Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1919-11-04 · Heft 77 (4.11.1919) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 77 (4.11.1919)
Date
1919-11-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2651273-2652135-2652212--12609-2670261
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

> cdiktion n. Verlag׳ W. 15, Sächsische Str 8. ErsdMnl jeden ׳i*BStay «• Freitag-, Abonn.be! d. Exp. u. d Postämtern viertel]. 1.6,— ia Deutschland, in Oesterreich Kr, 15, i Ausland M 10,— Nummer 77 I Berlin, 4. XI. 1919 ' Amelgen-Verwaltung: Welt-Verlag, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon; Amt Zentrum 4814 u. 4815. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuernngszuachlag 20%. Telephon: Amt Uhland 84S «.846. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkasaenamt Scheckkonto Nr. 156030, Redaktionsschluß Sonntag *1. Mittwoch nachm. .rr'^Cheschwan "5680.T XXIV. Jahrg __, — -.-.-. 8... Ein Beitrag zur Theorie des Antizionismus w 17. iiiiuiiiin railerte 1e chaft 11t 8? Oie jüdisdien Gegner des Zionismus stehen 1eute vor einem schwierigen Problem. Nach all [eit Beweisen jüdischen Volkstums im Osten und 11 Palästina kann selbst der Liberalste nicht länger ״ülflp nit einer bloßen Religionsgemeinschaft auskommen. tguch ider oft erhobene Einwand, den Juden fehle 5׳ mv jeder gemeinschaftsbildencien Begabung, ist durch die politischen und kolonisatorischen Erfolge des Zionismus überholt. Man wird also gezwungm, wili man den nationalen Gedanken überhaupt *och wirksam bekämpfen, seine Abwehr mit anieren» weniger einfachen, geistigeren Mitteln zu begründen. Es ergibt sich für 'den Antizionismus die etwas paradoxe Aufgabe: die Juden als Volk *?*»erkennen, ohne sie doch als Volk gelten zu lassen, und ihre realpolitischen Fähigkeiten — die ein Vorzug waren, so lange man sie ihnen noch absprechen konnte — als einen Schwächeaistand na verdächtigen, der die Erhaltung ,des Judentums aufs schwerste gefährde. Diesem Bedürfnis kommt eine kürzlich im Verlag I. Kaiiffmann (Frankfurt 4. M.) erschienene Broschüre, betitelt ״Juden- ■ und Zionismus“, auf ganzem Wege aitgegen. Ihr Verfasser, Edward Strauß, hat >ereits einmal etwas Ähnliches versucht (K.-C.-;Etter, Mai-Juni 1915), nur konnten seine Ausführwngen nicht •recht ernst genommen werden, den. 1. den ai peck 1 ׳ zur V uf Gri 1 bei 1 von -. ln . wird sehitnw!weil er eine unmögliche, lediglich aus der chauvinistisehen Zeitströmung geborene Verknüpfung von Judentum und Deutschtumkonstruierte, die seine eigene Lehre ün entscheidenden Punkt wieder aufhob. Es ist auzugeben, daß die neue Veröffentiichuag solche Gewaltsamkeiten vermeidet. Sie darf, wenn auch nicht als eine neue Theorie, so änch als ein konsequenter und zusammenfassender ^tesduuek ■dessen' aiige^lien werden» was der Antirbnismus kn jetzigen Stadium der zionistischen Entwicklung zu sagen hat, und verdient daher fine prinzipielle Widerlegung. Es ist freilich nicht leicht, sielt durch den etwas verdeckten Stil des Verfassers hindurch zu- . m. I. lesen, zumal Strauß seine eigene Theorie erst ganz nmm Schlfiß der Abhandlung; ausspricht. Ohne Kenntnis 'dieser Theorie aber muß seine Darnk. *erstr.l ich reib« er iiiiiiiiniin jend! >tr.40 I der be׳ licht,!Ute!• sw ’• Stellung־ des Zionismus, die den ersten und weitaus größten Teil der Broschüre ausfüllt, recht widerspmchsvoll erscheinen; eine Kritik seiner Ansdiauung hat es daher nur mit <Jem Ende des Ganzen 2« tun. Strauß macht ganz richtig die Lösung der Juden frage davon abhängig, ob es gelingen werde, judenheit und Judentum, die konkrete jüdische Masse und die Schöpfungen des jüdischen Geistes, wieder in eine Einheit zu! verschmelzen, wie solche tatsächlich bis zur Etnanzipation bestanden habe. Er verwirft daher die ־ Assimilation, weil sie in ihrer Anpassung an das Ideal ihrer Zeit, das Allgemein-Menschliche, die jüdische Besonderheit ־zu Fall brachte und so Judenheit und Judentum radikal aiiseinanderbradi. Im Gegensatz dazu billigt er dem Zionismus den Sinn für ,,das Eigengesetzlich״das Selbständige“, den .,Willen zur Selbstbehauptung“ zu; ja er läßt keinen Zweifel darüber, daß ״die vitale Wurzel des Juden sein Stamm“ ist und daß ״das, was man im Mittelalter das Volk der Juden nannte“, sich bis zur Emanzipation ״wohl oft noch lebensgemeinschriftlich so empfand.