Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 50 (22.7.1919)
- Date
- 1919-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50 ,J U EDI SC H E RUNDSCHAU ,*i « Seite 399 Das jüdische Leben in Palästina Ankunft der amerikanischen Sektion der internationalen Orient-Kommission in Palästina Am Dienstag, den 17. Juni 1919 trafen die Mitglieder der Amerikanischen Sektion der internationalen Kommission unerwartet in Jaffa ein. Die Sektion bestand aus vier Mitgliedern mit de» Herren King und K r i n e an der Spitze. Die Kommission wurde von fünf Sekretären uni einer Reihe von Sachverständigen begleitet. Vom! Bahnhof aus begaben sich die Herren sofort in das Büro der Zionistischen Palästina-Kommission, wo sie nachmittags mit dem aus Jerusalem herübergekommenen Dr. Frieden waltte*verhandelten. Am nächsten Tage stellten sich folgende Vertreter des Provisorischen Waad der Kommission vor: David J e 11 i n, J. Oettinger, Dr. Thon, M. 01 i k i» und Chain! Kalvaryski. Ke Kommissions-Mitglieder richteten an die Delegation eine Reihe von Fragen bezüglich der Forderungen der Juden, der gegenwärtigen Beziehungen zwischen den Juden und Arabern und a. m. Die Besprechung dauerte etwa eine Stunde. Im Laufe des Nachmittags besuchten der Chachambaschi von Jaffa, Rabbi ben Zion Usiel, und der Direktor der ״Angto-Palestine Company“ S. Hoo - fien die Kommission. Ke Besprechung mit diesen Herren dauerte etwa 11A> Stunden. Den Hauptgcgenstand dieser Besprechung bildeten die Forderungen der Zionisten, die Beziehungen zu den Arabern und die Emigrationsmöglxhkeit nach Palästina in Uebereinstimirnmg mit den Interessen der Landesbewohner. Abends fand zu Ehren der amerikanischen Sektion ein Konzert in der Musikschule ״Sulantith“ statt, das glänzend verlaufen ist. Im Laufe des nachfolgenden Tages empfing die Kommission zahlreiche Vertreter und Delegationen der anderen Gemeinden. An» 20. Juni besuchten die amerikanischen Herren die landwirtschaftliche Ausstellung in T e 1 - A w i w und das hebräische Gymnasium. Von dort reisten sie nach M i k w e h Israel und Ri schon le Zion. Einige Mitglieder der ״Zionistisehen Palästina-Kommission“ begleiteten die Herren nach Jerusalem. In allen Besprechungen und Empfangen bekundeten die amerikanischen Herren eine absolute Neutralität. Sie nahmen sämtliche Berichte entgegen, ohne ihre Meinung dazu zu äußern. Die Kommission empfing «)fort nach ihrer Ankunft in Jerusalem eine Jerusalemer jüdische Delegation, bestehend aus 12 Personen, die über die Forderungen des jüdischen Volkes berichtete. Der Gouverneur von Jerusalem! veröffentlichte am 19. Siwan (7. Juni 1919) folgende Kundgebung: 1. Wegen der bevorstehenden Ankunft der Korn׳- mission, die von den Alliierten zu dem Zweck nach Palästina entsandt worden ist, um sich über die Wünsche und Bestrebungen der Einwohner, sowie über die zukünftige Gestaltung der Verwaltung des Landes zu informieren,-wird den Einwohnern des Landes die Möglichkeit gegeben werden, ruhige Versammlungen abzuhalten, um ihre diesbezügliche Wünsche zu äußern. Die Regierung wird der Bevölkerung mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln in dieser Arbeit behilflieh sein. Das jüdische Volk und seine Jugend (Das neue Buch von Siegfried Bernfeld) Von Adolf Böhm, Wien*) ״Ein Feuermeer umschlingt uns, welch’ ein Feuer!“ Nicht anders kann ein lebendiger Mensch empfinden, wenn er Siegfried Bernfelds Bekenntnis liest. Hier schweigt die Kritik. Was soll hier Kritik, diese abwiegende, vergleichende, anmaßende Tätigkeit des Geistes, die von den! ausgeht, was war, was ist und nach aller Vemühft und Erfahrung sein soll! Hier zeigt ein von heiliger Leidenschaft Besessener der Menschheit neue Wege, neue Ziele, sprüht Feuerfunken in die Seelen, stürmt voran, reißt mit. Ihm winkt vielleicht das Märtyrertum aller Geisteshelden, die das Neue, Große gewollt und die verbluten an dem stumpfen Widerstand der unheiligen Menge. Siegfried Bernfeld