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Jüdische Rundschau · 1919-05-16 · Heft 35 (16.5.1919) · page 1

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 35 (16.5.1919)
Date
1919-05-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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34 ,“1 ♦ JÜDISCHE RUNDSCHAU er Pf. bei i au. X »♦♦♦» 1e eilten oder unter 1et»n. uefcf. meid. 2 Uhr esieh :hak, nden,!יו•» ISS׳ m ««, Ba e. EI r I jfeR M’A NI l .Jaktion u. Verlag- V. 15, Sächsische Str. 8. Erscheint jeden ieastag u.Fre tag. Abonn.bei d.Exp. u.d,Postämtern viertelj. in Deutschland, in Oesterreich Kr.12, i. Ausland M. 10,— Nummer 35 Berlin, 16. V. 1919 Angeigen-Verwaltung: Welt-Verlag G. m. b. H., Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 35. Telephon: Amt Zentrum 4814 u, 4815, Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeile 75 Pf., Teuerungszuschlag 20*/<r Telephon: Amt Ublnnd 845 u. 486• Postsdicckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Pastsparkassenamt Sdieckkonto Nr. 156030. Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nachm. 16 Ijar 5679״ XXIV. Jahrg. Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte Io Palästina. ,,Baseler Programm" Die polnischen Verbrechen Mit blutendem Herzen, mit schmerzvoller mporung veröffentlichen wir die Nachrichten n das Gemetzel, das die vertierten Polen- ״!den unter 'der unschuldigen jüdischen Bekerung Wilnas angerichtet haben. Seit einem alben Jahre wütet der Pole mit dem Pogromnecken. Nach den Lemberger Mordtaten waren 1 .überzeugt, daß die unglücklichen Söhne nseres Volkes nun den Becher auf die Neige gert hätten, daß es nichts Schrecklicheres gäbe, das men zu erdulden von den Polen übrig gelassen r. Doch alle jene Nachrichten verblassen zu neu Nichts, wenn wir die Hiobspost aus Wilna nit vergleichen. Trauer ist in die Wohnungen nseres Volkes eingekehrt, wir können es nicht ssen, daß man viele Hundert wehrlose Mendien sinnlOvS ermordet hat. In diesem schrecklichen Augenblick richtet sich nser Blick nach Paris, wo die siegreichen Enntestaaten die Welt neu ordnen. Wir bitten i c 111, nein, w i r verlangen, daß die \ ä c h t e die absolute Gewähr für die ieherung jüdischen Lebens und igentums übernehmen, daß sie volle iedergutmachung des angerichteten tliadens bei den Polen verlangen und urchsetzen und daß sie mit rück haltser Energie die Sicherung der bür- L1־ liehen und nationalen Rechte der oTnischen Juden statuiere». Das ,Ver* men des jüdischen Volkes zum guten Willen §cr Pariser Konferenz ist groß, möge es nicht mriiiischt werden! Der Wilnaer Judenmord. Endlich erhalten wir zuverlässige Nachchten über den Pogrom in Wilna, die olgendfes besagen: Wilna wurde durch den Jeberfall einer kleinen Zahl von polnischen Le- ׳ionären — etwa vierhundert Mann —- die in er Nacht vom 18. zum 19. April in einem ein- :igen Eisenbahnzug ankamen, genommen. Der itraßenkampf dauerte vom 19. bis zum 21. April, antt mußten die Bolschewiki, die offenbar auch lur wenig zahlreich waren, abrücken. Sie nahmen Is Geiseln 35 Personen mit. Diese Geiseln vurden nach Wiikomir gebracht, wo sich auch er fälschlich totgesagte ehemalige Botschafter offe befindet, Das weitere Schicksal der Geiseln st unbekannt. Während des Kampfes bewaffneten die Polen len polnischen Straßenmob, der sofort einen urchtbaren Judenpogrom veranstaltete. Die Chewrah kadischah stellte die Leichen on Hunderten von Jaden fest. Die jüdischen Häuser wurden geplündert, )er Materialschaden ist ungeheuer groß. Nach- 1er wurden Tarnende von Juden zwangsweise!ach Lida verschleppt; ihr Schicksal ist unbekannt, )berrabbiner Rubinstein wurde mißhandelt und ׳erhaftet, weil er sich weigerte zu unterschrei- Jen, daß der Pogrom von den Bolschewiki eranstaltet worden sei. Drei Tage nach ler Einnahme kam General Pilsudski nach Wilna, der seinen Bruder, den Rechtsanwalt 1ilsudski, als Kommandanten einsetzte. Die-!er stellte sofort die Ordnung her, be- (reite Oberrabbiner Rubinstein und setzte, um guten Willen der Polen vorzuspiegeln, eine