Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 44 (24.6.1919)
- Date
- 1919-06-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 356 f UEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 44 jüdischen Gemeinschaft erst dann erfolgen, wenn das Zentrum in Palästina seine Wirkung auszuüben beginnt; aber nur ein Außenstehender, wie Dr. Ziegler, kann erklären, er werde seine Gegnerschaft gegen den jiidisehen Nationalismus erst aufgeben, wenn Palästina ״wirtschaftlich prosperiert“. Für einen nationalfüMenden Juden ist es gerade, solange das jüdische Zentrum in Zion noch nicht da ist, Pflicht, ״alle Kräfte in dem Surrogat zusammenzufassen, das uns das nationale Leben in der Diaspora bieten kann“. Zum Schluß seines Aufsatzes geht Robert Weitseh auf die Behauptung Dr. Zieglers ein, daß der jüdische Nationalismus den Weltfrieden gefährde und beweist, wie sehr das Gegenteil der Fall ist. Der jüdische Natiorialismus schließt die Juden aller Länder m einer Einheit zusammen und kann so mit der Verbindung der Juden auch eine Annäherung der Wirtsvölker bewirken. ״Der jüdische Nationalismus, der neue Menschheitsziele proklamiert, wird ein Element der Valkerversöhmitig und Völkerverbkidung■ sein, denn wir wollen nicht sein wie andere Völker.“ Die englischen Assimilanten gegen die ausländischen Juden Die beiden englischen zionistischen Organe ״Jewish Chrom,ide" und ״Jewish World ‘ hatten vor kurzem einige Aufsätze über das Wesen des Bolschewismus gebracht, in denen sie auch dem idealistischen Gehalte der Bewegung gerecht wurden, den Bolschewismus selbst aber, als Politik und als Lehre, ausdrücklich und entschieden ablehnten. Ein kleiner Teil der , englischen Presse, hesonders die konservative ״Mornütg-Pöst“, die seit einiger Zeit eine Hetze gegen die eingewanderten Juden betreibt, indem in der bekannten Weise die Bolschewisten mit den Juden identifiziert werden, fordert nun anläßlich der Veröffentlichungen in den beide» zionistischen Zeitungen die englischen Juden auf, sich van den eingewanderten Juden öffentlich loszusagen. Selbstverständfich reagierten die •englischen Assimilanten sofort auf diesen Wink und veröffentlichten in der ״Morning-Post“ einen Brief, in dem es unter anderem heißt: ״Nach unserer Meinung kann die Veröffentlichung dieser Artikel keinen anderen Erfolg haben, als die Annahme der theoretischen Prinzipien russischer Bolschewisten unter den ausländischen Juden, die in England eine Zuflucht gesucht und gefunden haben, zu fördern. Wir begrüßen daher ihre Anregung, daß die englischen Juden sich von einer Sache lossagen sollen, die das jüdische Volk in allen Teilen der Welt schädigt‘... Das ist vollkommen richtig und in unserem eigenen und im Interesse zahlreicher englischer Juden, mit denen wir uns verständigt haben, wünschen wir uns absolut und ohne Vorbehalt von der verderblichen und irreführenden Lehre, die durch jene Artikel verbreitet werden soll, loszusagen. Die Liga der britischen Juden wurde imi November 1917 teilweise zu dem Zwedc gegründet, um der verfehlten Politik der genannten Zeitungen entgegenzuarbeiten. Denn wir stimmen vollständig mit Ihrer Kritik überein, daß ״die englische Judenschaft, deren meiste Mitglieder“ wie Sie ganz richtig sagen, ״keineswegs mit diesem (nationalistischen) Kreuzzug übereinstimmen, von ihren Zeitungen sehr schlecht bedient wird“. Inzwischen ergreifen wir diese Gelegenheit, um öffentlich die Angaben jener Zeitungen zurückzuweisen, aut die hkauweisen Sie als Ihre Pflicht empfanden.