Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 35 (16.5.1919)
- Date
- 1919-05-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2652135-2652170--12234-2669844- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Pinsk 1× ep/1045440
- Vilnius 1× ep/1000947
OCR text
Seite 208 JUED1SCHE KUNDSCHAU Nr. 35 schaute passiv zu, bis endlich die Volksmiliz einschritt. Die Krakauer Zeitungen veröffentlichen lange Verzeichnisse der verwundeten Juden, unter denen sich viele Schwerverwundete befinden. Der Schaden ist mehrere Millionen groß. Schuld an den schrecklichen Ausschreitungen trägt die Hetze der Krakauer Presse. Der Klub der polnischen Sozialdemokratie (P. P. S.) hat 1im Warschauer Landtag wegen der Lubliner Vorgänge interveniert, indem er eine Interpellation einbrachte, in der es u. a. heißt: ״Die Polizei trat den Räubereien und Schlägereien nicht entgegen, 'die Gendarmerie hinwider eiferte noch zu Mißhandlungen der Juden an. Die Volksmiliz erhielt den Befehl, die Kasernen nicht zu verlassen.“ In Rzeczow fand am 3. und 4. Mai ein großer Judenpogrom statt. Große Menschenmengen sammetten sich und beklagten sich beim Magistrat und der Bezirkshauptmannschaft über die Lebensmittelverhältnisse. Die Beamtenerwiderten, Lebensmittel seien bei den Juden reichlich vorhanden. Darauf plünderten Patrouillen systematisch die jüdischen Geschäfte und Wohnungen. Kein Gcsdiäft zwischen Bahnhof und Grunewaldgasse blieb ungeplündert. Die Juden, die den Plündernden in die Hände fielen, wurden blutig geschlagen und beraubt. Bisher sind 100 Verwundete, darunter zirka 50 ‘Schwerverwundete gezählt. Die Türen der Bethäuser wurden mit Ae x - t e n und Eisenstangen e rb roch e n , die anwesenden Juden fürchterlich mißhandelt, die Synagoge zum Teil zerstört, die Thorarolien wurden in Fetzen gerissen. Die einschreitende Militärpolizei war zu schwach, als daß sie von der Menge überhaupt beachtet worden wäre. Eine Kompagnie des 18. I n f an teri e-R egi - mentes beteiligte sich an den Plünder u n g e n. Erst nach 24stündiger Dauer hielten es die Behörden für notwendig, den Ausnahmezustand zu verhängen. Der Schaden wird auf einige Millionen Kronen geschätzt. Am 24. April brach in Niebylec (Bezirk Strzyzow) während des Jahrmarktes ein Pogrom aus, der von den zum Jahrmarkt in die Stadt gekommenen Bauern veranstaltet wurde. Es wurden vier Juden, Schaffer, Rat, Pinkas, Strahl getötet und 16 Juden schwer verwundet, ln Miele c plünderten am 1. Mai die Bauern die jüdischen Kaufläden und Wohnungen. Sie brachten zu diesem Zweck gleich Fuhrwerke mit, um die geraubten Waren davontragen zu können. Die Garnison blieb während der Unruhen untätig. Auch in Sutyce fanden Ausschreitungen gegen ׳die Juden statt, bei welchen die Brüder Moses und Menachem Schwalbe und Isaak Te Ibe r getötet und Selig Fe Ib e r schwer verwundet wurde. Die jüdische Bevölkerung ist geflohen und hat ihr Hab und Gut zurücklassen müssen. Bel Ausschreitungen, •die in Wysoka sttatfanden, wurden Simon Neumann und Frau schwer verwundet, bei Exzessen in Lenka wurde David Schiff und sein Sohn schwer verwundet. Ein besonders schrecklicher Pogrom hat sich ferner in Kolbuszowa abgespielt, wo 8 Juden getötet wurden und alle Geschäfte und Wohnungen geplündert wurden, die Stadt steht angeblich in Flammen. (Siehe auch Tclegr. d. Wiener Mrgztg.) In Strzyzow wurde ein Ritualmordmärchen verbreitet, dem drei Personen zum Opfer gefallen sind. Weitere schwere Ausschrei־ tungen haben in Zuczan , W y wk a und Lck i stattgefunden. Besonders furchtbar lauten!die Nachrichten über den Pogrom in Li da. Nachdem die polnischen Truppen am 25. April hier eingerückt waren, riehteten sie nach den Meldungen der Warschauer jüdischen Zeitungen ein furchtbares Blutbad unter der 'jüdischen Bevölkerung