aus 1 Polen und 3 jüdischen Kaufleuten bestehende Stadtverwaltung ein. Die Polen boykottieren trotzdem vollständig die jüdische Bevölkerung und verkaufen ihr keinerlei Lebensmittel, sodaß furchtbare Hungersnot unter den Juden derStadt herrscht. Wilna wurde nachher von den Bolschewiki bombardiert, die drohten, bei der Wiedereinnahme der Stadt die ganze Bourgeoisie umzubringen. Bericht der Wilnaer jüdischen Gemeinde Aus Wilna sind zwei Augenzeugen hier angelangt, die auf Grund schriftlicher Aufzeichnungen folge nden Bericht erstattet haben, der, vor Abschluß des Pogroms abgefaßt, die endgültigen Ziffern noch nicht enthält: Am Sonnabend, den 19. April, früh um 4 Uhr, besetzten die Polen den Bahnhof von Wilna und die daran anschließenden Straßen. Gleich am selben Tage begannen Plünderungen in den jüdischen Häusern unter dem Vorwände, nach Waffen und verborgenen Bolschewiki zu suchen. Durch die Fenster der Wallstraßc sah man, wie die Legionäre die des Sabbats wegen geschlossenen jüdischen Geschäfte gewaltsam öffneten und ausraubten. In den Häusern wurden alle Habseligkeiten, die leicht mitzunehmen .waren, von den Legionären selbst bei den Haussuchungen gestohlen, während die Zivilbevölkerung in Säcken die schwer zu transportierenden Gegenstände wegtrug. Die PKinderttngen fanden vornehmlich in. den von׳ den Juden dicht bewohnten Straßen, Wall, Steian- und Rudnitzka-Straße statt. ..Erst am Montag nafhrr.ittagj' den 21. April, beruhigte sieh die Lage einigermaßen. Einzelne, die sich bis jetzt in den Kellern versteckt gehalten hatten, wagten sich nun auf die Straßen. Hier wurden alle Passanten untersucht und nach Ausweispapieren befragt; bei dieser Gelegenheit wurde der Inhalt der Portefeuilles geleert. Am Dienstag, den 21 April, als die Stadt schon vollständig von der Roten Garde gesäubert war, wurde in den Straßen ein Feuer eröffnet, das nur gegen die Juden gerichtet war. Be dieser Gelegenheit wurden viele Juden getötet; noch mehr worden verhaftet. Den Passanten winden die Kleider, namentlieh das Schuhwerk, vom Leibe gerissen. Drei jüdische Schriftsteller: Lobio wo, Schaninger und Weiter wurden von den Legionären verhaftet. Die beiden ersten kamen nach unsäglichen Qualen, nachdem sie mit mehreren Tausend anderen Leidensgefährten nach Lida verschleppt worden waren, mit dem Leben davon, während Weiter au Ort und Stelle getötet wurde und die Leiche fast vollständig nackt einige Tage auf der Straßc herumlag. Um die traurigen Ereignisse den zeitweiligen Machthabern zur Kenntnis zu briigen und um Abhilfe zu bitten, begaben sich die jüdischen Vorsteher, Herr Oberrabbiner Rubinstein und Herr Dr. Schabad zu den polnischen Kommanndostellen. Dort wurden sie ebenfalls einige Zeit in Haft gehalten und mißhandelt und von der Bevölkerung unterwegs beschimpft. Erst am Mittwoch, den 23. April, nachdem bereits die Geschäfte ausgeraubt und die Häuser ge plündert waren, erschien ein Aufruf, unterzeichnet von Pilsudski, der zur Ruhe aufforderte. ln den ersten drei Tagen, vom 19. bis 22. April, wurden nach dem jüdisehen Gemeindehause 54 Leichen gebracht, während viele Juden an Ort und Stelle, wo sie ermordet worden waren, gleich beerdigt wurden, so daß die genaue Zahl der Opfer, die für die ersten drei Tage auf mehrere Hundert geschätzt wird, sich noch nicht übersehen läßt. Jedenfalls ist festgestellt, daß nicht nur junge Leute, bei denen man an nehmen konnte, daß sie sich zur Weht gesetzt haben, sondern auch viele wehrlose Greise unter den Opfern waren. Bald darauf begann der Druck der R © t e 11 Armee von neuem, und als am 28. April neue polnische Truppen Posen sch er Regimenter in Wilna ankamen, setzten die Grausamkeiten wieder ein. Von neuem wurden die Juden auf den Straßen angehalten und ihrer Habseligkeiten beraubt. Auf der Georgstraße wurden die jüdischen Passanten sogar in einen Hof der Firma ״Kowalske & Triller Landwirtschaftliche Maschinen'׳ getrieben und von dort nach einem Stall geschafft, wo sie von den Legionären mit Peitschenhieben mißhandelt wurden. Gegen ein Löse ge Id