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Jüdische Rundschau · 1919-02-28 · Heft 16 (28.2.1919) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 16 (28.2.1919)
Date
1919-02-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 16 J U E Dl SC H E RUNDSCHAU Seile 121 11;10 die lma,1|;r.1li(1n unter den Schutz des Völkerbundes gestellt werden müsse. Ucber die allgemeine Stirnmutig, die die Konferenz hinsichtlich der jüdischen Forilcruugen liabe, meinte C h a s a n o w i t sc It, daß man sagen könne, sie finden jetzt fast bei allen weitgehende Sympathien. Auf großes Verständnis seien die Vertreter der ״Paale-Zioii" bei den französischen und englischen Delegierten gestoßen. Bekanntlich liabcn ja die ״Paale- /ion׳‘ lange Jahre kämpfen müssen, ehe die internationale Sozialdemokratie das jüdische Proletariat als einen besonderen nationalen Teil des internationalen Proletariats anerkannt habe. Der größte Teil der Delegierten habe sich noch nicht in die Idee einsfellen können, daß ein Volk nicht unbedingt an ein Land gebunden sein müsse. Tür diese Sozialisten, die im Grunde, wenn sie ״intcrnational“ sagten ״interterritorial“ meinten, sei es natürlieh schwer, den Forderungen des jüdischen Proletariats als einer besonderen Gruppe ohne weiteres zuzuslimmen. Infolgedessen seien die jüdischen Parteien gegenwiirtig durch vier Delegierte in der Permanenzkommission vertreten — zwei Vertreter der Poalc-Zio» und zwei des Bundes —, wahrend sonst jedes Volk, ungeachtet der inneren Parteikämpfe, nur durch zwei Mitglieder vertreten sei. Vielleicht werde dieser unhaltbare Zustand dazu beitragen, daß auch die Gegner der Anerkcmiung der jüdischen Nation sich mit dem Gedanken der Bildtuig einer nationaljüdischcn Sektion in der Internationale — dieser längst verfochtenen Forderung der ״P o a 1 e - Zion“ befreunden werden, Take Jonescu über die jüdische Frage Ucber eine Unterredung mit Take Jonescu in Paris berichtet der dortige Korrespondent des holländischeu ״Allgcmccnen Handclsblatt“ Israel Jacob de Haan, wie folgt: ״Ich fragte, ob die Rumänen gewillt seien, auch den Juden, wie beispielsweise den Rutbeucn, Ungarn und Deutschen in Siebenbürgen Mindcrhcitsrechtc zu gewähren? Jonescu bezweifelte es. Er ist für den Zionismus, für einen jüdischen Staat, aber gegen die Zuerkennung solcher Rechte an die Juden, Er fragte: ״Habt ihr denn in Holland Minoritätsrechte für die Juden?“ Ich antwortete: ״Nein, aber dort hat sie niemand. Nicht einmal die Friesen.“ ״Ja,“ sagte er, ״bei uns geht es auch nicht. Ein jüdischer Staat und außerdem noch nationale Rechte in anderen Ländern!“ Darauf ich: ״Warum nicht? Die Ungarn, Polen, Russen und aridere haben sie doch auch.“ ״Jawohl,“ erwiderte er, ״aber es gebt nicht. Außerdem wird cs nicht nötig sein, da die rumänischen Juden jetzt vollkommene Gleichbcrechtigung erhalten. Es werden im neuen Rumänien ungefähr 350 000 Juden wohnen. Größtenteils in Städten. Sie werden wohl ein Viertel der gesamten rumänischen Stadtbevölkerung ausmachen. In einer großen Zahl von Städten werden sie die Mehrheit bilden. Welche Sprache sie sprechen?'Hebräisch sicher nicht. Und jüdisch gleicht zu sehr dem Deutschen, es ist eigen!- lieh deutsch, und das wollen wir nicht.“ Er wiederholte: ״Für die anderen Volksminderhcitcn ist das ganz etwas anderes, diese wohnen zusammen auf einem bestimmten Gebiet. Die Juden sind über das ganze Land zerstreut. Ich bin sehr für den Zionismus eingenommen, aber ebenso gegen die Gewährung nationaler Minderheilsrechte für die Juden. Wohl aber für eine vollkommene Gleichberechtigung in Gesetz und Wirklichkeit.