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Jüdische Rundschau · 1919-03-18 · Heft 20 (18.3.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 20 (18.3.1919)
Date
1919-03-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite!50 JUEDISCHE RUNDSCHAU In Ergänzung■ umstehenden Berichtes ist zu melden: In der Sitzung der Londoner Konferenz vom Montag, den 10. März, wurde der Bericht der Kolonisationskommission erstattet. Die Majorität der Versammlung forderte die Nattonalisierung des Bodens. Dieser Antrag wurde unterstützt von De Lieme, Julius Simon, Motzkin, Wilkansky, Kaplansky, Schochat, Syrkin und Meyer Berlin. Die Minorität forderte, daß außer der Nationalisierung aller durch die Kolonisationsverwaltung übernommener Ländereien auch Privatkäufe zugelassen würden, aber unter Ausschluß von Spekulation und der Möglichkeit des Erwerbes von Großgrundbesitz. Den letzteren Standpunkt vertraten Dizengoff, Eisenberg und Jean Fischer. Zu dieser in dem Londoner Originaltelegramm nicht ganz verständlichen Darlegung der Minoritätsforderungen bemerkt das ״Kopenhagener Bureau“ folgendes: ״Offenbar ist nicht gemeint, daß Privat- Personen Ländereien von Arabern kaufen können, sondern daß die Kolonisationsverwaltung außer den Ländereien, die sie für Nationalisierungszwecke erwirbt, sie auch Ländereien an Einzelkäufer für Privateigentum abgeben kann. Am Dienstag, den 11. März erstattete Yellin unter dem Präsidium Ussischkin den Bericht der Erziehungskommission. der offizielle Bericht spricht, darf nicht ernst genommen werden, wenn man nicht glaubt, daß ein ungarischer Jude, der vor dem Kriege ein paar Jahre in Palästina als Talmudlehrer gewirkt hatte und die letzten Jahre in der Schweiz war, in England nie gelebt hatte, und also mit den Verhältnissen der englischen Juden in keiner Weise vertraut war, als einziger Delegierter der englisehen Judenheit auftreten konnte, selbst .wenn er das Mandat eines Vereins ״Sinai“ in London vorzeigen konnte. Als einziger Vertreter der Juden Polens sprach Herr Distriktsrabbiner Dr. Pinchas Kohn aus Ansbach, dessen Anschauungen während seiner Tätigkeit in Polen häufig genug euergischen Widerspruch auch aus orthodoxen Kreisen herausforderten. Für die Juden in Belgien trat ein Herr aus Budapest auf, der die letzten Jahre in Ungarn zugebracht hat und seit Kriegsausbruch belgischen Boden nicht betreten hatte. Alles in allem war mehr als der siebente Teil der Delegierten aus Frankfurt, mehr als die Hälfte aus Deutschland, ein großer Teil ider übriger! Delegierte« aus der Schweiz. So sah das Rumpfpariament aus, das seine Führer als Weltkonferenz der jüdischorthodoxen Verbände bezeichneten. Man kan!ermessen, wie scharf der Protest einer wirklichen Weltkonferenz gegen die Auffassung der Agudah-Kreise gewesen wäre, wenn man bedenkt, daß selbst dieser Konferenz ein Antrag von Delegierten aus Bialystok, Sokolka, Kowno, Kiew, Bessarabien, Galizien und — Frankfurt vorlag, den Namen ״Agudas Jisroel“ zu ändern, weil dieser bereits ein Programm bedeute und es in Litauen, Ukraine und Galizien, also gerade in den auf der Konferenz vertretenen Ländern jüdischer Massensiedlung sehr schwer, ja fast unmöglich sei, unter diesem Namen zu arbeiten. Vor allem aber hatten es die Einberufer der Konferenz verstanden, ihre Kritiker dadurch auszuschalten, daß sid die bedeutendste Organisation des traditionellen Judentums, den Misrachi, nicht eingeladen hatten! Dennoch zeigen, wie wir oben bereits gesagt haben, die Züricher Beschlüsse eine vollkommene Abkehr von dem bisherigen Standpunkt der Frankfurter Agudah-L-eitung. Die Zusammenarbeit mit dem׳ Zionismus