von 1500 Rubel konnte man sieh befreien. So hat der Berichterstatter, dem man sortier auf der Straße 7000 Rubel und seine Uhr geraubt hatte, sich selbst und seine Begleiter dadurch beireit, daß er ein besonderes Lösegeld von 3000 Rubel beibrachte. Ein ariderer Jude Ch. .... sollte ebenfalls 1500 Rubel Lösegeld zahlen. Er wurde von einem Legionär nach Hause gebracht, um dort die 1500 Rubel herauszugeben, wurde aber nicht freigelassen, weil es 1500 Duma- und keine Zarenru b e I waren. Nach einem Bericht waren Cs 2000, nach anderen etwa 5000 Gefangene, die in mehreren .Trans- Porten von Wilna nach Lida, Wolkmvisk und anderweitig abgeschobeu wurden. Die Behandlung der Gefangenen,, von denen einige inzwischen nach Wilna zu rückgekehrt sind, spottet jeder Beschreibung. Die Schwachen, die nicht gehen konnten, wurden mit Kolbenschlägeii vorwärts getrieben, Nahrung wurde kaum verabreicht, so daß viele Gefangene auf dem Transport um gekommen sein dürften. Auch die Behahdlung der städtischen Bevölkerung ist mehr als grausam. Es herrscht Boykott- Stimmung und es ist verboten, den Juden Brot zu verkaufen, und selbst für 10 18 Rubel das Pfund ist es schwer aufzutreiben. Auch ist es den Juden nicht möglieh, aus den umliegenden Ortschaften Nahrungsmittel zu beschaffen, weil ein strenger Befehl besteht, keine Juden die Brücken passieren zu lassen. Bis zuni 4. Mai, wo der Bericht abschließt, d a uern d i c F. x 7. c s s e der polnischen S; > I d a t e s k a und der S t a d t h c v ö I k e r u n g g e g e 11 di e Juden fort. In der Nacht vom 1. zum 2. Mai wurden die Silbergeräte aus den zwei Hauptsynagogen Wilnas geraubt, die abgesehen von ihren»,Geldwert auch einen historischen Wert besaßen. 15er üesamtschaden wird auf etwa 60 Millionen Rubel geschätzt. In Wilna liegt auch ein schriftlicher, ausführlicher Bericht vor, aber niemand wagte es bis jetzt, diesen herüberzuschafieu, weil seitens der polnischen Legionäre strenge Untersuchungen stattfinden, und /war namentlieh nach Schriftstücken. Aehuliche traurige Ereignisse, über die wir bis jetzt nur gerüchtweise vernommen haben, sind in fast allen Städten, wo die polnischen Legionäre durchmarschiert sind, vorgekonuneii. Ganz besonders sollen sie in der Stadt Lida gewütet haben, wo man von 1500 Todesopfern spricht. Hierüber liegen uns noch keine genauen .Mitteilungen vor, aber ein ange sebenes Mitglied des Wilnaer jüdischen Komitees hat berichtet, daß in Lida ״schreckliehe Exzesse“ vorgekonuneii sind. (Siehe den Artikel: ״Die neue Pogrormvelle.“) Der Wunsch der Wilnaer jüdischen Gemeinde- Vorsteher geht mm dahin: 1. Wenn irgend möglich, neutrales Militär nach Wilna 71» «ducken, das eure Schutze der jüdischen Bevölkerung die polnischen Truppen auf ihrem Vormarsch begleitet• 2. Wenn dieses sich nicht durchführen läßt, wenigstens eine K © m tn i s s i 0 11 der Ent e 111 e nach Wilna ab/uoriinen, die bevollmächtigt sein soll, das V c!halte « J e 1־ P o I e 11 gegenüber den Juden 7 11 ü be 1 \v;1 c h e n und Unters 11 c h 1111gen über die bisherigen Ereignisse v o r z 11 - n e h in e ״. 3. Eine Kommission von Mitgliedern des polnischen Sejms aus Warschau nach Wilna zu schicken, bestellend ans zwei jüdischen Sejm• Mitgliedern (Grünhauni und Priltitzki) und einem Nichtjuden. Zum Schlüsse soll noch hiuziigefiigt werden, daß die niditpolnischen Wilnaer Zeitungen die Ereignisse in Wil na mit dem richtigen Namen ״Pogrom“ benennen. Sie heben hervor, daß die anderen Nationalitäten außer der! Polen unschuldig; am Blute der Juden sind. Bie neue Pogromwelle Zahlreiche Telegramme bestätigen, daß von neuem in ganz Polen und Galizien furchtbare Judenpogrome begonnen haben. Wir geben nachstehend eine Darstellung der uns zugegangenen Meldungen. Im Lublin fanden am 25. April Aus- Schreitungen gegen die Juden statt, die von Rekruten, sowie Von Schülern der Handels- und Realschule verübt wurden. Die Juden leisteten anfangs Widerstand, waren aber nicht imstände, dem Mob standzuhalten. Die Polizei )k : t

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