an. Ganze jüdische Viertel wurden vernichtet, unzählige Juden sollen getötet worden sein. Am 27. April wurde die von der polnischen Konstituante entsandte Untersuchungskoinmission vom polnischen Bczirkskommissar Zdanowiczl empfangen. Dieser behauptete wie üblich, es habe sicli um einen Kampf zwischen Polen und den von der jüdischen Bevö'kerung unterstützten Bolschewik» gehandelt. E* seien insgesamt nur 35 Juden ermordet worden, deren Namen der Kommission übergeben wurde. Wie wir weiter erfahren, wurde der bekannte jüdisehe Seriftsteller A. Weiter aus Wilna, der dem Bund angehörte, aber seit langer Zeit politisch untätig war, jedenfalls zum Bolschewismus im absoluten Gegensatz stand, denunziert, auf die Straße geschleppt, an die Wand gestellt und sofort erschossen. Der einzige Vorwurf, der gegen ihn erhoben wurde, ist die' Tatsache, daß!er während der Bolschewikiherrschaft an der Bildungskommission mitgearbeitet hat. Dazu muß aber betont werden, daß im bolschewistischen Rußland Personen aller Parteirichtungen stets bereit waren, in den Bildungskommissionen mitzuarbeiten, so daß aus dieser Tatsache allein keineswegs auf Bolschewismus geschlossen werden darf. Der Freund des Schriftstellers Weiter, der jüdische Kritiker S. N i - ger und der bewährte ZionistenführerLeib Jaffe wurden von den Polen verhaftet und weggeschleppt. Einer Mitteilung der Wiener ,,Morgenpost“ zufolge befinden sie sich gegenwärtig in Lida. (Siehe auch Bericht der Wilnaer Jüdischen Gemeinde.) Vorstehende Nachrichten zeigen tibereinstimtuend dasselbe Bild von Ausschreitungen, die planmäßig vorbereitet und von Militär und Polizei gestattet oder gefördert wurden. In zahlreichen Fällen kamen die Bauern und Soldaten tu i 11 e e r e n Wagen in die Stadt, um eine Möglichkeit zu haben, nach dem Pogrom die geraubten Sachen mit sich zu führen. Die Juden heit der betroffenen und bedrohten Ortschaften befindet sich in furchtbarer Erregung, ja in geradezu hilflosem Zustande. Es ist charakteristisch, daß in diesem Falle selbst die poInischenZeitungen teilweise nicht mehr wagen, die Pogrome abzuleugnen. Sie werden von verschiedenen Zeitungen, so der Nowa Reforma, zugegeben. Am 23. und 24. April haben audh in Warschau Ausschreitungen gegen die Juden stattgefunden, die nach den vorliegenden Berichten von Soldaten aus Posen verübt wurden. Unter dem Vorwand nach Waffen zu suchen, wurden jüdisehe Wohnungen geplündert und gegen ihre Bewohner Erpressungen verübt. Auch auf der Straße wurden Passanten angehalten und geprügelt. Da die Milizpatrouiilen sich als machtlos erwiesen, entsandte der Magistrat auf Antrag der jüdischen Abgeordneten Abteilungen» gegen die Posener Soldaten, die ihrer Herr wurden. Der Kommandant der Posener Militärabteilung Leutnant Kutza wurde verhaftet. Fortdauer des Mordens Die ״Wiener Morgenzeitung“ bringt am 11. Mai das folgende Telegramm ihres Rzeszower Korrespondenten: Aus Glogow, Majdan, Trzyczyn, Kolbuszowa und Czudec sind in Rzeszow Nachrichten eingelangt über ausgebrochene antijüdische Unruhen, Aus Czudec kam gestern an die hiesige Kultusgemeinde die Bitte, mit Rücksicht auf die bedeutende Zahl der Verwundeten dorthin einen Arzt senden zu wollen. In einem weiteren bei uns am 13.. Mai eingetroffenen Telegramm heißt es: Die Pogrome in Westgalizien dauern weiter an. Exzesse in größerem Umfange kamen noch in folgenden Städten vor: Barovv, Czyzyn, Slomnik. ln Jedrzejow und Riczow veranstalteten polnische Rekruten und Soldaten der Armee Haller Judenpogrome. Ferner meldet uns ein am 14. Mai eingegangenes Telegramm des ״Pressebüros der Delegation der Ostjüdischen Nationalräte“ in Wien» Die Pognomwelle in Westgalizien dauert an. Neuerliche Pogrome fanden in Majdan, Baranow und Brzostek statt. Nähere Berichte fehlen noch. Grfinbaum