“ Major LioneldeRothschild, Lord S w a y t h - 1 i n g , Sir Philip Magnus, Sir Marcus Samuel, Sir Harry S. Samuel, Mr. Leonard L. Cohen, Prof. I. G o 11 a n e z, General Sir John M o ji a s h , Mr. Claude G. Montefiore, Sir Isidore Spielmann. Auf diesen Brief antwortete wiederum der Herausgeber der ״J e w i s h C h r o n i c I e“, Herr Greenberg. in einem׳ Brief an die ״Morning Pöst,“ in dem er die Behauptung, den Bolschewismus unterstützt zu haben, zurückweist und bemerkt da!) die Unterzeichner des Briefes Mitglieder der Liga britischer Juden seien, ,*auf Grund ihrer Opposition gegen die Prinzipien des jüdischen Nationalismus und der Politik der englischen Regierung bezüglich der Zukunft Palästinas“. In einem anderen, ״Verrat oder Unsinn“ überschriebenen Artikel wendet sich Greenbe rg nochmals gegen die Liga britischer Juden, die sich nidhi gescheut hatten, diese Angelegenheit in die jüdische (}Öffentlichkeit zu tragen. Der ״Jewish Chronide“ habe der Aufforderung der ״Morning Post“, die Juden sollten sich öffentlich vom Bolschewismus lossagen, deshalb kein Gehör geschenkt, weil dadurch der Bolschewismus als eine speziell jüdische Sache gekennzeichnet worden wäre, welche die Juden als solche Veranlassung hätten, zurückzuweisen. Die Unterzeichne!־ des Briefes dagegen seien nun wirklich In die ihnen von ״Morning Post“ gestellte Falle gegangen. Abgesehen von dieser Kritik des , Jewish Chnonicle“ an dem Brief der englisch-jüdischen Notabein muh man auch auf die eigentümliche Logik hinweisen, mit der die Mitglieder der Liga britischer Juden sich als Bekämpfer des — gänzlich antinationalen — Bolschewismus unef 1m gleichen Briefe des — sehr nationalen — Zionismus empfehlen. ln einer Sitzung des ״Board ot Deputies“ kam dieser Brief auch zur Sprache. Von allen Rednern wurde übereinstimmend betont, daß dieser Brief nur einen versteckten Angriff auf den Zionismus darstelle. Die Erklarung Philipp Magnus, eines der Unterzeichner, blieb ohne jeden Eindruck. In einer einstimmig angenommenen Resolution wurde gegen den Briet protestiert, der einen Unterschied zwischen englisdien und ausländischen Juden konstruiert Die ״Moming Post“ hat sich aber irodh nicht zufrieden gegeben, so daß Greenberg nochmals zu enerfischer Abwehr gegen das konservativ-antisemitische latt gezwungen war. Ein Brief Dr. Gasters an die ״Times‘״ Wiedas Kcpenhagener Zionistische Bureau berichtet, richtete Oberrabbiner Dr. G a s t e r als Präsident der ״jüdisch-nationalen Union“ an die ״Times“ einen Brief, in dem er im Anschluß an einen Leitartikel über ״Die polnische Judenheit“ in dieser Zeitung, in dem von der Forderung der Juden nach ״doppelter Nationalität“ die Rede ist, ausführt, daß von einer solchen Forderung keine Rede sein könne, und daß ein solches Mißverstandnis nur durch eine Verwechslung des Begriffes der Nationalität mit dem der Staatsangehörigkeit entstehe. Er veranschaulicht die Verschiedenheit der Begriffe an dem Beispiel der Irländer, die, auch wenn Irland Autonomie bekäme, doch britische Staatsbürger bleiben würden, ihre britische Staatsangehörigkeit würde ihrer irischen Nationalität nicht widersprechen. In der früheren östereic Irischen Monarchie war dieses Prinzip verschiedener Nationalitäten in einem Staate raktisch durchgeführt, und in der Bukowi n a zuin eispiel waren zuletzt fünf Nationalitäten offiziell anerkannt: die Polen, die Deutschen, die Rjfthenen und die Juden. Nur durch die Verwechslung deT Begriffe politischer Staatsangehörigkeit mit Nationalität ist unter den Westjuden eine Opposition gegen die Gründüng eines jüdischen Staates in Palästina entstanden, da sic dadurch die Entstehung einer doppelten Nationalität befürchten. Dem ist aber nicht so. Ein Grieche, der in England wohnt, könnte durch Naturalisation z. B. loyaler englischer Bürger' werden Und doch griechischer Nationalität bleiben. — Die Juden in Polen fordern ihre Anerkennung als Nation und wollen doch dabei loyale Bürger von Polen bleiben und an allen Rechten und Pflichten als solche teilnehmen.