ist ins Auge gefaßt worden, und eine Kommission gewählt worden, die sich mit unserer Leitung in Verbindung zu setzen hat. Eine nationaljüdische Organisation, wie es der Zionismus ist, der alle Kreise des’Judentums umfassen will, wird selbstverständlich gern jede Möglichkeit ergreifen, eine Einheitsfront des bewußten Judentums herzustellen. Er wird mit allen denen, unbeschadet abweichender Auffassung ln Einzelfragen, gern zusamtneng'ehen, die Palästina als Heimstätte für das jüdische Volk fordern und sich auf den nationaljüdischen Boden stellen, d. h. die Gesamtheit des jüdischen Volkes als Subjekt und Objekt der jüdischen Politik betrachten. Daß für diese Auffassung in orthodox-jüdischen Kreisen Verständnis vorhanden ist, zeigt der Gang der Palästinadebatte auf der Züricher Tagung, die ernste, sachliche Beschäftigung mit den Problemen des Aufbaues bewies. Die Kommission, die in Zürich gewählt worden ist, hat unseres Wissens konkrete Vorschläge für eine gemeinschaftliche Arbeit noch nicht gemacht. Sie werden, wenn sie kommen, und den Anschauungen der jüdisch-religiösen Massen entsprechen, wie wir nicht zu betonen brauchen, unseres lebhaften Interesses und ernsthaftester Erwägung sicher sein. Dabei setzen wir voraus, daß die Agudas Jisroel auf der Züricher Tagung es gelernt hat, die Konsequenzen in ihrem Verhalten unserer Organisation gegenüber zu ziehen und nicht, wie es nach einer Meldung der ״Neuen Jüdischen Presse“ der Fall war, durch ihren Vorsitzenden erklären läßt, dal die Orthodoxen, die sich anderen Organisationen anschüeßen, sich dadurch von der Orthodoxie trennen, und daß der ״Krebsschaden“ einer solchen ״Trennungs- Orthodoxie“ überwunden werden müsse. Diese Aeußerung zeugt nicht davon, daß inan auf die jüdischen Führer des Ostens mit ihrem politischen Verständnis und ihrem versöhnlichen Geiste auch noch Rücksicht nimmt, nachdem man von ihrer persönlichen Aufsicht befreit ist, sondern scheint dafür zu sprechen, daß man als den Führer dieser jüdischen Massen nicht Herrn Oberrabbiner Schapiro von Kowno und andere, sondern den Vertreter des polnischen Judentums, Herrn Dr. Pinchas Kohn aus Ansbach betrachtet. Die Konferenz hat aber deutlich gezeigt, daß im jüdischreligiösen Judentum Kräfte vorhanden sind, die für die Aufgaben der jüdischen Gegenwart und Zukunft vollstes Verständnis haben, und bereit sind, briiderlieh mit allen denen zusammenzuarbeiten, die ihre Arbeit dem Judentum widmen. Wir hoffen, daß bei den Verhandlungen, die anzubahnen man in Zürich beschlossen hat, dieser Geist lebendig sein wird. Es braucht kaum besonders gesagt zu werden, daß die zionistische Organisation stets die Mitarbeit der Orthodoxie freudig begrüßen und bereit sein wird, ihre berechtigten Forderungen an zuerkennen und zu berücksichtigen. Das ist der Standpunkt des Zionismus von jeher gewesen, und er wird jetzt, wo es sich um den Aufbau Palästinas handelt, naturgemäß den Wünschen der Orthodoxie ganz besondere Beachtung schenken. Die Gemeinsamkeit des Willens ist bei dem Zionismus und dem größten Teil der jüdischen Orthodoxie zu stark, die Grundtendenzen des Willens, in Palästina ein jüdisches Gemeinwesen aufzubauen, das auch in seinem Geiste durchaus jüdisch sein soll, zu parallel, als daß nicht die Basis einer Zusammenarbeit gefunden werden könnte. Der Zionismus war immer von dem Bewußtsein durchdrungen, daß die Orthodoxie moralisch und politisch eine der stärksten und bedeutsamsten Potenzen des jüdischen Lebens darstellt und den Anspruch darauf hat, als solche gewertet und behandelt zu werden. Von diesem Standpunkt aus begrüßen wir jeden Versuch, die Kräfte und Werte