von seinem Volksbegriff nichts mehr übrig bleibt. Es ist nicht ohne!Humor, wenn derselbe Kritiker, der sich mit seiner eigenen Lehre über alle geschichtlichen Voraussetzungen souverän hinwegsetzt, den Zionisten ״Anachronismus und ahistorische Haltung“ vorwirft. Da er die Einheit von Judentum!und Judenheit wiederherstellen will und ihren Zerfall erst von der Emanzipation ab datiert, so muß sie also vorher im öolus bestanden haben. Kann Strauß wirklich leugnen, daß die Religion — gerade mm Unterschied von anderen Völkern — das ganze jüdische Leben der Diaspora beherrschte und eine Kultur von beispielloser Geschtossenheit schuf, die sich! noch dem engsten Oetthowinkel, noch der profansten Tätigkeit mit- JUEDiSCHfc, RUNDSCHAU teilte? Wie erklärt er es. daß seil der Einanzi- , pation, also seit der Verquickung mit einer fremden Kultur, die Religion ihre bindende Kraft so gründlieh verlor? Und wie will er mit dem jüdischen Staat des Alten Testaments fertig werden, der doch ein gar!nicht irreales, höchst wirkliches Volkstum verkörperte und gerade dadurch die Heilige Lehre zu einem nie wieder so vollkommen ״guj|bten Glauben“ werden ließ? Es läßt sich eben aus der bisherigen Geschichte mir beweisen, daß die jiidi sehe Religion niemals unabhängig von jüdischer Kultur, sondern im Gegenteil nur im engsten Zusariimenbang mit ihr gedeihen konnte und um so besser gedieh, je vollendeter das reale Volkstum war, auf das sie sicli stützen konnte. Entweder der jüdische Glaube stellt wie das Christentum oder der Sozialismus eine allgemeine Lehre dar was er nach Strauß gerade nicht sein soll: dann wäre er lediglich das Merkmal einer bloßen Religionsgemeinschaft. Oder er ist der unverwechselbare Ausdruck einer besonderen Volksseele, nur ihr zuteil geworden, nur durch sie zu verwirklichen — wozu ihn Strauß nachdrücklichst erhebt: dann kann er wie jeder wahre Volksgedanke nur bestehen, wenn er von der ganzen Fülle der Volksinstinkte und Volkserlebnisse genährt wird. Wer das eine nicht will, muß auch auf das andere verzichten. Strauß hat kein Recht, sich für seinen Zweck einen besonderen Volksbegriff zurechtzuschnitzen, der sich mit keiner je dagewesenen Wirklichkeit deckt und lebendige Kräfte achtlos vergewaltigt. Den Glauben unabhängig von der Kultur zum alleinigen Gehalt jüdisehen Volkstums zu stempeln, das heißt den Kopf vom Rumpfe trennen und ihn dann als ganzen Körper anbieten. Der Zionismus ist mit so vagen Konstruktionen gewiß nicht zu erledigen. Er wird auch nicht durch törichte Parallelen zu irgendwelchen Zeitströmungen entwertet. Demi daraus, daß die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts von nationalistischen Tendenzen beherrscht wurde, läßt sich garnichts gegen die Existenz des lebendigen jüdischen Volkes schließen, das schon viele Male vorher (was Strauß auch nicht zu wissen scheint) ähnliche Versuche zu seiner realen Wiedergeburt unternahm und nicht erst das Stichwort der Gegenwart brauchte. Wenn aber Strauß es sogar für eine Zeitströmung hält, daß ״im Zionismus ein Letztes und Höchstes gewollt“ werde (wobei das Gewollt von Jhm gesperrt ist), so spridit daraus wirklich nur noch die reinste Verlegenheit: diese Eigenschaft brauchte gewiß nicht erst im 20. Jahrhundert erfunden zu werden, sondern war immer ein Zeichen lebendigen Menschentums. Das aber, das ״Lebendige“, will Strauß gerade als etwas Minderwertiges eliminieren, weil sonst seine Irrealität nicht zu halten und eine wahre Erneuerung der Religiosität nur von der Wiedergeburt des jüdischen Volkes, also von den Zielen des Zionismus, zu erwarten wäre. Wir sehen in all solchen Anstrengungen, in der Konstruktion eines irrealen Volkes, in der Warnung vor realer