kam! aus der deutschöl Jugendbewegung, von ihrem revolutionärsten Flügel, den Gustav Wynecken inspiriert, zu uns. In weitesten Kreisen ist Sinn und Wesen dieser Bewegung unbekannt geblieben und wo sie gekannt ist, wird sie mißverstanden: Auflehnung der Kinder gegen die Elfern, Anmaßung der Jugendlichen, Zertrümmerung der auf jahrtausendelanger Erfahrung beruhenden Einrichtungen für Erziehung und Unterricht, dies und noch mehr wurde ihrem Streben zur Last gelegt. Wer aber wissen will, wes Geistes in Wahrheit diese Bewegung ist, der lese Bernfelds Buch. Mit tiefst aufrührender Leidenschaft, mit inbrünstigem Glauben wird hier enthüllt, was Jugend ist, was allein ihr gemäß ist, was sie dem Volke sein kann. Jugend ist eine Kategorie für sich, die nicht durch Quantitatives und nicht durch Reife- und Ausbildungsgrad, sondern durch innerstes Wesen von der der Erwachsenheit unterschieden ist. Jugend, mit ihrem stürmischen *) Wir lassen der «achstehenrfefl Besprechung in einer der nächsten Nummern eine weitere aus der Feder Moses CaJwary’s folgen. < 1. Es ist erwünscht, daß sieh die Führer der Gemeinden mit den grundlegenden Prinzipien des Mandat- Systftis bekannt machen, wie sie von den alliierten Mächten in den Friedensvertrag von Paris aufgenommen worden sind. Es ist wichtig zu betonen, daß die Friedenskonferenz beschlossen hat: a. Die vom türkischen Reich befreiten Gebiete erhalten die Ratschläge und Hilfe der Graßmacht, welcher das Mandat übertragen wird. b. Das Mandat wird der Macht übertragen werden, die am weitesten fortgeschritten und dadurch berufen ist, eine solche Aufgabe zu übernehmen, d. h. einer Großmacht. Das Verständnis für diese Pririzipieu wird sicherlich bestimmte Teile der Landesbewohner daran hindern, Forderungen nach voller Autonomie, nach Ablehnung jedes Mandats seitens einer Großmacht aufzustellen, Forderungen, die zweifellos vom Völkerbund abgelehnt werden würden. 3. Indem hiermit die Erlaubnis erteilt wird, für diesen Zweck ruhige Versammlungen abzuhalten, werden die einzelnen Gemeinden darauf hingewiesen, daß, falls eine Versammlung ungesetzliche Ziele erstreben sollte, sei es zwecks Ausdrucks der Feindschaft gegenüber der bestehenden Macht oder gegenüber anderen Gemeinden, diese Versammlung geschlossen wird und die gegen das Gesetz Verstoßenden bestraft werden. Die Vorsteher der Gemeinden werden aufgefordert, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um solche Vorkommnisse oder Kundgebungen, die gegen die Ordnung und das Gesetz verstoßen oder den Zweck haben, die Unzufriedenheit mit der herrschenden Macht hervorzurufen, zu verhindern.“ Die Einberufung der Konstituante Das provisorische Komitee der palästinensischen Juden hat beschlossen, die palästinensische Konstituante zum 12. Ab eLnzuberufen. Die Wahlen sind zum 12. Tamus ausgeschrieben. Die Rabbiner-Konferenz in Palästina Das Vereinigte Rabbinat zu Jerusalem, das von der Palästina-Kommission gegründet und unterstützt worden ist, plante seit langem die Einberufung einer Konferenz aller palästinensischen Rabbiner. Da in diesem! Rabbinat sämtliche Gemeinden Jerusalems vertreten sind, schien es auch allein berufen, eine Organisation aller Rabbiner zustande zu bringen. Die Vorbereitung zur Einberufung der jüdischen konstituierenden Versammlung und der Kampf der Meinungen, der sich in der palästinensischen Judenheit erhoben hat, gab dieser Konferenz die besondere Bedeutung. Außer den Delegierten waren auf der Konferenz auch Vertreter der Palästina-Kommission und der Regierungs-Behörden anwesend. Auf einer der ersten Sitzungen wurden die politischen Forderungen angenommen, die für die Außenwelt bestimmt sind und die auch in englische Sprache übersetzt wurden. In diesen Forderungen drückte die Konferenz der Britisehen Regierung und den Ländern der Entente ihren Dank für ihre Versprechungen aus, ״eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu gründen und die bürgerlichen und religiösen Rechte der Juden in allen Ländern zu verteidigen“ und erklärte im Namen Drang zur Absolutheit, ihrer Ehrfurcht vor allem! Hohen und Geistigen, ihrem Verlangen nach dem Führer und Meister, ihrem tragischen Leiden an der Fülle der Widersprüche in ihrer Brust; sie ״erhebt sich über das Gemeinmenschliche fast ins Uebermenschliche. Das Erlebnis des Geistes steht an ihrem Anfang .... die Stunde, in der es wieder verblaßt, aufhört Stern und Maß zu sein, das Zurücksinken ins Gemeinmeaschliche ins Bedingte, ist ihr Ende.