“ Trotz solcher Konzesstonen an die nationale Idee gelangt er aber schließlief! doch zu! einer völligen Ablehnung: der Zioniswus assimiliere ,,die Judenheit in der Form eines realen Volkes den Völkern“, er passe sich also genau wie die Assimilation einer, wenn auch entgegengesetzten, so doch nicht minder vorübergehenden Zeitströmung an. Die Lösung dieses Widerspruches enthält zugleich den Kem der Straußschen Theorie. Er u ntersdieidet nämlich, entgegen dem eindeutigem Sprachgebrauch, zwei ganz verschiedene Arten von Völkern: die realen, räumlich zusammenlebenden Nationen, worunter •alle übrigen Völker begriffen sind, und das ״meta- Physische, innere, irreale“ Volk der Juden, ״dessen Stellung zur Kultur überhaupt und zu allen geistigen Werten, von seiner besonderen religiösen Einsteijung auf das Absolute her, eine völlig andere *st, als die einer jüdisch-eigenen KuHureiJdieit.“ -M .. ---- ------ן ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer fiffcnilldt^-ecfatUcii gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. Zum 2. November Ein Aufruf des Actions-Comitäs An das jüdische Volk! 1Am zweiten November 1919 jäirrt sidi mm zweiten Mal der Tag, an welchem Großbritannien durch die Balfoursche Erklärung das Recht des jüdischen Volkes auf die Errichtung seiner nationalen Heimstätte in Palästina anerkannt und versprachen hat, am Aufbau einer solchen Heimstätte mitzuarbeiten. Als der große Krieg zu! Ende war, hofften wir alle, daß der Moment schon gekommen wäre, in dem wir unsere Arbeit ernsthaft aufnehmen körfftcn. Dieser Moment ist bis jetzt noch nicht gekommen. Das jüdische Volk teilt das Los der ganzen Mensdiheit, die nadi diesen schrecklidien Kriegsjahren noch immer auf den wirk liehen Frieden wartet. Dieser Augenblick zwischen Verspredien und voller Erfüllung ist für ׳uns noch mehr von Sorge erfüllt gewesen als für die übrige Menschheit, und noch angespannter ist unsere Geduld und Ausdauer in Ambetradit der entsetzlichen und blutigen Opfer, welche Tag für Tag während dieser letzten'zwei Jahre von unserem Volke gefordert wurden. Aber Elend und Verfolgung haben nicht vermocht, den Willen unseres Volkes zu schwächen, weldies fest und unerschiittert bleibt wiedie Geltendmachung unserer Ansprüche seit dem Tage, a׳n dem sie vor zwei Jahren förmliche und öffentliehe Anerkenaung fanden. 111 der Zwischenzeit sind,diese. Ansprüche von den 1־Er,kl|««1gen^ anderer Großmächte und Regierungen bestätigt 'wbrclen, und die englische Regierung selbst hat durch wiederliolte Schritte gezeigt, daß sie unverbrüchlich an der Erklärung festhält. Und nun denken wir, daß wir die Hoffnung liegen dürfen, daß es nur noch die Frage von wenigen Monaten sein wird, bis dieses feierliche Versprechen in Form konkreter interna- 1 tionaler Abkommen verwirklicht werj. den wird. Dieser große Augenblick wird die Organisation nicht unvorbereitet treffen. Im vollen Bewußtsein ihrer Verantwortlichkeit legen jetzt die Führer der Organisation die letzten Grundsteine zur Durchführung des großen Planes, der als Basis für die Errichtung eines jüdischen Palästina dienen soll. Es ist immer der Stolz der zionistischen Bewegu-ng gewesen, das jüdische Volk zu dem Bewußtsein erzogen zu haben, daß sein Schicksal in erster Linie von seiner eigenen Willenskraft abhangt. Und selbst an dem Tage, an dem wir mit Dankbarkeit der mächtige» Hilfe gedenken, die Großbritannien ums versprach, wollen wir 1ms aufs neue daran erinnern, daß die äußere Hilfe uns nur die Möglichkeit, nur das Gerüst geben kann, aber daß es ums überlassen bleibt, das Werk tätig a׳us2ugesta!ten, und daß der Erfolg vor allem von unserer Bereitwilligkeit abhängt, Opfer m bringen, von unserer Geduld, unserer Disziplin und unserer schöpferischen Kraft. Wir appellieren an das jüdische Volk, es durch jedes nur mögliche Mittel sicherzustellen, daß die Zeit zur Durchführung unserer jetzt von der Welt gutgeheißeneai Pläne uns ent־ schlossen und vorbereitet finde. Die Führer der Zionistischen Organisation werden mit gewissenhaftester Sorgfalt und im Geiste brüderlicher Zusammenarbeit mit allen Teilen des jüdischen Volkes, die Airbeit fortsetzen, um das Versprechen des zweiten November 1917 in eine glorreiche Wirklichkeit^ umzusetzen. Das Actions-Comi te der Zionistischen Organisation. O.!Warburg, N. Sokolow, Ch. Weizmantj, S. Levin, V. Jacobson, A. Hantke. Nur ״die heilige Lehre, der Glaube gibt hier eine«' Stammesgemeinschaft den auszeichnenden, echt solidarischen Sinn, der an sich mit eigener Kultur nichts zu tun hat, nicht aus Lebensgeineinschafte* sidi entwickeln kann und von irgendwelchen räumlieh-zeitlichen Ausformungen unabhängig bleibt.