“ Wiener jüdische Ferienkinder Aut Initiative des jüdischen Nationalrates für Deutsch-Oesterreich sind die ersten 750 bedürftigen jüdischen Kinder unter Führung der hochherzigen Kinderfürsorgerin, Frau Anita Müller, und in Begleitung von fünf Aerzten und 24 Schwestern, in die Schweiz abgereist. Die Pogrome Antijüdische Ausschreitungen in Prag Trotzdem die tschechische Presse mit allen Mitteln versucht, die antijüdischen Exzesse in Karolinen thal, (einer Prager Vorstadt), zu leugnen, steht es fest, daß die traurigen Ereignisse Wahrheit sind. Wie wir der Prager ״Selbstwehr“ entnehmen, kam es am 16. Mai zu lebhaften Demonstrationen gegen die Juden, in deren weiterem Verlauf ein "Herr Klinger und seine Frau ohne jeden Grund in einer Weise grausam mißhandelt worden sind, daß alle menschlich Fülilenden aufs tiefste erschüttert sein müssen. De Stadtvertretung Karolinenthal hat zwar eine beruhigende Proklamation erlassen, trotzdem ist es zu neuerlichen Ansammlungen gegen Juden gekommen. — Auch auch Pilsen kommen beunruhigende Nachrichten. Bemerkenswert ist, daß die tschechische Presse kein Wort der Entrüstung findet, obwohl sie sich sonst gegen Plünderungen, die weit weniger roh von statten gingen, auf das entschiedenste wehrt. Es ist zu wünschen, daß sich die tschechische Presse künftig auch dann gegen Plünderungen wendet, wenn nicht Tschechen und Juden, sondern nur Juden von ihnen betroffen werden. Auch aus Lemberg werden neuerdings wieder anhsemitische Exzesse gemeldet. In den letzten Tagen de» Mai und am 1. Juni wurden viele Juden geprügelt und verwundet und ihnen der Bart abgeschnitten. Der Wiederaufbau in den Kriegs- und Pogrcmgebieten Dem ״Kopenhagener Zionistischen Büro“ wird aus Paris berichtet: Kampagne für die Aufbringung der gewaltigen Geldmittel, die hierfür nötig sind, geführt werden soll, und das System ihrer Verwenduflg in den in Betracht kommenden Ländern auszuarbeiten. Das Joint Distribuüon Committee beschloß, auch weiterhin in \lle er• reichbaren Länder Delegierte zu entsenden, die für die Durchführung der beschlossenen Maßnahmen Sorgt tragen und den Kriegsopfern auch moralische Unter Stützung bringen «allen. Zu diesem Zweck werden in diesen Tagen Delegierte nach Rumänien und den benachbarten Gebieten, sowie nach Galizien und der Ukraine entsandt werden. Das ganze Problem des Wiederaufbaus wird auch vom ״Komitee der jüdischen Delegationen“ in seinen nächsten Sitzungen behandelt werden. Von der Kommission der polnischen Konstiiuante für jüdische Angelegenheiten Lange Zeit war das Projekt der Bildißig einer be sonderen Kommission der Konstituante-Mitglieder zur Behandlung der Judenfrage so gut wie vergessen. Die jüdischen Deputierten, die von vornherein keinen Grund hatten, von dieser Kommission, diie von den rechlsstehenden Parteien angeregt worden war, Großes zu erwarten, taten auch nichts, dieses Projekt neu zu beleben. Die letzten Ereignisse scheuten aber die polnischen Abgeordneten von neuem! zu veranlassen, das Projekt auf/.u nehmen und die Kommission zur Behandlung der Judenfrage endlich einzusetzen. In der Kommission befinden sich siebzehn Deputierte, Vertreter aller Parteien. Die jüdischen Klubs erhielten die Einladung, vier jüdische Delegierte zu entsenden. Gewählt wurden: der zionistische Abgeordnete Dr. Thon, der orthodoxe Rab biner H a I p e r n, der Volkist P r ii 1 u t z k 1 und. der Poalezionist Dr. Schipper, der an Stelle des verstorbenen Dr. Max R o s e n f e I d _ getreten ist. Am 14. Mai fand die erste Sitzung statt,’ die vom1 Aeltesten der Anwesenden, dem! Vertreter der P. P. S. Diamant, eröffnet wurde. Dr. Thon ergriff das Wart und fragte nach den Kompetenzen der Kommission. Die Mehrheit beschloß aber gegen den Vorschlag der jüdischen Deputierten diese Frage erst nach der Konstituierung zu erörtern. Zum Vorsitzenden der Kommission wurde ge wählt: Fürst Tczetwertinski. Diamant stellte tesit, daß sich die Kommission vorläufig mit der Ausarbcitung einer Enquete zu befassen habe und schlug vor, eine Kommission von fünf Deputierten zu wählen, die den Fragebogen fertigstellt. Eine längere Recte hielt der Geistliche