Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 18 (11.3.1919)
- Date
- 1919-03-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seile 136 JUED1SCHE RUNDSCHAU Nr. iS Palästinafragen Zar Nationalisierung des Bodens Von Sanitätsrat Dr. E. Simon so n. Während ich eine ausführliche und zusammen■ fassend« Erörterung der hier unter ״Palästinafragen“ seit dem Delegiertentage vorgebrachten Gesichtspunkte erst nach Schluß der bevorstehenden ״P a 1 ä s t i n a - tagu n g der Zionistischen Vereinigung für Deutschla nd“ beabsichtigte, geben mir die Ausführungen Dr. Brünns in Nummer 13 der ״Jüdisehen Rundschau“ Veranlassung, auf einige Punkte doch schon jetzt einzrugehen. Insbesondere scheinen mir Brünns Anschauungen über Nationalisierung des Bodens eine sofortige Beantwortung nötig zu machen. Diese Frage scheint ihm in der Diskussion gegenwärtig einen im Verhältnis zu ihrer praktischen Bedeutung viel zu großen Raum einzunehmen, weit Bodenspekulation und Großgrundbesitz sieh durch andere gesetzlichen Maß• nahmen ebenso beseitigen ließen, wie durch das jüdische Obereigentum, während kapitalistische Wirtschaft auf Erbpachtboden ebenso möglich sei, wie auf freiem Eigentum. Welche anderen gesetzlichen Maßnahmen Brünn hier im Sinne hat, geht aus seinen Andeutungen nicht hervor, wir werden weiter 1unten noch auf die hier in Frage stehenden Möglichkeiten zu sprechen kommen. Daß kapitalistische Wirtschaft auf Erbpachtboden an sich ebenso möglich ist, wie auf freiem Boden, mag schon richtig sein. Man könnte sich z. B. denken, daß ein Bauer, dem es gelungen ist, einwandfreie Essraugim mit Pitom zu züchten, seinen Landsleuten dafür hohe Preise abnimmt. So etwas ist sogar schon im alten jüdischen Reich vorgekmmen, dessen Bodenrecht Brünn als vollendet anzusehen scheint, z. B. wenn einzelne Familien die Herstellung gewisser für den Tempeldienst nötiger Spezereimischungen eifersüchtig als Familiengeheimnis wahrten ünd höhere Preise von der Tempelverwaltung sogar durch Streiks erzwangen. Was aber das Obereigentum der öffentlichen Hand verhindern soll und verhindert, das ist ,,kapitalistische Wirtschaft — oder sagen wir Spekulation — mit dem Boden, nicht auf dem Boden. Auf Erbpachtboden kann höchstens eine bescheidene und für das Allgemeinwohl belanglose Differenzialrente entstehen, nicht aber Monopolrente. Erstaunlich ist die Behauptung, im altjüdischen Staate habe es kein Obereigentum am Boden gegeben, und die Nationalisierung des Gesamtbodens gebe es nirgends in der Welt. ״Denn mein ist das Land, ihr seid nur Fremdlinge und Beisassen bei mir.“ Ist hierin nicht das Obereigentum eines hierarchischen Staates deutlich zum Ausdruck gebracht? Im scharfen Gegensatz zu Brünns Behauptung, gibt es im Leben jedes Volkes ein Stadium, in dem das Obereigentum des Staates am Boden besteht. Lange vor der mosaischen Gesetzgebung hat es schon einen jüdischen Bodenreformer gegeben, der das Obereigentum des Staates am Boden mit eiserner Faust einführte: Joseph. Antisemitische Schriftsteller — soweit mir erinnerlidt, auch H. St. Chamberlain — haben aus Joseph eine Art ägyptischen Haberland zu machen gesucht, in Wahrheit war er ein großzügiger Bodenreformen der den Bodenwucher durch seine Maßnahme unmöglich machte und dem Bauern sein Gut gegen die Pflicht einer 20_prozentigen Natural-Einkommensteuer vorn Ertrage — den damaligen Wirtschaftsiverhältnissen angemessen — als!Lehen zurückgab. Es wäre nicht zum russischen Zusammenbrudi, wahrscheinlich auch nicht zum Weltkriege gekommen, wenn die Stolypinsdhe Gesetzgebung nicht das Obereigentum der Dorfgemeinde am Boden, ausmalen, denen aus den gebückten, gekrümmten Schultem Flügel wachsen und , . . . man fliegt, man fliegt in unsem herrlichen, in unsem Zukunftsstaat .... Von allen wird es angenommen, daß in Palästina ein kleines Eldorado geschaffen wird. Und weil Eldorados ja so selten geworden, sind, will man mit uns hinüber: Werden auch wir ein Plätzchen dort finden? fragt man. Viele, gar viele in der letzten Zeit sind zum Zionismus in ein Verhältnis gekommen, das auf den ersten Blick etwas unerwartet erscheint. Eigentlieh gehören sie doch gar njeht hierher. Wir wissen zu genau, daß sie andere Geliebte hatten. Jetzt schmefcheln sie uns. ln einer zionistischen Versammlung bat mich neulich ein Herr, der zum erstenmal jn diesen Kreisen war, ich sollte ihm doch auf der Palästinakarte zeigen, wo Haifa liege, ja, ja er möchte es gern wissen. Jetzt sind sie ihm lieb geworden, Haifa, Jaffa und sogar Jerusalem. Weil die ganze Welt so öde, weil cs überall kracht, überall zittert. Früher, ja da fragte er immer mit der weltmännischen Miene des Großstädters: ״Wird es denn in Palästina auch so etwas wie die Reinhardtbühnen geben?“ Jetzt verzichtet er, jetzt sehnt er sich nach Haifa .... Haifa mag schon, wirklich schön sein. Diese Neuen, die dem׳ Zionismus den Hof machen! Wenn die Zionisten früher in den langen Jahren ihren Eifer, ihre Arbeit damit begründeten, daß sich die Juden höchst unsicher, höchst unruhig fühlten, da sagte der roßte Teil derer, die sich jetzt neu vor den Torer» erusalems sammeln: ״Ist es denn nicht ruhig genug ier?“ und vergruben sich noch tiefer in ihre Klum sessel. Aber auch sie seien willkommen auch diese Neuen, die früher fern, standen! Aber sie sollen auch wissen, daß Haifa zwar sehr schön ist, aber daß man sich dort nicht in Klubsessel, in dieses Symbol einer gleichgültigen Welt, vergraben wird. Viele Opfer, viel Oemeinschaftsgefühl wird man von, jedem Juden fordern. Die Juden sind im Begriff, etwas ganz Großes zu leisten, sie sagen sich, wozu sind wir denn hierher gegangen! Nicht vor Pogromen und Verfolgungen wollen wir uns retten. Aus anderen Tiefen soll unser Ehrgeiz kommen. So träumt mancher in seinem versteckten Winkelchen, den Mir, im Dienste englischer, französischer und bei- 1 gischer Kapitalisten aufgehoben hätte, um ein wurzelloses Industriearbeiterproletariat in die Städte zu bekammen, sondern wenn sie statt dessen das kommunistische j Obereigentum in ein sozialistische■; umgewandelt hätte. : Auch im türkischen Bodenrecfit stehen uns Elemente zur Verfügung, deren Uebernahme in nach modernen Erkenntnissen reformierter Gestalt wir uns nicht entgehen lassen sollten. Merkwürdigerweise sieht Brünn in der Joweljahrgesetzgebung einen begrifflichen Gegensatz zum Obereigentum des Staates, während in Wirklichkeit gerade die Vorstellung des Lehens benutzt wird, um die An- Sammlung des Bodens in!Latifundien und seine Behändhing als freie Handelsware zu verhindern. Brünn vergißt im übrigen, daß das Joweljahr niemals zur Durchführung gekommen ist, und das mit gutem Grunde: Es zerstört eine Basis für den Realkredit, ohne Ersatz zu bieten. Der Bauer braucht Betriebsmittel auf dem Wege des Realkredits. Personalkredit ist zwar in manchen Fällen