“ Diesen hinreißenden Glauben an die Jugend, ihren Eigenwert und ihre Aufgabe, wird auch derjenige als einen kulturfördernden Antrieb schätzen müssen, der nicht so■ völlig, wie die Führer der neuen Jugendbewegung, der Ansicht ist, daß die Jugend so ganz und ga!r aus dem Oesamtleben des Volkes herausgehoben werden kann. Allerdings angesichts des revolutionären Charakters der zionistischen Aufgabe, die vor allem nur durch eine völlig neue Erziehung gelöst werden kann, hat solcher Zweifel nicht dasselbe Oewicht wie bei konsolidierten Völkern. In einem grandiosen Kapitel ״Im Anfang war die Utopie“, zeichnet Bcrnfeld ein Bild der künftigen Er- Ziehung der Kinder und Jugendlichen in Erez-Israel, wie er sie sich denkt. Seine grundlegende Forderung ist, daß diese nicht in der Familie erfolgen soll He Kiuder bis zum 14. Lebensjahre wohnen, essen und schlafen zwar zu Hause, werden aber in Kinderhäusern erzogen. ״Erzogen“, dieses Wort paßt nicht auf die Art, wie —־ nach dem Vorbild der Montcssorimethode — die geschulten Leiterinnen die freie Seibsttätigkeit der Kinder fördern. Einen Lernzwang gibt es hier nicht. Beispiel, Wetteifer, angeborener Wissensdrang, richtig beobachtet und angeregt, leisten mehr als aller Schulzwang. ״Alles Lernen ist freiwillige Aktivität“. Die mannigfaltigen Lehreinrichtungen und Lernmöglichkeiten im Hause, die Anwesenheit von Erwachsenen, die in verschiedenen Wissenschaften geschult sind, tun das ihre. Das Wichtigste ist, ״daß die Ergebnisse der Wissenschaften im Voll» lebendig seien und nicht daß jeder in seiner Kind- 1 heit sich mühsam Gewisses merken um es so bald als möglich zu vei^esseu“. Kinder und Erwachsene des der Thora, daß ״das Ideal des jüdischen Volkes ist, eine gesicherte Heinistätte, ein nationales Heim und ein geistig-religiöses Zentrum in Palästina zu schaffen, dort von neuem sein nationales und religiöses Leben zu führen «na sein brachliegendes Land zu beleben.“ Die Konfercnz verlangte dann die Anerkennung des Sabbat und der jüdischen Festtage als offizielle Ruhetage für die Judenheit Palästinas, die Anerkennung der hebräischeu. Sprache als eine der offiziellen Sprachen in allen Regierungsbehörden und die Anerkennung des Rabbinates und der Rabbinergerichte als autonom und autoritativ f.ür alle Fragen der Religion, Konfession und sämtliche Fragen des zivilen und 'FamilieihRechtes für die Juden untereinander. Zum Schluß drückte die Kanferenz ihren Protest gegen die Pogrome in Rußland, Galizien und Polen aus und forderte die Frieden skonferenz auf, diesen Schandtaten ein Ende zu bereiten. Diese Beschlüsse hatten aber mehr einen deklarativen Charakter für die Außenwelt. Das Hauptinteresse lag auf einem anderen Gebiet. Wie aus dem Bericht hervorgeht, scheint den Rabbinern in erster Linie jetzt daran gelegen zu sein, nicht allein an der Verwirklichung der Forderungen der Nation mitzuarbeiten, sondern ihre Stellung innerhalb der neu zu schaffenden Organisation der palästinensischen Judenheit zu festigen und neu« Positionen zu erobern. Nach dem Kampf, den die palästinensische Orthodoxie gegen das Wahlrecht der Frauen geführt hat, entschlossen sich jetzt manche Kreise der Orthodoxie, die Autonomie des Gerichts« wesens zu eit)er Hochburg für die Rabbiner zu gestalten und erklärten dem■ bis jetzt bestehenden «und auch in den schlechtesten Zeiten der letzten Vergatigenheit so bewährten ״Mischpat Haschalom“ (Friedensgericht) eine» nicht