“ Niemals könne daher die Einheit von Judenheit und Judentum durch die Wiedergeburt des jüdiselten Volkes in Palästina erreicht werden, da diese im Gegenteil den heiligen Inhalt des Jude■- bims gerade zum unheiligen ״Teilstück einer Nationalkultur“ vereinig; liehe, — sondern einzig der ״gelebte Glaube“, der Jude als ״■religiöse Personlichkeit“, erhaben über alle das Religiöse ersticken- , den Reibungen eines realen Volksdaseins, vermöge \ die Synthese zu schaffen. Man darf eine solche Auffassung gewiß nicht mit den Idealen des landläufigen jüdischen Liberslismus verwechseln, der, um die Juden von jede» nationalen Zusammenhang zu lösen, auch die anderen Völker in eine bloße Menschheitsgemeioschalt verflüchtigen will. Denn obwohl hier der Glaube zum alleinigen Kriterium eines Volkes wird, wird er doch zum Kriterium eben des Volkes, ja Strauß empfindet die Juden so sehr als Besonderheit, daß er gerade in dem Fehlen einer realpoBtischen Existenz und. einer gemeinsamen Kultur ihren auszeicltnenden Wert sieht, - aus Furcht, dieses Volk über allen Völkern könne irgendwelche Bedingungen nationalen Lebens mit den andere« Völkern teilen und dadurch zu einem gleichwertigen Gebilde degradiert werden. Es ist in diesem Zusammenhang zuzugeben, daß auch einige Richtungen innerhalb des Zionismus das jüdische Volk als etwas Einzigartiges ansehen, dessen Volksdasein sich sozusagen auf einer höheren Ebene als das der übriger! Nationen auswirken solle. Alle derartigen Tendenzen, mögen sie das Soziale oder das Religiöse oder das Geistige als Aufgabe des Judentums betrachten, sind, wie ich glaub«* einer‘ durch''nichts ‘gerechtfertigien keit entsprungen. Jedes Volk ist sui generis, te- »fern rieh sein innerstes, einmalig vorhandene« Wesen durch bestimmte, nur ihm eigentümliche Schöpfungen in cinefnur ihm geschenkten Fon» ausdrückt. Gemeinsam aber haben alle Völker,- daß sic eben jedes für sich eine solche uitverweöhselbare Besonderheit darstellen, und es erscheint mir vermessen, Mer verschiedene Höhenlagen der Besonderheit vorauszusetzen. Außerdem muß immer wiederholt werden, daß nicht einmal der Gedanke der Auserwähltheit etwas spezifisch Jüdisches ist: von den Griechen, die alle Andere* für Barbaren hielten, bis zu den Engländern und Deutschen hat ihn noch jedes kraftvolle Volk gehabt. Strauß ist freilich durch diese Abschweifung nicht widerlegt. Denn während jene zionistischen Gruppen das Höherwertige nur in gewisses Geistesrichtungen sehen, die sich gerade erst auf eigenem jüdischem Boden entwickeln sollen, geht er ungleich radikaler zu Werke. Er entzieht dem jüdischen Volk überhaupt jede reale Existenz, iadem er als sein alleiniges Merkmal etwas Irreales, Geistiges erkennt, und macht es dadurch auch rein formal zu einem mit andern Völkern nicht mehr kommensurablen Gebilde. Bei ihm kann ma» also tatsächlich von einer Ause־rwäl1lthcit sui generis sprechen. Nehmen wir nun an, seine Deutung träfe wirklich zu, so ist die entscheidende Frage, wie ein solches irreales Volk am Leben bleiben, das heißt sich in der Realität auswirken kann. Da nämlich der ״gelebte Glaube“, nach Strauß das einzige Kennzeichen des jüdisdien Volksdaseins, schließlich eben gelebt werden muß, um vorhanden zu sein, so sind auch leibliche Träger dieses Glaubens erforderlich, die mindestens die Fähigkeit dazu von anderen Völkern unterscheidet. Denn der Glaube ist als göttliche Offenbarung, wie Strauß ausdrücklich hervorhebt, gerade dem jüdischen Volk eigentümlich, es besitzt ihn also als eine ganz spezifische völkische Besonderheit, — sonst wäre die Annahme eines Volkes, selbst eines noch so metaphysischen, sinnlos, sonst wäre der Glaube unabhängig vom Stamm und könnte sidi auch Andersgearteten mitteilen. Das angeblieh irreale Volk der Juden vermag also doch nur in realen Einxelexistenzen weiteraubestehen» die zwaaräumlich getrennt, aber doch durch eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.