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Jüdische Rundschau · 1919-07-22 · Heft 50 (22.7.1919) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 50 (22.7.1919)
Date
1919-07-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 400 JUEDISCHE RUNDSCHAU ±. Nr. 50 M ׳ m■■ 1 I tasigkeit führe. Dieser Redner scheint aber weniger j Gehör gefunden zu haben, als seine Vorredner auf dein Gebiete des Gerichts- und Schul-Wesens. Der entgegengesetzte Vorschlag, die hebräische Sprache zur Unterrichtssprache an allen Schulen der Orthodoxie zu erklären, wurde von der Konferenz abgeleluit, cs fehlte jedoch nicht an schönen Reden, in denen man die Bedeutnng der hebräischen Sprache lobte und pries. Durchaus am Platze war jedenfalls die Schlußrede des Chacharnbasdhi ans Jaffa, in. der er die Orthodoxie aufforderte, inehr Toleranz zu zeigen und aufrichtiger die Interessen der gesamten judenlieit Palästinas im Auge zu haben. Das Tischlerhandwerk in Jaffa*) In Jaffa gibt es 6 jüdische Tischlermeister (Askcnasim), die Gesellen beschäftigen, und 10 jüdische Tisch- Iermeiister, die ohne Gesellen arbeiten, 4 mohammedanische und 8 christliche Tischler. Hierzu kommen noch etwa 70 mohammedanische und christliche Tischler, die sich mit der Anfertigung vom Kisten für den Export der Apfelsinen beschäftigen. Das Tischlerhandwerk zerfällt in zwei Kategorien: 1. Möbeltischler, 2. Bautischler (die Türen, Fenster usw. aniertigen). Vor dem Kriege war der jüdische Tischler entweder auf dem einen oder dem anderen Gebiete des Tischlergewerbes tätig, jetzt beschäftigt er sich erfolgreich aut beiden Gebieten. Von den anderen Tischlern sind 4 Mohammedaner und 7 Christen mit Anfertigung von Möbeln beschäftigt, 1 Christ ist auf beiden Gebieten tätig, lnfolge der schlechten materiellen Verhältnisse und des Mangels an Holz nehmen jetzt auch die guten Tischler einfache Arbeiten und Möbelreparaturen an. Tisehlergeselien gibt es: 30 Juden (24 Askenastm, 5 Sefardim, 1 Jemenit), 20 Araber und Christen. Die Arbeitsinstrumente der Tischler sind äußerst primitiv und bestehen aus Hammer, Zange, Säge usw. Maschinen gibt es noch nicht. Eine Konkurrenz infolge Importes ausländischer Waren besteht auch noch nicht, da der Hafen gesperrt ist. Die inländische Konkurrenz ist ganz unbedeutend. Letztens hat sieh aber eine Konkurrenz zwischen jüdischen und arabischen Tischlern geltend gemacht, da die Araber aus verschiedenen Gründen über Holz, das noch aus der Zeit vor dem Kriege stammt, verfügten, hierdurch waren sie imstande, billiger als die jüdischen Tischler zu arbeiten. Zurzeit ist aber überhaupt kein Holz- und Rohmaterial mehr vorhanden, sodaß die Tischler gezwungen sind, das Holz der zerstörten Häuser zu verwenden. Vor dem Krieg erhielt der jüdische Tischlergeselle 3—6 Frcs. pro Tag (der Araber 1,50—4 Frcs.). Jetzt erhält der jüdische Tischlergeselle 5—10 sh. pro Tag, der arabische 2- 6 sh. pro Tag. Einen Aufschwung ihres Berufs erwarten die Tisch- Jer von der Eröffnung des Hafens und von dem Import von Holz und Rohmaterial Die jüdischen Tischler beabsichtigen, sich zu einer kooperativen Gesellschaft zusammenzuschließen und für eigene Rechnung Masdhinen zu bestellen. Unlängst wurde eine kooperative Tisdhlerei gegründet, an der sich 6 Tischler beteiligen. Diese Kooperative iiberni 1111mt sowohl Möbel- *) Siehe die Nr. 46 und 47 der ״Jüdischen Rundschau“. BerimerVersamnriimgs-Kalender Büro: Berliner Zionlsfischen Vereinigung, Berlin C. 19, Scydelsir. 3. Telefon: Centnim 3614/15. Donnerstag, den 24. Juli: Bezirksgrappen Charlottenburg, Wett und Nordwest. Im Paulaner Brfiu, Kanistr. 