und Priluzki Aber Pinsk Die nach Pinsk entsandte Kommission hat ihren Bericht noch nicht erstattet. Die jüdischen Mitglieder der Kommission, die Abgeordneten ü rün bäum und Priluzki haben bereits Einzelheiten über die Pinsker Vorgange veröffentlicht, aus denen wir nachstehend das Wichtigste wiedergeben: Die Zahl der Erschossenen beträgt 35. ln dem Massengrab, in dem sie beerdigt wurden, befinden sich jedoch nur 34. Die meisten sind ohne Schuhe. Ein Jude, namens R o 11 i nwurde mit ganz geöffnetem Bauch im Massengrab vorgefunden. Er war vor der Beerdigung noch lebendig, und es wurde ihm darauf mit einem Bajonett der Bauch aufgeschlitzt. Auch P a I a c n y, Fiedelmann und B o r k o w s k i, die die ganze Nadit schwerverwundet zwischen den Erschossenen gelegen hatten, wurden erst unmittelbar vor der Beerdigung getötet. Von den 35 Erschossenen gehören 32 der Zionistischen Organisation, zwei dem Bund, einer der Poale- Zion an. Die Versammlung in Beth Am, die der Anlaß zu dem Massenmord war, war mit ausdrücklicher Erlaübnis des Kommandanten einberufen worden. Am Schluß der Versammlung drangen die Soldaten in den Saal. Erschossen wurden aber nicht nur die Teilnehmer an der Versammlung, sondern auch jüdische Passanten von der Straße, so der Schüler Gottlieb und ein gewisser Krasultschik, die von der Eskorte mitgenommen und mit erschossen wurden, ln einem Befehl des Generals Listowski war behauptet worden, daß die Erschossenen auf Grund eines Standgerichts- Urteils erschossen worden seien. Diese Behauptung ist unwahr. Es hat überhaupt kein Standgeeicht stattgefunden, sondern die Unglücklichen sind ohne jedes Urteil erschossen worden. Ursprünglich war befohlen worden, daß jede zweite Person zu erschießen sei. Später wurde der Befehl dahin abgeändert, daß nur die jungen Leute zu er schießen seien, ln Wirklichkeit hat man Unterschieds!0! alte und junge Personen getötet. Interessant wares bei der Zeugenvernehmung die Aussagen der Juden Kozak und Kölker, die die Anzeige gegen die angeblich gefährliche Versammlung gemacht hatten. Di« ganze Beschuldigung erwies sich als völlig unbegründet. Die polnische Presse zu den Pogromen Ueber die Pogrome in Rzezow und Mielec, über die wir berichtet haben, schreiben die Krakauer Zeitungen ״Czas“ und Dziennik Polski'‘ gleichlautend folgendes: ״In Rzezow brachen am 1. Mai Unruhen, die mit der Aprovisionierutig Zusammenhängen, aus, welche drei Tage dauerten. Es wurden einige Preistreiberläden zerstört. Das Militär stellte die Ordnung wieder her. Aehnliche Unruhen waren in Mielec, wo die Bauern der benachbarten Dörfer sich gegen die Preistreiber wendeten und einige Geschäfte veraich teten. Diese Darstellung verschweigt die Hauptsache, näm lidt, daß es sich ausschließlich um Ausschrei tungen gegen die Juden handelte. Nr. 3 Wir der Pole früher ai eigenes kampf d< «egengel freiheits Blute ta 'Wir 1 m 1A und di Jude n leidig und t ä einen Aj Paris vei schaffen Leben u Icultur samth Erfahren Judenhei wird un Die Friedensbedingungen Ein harter Friede droht Deutschland. Die Bedm gungen des Vertrages, der in Paris formuliert worden ist sind schwer und drückend, sie sind nach Ansicht der deutschen Presse und der deutschen Regierung imerfüll bar. Wenn man auf die Stimmen lauscht, die jetzt aus allen Lagern und Kreisen nicht nur Deutschlands, son dem auch des Auslandes ertönen, so werden alle die jenigen, die aufrichtig und ehrlich eine Verständigung der Völker und dauernden Frieden ersehnen, nur mit Sorge und Trauer in die Zukunft blicken können. Nod stehen Haß und Rachsucht, Beschuldigung des Geg ners und das Fehlen der Einsicht in die eigene Schul« überall einer wahrhaften Verständigung der Völker in Wege. Wir Juden beklagen tief diesen mora tischen Zustand der Welt. Wir haben un vor