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Jüdische Rundschau · 1919-02-25 · Heft 15 (25.2.1919) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 15 (25.2.1919)
Date
1919-02-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nf. 15 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 113 Palästinafragen Die jüdische Emigrationsfrage Von Davis Trietsch. Dieser Aufsatz ersohien im Januar 1903 in der ״Welt“. Wenn auch in letzter Zeit von vielen Seiten über die Organisation der Aus- ,und Einwanderung geschrieben worden ist, dürfte der Aufsatz heute wieder van besonderem Interesse sein. Die Redaktion. Kein Volk der Erde kann mit solchem Recht ein Wandervolk genannt werden, wie das jüdische. Keines ist so weit verbreitet, und keines besteht in einem ähnlichen Prozentsätze*) der bei ׳uns nicht viel weniger als 100 ausmacht — aus ״Wanderern“. Und wäre nicht die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung des jüdischen Volkes mit seinem Lande durch alle Ooluszeiten hindurch bei uns lebendig geblieben, so könnten wir selber den ״Juif errant“ als unseren Typus akzeptieren und den Wanderstab als jüdisches Symbol. Kürzlich ging ein Bericht einer amerikanischen Kolonisationsgesellschaft durch die Blätter, nach welchem es den Bemühungen des Vereines gelungen sei, 45 jüdische Familien mit zusammen 171 Seelen landwirtschaftlieh anzusiedeln, und zwar ln 25 Staaten der Union. Es gibt Juden, denen es sehr gleichgültig ist, daß durch eine solche ״feinste Verteilung“ der Judenheit der nationale Zusammenhang immer mehr verloren geht, und die Zerstreuung eine immer vollständigere wird. Wenn diese Juden Juden sind, ohne die nationale Zusammengehörigkeit anzuerkennen, so müssen wir wohl annehmen, daß sie ihr Judentum auf das Religiöse beschränken. Aber nichts kann klarer Sein, als daß die ״feinste Verteilung“ auch der religiöse Untergang des Judentums wäre. Unser religiöses Gesetz ist auf ein Volk, das in einem Lande lebt, zugeschnitten, und verlangt Zusammenkünfte •von Juden, nicht nur für die Feste, sondern auch für das tägliche Gebet. Ich kenne eine Judengemeinde irgendwo im Orient, die 10 erwachsene männliche Mitglieder zählt, und die in alter Treue am Gesetze hängt. Es ist klar, daß es für diese Leute eine Katastrophe wäre, wenn einer von ihnen auf irgendeine Weise der Gemeinde verloren ginge, ln weitem Umkreise von dieser Zwerggemeinde leben, wieder voneinander getrennt, zwei einzelne Judenfamilien, und ich kann 'als Augenzeuge berichten, wie diese beiden zu Pessach nach dieser ״Hauptgemeinde“ von 10 Juden reisten, und habe einen ungefahren Begriff davon bekommen, was es für arme Leute, die ohnehin um ihre Existenz kämpfen, bedeutet, für mehrere Wochen ihren ganzen Hausstand nach einem anderen Orte zu verlegen, von dem sie eine Tagereise entfernt wohnen. Trotzdem also das Prinzip der Zerstreuung, welches wir bis in' die neueste Zeit aus einem1 gesunden Instinkt heraus als den Zerfall des Judentums und als eine Fortsetzung der Jahrtausende alten Vernichtungskriege gegen die Juden betrachtet haben, ebenso von den Religiösen, wie von den Nationalen unter uns aufs allerentschiedenste bekämpft werden, so 'sehen wir, wie es von Tag zu Tag unter Anerkennung der offiziellen Judenheit wohl aller Länder immer konsequenter durchgeführt werden wird. Gegen diesen folgenschweren Irrtum, der, soweit er um sich greift, mit Naturnotwendigkeit zum Verschwinden der Juden und des Judentums führen muß, soll endlich ein energischer Feldzug eröffnet werden. Es muß in Wort tmö Schrift auf die Gefährlichkeit dieser kürzlich zur Herrschaft gelangten Tendenz hingewiesen werden, und religiöse wie nationale Juden sollten alle ihre Kräfte daran wenden, das Uebel zu bekämpfen. Die Sache wird noch größer, wenn man bedenkt, daß hier ein Boden ist, auf dem alle positiven Elemente im Judentum ein gemeinsames Arbeitsfeld finden. Und gerade von diesem Punkte aus wird ein Zusammenarbeiten in allen anderen jüdischen Fragen sich von selbst ergeben, denn wenn wir das Problem weit genug