“ Herr d e H aa ״ hatte den Eindruck, daß die meisten Staatsmänner aus den Randstanteu, mit denen er ge sprachen hatte, mit Jonescu eines Sinnes sind. Ich fragte, warum man die Juden in Rumänien immer unterdrückt habe. Gracin Vacarescu und Joiiescu leugnen, daß es damit je so arg gewesen wäre. Die Juden hätten zwar keine politischen Rechte gehallt, hätten keinen Grund und Boden erwerben, einige Be rufe nicht ausüben und nur sehr schwer naturalisiert werden können, aber die Gesetze seien niemals streng gehandhabt 'worden. Jonescu wolle sie allerdings nicht verteidigen, doch sei er den Juden alle Zeit gut gesinnt gewesen. Bratianu, der gegenwärtig erster Minister ist, sei ihnen freilich nicht so günstig gejionnen, und dessen Bruder, der einigen Einfluß auf ihn habe, sei sogar ein notorischer Antisemit. Jetzt seien die Juden nach dein Gesetz gleichberechtigt, jonescu erwartete, daß sie in Rumänien eine große Rolle spielen werden, und zwar aus folgendem Grunde: dem Großgrundbesitz von Tausenden und Abertausenden Hektar ist ein Ende gemacht worden. Der Besitz von sechshundert Joeii wird das Maximum sein. Die großen Grundeigentümer werden also nicht mehr länger die soziale Klasse von entscheidender Bedeutung sein. An ihre Stelle werden die Großkaufleute und Großindustriche treten, unter denen Sich auch viele Juden befinden. Daß Tafe Jonescu für den Zionismus etwas übrig fragte, ob er den Juden, die bleiben werden, keinen Schaden zufügen wird. ״Nein,“ sagte er bestimmt. ״Wer den Juden schlecht gesinnt war, hat sie immer und überall verfolgt zu einer Zeit, als vom. Zionismus noch keine Rede war. Und wer ihnen gut gesinnt ist, der wird cs auch jetzt bleiben.“ Jonescu hat viel Anerkennung für den Zionismus, übersieht aber auch nicht die Schwierigkeiten. Bei meinem Abschied wünschte er mir gute Reise und alles ,Gute für Land und Volk.“ Das Take Jonescu für den Zionismus etwas übrig hat, ist ja gewiß zu begrüßen. Die Art und Weise jedoch, in der er vor der Rechtlosigkeit der Juden in Ru- CCriegsbeitrag 1919. Der Geschäftsführende Ausschuss der Zionistischen Vereinigung für Deutschland hat auch für das Jahr 1919 die Erhebung eines Krlegsbel» tragea beschlossen. Der Mindestbeitrag ist entsprechend den höheren Ansprüchen, die an die Organisation gestellt werden, auf 10 Mk. festgesetzt worden. Wir erwarten bestimmt, daß auch in diesem Jahre alle unsere Freunde der Aufforderung des geschäftsführcnden Ausschusses nnchkommen werden, um der Leitung so die Möglichkeit zu geben, die großen Aufgaben, die der Delegiertentag gestellt hat, auszuführen. Zionistische Vereinigung für Deutschland Finanzressort: Llchtheim• Berlin W15, Sächsische Straße 8. Postscheckkonto Berlin 8091. mänien spricht, beweist, daß er die wirkliche Lage der Juden nicht begriffen hat. Die letzten Nachrichten, die aus Rumänien gekommen sind, zeigen aufs deutlichste seine irrtümliche Auffassung, daß die Gesetze niemals streng gchandliabt worden seien. Bei der Ausführung des neuen rumänischen Regierungsdekretes ist jedenfalls von einer milden Handhabung nichts zu bemerken. Demonstration der rumänischen Juden für Palästina Vor!kurzem fand in Bukarest eine Massendemonstratio» der Juden zu Ehren der Mäohtc, die sich für ein jüdisches Palästina erklärt haben, statt. Wie das ״Jüdische Preßbüro“ in Stockholm mitteilt, hatte die »Buk a r e s t c r Zionistische Vereinigung an die gesamte Bukarester Judenhcit einen Appell gerichtet, den Dank der rumänischen Juden an diese Mächte durch eine großartige Kumlgebung zum Ausdruck zu bringen. In Reih und Glied, mit Fahnen an der Spitze marschierte so ein Zug von mehr als zchntaüsertd Juden durch die Straßen von Bukarest, Hochrufe auf die alliierten Mächte ausbringend. In der Hauptstraße wollte man vor der englischen Gesan'dtscliaift eine Ovation für Großbritannien darbringen. Militär und Polizei traten jedoch dein Zug entgegen Und zwangen die Demonstranten, auseinanderzugehen. Hierbei wui'den Reden gehalten, in