Latoslawski. In Bolen, sagte er, haben niemals Judenpogrome stattgefunden, una er sei überzeugt, daß sie auch niemals stattfinden würden. Die Juden schrieen, daß man Pogrome veranstalte, andererseits wiederum wird behauptet, die Juden seien Verräter und Feinde Polens. Ein solcher Zustand sei unhaltbar und ein modus vivendi könne nur dann gefunden werden, wenn eine objektive Untersuchung vorgenonunen werden würde. Das solle die Aufgabe der Enquete sein. Ihm! erwiderte Dr. Thon: ״Ehe Pogrome, insbesondere in Galizien, and! eine systemamatische Erscheinung geworden und schreiten von Stadt zu Stadt und! Bahnstation zu Bahnstation. Idi komme jetzt aus Paris und hatte die Gelegenheit zu sehen, welchen Eindruck die Nachrichten über die Pogrome machen. Schuld an den Pogromen haben die Hetzer, die sie bewußt vorbereiten. Aus unverständlichen Gründen wird ihre verbrecherische Tätigkeit nicht unterbunden.“ Er schlage daher die Pröklamierang eines Aufrufs vor, in dem die Pogrome schroff verurteilt und die Artikel des Strafgesetzbuches, die gegen die Pogrome anwendbar sind, aufgezählt werden. Dieser' Aufruf müsse später im Namen der Konstituante veröffentlicht werden. Erst dann werde die Kommission ihr Recht aut Existenz erhalten, denn auf dem! Weg der Enquete ist nicht vorwärts zu kommen. In Galizien wurden wiederholt En queten veranstaltet und die Judenfrage dadurch doch nicht gelöst. Pflicht der Konstituante sei, schleunigst die Pogromwelle einzustellen. Die Frage wurde für die nächste Sitzung vertagt. Vorläufig wurde eine Subkommission zur Vorbereitung eines Fragebogens gewählt. Zum Vertreter der Juden wurde aut Vorschlag von Dr. Thon der poalezionistische Abgeordnete Dr. Schipper in die Kommission entsandt. Das amerikanische ״Join!Distribution Comm i 11 e e“ unterhält seit Ende März ein besonderes Büro in Paris, in dem provisorisch alle Fäden seiner Hilfstätigkeit zusammenlaufen. Das Büro entfaltet eine sehr energische Hilfstätigkeit zugunsten der jüdischen Kriegsopfer. Außer mehreren Mitgliedern des Joint Distribution Committee befinden sich zurzeit in Paris auch fast alle Persönlichkeiten, die vom Joint Distribution Committee in die kriegführenden und* neutralen Länder entsandt worden waren. Das Joint Distribution Committee hält häufig Sitzungen ab, am denen je nach dem Gegenstand der Beratung auch die im ״Komitee der jüdischen Delegationen“ vereinigten Abordnungen der jüdischen Nationalräte der verschiedenen Länder teilnehmen. Auf diesen Sitzungen werden die Bedürfnisse der jüdischen Bevölkerung der einzelnen Länder beraten. Man beschäftigt sieh in Paris des ferneren bereits mit dem vorbereitenden Programm für die zukünftige große Hilfsaktion in Amerika, die den Wiederaufhau der zerstörten jüdischen Gemeinden bezweckt Aus der Poale-Zion-Bewegung Die Konferenz der englischen Poale*Zionisten Bei der Sitzung der englischen Poate-Zionisten, die Ende April in. London stattfand, waren! 45 Delegierte anwesend. Die Eröffnungsrede hielt Romanowski. Begrüßungstelegramme waren eingetroffen vom Zionistischeu Aktions-Komitee, vom Verband&büro der Poale- Zion, von den Lerren L e v i n und Jacobson und Israel Z a n g wi 11, ferner von den sozialistischen Parteiführern Tom Man, Buxton und Williams. Der Tätigkeitsbericht des Geschäftsführenden Ausschusses wurde mit Beitall entgegengenommen. Kaplans ky legte der Ver- Sammlung den Plan der künftigen Arbeit vor; die foL genden aut Palästina bezüglichen Beschlüsse wurden angenommen: a) Es wird gegen den Beschluß protestiert, den uden, die der hebräischen Sprache nicht mächtig sind, :ein Wahlrecht zu gewähren. Es ward erwartet, daß und versucht die Richtlinien zu ziehen, nach denen die! die palästinensische Bruderpartei ״Achduth haawoda“ den Ohne Selbstbesteuerung keine großzügige Kolonisation! Nr. 44 iampf ge ufnehmer prachent! 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