165, am Auguste-Viktorlaplah. ״Das Zeichen zum Aufbruch“ Referent: Herr Davis Trielsch . Beginn 8% Uhr. Zionisten des Westens!reffen sich Jeden Sonnabend abends 8Uhr lm Cafe Nürnberg, Nürnberger Platz (Untergrundbahnhol). Donnerstag, den 24 Juli: Beginn 8 Uhr. Bezirksgruppe Ost, Qrelfswalder Hof, Grelfswalder Strafte 43. ״Die Ziele de« Hapoel-HazaTr" Referent: Herr Ch. Zwl Klötzel. Donnerstag, den 24. Juli: Beginn 81/s Uhr Bezirksgruppe Süd, im Helm Prinzenstr. 42. ״Herzl-Abend" Jeden Dienstag von 7~tü Uhr -und Jeden Sonnabend von 5-7 Uhr Ist die Lesehalle lm Helm geöffnet. Dienstag, den 22 Juli: Beginn 81/«Uhr. Bezlrksgrappe Centrum, Bötzow Brauerei, am Prenzlauer Berge. Zwangloses Zusammensein. Hebräischer Beih-Hawaad Berlin. Sonnlag, den 27. Juli: 4 Uhr nadsmlltags. Im Ansd1'u6 an einen Ausflug nach Pidielsberg. (Treffpunkt 10 Uhr vorm, Bahnhof Charlotienburg. Bahnsteig B.) Vortrag von Herrn Dr. Bernfeld über: ,,Meine Erinnerungen aus der neuhebr&isch. LiteraturII“ C«ste willkommen! Zionistischer Jugendverein Dienstag, den 29. Juli: lm Helm Helllgegelstslr. 52 Beginn 8 Uhr. ״Jüdischer Nationalfonds in Gro$״ Berlin" Referent: Herr Katzensleln. * Gaste willkommen! als Bauarbeiten. Von der bevorstehenden Immigration versprechen sich die Tischler sehr viel. Von der Gründung von Möbelfabriken befürchten sie aber eine Schädigung. Das Tischlerhandwerk in Tiberias In Tiberias gibt es 9 Tischler: 8 Juden (5 Aschkenasin und 3 Sefardim) und 1 Christen. Das Tischlerhandwerk zerfällt in drei Kategorien: 1. Dadr-Tisdilerei, 2. Bau-Tischlerei (Fenster, Türen usw.), 3. Möbel-Tischlerei. _ Außerdem übernehmen die Tischler in Tiberias allerlei Tischlerarbeiten. Infolge Holzmangels haben die Tischler momentan keine Beschäftigung. Sie bemühen sich, das an Ort und Stelle vorhandene Holz zu bearbeiten. Das Schmiedehandwerk in Jaffa Als Schmiedemeister sind in Jaffa tätig: 6 Juden, 8 Mohammedaner, 3 Christen, als Schmiedegesellem: 4 Juden, 5 Mohammedaner, 6 Christen, als Schmiedelehrlinge: 3 Juden, 10 Mohammedaner, 10 Christen, 3 jüdische Schmiedemeister beschäftigen arabische Arbeiter. Sämtliche Schmiedemeister sind wohlhabend. Konkurrenz herrscht in diesem Handwerk nicht. Doch gelten die Juden für die besten Arbeiter. Die Kundschalt der jüdischen Schmiedemeister besteht meistenteils aus Mohammedanern. Der Sdhmiediegeselle erhält einen Tageslohn. Vor dem Kriege zahlte man dem jüdischen Arbeiter 5—7 Frcs. pro Tag, während des Krieges waren die Löhne heruntergegangen. Jetzt verdient der Geselle 7—10 sh. pro Tag. Denselben Lohn! erhält der arabische christliche Arbeiter. Der jüdische Schmiedelehrling erhielt vor dem Kriege 1,50—2 Frcs. pro Tag, jetzt erhält er 2—3 sh. pro Tag; der arabische Lehrling erhält 3—8 Piaster (3/1-2 Frcs.) pro Tag. Moderne Maschinen gibt es noch nicht. Die Schmiedehandwerker hoffen, durch ihre Organisierung ein Kapital aufzubringen, das ihnen ermöglichen wird, die notwen- «lägen Maschinen aus Europa zu beschaffen. Für die Gründung einer kleinen Schmiedefabrik, die 4—5 Arbeiter beschäftigt, ist ein Kapital von 400 £ (eg.) erforderlieh, für die Gründung einer kleinen Schmiedewerkstatt mit zwei Arbeiten» ist ein Kapital von 70—100 £ (eg.) notwendig. Die Ballgesellschaft ״Haboneh“ Die russische Baugesellschaft ״Ha.bone 11", deren palästinensischer Vertreter Herr J. L. Goldberg ist, bat ihre Arbeit in Palästina bereits begonnen. In Tel- Awivv und Haifa hat man den Grundstein für Hotelbauten gelegt. Die Wiederaufnahme der jüdischen Arbeit wurde feierlich begangen. In Haifa hat die Ge- Seilschaft mit einer Gruppe jüdischer Arbeiter eitlen Vertrag abgeschlossen. Kindergärtnerinnen ln Jaffa hat sich innerhalb der Lehrerorganisation eine Sektion der hebräischen