möglich, würde ihm aber als generelle Einrichtung das Betriebskapital durch die notgedrungen hohe Risikoprämie unveihäJtnismäßig verteuern. Je näher das Joweljahr heranrückt, desto zurückhaltender wird das Kapital werden müssen, weil mit dem Joweljahr jede Sicherheit fortfällt. Es ist demnach ein fast grotesker Irrtum, wenn Brünn gerade in dem Joweljahr in der überlieferten Form Stetigkeit und Gerechtigkeit gewährleistet sieht. Gerechtigkeit ist der Staat doch auch dem Kreditgeber schuldig. Schon hier sei vorweggenommen, daß es mir durchaus fern liegt, das Joweljahr für den Aufbau des neuen Palästina a limine abzulehnen. Vielmehr glaube ich zeigen zu können, daß gerade die Gedankenarbeit der deutschen Bodenreformer uns den Weg gezeigt hat, auf dem der Grundgedanke dieses alt jüdischen Gesetzes für das jüdische Volk und Land zu einem lebendigen Besitz gemacht werden kann. Wir kommen weiter unten darauf zurück. Zur Frage, wie die Nationalisierung durchgeführt werden kann, sieht Brünn nur zwei Wege: erstens durch Gesetzgebung, zweitens durch Ankauf des Bodens durch die jüdische Gemeinschaft. Die erste Möglichkeit lehnt er mit Recht sdion au® politischen Gründen ab. Zur zweiten Möglichkeit deduziert er: ״Hat die jüdische Behörde Geld genug, um innerhalb der nächsten 30 Jahre den notwendigen Boden käuflich zu erwerben und in Erbpacht zu geben, dann ist obiges Gesetz überflüssig. Kann sie aber, wie wahrscheinlich, den jüdisehen Bodenbedarf nicht aus eigenen Mitteln decken, dann muß der Ankauf zu Eigentum gestattet werden, um nicht die jüdische Kolonisation Palästinas aufzuhalten.“ Das klingt zunächst einleuchtend. Es gibt aber doch noch einen Weg der Nationalisierung, der völlig ausreicht, um dem Bodenwucher und der Latihtndienbiklung zu steuern und dennoch dem Bauern! das Gefühl des gesicherten Besitzes nicht raubt, ihm die Sicherheit läßt, daß alles, was er investiert, daß seine Mühe, sein Schweiß, den er in den Boden hineinlegt, ihm oder seinen Kindern zugute kommt. Dazu bedarf es nurdesgesetzlich festgelegtenVorkaufsrechts des Staates zum E r w er bs p rei s e zuzüglich des investierten Kapitals bei jedem Besitzwechsel aus jüdischer Hand, während der Privatkauf aus arabischer Hand frei ist. Dann ist der jüdische Käufer in unbeschränkter Zeit freier Besitzer seines Gutes, aber es fehlt ihm der Antrieb, Gelegenheitskonjunkturen durch Verkauf auszu- . nutzen, und das Staatsinteresse ist nach allen notwendigen Richtungen gewahrt, Auf solchem Wege erworbenes Land kann der Staat dann ebenfalls zu Lehen geben. mit den Flügeln auf den gebückten, gekrümmten Schultern. Man träumt und träumt weiter von vielen andern Dingen, die noch zu der Einrichtung des neuen Hauses gehören. Träumen heißt Ideale halten. Bis jetzt war das Ideal der Zionisten nach Palästina zu gehen. Jetzt gehen wir. Und weiter müssen wir Ideale naben — für das Leben dort. Unsere Seele maß voll sein, sie muß gerüstet sein. Unmöglich ist es, ohne Ideale einen einzigen Tag zu leben, man kann kein Haus ohne Ideale bauen, wie nützlich es auch sein mag, einen klaren, sachlichen Kopf zu haben, und schon alles vorauszusehen: Wer dort Holz hacken wird, wer die Mandeln pflanzen und den Bajarenbrunnen graben wird! In geschlossenen Ko!on11ent organisiert nach einem ganz bestimmten, gut ausgearbeiteten Plan, werden wir marschieren. Aber in unserer Brust muß eine starke und begeisterte Seele