fassen, so liegen alle anderen Teile der jüdischen Frage innerhalb derjenigen der Juden- Wanderung. Die Juden wanderungsfrage ist die Judenf rage. Um ein schlechtes Extrem energisch bekämpfen zu können, muß man das Entgegengesetzte als Forderung oder doch wenigstens als Losungswort aufstellen. Es ist ja klar, daß jedes Extrem schlecht ist, aber wenn man über ein Ziel hinausgegangen ist, ist es notwendig, haltzumachen, und in der entgegengesetzten Richtung zu gehen. Und es ist auch nicht anzunehmen, daß man nach der Verirrung in einer Richtung sich nun schnell ebenso weit nach der entgegengesetzten Richtung verirren werde. Ein verirrter Wanderer wird beim Rückwege vorsichtiger sein. ׳* Wir wollen also zunächst das der Zerstreuung ent« gegengesetzte Prinzip der Sammlung äls Losungswort aufefellen, und es ist klar, daß, wenn wir der feinsten Verteilung der Juden über Wie Länder der Welt die kompakteste 'Sammlung in einem Lande gegenüberstellen, dieses Land schon deshalb kein anderes sein kann, als unser altes Land Palästina, weil die Einigung aller Juden auf ein anderes Land undenkbar wäre. *) Die Zigeuner machen vielleicht eine Ausnahme. Aber weder nach ihrer Zahl poch nach ihrem Ausbreitungsgebiet kommen sie neben uns in Betracht,, Und vor allen Dingen fehlt ihnen der religiöse und nationale Zusammenschluß, die gemeinsame Tradition, die der Zerstreuung in so viele Länder gegeaüberstehen würde. Wir hätten also als das andere Extrem die Forderung der Rückkehr der Juden •nach Palästina. Wir haben schon gesagt, 'daß jedes Extrem schlecht ist. Wir haben aber auch gesagt, daß ein Extrem ein gutes Losungswort sein kann für die Umkehr auf falschem Wege. In diesem Sinne ist die extreme Forderung der Rückkehr aller Juden nach Palästina nur die extreme Fassung des gesunden Gedankens und der einzig vernünftigen Politik, die darin liegt, der weiteren Zerstreuung Halt zu gebieten, 'die zu weit vorgeschobenen Posten nach Möglichkeit zurückzuziehen, die Aus- Wanderung so weit als tunlich hintanzuhalten, und, soweit dies unvermeidlich ist, sie zu zentralisieren. Mit den bestehenden und zu diesem Zwecke zu schaffenden die ganze positive Judenheit umfassenden Organisationen ist die Lösung der Judenfrage möglich. Nachdem das Ziel gezeigt ist, heißt es, jetzt auch die Wege zu zeigen, und wieder haben wir von den bisherigen Fehlern und Mängeln zu lernen. Es ist vorgekommen, daß rumänische Auswanderer sich planlos auf den Weg machten, von Station zu Station über Budapest, Wien und Frankfurt von den respektiven Komitees nach London weitergesandt wurden, weil mau glaubte, daß von dort aus die Ueberfahrt nach Amerika bliliger wäre. Die Sache war so grotesk, daß die Legende auftauchte, die bösen Zionisten hätten die Emigration künstlich nach London geleitet, um den reichen Londoner Juden eine Lektion zu erteilen. Dieser ״teuflische Plan“ (so bezeichnete ein hervorragender englischer Jude die Sache mir gegenüber) wurde weidlieh gegen die Zionisten ausgenützt, bis es sich herausstellte, daß die ״Alliance Israelite“ für den Umweg verantwortlich war. Weniger vor der großen Oeftentlichkeit haben sich zahlreiche derartige Emigrationsmalheure selbst ln den letzten Jahren noch abgespielt. Mir sind Fälle bekannt, in denen Leute die unglaublichsten Umwege, Verzögerungen, Verspätungen und Entbehrungen durchmachen mußten, weil man, von der Ansicht ausgehend, daß Schnellzüge und Dampfschiffe teurer sein werden als Bummelzüge und Segelboote, den Emigranten Reisewege vorgeschlagen hat, die nicht nur an Zeit, sondern vielmehr noch an Geld bei weitem über die üblichen bekannten und zuverlässigen Reisewege hinausgingen. Ein besonders häufiger Fehler bestand darin, daß Emigranten nach Amerika per Zwischendeck reisten, um die 10 Dollars, welche die zweite Klasse mehr kostet, noch ״drüben“ zu haben. Das Resultat war in unzähligen Fällen, daß der Zwischendecker, weil er nicht die vorgeschriebenen 30 ,Dollars vorzeigen konnte, nach Europa zurückgeschickt wurde, während der Passagier zweiter Klasse in New-York