der Orthodoxie für die jüdischnationale Politik und für die Arbeit in Palästina zu aktivieren. Die Züricher Konferenz war nur ein unvollständiger und unvollkommener Versuch in dieser Art, da nur ein Teil der orthodoxen Organisation vertreten war, und die ganze Konferenz den Charakter einer Notabeln-Veranstaltung trug. Der Versuch wird fortgesetzt werden müssen — auf anderen erweiterten Grundlagen — und getragen von dem aufrichtigen Willen, wirklich die gesamte Orthodoxie zu einigen. Daß dieser Willen zur Einigkeit in dem größten Teil der Orthodoxie lebt, bezweifeln wir nicht. Nicht nur die Haltung der ostjüdischen Vertreter auf der Züricher Konferenz, sondern auch die Politik der Orthodoxie in Rußland in den letzten Jahren hat das klar gezeigt. Die russisch-jüdische Orthodoxie hat sich an allen gemeinsamen politischen Aktionen des russischen Judentums beteiligt. Sie hat an dem ukrainischjüdischen Vorparlament teilgenommen, wie auch an den Wahlen zum jüdischen Kongreß in Groß- Rußland. Gerade an diesem Beispiel zeigt sich die Differenz zwischen der ostjüdischen gesunden Orthodoxie und der Politik der relativ kleinen Gruppe uer deutschen Orthodoxie, eine Differenz, die auch in Zürich zum Ausdruck gekommen ist. Während die Orthodoxie im Osten, wie gesagt, sich an der Kongreßbewegung beteiligt hat, erläßt der deutsche Verband der Agudas Jisroel dieser Tage erst eine scharfe ablehnende Erklärung über seine Stellungnahme zum Kongreß. Die Züricher Konferenz sollte diese Herren belehrt haben, daß sie mit ihren Tendenzen wirklich nicht zum Wohle der Orthodoxie wirken können. Man kann nicht die -Wl Einigkeit des gesamten Judentums verlangej|;;,wij es in Zürich geschehen iät, und gleichzeitig jj Deutschland etwa die Teilnahme am jüdischen Koni greß, der diese Einigkeit herbeiführen soll, ab! lehnen. | Die Zusammenarbeit mit der Orthodoxie füll Palästina ־wird ebenfalls nur möglich und erfolgreich■ sein, wenn nicht solche Treranungsfendenzem zuml Ausdruck kommen. An dem Zionismus wird c$| nicht liegen, wenn die Zusammenarbeit auf Sdtwie.1 rigkeiten stoßen sollte. Wir Zionisten waren immer■ bereit und Werden in Zukunft ebenfalls bereit sein,! freudig und ehrlich mit der Orthodoxie Hand in! Hand zu gehen und sie den ihr zukommendenl Einfluß ausüben zu lassen. Die Orthodoxie miiBl nur erkennen, daß sie dies«! Einfluß nur ausübenl kann, wenn der große Gedanke der Einigkeit Israels! auch für sie maßgebend ist; wenn sie bereit sein! wird, ihre Politik von diesem Gedanken entschei-l dend beherrschen und gestalten zu lassen. I Der Verlauf der Tagung I Nachdem am Mittwoch, den 19. Februar 1919, ein! Bcgrüf!u:g$.־b .־n.l stattgefunden hatte und am Donnen*■ tag Kominbsbnssitzungen getagt hatten, wurde die Kon•■ ferenz am Freitag, den 21. Februar 1919, im Namen■ des Zentralkomitees der Agudas Jisroel von Dr.l Lewenstein mit einer kurzen Begrüßungsansprache! eröffnet. Dann folgte die Wahl des Büros, bei weichet■ die Herren Dr. Lewenstein -Zürich, OberrabbinerI Schapiro- Kowno, Oberrabbiner Schuf ter-SivI kolka, Oberrabbiner Professor M a r gu I i e s - Florenz, I Rabbiner Dr. Cohn- Basel, Rabbiner Dr. S. Breuer•! Frankfurt a. M, Rabbiner Dr. Munk- Berlin, Ober* I rabbincr Dr. Horowitz- Bohorodczany und AdolfI Frankl- Budapest ins Präsidium gewählt wurden. I Dann erstattete Oberrabblner Schapiro das Referat! über das Thema ״T ha uro und zeitgenössische! Judenheit“. Er schilderte insbesondere die Ver-I heerungen, die der Krieg in den Jeschiwaus Litauensl angerichtet habe. Ebenso seien eine Reihe von Chedarim I notgedrungen geschlossen worden. Es sei ein großer I Geldbetrag notwendig, um aüe Lehranstalten wieder I ins Leben zu rufen. Es folgte eine Diskussion, diel mit der Annahme folgender Reso utionen beendet wurde 1 ״Die Wel'.konferenx der jüdisch orthodoxen Organ'!