denen man auf die Bedeutung der Befreiung Palästinas für das jüdische Volk hinwies. An die rumänische Regierung wurde wegen des Verhaltens der Polizei ein scharfer Protest geschickt. An die Regierungen der Alliierten wurden Dank- und Begrüßungstelcgramme der Bukarester Juden abgcsan'dt. Protest des jüdischen Nationalrates für Ostgalizien gegen die ״polnischen Abgeordneten mosaischer Konfession“ der polnischen Konstituante Da in Ostgalizien für die polnische Konstituante keine 'Wahlen vorgenommen werden konnten, so gelten die Mitglieder des ehemaligen österreichischen Abgeordnctcnhatises aus den ostgalizischcn Wahlbezirken als Delegierte für den gesetzgebenden polnischen Landtag. Herr Dr. L o e w e 11 s t e i 11, Flcrr K o 1 i s c h e r und andere Gleichgesinnte, die bei jeder Gelegenheit ihr Volkstum verleugnet haben, und die im Falle einer wirkliehen Wahl natürlich niemals auch nur ein Mandat erhalten haben würden, sollen jetzt also das jüdische Volk 111 Ostgalizien in der polnischen Konstituante vertreten. Dagegen hat, wie der Pressedienst der ״l)eiegation des jüdischen Nationalrates für Ostgalizien“ meldet, der jüdische Nationalrat als die einzige von der ostgalizischcn Judenhcit gewählte Repräsentanz des jüdisehen Volkes protestiert und erklärt: Die polnischen Abgeordneten mosaischer Konfession des gewesenen österreichischen Abgeordnetenhauses haben weder das formelle noch das moralische Recht, die jüdische Bevölkerung Ostgaliziens in irgend welcher gesetzgebenden politischen oder sonstigen Körperschaft, sei cs in Polen oder West Ukraine, zu vertreten und in deren Namen zu handeln, weil jede solche Handlung der Nationalität der ostgalizischcn judcnschaft Abbruch tut. Ein hebräisches Gymnasium in Mariampol In Mariampol (Kreis Suwalki) ׳wurde auf Initiative der dortigen jüdischen Gemeinde, der zionistischen Lokalorganisation und der ״Zeire-Zion“ ein hebräisches Gymnasium mit vorläufig 5 Klassen eröffnet. ' Sämtliche Unterrichtsgegenstände, auch die allgemeinen Lehrfaches, werden m hebräischer Spradtc gelehrt. Es sind folgende Sprachen vorgesehen: Lateinisch, Russisch, Deutsch, Französisch, Litauisch. Das Gymnasium, das unter ן Leitung von Dr. Max Mayer steht, zählt zurzeit 300 Schüler, in den unteren Stufen sind Parallelklassen i eingerichtet. Es findet Koedukation statt. Um die jüdische Volksgemeinde Zur Trennung von Staat und Kirche. Auf einem Diskussionsabend des ,,Jüdischen Jugendbundes" in Berlin über das Thema: ״Zur Trennung von Staat und Kirche“ hielt Herr R.-A. Dr. Klee das nachfolgende Reberat: ״Meine verehrten Damen und Herren! Der Bitte des Vorstandes des Jugendbundes, mich in der Diskussion von meinem Standpunkte aus zu der Frage der Trennung zu äußern, komme ich gern nach. Den Optimismus des verehrten Herrn Referenten, Dr. Goldmann teile ich nicht. Ich kann mich auch nicht meinem Herrn Vorredner, J.-R. Lilienthal anschließen, daß im großen und ganzen der Trennung von Staat und Kirche unsererseits keine Bedenken entgegenstchen. Das hat damit nichts zu tun, daß audt ich von der unverwüstlichen Lebenskraft des Judentums überzeugt bin. Der Standpunkt, der hier ausgesprochen wurde, daß, wenn das deutsche Judentum bei der Trennung vom Staat zu Grunde geht, es nicht wert gewesen sei zu bestehen, scheint mir falsch. Zunächst bin ich nicht der Ansicht des Herrn Referenten, daß mit dem Untergang des jüdischen Staates eine jüdische Kirche entstanden sei und daß seit diesem Untergänge für uns Juden die Trennung von Staat und Kirche ltistoriseh vollzogen sei. Mit dein Untergang des jüdischen Staates ist keine Kirche entstanden. Das jüdische Volk zog in die Diaspora mit einer Gesetzgebung, die das ganze private und öffentliehe Leben umfaßte. Was damals entstand, ist, wenn Sie mir den Ausdruck gestatten, ein