wohnen. Behüte Gott wenn Juden ohne Seele dorthin kommen, nur mit dem Geldsack! Denkt daran, wie unser neues Haus aussehen wird! Neues vom Jüdischen Verlag Von Dr. Abron Eliasberg. Den Bedürfnissen des Augenblickes Rechnung tragend hat sich der Jüdische Verlag in letzter Zeit in stärkerem Maße der Pflege der jüdiseh-politi* sehen Literatur zugevvandt. Ueber die drei soeben erschienenen und erscheinenden Broschüren von Goldmann, Lichtheim und Simonsohn ist in der ״Jüdischen Rundschau“ an verschiedenen Stellen bereits berichtet worden. Alle drei sind aus dem Gedankenkreis heraus entstanden, der in dem Manifest des Kopcn hagener Büros seinen historischen Ausdruck findet. Von den dort aufgestellten drei Forderungen des jüdischen Volkes werden hier zwei, nämlich der Anspruch auf Palästina und auf eine nationale Autonomie vertreten. Die Frage der wirklichen Gleichberechtigung und des ganzen Komplexes von angrenzenden Problemen wird Blumen feids Broschüre ״Der A n t i s e fn i 11 s - Daß die gegebene Form des Lehens die Erbpacht■ ist, bezweifelt Brünn, trotzdem ist es richtig. W«■ das durch zu führen ist, haben gerade (die deutschen Boden•■ reformer (Pohl mann, Damaschke u. a.) über.l zeugend dargetan. Auch bei der Erbpacht kann dcrnl Bauern das Heimatgefühl voll gewahrt werden. Es würde■ den notwendigen Staatszielen nicht widersprechen, wenn■ dem Erbpächter und allen seinen Nachkommen, Söhnenl und Schwiegersöhnen, bei Ablauf des Pachtvertrages■ ein Vorpachtrecht gewahrt bliebe. Dann ist diel Familie im Vollbesitz des Gutes nur insoweit beschränkt,! ab sie nicht imstande ist, den etwa durch Arbeit der I Gesamtheit entstandenen Wertzuwachs durch Verkauf I für sich zu kapitalisieren. Für den Staat aber genügt! es, wenn er in der Lage ist, diesen nicht durch Ar-I beit des Bauern entstandenen Wertzuwachs nach Ablauf! der Pachtzeit — die im Anschluß an das Joweljahr I auf 50 Jahre festgesetzt werden kann — durch eine! den veränderten Verhältnissen entsprechende Erhöhung! des Pachtzinses der Allgemeinheit dienstbar zu, machen. I Das ist kein Unrecht gegen den Bauern, denn die wach-l senden Erträge seiner Arbeit und seiner Investie• rungen fallen ihm unverkürzt zu. Wir haben oben bereits besprochen, daß dem Bauern die stetige Realkreditbasis gesichert sein muß, eine Notwendigkeit, an deren Nichterfüllung das Joweljahr gescheitert ist. Dazu haben die deutschen Bodenreformer in erster Reihe die Amortisationshypothek vorgeschlagen. Sie müßte zeitlich mit dem Erbpachtverhältnis mögliehst übereinstimmen, also ebenfalls auf der 50 Jahr-! Norm aufgebaut sein. Nimmt inzwischen das Pachtverhältnis mangels geeigneter Erben ein vorzeitiges Ende, dann tritt naturgemäß der neue Erbpächter in die Rechte und Pflichten der Hypothek ein. Die Anwendung dieser Kreditform ist so lebenswich■ tig, daß es notwendig werden könnte, den Realkredii im erforderlichen Umfange in die öffentliche Hand zu geben (Aushau des Nationalfonds!), falls das Privatkapital diese Kreditform etwa zurückweisen sollte*). Aber es ist nicht zu befürchten, daß das auf die Dauer geschehen würde. Wenn durch das Vorkaufsrecht des Staates oder der Gemeinde der Boden als Handels- und Spekulationsobjekt ausgeschaltet wird, dann muß ja der allgemeine Zinsfuß mit automatischer Sicherheit so niedrig werden, daß das Privatkapital, soweit es nicht in Handel und Industrie Unterkunft findet, froh sein wird, überhaupt noch eine sichere Anlagemäglichkeit zu finden. Worauf beruht denn heute der hohe Zinsfuß? Um uns darüber klar zu werden, brauchen wir nur zu überlegen, worin in der heutigen kapitalistischen Wirtschaft das wirkliche Großkapital, nicht der Sechserrentier, Anlage sucht. Großbanken, Hypothekenbanken, Versicherungsgesel!