an Land geht, wie man bei uns aus einer Pferdebahn steigt, d. h. ohne dje mindesten Formalitäten. Aber dies betrifft der Hauptsache nach nur die Reisewege, über die man sich bei einiger Vorsicht immer noch orientieren könnte. Bei den Reisezielen ist das viel schwerer. Es genügt nicht, wepn der Emigrant sich auf die Nachrichten verläßt, die er vor Jahren von inzwischen verschollenen Verwandten oder Bekannten bekommen hat, und doch spielen solche Nachrichten, die meist nicht mehr zutreffend sind, wenn sie es je waren, vielleicht die größte Rolle bei der Wahl des ״neuen Landes“. Es genügt auch nicht, wenn die Nachrichten frischeren Datums sind. Der einzelne Emigrant, der ja meistens dem Proletariat angehört, ist nicht fähig, die Lage eines Landes, einer Industrie usw. zu beurteilen, und wird von Veränäerungen meist nichts spüren, bis sie ihn persönlich treffen. Viel ist auch in der Richtung gesündigt worden, daß man die Emigration nach bestimmten Ländern hat fortdauern lassen, wenn es an der Zeit gewesen wäre, sie durch eine geeignete Aufklärungsarbeit einzudämmen. Statt dessen hat man gewartet, bis zwangsweise Ein- Schränkungen von seiten der Einwanderungsländer verfügt wurden. Ja es ist sogar vargekommen, daß in aller Oeffentlichkeit Emlgrationaliänder empfohlen wur• den, die zurzeit und ‘auf lange hinaus verschlossen waren, wie Südafrika und Kleinasien. Es ist wahr, daß man vor Jahren, als die russische Emigration ihre Höhepunkte erreichte, daß man damals zu größeren Beratungen zusammenkam, um möglichst planmäßig vorzugehen. Und auch das ist wahr, daß damals manches, ja sogar vieles geschehen ist. Liest man aber heute die Protokolle der damaligen Verhandlungen, so muß( uns mehreres auffallen. Zunächst sehen wir da Standpunkte vertreten, die uns heute außerordent- Ikh lächerlich Vorkommen, doppelt lächerlich, wenn wir bemerken, mit welchem Beifall sie damals aufgenommen wurden. Vor allem wurde aber die Zukunft so gut wie ganz vernachlässigt. Es ist die alte Erfahrung, daß man bei uns Juden sich von Katastrophe zu Kata- Strophe aufrafft, zu irgendeiner ״Tat“, und von jedem neuen Unglück ebenso überrascht ist wie von den früheren. Auch *8e Gründe sind ja eigentlich klar genug: Wenn ,es gilt, über eine jüdische Frage zu beraten, so beruft man die Spitzen der Judenheit. ln erster Jinie werden verlangt: die Inhaber von Titeln, Orden und Banknoten. Fachleute sucht man nicht, und es gibt keine Fachleute, weil man nie welche sucht. So kann es Vorkommen und kommt vor, daß die minimalste Beschäftigung mit jüdischen Dingen, der bloße Anschein kaufmännischen Blickes und die geringste und oft verkehrteste propagandistische Tätigkeit höchst unqualifizierte Leute an die Oberfläche von Bestrebungen und an die Spitze von Vereinstätigkeiten treibt. Bei solchem Staad dfcr Dinge, und besonders bei dem riesigen Umfange der jüdischen Auswanderung scheint mir folgendes nötig zu sein: Wir brauchen ein Auswanderungsamt, eine Zentralstelle mit Zweigbüros in allen Atiswanderungs- und Einwandemngsländern, mit Vertrauensmännern resp. Unterorganisationen an allen in Betracht kommenden Orten, mit einer hinreichenden Anzahl geschulter Kräfte, die jederzeit überall verwendet werden können, und mit einem Aufklärungsdienst, dem alle jüdischen Zeitungen für seine Veröffentlichungen zu Gebote stehen, und der die Mittel hat, um selbständig durch Broschüren und Flugblätter eine umfassende Tätigkeit zu veranstalten. Ich bin mir wohl bewußt, eine wie große Organisation hier nötig wäre. Aber ich habe auch einen Begriff von den ungeheuren Verlusten an Judenmenschen und Judentum wie auch an Geld, Zeit und Energie, die wir und unsere Sache täglich, erleiden und erleiden werden, solange eine Organisation, wie die hier nur angedeutete, nicht geschaffen sein wird. Wir haben ein gutes Muster für das, was hier nottut: Das unter der Regierung der verstorbenen Königin in London etablierte Emigrants Information Büro. Wer sich für die Sache interessiert, mag sich die Mühe nehmen, dorthin zu schreiben, um