dem Kriege und während des Kriege immer als Träger pazifistischer Geuan k e n gefühlt, wir ersehnen im Sinne de uralten Tradition unseres Volkes di Versöhnung der Völker und den Anbruc der Zeit, in der Recht und Gerechtigkei auf der E r 4 t herrschen. Wir wollen die Htofl nung nicht aufgeben, daß über die Schrecknisse und Ge fahren der jetzigen Zeit hinweg die Völker doch wied׳ zueinander finden, und daß mit dem Siege des Red auch unserem jüdischen Volke dauernde Befreiung vt wird, vc ra veran assen. f wenn es tum laut vermehr« teht, di Juden ns Das Das Paris di Hier richtigen der und sjresses! ü d i s c bonferen «reckt: 1. i Oieidibe Rechtes 2. I den Not und Verfolgung, vor allem aber die Gewährleist« nj nditossei seiner nationalen Existenz zuteil wird. Die Bestimmungen des Friedens, über den jetz L zwischen Deutschland und den Ententestaaten verhau delt wird, berühren unmittelbar auch jüdische Intet essen. Die elsaß-lothringische Juden heu in der von aitersher gut jüdische Gesinnung zuhause war kommt nunmehr zu Frankreich. Damit erfährt die trau zösischc Judenheit eine Bereicherung nidht nur an Zahl, sondern auch an innerer Kraft, die hoffentlich einen be lebenden Einfluß auf das großenteils in Gleichgültigkeil und Stagnation verfallene Judentum Frankreichs ans üben wird. Von erheblich größerer Bedeutung ist abe geforderte Abtretung Pose ns, Westpreußen und Oberschlesiens an Polen, ln diesen Gebiet« wohnen etwa &Ü 000 Juden, deren Angliederung an da! künftige polnische Reich nicht nur für das deutsch« Judentum einen sehr erheblichen Verlust bedeutet, 90n dern uns im Interesse dieser Juden selbst mit schwerste! Sorge erfüllen muß. Hier handelt es sich nicht darum daß Juden, die bisher deutsche Staatsbürger waren, Das i s t i s mitee d gramm >,Di< Die ״p« Kommis! JijNach di Memor Plenarsii fordern׳ ferner « worfen, betreffe! Rechte י denskon einem anderen Kuiturstaat angegliedert werden, in den haften d sie ohne weiteres auf volle bürgerliche und politisch* Gleichberechtigung zu zählen haben, sondern hier han delt es sich darum, daß eine erhebliche Zahl von Jude! einem Staatswesen ausgeliefert wird, das durch und durd antisemitisch, verseucht ist, das sein* Wiedergeburt mit den infamsten Juden Verfolgungen begonnen hat. Gewiß haben di* Juden der östlichen Provinzen unter dem Antisemitismu der bisher in Deutschland regierenden Schichten leiden gehabt, aber Leben und Eigentum war ihnen stets gesichert. Wenn die Entente in ihrem Bemühen, aila polnischen Wünschen gerecht zu werden, die deutsche! Ostprovinzen von Deutschland abtrennt, so »Ute »i! zum mindesten dafür Sorge tragen, daß sie sich die« Neuschöpfung später nicht vor ihrem eigenen Gewisse» zu schämen braucht. Sie sollte weit energischer, al es bisher geschehen ist, den Polen zu Gemüte führe« daß der neue polnische Staat sich moralisch und aifd wirtschaftlich schwer schädigt, daß er im Volke rbu« nicht geduldet werden kann, wenn er zu seiner jüdische! Bevölkerung nicht ein völlig anderes Verhältnis gewann als dies bisher der Fall war. Die Untaten der poi sehen Legionäre, die Pogrome, die fortgesetzt, ja immer steigendem Maße aus allen von Polen besetzte Gebieten gemeldet werden, die Hilferufe, die unatif hörlich von der Judenheit des Ostens nach dem Weste dringen, sollten gerade in dieser Stunde der Entsclie! düng den in Paris versammelten Großmächten die Pflich deutlich machen, die sie gegenüber der bedrückten, null handelten, ständig an Leib und Leben bedrohten jüdi sehen Bevölkerung des Ostens haben. Das;«za re, pracher über ih ln < in Prim a r i a t Organ n ein fi c h t e National die ihre eirt ausf werden. ln e (preside Mai sehen Da sid und der sproche schloß die sich Das Ko mein 11 treffen Eine S Ein >ees füi Zionisti: Da! Richter fite" מ