weniger heftigen Krieg, ln seinen» Vortrage, den der Rabbiner Ostrowski, ein Misrachist aus Ekron, in einer geschlossenen Sitzung der Konferenz, ohne Zulassung der Vertreter der Presse über das Gerichtswesen hielt, entwickelte er den Gedanken, daß ein Rabbinat, das nur auf die Fragen von ״koscher“ und ״trefa“ seine Kompetenz ausdehne, nie in der Lage sein werde, die Ehre der Thora zu retten, und daß die Existenz eines gewählten Schiedsgerichtes, das nicht aus Rabbinern besteht, eine Verletzung der Würde der Rabbiner bedeute. Er unterzog auch die Tätigkeit des bisherigen ״Mischpat Haschalom“ einer vernichtenden Kritik und wies auf die Gefahr hin, daß die Protokolle des Gerichtes einmal eine Entwertung des ״Chbschen Mischpat“ werden könnten. Als erste seiner Forderungen stellte er den Vorschlag auf, daß an jedem Kolonisationspunkt ein Rabbiner sein müsse, der mit Hilfe von zwei Laien das Recht spricht Die zweite Frage, die im Mittelpunkt der Verhanctlungen stand, war die Frage der Erziehung. Der Refereut, Rabbiner Po rat, protestierte dagegen, daß satntliehe Kindergärten sich in den Händen der Freisinnigen befinden und legte Verwahrung dagegen ein, daß der ״Waad Hachinuch“ mit der Hilfe der ״Palästina-Kominissäon“ seine Aufsicht auch auf die orthodoxen Schulen ausdehne. Noch schroffer trat Dr. M i rki n gegen den Geist der bestehenden Schulen auf. Der Chachambaschi Usiel aus Jaffa und Dr. Keller aus Amerika verlangten dagegen Reformen auch in den orthodoxen Talmud Thoras und forderten die Einführung von profanen Unterrichts-Gegenständen, die Festlegung eines bestimmten Programms, die Errichtung eines orthodoxen Gymnasiums usw. Ke Konferenz ließ auch die Sprachenfrage nicht unbeachtet und es fand sich sogar ein Rabbiner, der zeigte, daß die Entwicklung der hebräischen Sprache zur Freisinnigkcit und Gott- Hauses bilden die Selbstverwaltungskörperschaft. So lernen die Kinder, sich in die Gesamtheit zu fügen, Ordnung zu halten usw. Hier sind die Forderungen der modernsten Geister der Jugendforschung verwirklicht. Die ״Jugendlichen“ (im Alter von 14—20 Jahren, bis zu welchem Alter jedes Kind das Recht auf Erhaltung und Erziehung durch die Gemeinschaft haben soll) sind außerhalb ihrer Heimat in den sogenannten Jugendbereichen vereinigt. In jeder solchen Siedlung wohnen 10 000 Jugendliche. Diese gehören je nach ihrer Neigung verschiedenen Bünden an, wie den Schomrim, den Zeire-Zion usw. Hier gibt es neben den Bibliotheken Sammlungen usw. auch landwirtschaftliche und gewerbliche Betriebe, die ebenso wie die Verkehrs- und Gemeinschaftseinrichtungen als Lehrstätten dienen und in denen alles für die Siedlung Nötige erzeugt wird. ״Alle geistigen Betätigungen sind völlig frei“. Wissenschaftler aller Fächer und Künstler haben ihr Heim! int Jugendbereich aufgeschlagen. Immer mehr bürgert sich ein Lernen (wie dies in früheren Zeiten auch in Europa der Fall war) bei einem ״Meister“ ein. Der ganze Aufbau der Leitung, der Erziehung, des Unterrichtes beruht auf freiwilliger Gefolgschaft der Jugendlichen gegenüber einem von ihnen erkorenen Führer. Wie sich unter solchen Bedingungen das Leben der Jugend gestalten, wieso und nur so freies Menschentum und wahre Volkskultur erzielt werden kann — das lese man bei Bernfeld selbst nach. Kein Auszug 'kann die Fülle des von seinem■ geistigen Auge Erschauten anschaulich machen. Ob man Freund oder Gegner solcher Art von Erziehung ist, man wird diese erstmalige Schilderung, diese Utopie, gelesen haben müssen, um den energischen Kultur willen zu erkennen, von den» sie getragen ist. Bernfeld ist kein sentimentaler Schwärmer. Er weiß, daß das Leben nicht restlos aufgeht und auch einer so erzogenen Jugend die tiefsten seelischen Kon-, flikte, das Erleben der inneren Tragik der Welt nicht erspart bleiben werde. Er bezeichnet in seinem Zukunftsbild sogar selbst das Resultat dieser Erziehung «1* ״kein überwältigendes“ und erwartet, daß heftige