Kindergärtnerinnen gegründet. Die erste Versammlung dieser Sektion, die von 40 Delegierten beschickt wurde, fand in T e I - A w i w statt . Es wurde beschlossen, vom Erziehungskomitee zu verlangen, daß eine obere Fachinspektion der Kindergärten eingerichtet wird. Ferner daß im! ״Waad Hachinuch" eine Kindergärtnerin Sitz und Stimme bekommen soll. Außerdem sind noch Beschlüsse, die sich auf die materielle Lage der Kindergärtnerinnen beziehen, anges nommen worden. Die Sektion wird eine eigene Zeitschrift herausgeben. * Die durch den Krieg unterbrochene wöchentliche hebräische Jugendzeitschrift ״Moledet“ ist wieder unter der Redaktion des hebräischen Dichters Jakob F ich mann erschienen. Das erste Heft kam im Juli 1019 heraus. Eine allgemeine jüdische Hilfkonferenz (Drahtmeldung des Kopenliagencr Zionistischen Büros.) Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris nahm eine Resolution an, in welcher die Notwendigkeit betont wird, für den Oktober oder November dieses Jahres ,nach Paris oder einer anderen europäischen St,•ult eine allgemeine jüdische Hilfekonferenz einzuberufen. Die Konferenz würde etwa 23 Länder repräsentieren,! Gegenströmungen auftreten werden. Aber er meint, daß nach solcher Erziehung der ganze Aufbau der jüdischen Gemeinschaft von Grund auf ein im besten ‘Sinne sozialistischer sein müsse, daß es kein Elend, keine Unterdrückung, keine Ausbeutung, keine Waisen- Häuser und Wohltätigkeit geben wird. Und nur ein sozialistisches Palästina kann reich genug sein, eine solche Erziehung der Jugend bis zum 20. Jahre sich zu leisten. Man wird an Bernfelds Utopie vor allem aussetzen, daß sie nicht ״jüdisch" ist. Ich will hier nicht wieder einmal die beliebte Festlegung dessen, was ״jüdisch" ist resp. sein soll, bekämpfen, die uns in Gefahr bringen wird, die Beschränktheit unseres Kehillageistes nach Palästina zu verpflanzen, sondern darauf Hinweisen, daß gerade im■ Judentum viele Tendenzen nach der Richtung weisen, die Bernfeld einschlagen will. Die Erziehung der Kinder in Chedarim und Jeschiboth, in denen sie den ganzen Tag verweilen, ist sicher eine solche, bei der die entscheidenden geistigen Eindrücke außerhalb des Familienkreises auf die Jugend einwirken, Ke Führerschaft eines ,Meisters ist die althergebrachte der Zeit der großen Rabbinen und Lehrer von Moses an. Der Titel ״Morenu" wird in Bernfelds Jugendbereiche zum höchsten Ehrentitel, den die Gemeinschaft freiwillig verleiht Die Freiheit und das Primat des Geistes, das Gemeinschaftsleben, die sozialen Aspekte — all das ist jüdisch. Und was uns nottut, die Ueberwindung des Bürgertums, dieser Verknöcherung und Versteineraing — im Judentum überwuchernd — kann ׳ nur durch Sprengung der Familie geschehen. Bemfeld zeichnet mit wenigen Strichen das Banausentum und das Elend unserer auf eine bürgerliche Welt zugeschnittenen Schule. Die Leerheit einer Pädagogik, die sich anmaßt, ohne festes Erziehungsziel, bloß durch Verbesserung und Verfeinerung der Methoden etwas getan zu haben. Und wiederum urjüdisch ist es, wenn er betont, daß es vor allem des Erziehungszieles bedarf. War nicht darin das überlieferte Judentum! starrsinnig, hat es nicht alle Methoden so verachtet, bis die Methoden direkt unsinnig wurden (in den Chedarim und Jeschiboth), da es einzig und allein das Erziehungsziel im Auge hatte? Allerdings: das, orthodoxe und das konservative Judentum werden trotzdem Bernfelds System ablehnen. Denn sie sehen in dem; überlieferten Religionssystem den Inhalt aller Erziehung und sie werden sich damit nicht begnügen, daß Bernfeld voraussieht, daß in den Jugendbünden die jüdischen Feste usw. ein neues Leben erhalten werden, daß innerhalb des