sich über ,irgendeine englische Kolonie zu informieren. Er wird eine Broschüre bekommen, für die ein nomineller Preis berechnet wird. Nominell wegen seiner Niedrigkeit (meist ein Penny) und noch nomineller dadurch, daß die Broschüren meist gratis versandt werden. Briefe an das Büro brauchen nicht frankiert zu sein! Das gilt für die englischen Emigranten — es soll kein Wink für diejenigen sein, die sich nun auf meine Veranlassung dorthin wenden werden. Ich wollte nur zeigen, wie leicht es dem Auswanderer gemacht wird, Informationen einzuziehen. Ein Beispei für unser künftiges ״Emigrants Informationsbüro“! In den Broschüren steht alles. Man findet darin eine Karte, des Landes, man erfährt alles Nötige über die Reisewege, über die Landes- Verhältnisse, über den landesüblichen Lohn in allen Berufen, vom ungelernten Goldgräber bis zum ausgebildeten Mechaniker, vom Dienstmädchen bis zur Gouvernante. Man erfährt, wie teuer im Juli die Kartoffeln sind, und was man für Kleider und Schuhe zu bezahlen hat. Jedes Vierteljahr wird außerdem in allen Postanstalten und sonstigen Behörden eine Anzahl von Plakaten angeschlagen, aus denen Aenderungen usw. hervorgehen, und es geht sogar noch weiter: Da England nicht nur für seine Emigranten, sondern auch für seine Kolonien zu sorgen bestrebt ist, erscheinen von Zeit zu Zeit Inserate in den Zeitungen, in welchen freie Ueberfahrt und freies Land annonciert werden, je nach den Bedürfnissen der betreffenden Kolonien. Eine jüdische Institution, welche zu diesem Zwecke geschaffen würde, muß die ganzen jüdischen Emigrationsfragen in der außerordentlichsten Weise beeinflussen. Manches ist oben schon angedeutet. Wir sehen einen regelrechten Dienst, der eine bestimmte Ausbildung erfordert, wir haben die Möglichkeit vor uns, unserem studierenden Proletariat ein neues großes Feld der Tätigkeit zu eröffnen, und es würde dadurch ein ernsthaftes und umfassendes Studium der Judenfragen in allen ihren Einzelheiten eingeleitet. Aber noch vieles andere ergibt sich aus einer solchen Organisation. Ich will an dieser Stelle nur eines herausgreifen, nicht weil es das wichtigste, sondern weil es frappant genug ist, um zum Nachdenken änzuregen. Es wird sich das Bedürfnis herausstellen, eigene Schiffe für die jüdische Emigration ,in Dienst zu stellen. Wir haben schon ab und zu das Projekt auftauchen sehen, daß eine Pilgerreise von Juden nach Palästina auf einem Schiff mit koscherer Küche unternommen werden soll. Die Sache ist auch nicht unwichtig, wie mir viele zugeben werden. Wie ungleich wichtiger aber ist es für die vielen Tausende, die jeden Monat über das Weltmeer gehen, eine Fahrgelegenheit zu haben, welche ihnen eine menschenwürdige Behandlung, eine ertragliehe Ueberfahrt und einen wesentlich reduzierten Preis sichert. Soweit es im Rahmen eines Zeitungsartikels geschehen kann, glaube ich, das Problem und die Möglichkeit seiner Lösung gezeigt zu haben. Es fragt sich noch, wer die Schaffung der notwendigen Organisation in die Hand nehmen kann, welche Organisationen und welche finanziellen Mittel dafür in Anspruch genommen werden könnten. Es will mir scheinen, daß hier eine gemeinsame Aktion der vier großen jüdischen Organisationen das Gebotene wäre, nämlich der ״B’ne Brith“, der ״Jewish (Kolonisation Association“, der ״Alliance Israelite“ und der Zionistischen Organisation. Welche von diesen großen Körperschaften in der Frage auch die Führung nehmen möge, es wird ein unvergängliches Verdienst sein, an dem auch die anderen ihren Teil werden beanspruchen können, je nach ihrem Anteile an der Arbeit. Von der zionistischen Palästinakommisiion Herr Dr. Eder, der hach der Rückkehr Dr. Weizmanns nach England den Vorsitz in der zionistischen 'Palästina-Kommission führte, hat sich Wegen der Erkrankung seiner Gattin gezwungen 'gesehen, Palästina für einige Monate zu verlassen. An seiner Stelle übernimmt den Vorsitz der Palästina-Kommission Herr L e w in - E pst e in. Abonniert auf die ,Jüdische Rundschau״

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