- satkmen erklärt, daß die Erha tung und Wiederbelebung des Thorastiidrums im ganzen Volke, die Wiederher- Stellung der im Kriege zerstörten Th<;rast,.tlen (J.:seid-1 waus) und Lehrhäuser und die Organisation eines vom Thorageiste getragenen Jugendb.idttngswesens Vorbeding-ung für die Lxsieriz der jüdischen Gesamtheit ist Die Konferenz beschließt mit den führenden In-1 stanzen der Judenheit aller Länder, insbesondere der amerikanischen und russischen, wegen Errichtung eines großen Zentralfonds für Jeschiwaus und Talmud •Thora in Verbindung zu treten und über dessen Organisation und Verwaltung unter Mitwirkung der führenden Rabbinen des Ostens Vereinbarungen zu treffen.“ In der Sitzung vom Sonntag, den 23. Februar, stand die Palästinafrage im Mittelpunkt der Diskussion. Herr M. A. Lob- Berlin referierte und führte etwa folgendes aus: Zur Bededung gehören drei Faktoren, Land, Menschen und Kapital. Kein einziger dieser Faktoren ist bisher vorhanden. Bei der Fülle der zur Einwanderung drängenden Elemente wird eine Auslese möglich sein. Vor allem aber muß mit den anderen Organisationen eine Verständigung über das Boden recht erzielt werden. Das altjüdische Bo den r e ch t muß in einer den Verhältmssen angepaßten Form seine Auferstehuug Finden. Jeder spekulative Erwerb von Grund und Boden muß ausgeschlossen sein. Der Redner spricht dann über das Erbpachtrecht, das Heimstättenwesen und die Fragen der landwirtschaft ichen Kreditgewährung. Auf die Arbeiterfrage eingehend, betont er, daß die j ü ־ dische Arbeit nicht durch die billigeren Löhne der arabischen Arbeit verdrängt Werden dürfte ,und weist auf die Notwendigkeit hin, die Kolonisation möglichst auf genossenschaftlicher Basis zu führen und möglichst ge• eignete Kräfte in Erez Israel und der Diaspora landwirtschaftlich vorzubilden. Der Referent empfiehlt dann die Annahme folgender Leitsätze, die nach der Diskussion einstimmig angenommen wurden: ,.1. Alle Kräfte sind dafür emzusetzen, daß die thoratreuen Kreise in einem etwa sich bildenden Zentralei n wanderungsamt nebst allen mit ihm verbundenen Zweiganstalten in den ELnwanderuiigsländern durch Vertrauensmänner hinreichend vertreten sind. 2. Der Wert von Grund und Boden darf prinzipiell einer Beschränkung und Bevorzugung nicht unterliegen. Erwerb zu spekulativen Zwecken soll von vornherein vermieden und vorgebeugt werden. Aufgabe einer frühzeitig eingesetzten Grund- und Bodengesetz gebung ist es, jeden Mißbrauch des Bodenbesitzes auszuschließen. Datier ist zu fordern: Ve.hinderung jeder Latifundienbildung, Einführung einer Verschuld ungsgrenze, Begünstigung von amortsablen Hypolhaken in Verbindung mit Lebensversicherung, Anerbenrec.it, gesetzliche Genossenschaften. 1 : ( l 3. Ehe Ansehung von landwirtschaft icher E'nwanderung hat vorzugsweise in geschlossenen, nicht zu großen Siedlungen zu erfolgen. Für die Bewirtschaftung und Vertretung von Produkten ist die Genossenschaftsform zu bevorzugen. 4. Für die Jugend muß Gelegenheit zur landwirtschaftlichen Ausbildung durch Fachschulen, Lehrfarmen usw. beschafft werden. 5. Bei Heranziehung der Industrie ist die industrielle Verwertung landwirtschaftlicher Erzeugnisse und sind jene Zweige zu bevorzugen, die bei geringem Verbrauch an Rohmaterialien und Kohle hochwertige Produkte liefern. 6. Die Konferenz baschüeßt die Bildung eines Studienaua*chus*l9, bestehend aus Landwirten

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