Bereiches, wie für alle jüdischen Bestrebungen, auch für Bünde mit streng religiöser Tendenz, Raum! sein wird. Wer aber Judentum weiter auffaßt, wer darin das Leben für ein geistiges Ziel überhaupt sieht, den wird die Bernfeldsche ״Erziehung" als der geeignete Weg dazu erscheinen. Kann doch sie allein ein solches Leben verbürgen. Denn durch sie wird erst die wahre Befreiung der Jugend von allen Abhängigkeiten gegeben, die heute durch Erwerbs-, Familien- und Klassenverhältnisse vorhanden sind. Der Bernfeldsche Plan befreit auch die Erwachsenen. Dadurch, daß die Sorge für die Kinder wegfällt und die Familie im heutigen Sinne aufgelöst wird, bekommt auch die Ehe einen anderen Charakter. Das Verhältnis von Mann und Frau wird auf sich selbst gestellt und damit zu einem freieren, unabhängigeren und sittlicheren. Die Ehe als freie Liebeswahl wird erst dann im vollen Umfange zur Regel und. ihre Aufhebung dort, wo sie zur Qual, zur Lüge, also zur Unsittlichkeit wird, erleichtert werden. Damit allerdings entfernt sie sich von der alten jüdischen Auffassung, aber der mo■ derne Zug zum Individualismus läßt sich ohnehin in bezug auf che allerpersönlichste Angelegenheit der Menscheu nicht aufhalten. Während aber heute diese Tendenz mir Auflösung des Judentums führt, würde sie, wenn sie sich innerhalb der jüdischen Gemeinschaft restlos durchsetzen könnte, diese zu einer Höherent- Wicklung führen. So würde die neue Erziehung der Jugend auf allen Gebiete» des Lebens eine Umwälzung mit sieh bringen. Wie Fichte in einer neuen! Erziehung das Mittel sah, um! seine Nation sittlich zu erneuern, 90 glaubt auch Bernfeld, daß die jüdische Eigenart, die ein Leben um des Geistigen willen bedeutet, erst dann voll zun» Durchbruch kommen, sich erst dann die sozialen Forme» schaffen könnte, die sie zu ihrer Entfaltung braucht, wenn die jüdische Jugend in freier Selbstentwicklung, den ihr eigenen Enthusiasmus für alles Geistige, Schöne, Sittliche, ihre Ehrfurcht vor allem: Großen und Hohen ausleben könnte. In unserer Zeit, in der das größte Weltenunheil die Menschheit in die tiefste Erniedrigung und Skavere» gestürzt hat, versuchen einzelne Schwärmer, ihre Ideen der Befreiung mit den Mitteln brutaler Gewalt durchzusetzen. Sie müssen schon daran scheitern, daß alle Schichten durch die Schuld des bisherigen Gesellsdhaftszitstandes verderbt, nicht reif und nicht tragfähig sind für die Durchsetzung des Neuen, für seine Geburt aus ihrem Willen. Gäbe es eine Jugendgeneration, die schon aufgewachsen wäre in diesen Ideen, dann würde die Umwälzung von selbst kommen. Wir, die wir in Erez- Israel neu beginnen, wir müssen verstehen, welche Bedeutung die Erziehung der Jugend für die Gestaltung unseres Gemeinwesens besitzt Bernfelds Buch• ist ein revolutionäres Buch. Es wird alle, die sich behaglich wohlfühlen* in dem bequemen Zustand eines gebildeten, wohltätigen, geistig angeregten jüdischen Bürgertums, das heute das Ziel der jüdischen mittleren und unteren Klassen ist, die meinen, daß "wir es so herrlich weit gebracht haben, da jenes Bürgertum^ das Balbatim-Tum, sich so sehr aushreitet und mehrt, in gewaltige Aufregung versetzen. Aber die Jugend, die schon heute ihn als ihren Führer erwählt hat, wird dieses Buch als eine Erlösung begrüßen, sie wird darin ein Ziel für ihre ״Bewegung“ geschildert finden, dem Erfülfung zu bereiten des Kampfes wert ist. Stärkste Antriebe werden ihr aus diesem! Buche erwachsen und mit erglühendem Herzen wird sie, die neu-jüdische Jugend, dafür leben, daß Bernfelds Utopie kein Märchen bleibt. Ohne Selbstbesteuerunq keine großzügige Kolonisation! •0 00 09 m9

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