wandernder Staat gewesen, nun und nimmer aber eine Kirche. Die Auffassuitg, daß das Judentum eine lediglich religiöse Gemeinschaft ist, ist sehr jung. Das sollte nicht vergossen werden. Erst Abraham Geiger — man denkt mitunter gar nicht daran, wie jung die Auffassung von dem lediglich konfessonellien Charakter des Judentums ist — hat auf der Rabbiner-Konferenz zu Cassel erklärt, die Juden seien lediglich eine Konfession. Das klang damals so ungeheuerlich, daß der bekannte Reformprediger Dr. David Einhorn z. B. scharf oppo* nierte. Leopold Z u n z spricht noch von der jüdischen Nation. Die Auffassung, das Judciqvotk sei lediglich eine Religionsgemcindc, ist völlig unliistorisch. Es ist eine Anschauung, die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts etwa entstanden ist und zwar auch nur in Westeuropa, besonders in Deutschland. Sieht man die jüdische Gemeinde lediglich als religiöse Gemeinde an, so wird die Trennung von Staat und Kirche sehr ernste Folgen haben. Das Aufliören des Bcsfeuerungszwanges wird sich sicher schwer fühlbar machen. Mit Recht ist der Umstand schon hervorgehoben, daß man in die Religionsgemcindc nicht hineingeboren wird, sondern eines Tages bei Mündigkeit einzutreten hat. Daß das Nichteintreten leichter vor sich geht als der Austritt, bedarf keiner Ausführung. Von Frankreich war hier die Rede. Kennen die Anwesenden die französischen Verhältnisse? In Wirklichkeit ist die Pariser Gemeinde tot. In Paris wohnen etwa 40000 Juden, wenn ich nicht irre. Jedenfalls stellt fest, daß zur Gemeinde nur ein paar Hundert gehören. Die Gemeinde wird im wesentlichen von der Familie Rothschild erhalten. Das ist gewiß sehr ancrkcnncnswcrt, aber ein vom Standpunkt der jüdischen Religio״ durchaus unerträglicher Zustand. Zehntausende Pariser Juden sind nicht Mitglieder der jüdischen Getneindc. Auch in be/ug auf das blühende religiöse Leben in Amerika bin ich nicht der Meinung des Herrn Referenten. Ich verkenne nicht den ungeheuren Aufschwung des jüdischen Lebens in Amerika. Das ist aber ein Aufschwung des jüdisch -politischen Lebens des amerikanischen Judentums. Der Beweis, daß das religiöse Leben in Amerika blüht, müßte erst noch erbracht werden. Es gibt in Amerika alle religiösen Schattierungen, von der radikalsten Reform, einer Reform, für die wir in Deutschland, abgesehen von der Berliner Reformgcmcinde, kein Beispiel haben, bis zur Orthodoxie, wie wir sie in Rußland und Galizien kennen. Ich gebe gern die mannigfaltige Entwickelung des jüdisehen Lebens in Amerika zu. Vor! einer besonderen Blüte• des religiösen Judentums sehe ich nichts. Fällt der Bcsteuerungszwang fort, so werden wir, wenn die jüdischen Gemeinden in ihrer heutigen Form erhalten bleiben, eine Austrittsbewegung allergrößten Stils erleben. Wenn gesagt worden ist, wir dürfen u״s nicht in der Organisation unserer Gemeinden auf Elemente stützen, die innerlich sehr lose mit ihr zusatnmcnliüngcM, so halte ich diesen Standpunkt für sehr gefährlich. Aus diesen Kreisen kann eine Jugend hervorgehen, deren Entwicklung wir heute noch nicht übersehen. Diese Jugend kann, solche Beispiele haben wir namentlich in letzter Zeit sehr häufig erlebt, durchaus im Gegensatz zur vorausgegangenen Generation treueste Anhänglichkeit zeigen. Haben wir aber einmal die Eltern definitiv verloren, ist jeder Zusammenhang zwischen dem Judentum und ihnen gelöst, dann ist die Frage sehr zweifelhaft, ob die Kinder dieser Eltern überhaupt noch gewonnen werden können. Was ich rate? Ein Allheilmittel kann auch ich nicht nennen. Nach meiner Uebcrzeugung aber gibt cs für die Juden auf der ganzen Welt und somit auch für das deutsche Judentum nur eine Rettung, nämlich die Erkenntnis, daß das Judentum ein lebendiger Volks-

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