jüdischer Kultur und Aehnlichem nur den verzweifelten Versuch, ein jüdisches Volk mit der i linken Hand zu konzedieren, um es mit der rechten j desto gründlicher zu beseitigen. Dem Zionismus schadets nichts, der Antizionismus aber sollte hier an einem typischen Beispiel lernen, daß es ihm nicht gut bekommen kann, uns mit unserer eigenen Terminologie erschlagen zu wollen. Siegfried Weitzmann. Die Delegiertenversammlung in Palästina aufgeschoben Das Provisorische Exekutivkomitee der palästinensischen Juden hat in seiner Sitzung vom 23. Oktober beschlossen, die für den 18. November angesetzte De 1 egierten versa m m lung wegen des Konfliktes über das Frauenstimmrecht auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Beginn der Zentralkomiteesitzung Die Sitzung des Zentralkomitees wurde am! Samstag, den 2. November 1919, nachmittags 3 Uhr, vom Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herrn Dr. H an tk£, eröffnet. Zahlreiche Mitglieder des Zentralkomitees und des Geschäftsführenden Ausschusses sind anwesend, ebenso Vertreter der nationaljüdischen Jugendorganisationen, der Zeitungen und der zionistischen Beamtenschaft. Herr Dr. Victor Jacobson hatte sich wegen dringlicher Abhaltungen in London gezwungen gesehen, auf die Teilnahme an der Sitzung zu verzichten. An seiner Stelle hielt Dr. Hantkc das Referat über ״Unsere Stellung zum Actionscomitd“. Dem Referat folgte eine eingehende Debatte. Wir werden in der nächsten Nummer der ״J, R.“ ausführlich über den Verlauf der Tagung öe-!richten. Nr. 7: Intervention einer ostgalizischen Deputat!« in Warschau Eine Deputation der ostgalizischen Judenheit, stehend aus den Herren Dr. Gerson Zipper, Vo sitzendem der Zionistischen Organisation in OstgaliziJ und Redakteur der Sctiwita, Dr. Rosmarin, Redl teur des ״Lemberger Tagblatt“ M. Frostig, Dr. a| selm H alpe in aus Stanislau und Rabbiner S eh m! kes aus Przenrysl, ist in Warschau eingetr-oftop Sie intervenierte in einigen Ministeriell inbetreft jü;f scher Angelegenheiten und wies besonders aut die Dra:.•] salierung der ostgalizischen Judenheit durch verschfl dene polnische Behörden hin. Eingehende Untersucht:■ und Regelung der Angelegenheit wurde zugesagt. Dcu ts 1 darauf,! anweudb nicht in so .religi fügte hi werkertu Warscha: jüdischer habe in der Son! seiner N Der Kampf am die Sabbatrulie in Polen Der Provisorische Jüdische Nationalrat in Warsch erließ am 19. Oktober folgenden Aufruf: ״An die Juden in Polen! Im Landtage ist e; Gesetzesvorlage über die Arbeitszeit und über i Ruhetag in industriellen und Handelsanstalten, i!1 We:i;| statten und in Büros beantragt worden, die durch d! Landtagsausschuß für Arbeitsschutz ausgearbeitet w<!t| den ist. Nach dieser Gesetzesvorlage soll in Pol! eine absolute Sonntagsruhe durchgefübrj werden. Keine Anstalt, kein Unternehmen, keine Wer! statte und kein Büro wird am Sonntag arbeiten dürft«! Selbst die Kanzleien der Jüdischen Gemeinden, d Rabbi 11a ts, jüdisch-sozialer, nationaler oder wohltätige! Organisationen werden am Sonntag nicht arbeiten di!r| fen. Wegen sozialer und religiöser Gründe, so heil! es in der Gesetzesvorlage, müssen alle ohne Untc: schied des Glaubens am Sonntag ruhen. Mit ander.: Worten: man kann aus religiösen Gründen die re! giösen Ueberzeugungen anderer vergewaltigen. Die Gefahr, die uns für den. Fall droht, daß dies!.! Gesetz in Kraft tritt, ist unermeßlich. Die jüdisch werktätigen Massen, die an Sabbaten und an ji!