- schäften usw. legen ihre überschüssigen Kapitalien fast ausschließlich in Bodenmonopolen an: Bergwei ke, Wasserkräfte, Bahnen, erste Hypotheken. Diese Anlagen gewähren über alle Zwischenfälle hinaus ein hohes Maß von Sicherheit. Der kleine Mann ״kauft“ sich ein Haus mit geringer Anzahlung und sitzt auf einem Pulverfaß, weil er für das Großkapital die Rolle des hinter der (Lokomotive fahrenden Schutzwagens zu spielen hat. Wie es dem Hause auch ergeht, das in der ersten Hypothek vertretene Großkapital ist immer gesichert, während der ״Besitzer“ für die beständige Gefahr im Dienste der ersten Hypothek im günstigsten Falle mit seinem Prozent Ueberschuß ein ״Schnorrer zu Pferde“ ist. Wenn aber in einem Gemeinwesen die Bodenschätze dem öffent- *) In INr. 14 der ״Jüdischen Rundschau“ wird eben berichtet, in Kiew nabe sich Unter Führung des bekannten Millionärs Brodski eine Groppe jüdischer Millionäre zusammengetan, um eine Agrarbank für Palästina mit 40 Millionen Rubel Grundkapital zu schaffen. (Der Verf.) raus und seine Ueberwindung" behandeln. Den Antisemitismus als Begleiterscheinung der Tatsache Diaspora, die Beziehungen der Juden zu den Völkern als Einheiten der politischen Weltkultur, das Problem vom ״Wirtsvolk und Gastvolk“ behandelt Kfatzkins Schrift ״Probleme des modernen Judentums“. Wie man sich auch zu Klatzkins Auffassung stellt, so wird man in seiner Schrift in jeder Beziehung einen der bedeutendsten Beiträge zu unserer theoretischen Literatur der letzten Jahre sehen müssen. In Vorbereitung befindet sich eine Broschüre von Victor- Hamburg: ״Eine Gesamtorganisation der deutsehen Juden“, die, auf der ״Jüdischen Volksgemeinde“ fußend, einen selbständigen Entwurf für die so notwendige und leider so oft gescheiterte organisatorische Vereinigung der deutschen Judenheit vorschlägt. Bezüglich Bergmanns ״Jawne und Jerusalem" möchte ich auf Oskar Epsteins Besprechung in Nr. 16 der ״Jüdischen Rundschau“, die eine ausführliehe Inhaltsangabe des Buches enthält, hlnweisen. Hinzufügen möchte ich nur, daß Bergmanns Aufsätze gewisse Probleme vorweg nehmen, deren Bedeutung erst durch die sozialistische Hochflut der Kriegszeit auch in unseren Kreisen erkannt worden ist. Ich erwähne insbesondere den Aufsatz: ״Wahre Autonomie", der das Problem der sozialen Gerechtigkeit als des Grimdprinzips der organisierten sozialen Gemeinschaft behandelt. Der mit dem ausführlichen Vorwort des Vorsitzenden der Zionistischen Organisation versehene Neudruck von Herzls Judenstaat ist nicht nur als neue Auflage eines vergriffenen Buches zu werten. Er ist auch ein Zeichen dafür, daß der Zionismus sich zu den Ideen Herzls bekennt, deren ganze Größe uns Epigonen jetzt erst aufgegangen ist. Neben dem sieghaften Bewußtsein, vorwärts zu ioommen und ein völlig neues Leben aufzubauen, bleibt die Sehnsucht nach der Vergangenheit bestehen. Der heutige Jude ist historisch geworden, er ist ein Produkt des Golus, und als solcher Golusjude eine Tatsache. Sie kann durch bloße Forderungen nicht geändert werden. Der Golusmensch soll nicht mit allem verschwinden,