■ dischen Feiertagen ruhen, werden vor die Alternati gestellt werden, entweder zwei Tage in der Wort« zu ruhen, oder die heiligsten Vorschriften der jüdische Religion zu übertreten. Im ersten Fall wird das po! nische Judentum wirtschaftlich geschwächt, seine Kon kurrenzfähigkeit gebrochen werden, di« Juden werden! aus dem Handel gedrängt und die Erwerbsquelle ,die den Juden immer mehr verschlossen werden, werden ganz versiegen. Im zweiten Fall wird ein! der wichtigsten nationalen Lebensformen zerstört, was! den ganzen Bau des jüdischen Lebens vernichten kann.] Schon längst führen wir in Polen den Kampf um d:!• Sabbatruhe, der für uns ein Kampf ist gegen di Versuche, uns wirtschaftlich und geistig zu ruinier . Noch zur Zeit der russischen Herrschaft haben wir es gemerkt, daß man bei uns in Polen mit der Zwang״• ruhe gerade unseren Ruin bezweckt. Jetzt wird dies!: Zweck nicht einmal versteckt. Die neue Gesetzes«(!ז läge ist nichts als ein Glied in der Kette der Ausrottungs- und Boykottmittel gegen uns. Man sagt uns, werdet so wie wir,!־saßt euch1 :!:! die Mehrheit an, daun werdet ihr nicht leiden. Rer Staat hat aber nicht das Recht, uns zu zwingen, uns von unseren Sitten, von unserer Lebensart b:■ Zusagen. Der Staat muß diese Sitten berücksichtigen, falls er überhaupt die Grundsätze der Gewissensfrei׳ Weit und die Eigenarten der Minderheiten berücksich• tigen will. Es ist auch falsch, an/unehmen, daß durö die Rücksicht auf unsere Eigenart das ganze Gesetz1 über die Sonntagsruhe untergraben wird. Das is: nur eine Ausrede, denn man kann die Kontrolle so gut organisieren, daß die Arbeiter dadurch nicht leider.! Sind doch die Arbeiter selbst genügend organisiert, um selbst zu kontrollieren und nicht zuzulassen, daß jenrcud sowohl Sonnabend als Sonntag arbeitet. Uebrig•׳.• ist diese Umgehung des Gesetzes gerade seitens der am Sabbat ruhenden Juden nicht zu befürchten. Unsere Abgeordneten stehen auf der Wacht. Sie haben bereits Unterhandlungen mit den Parteien begönnen, um unsere Forderung durchzusetze;! nämlich daß die Juden das Recht habe״ sollen, am Sa!)bat und an den Feier• tagen zu ruhen, dagegen Sonntags unJ an christlichen Feiertagen in ge schlossenen Lokalen zu arbeiten; offene Läden dürfen 5 Stunden am Sonntag geöffnet sein, falls sie am Sonnabend geschlossen sind. Wir haben aber wenig Aussicht auf Erfolg. Die jüdische Oeffent lichkeit, die jüdischen Kaufleute, Handwerker, Ar beiter, all diejenigen, die den Sabbat halten, all die■ jelügen, die die Wichtigkeit der Frage begreifen, müssen uns z.u Hilfe kommen. Mögen von überall Telegramme von Vereinen, Gemeinden und Organ!■ sationen an den Präsidenten des Landtags und gleich• zeitig an den Arbeitsausschuß sowie an den Ausschuß für Handel und Industrie geschickt werden mit der Forderung, uns nicht einem ungerechten Zwang aus■ *!!setzen, der außerdem dem Vertrage über die Minder heitsrechte zuwiderläuft, welcher bereits in Kraft ja־ treten ist und uns im § 11 ausdrücklich das Redht zu• sichert, nicht zur Sabbatarbeit gezwungen zu werden.“ Am 17. Oktober sprach eine Abordnung des zen tralen jüdischen Handweikervereins in Warschau bei den! Präsidenten des Landtags vor. Ing. Kerner erklärte in ihrem Namen, daß die Abordnung bevollmächtigt ist, den Präsidenten zu ersuchen, der Landtag möge bei der Gesetzesvorlage über die Sonntagsruhe auch die jüdischen Interessen wahmehmen. Der Präsident antwortete, (faß er als Präsident in jeder Frage objekiv sein müsse, jedenfalls aber sei er der Meinung, daß ein einheitlicher Ruhetag durehgefühirt weiden müsse, wie es auch te Die tagsabge ni sch en dem Au« klärte, s imbedin,! daß ei® schieden daß der National die jüdi Nach ei ordnete! Grundsa teidigen, auftretei würden, werkssta und dal gegeben frage in und es abhänge statt ft" dürfen. Der Fiitgegn dischen ״De 1). j. a. sicht vc die er des Art die Sch sation £ die Ve! dessen ist. 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