Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 14 (21.2.1919)
- Date
- 1919-02-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Es wird empfohlen, die Mitglieder beim Eintritt darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich der künf tigen Form des Bodenbesitzes im Lande unterordnen müssen. Die Hechaluz-Bewegung in Deutschland Je näher der Zeitpunkt rückt, da die Besiedlung Palästinas in größerem Maßstabe vor sich gehen kann, um so notwendiger wird für die, denen Erez-Israel nicht nur ein Symbol, sondern wirkliches Ziel ist, sich geistig ׳und körperlich auf das Leben in Palästina;inzustellen. Diese Umstellung von einer europäischen, n zivilisatorischer Hinsicht sehr hochstehenden Atmospliäre in eine in den meisten Lebensbedingungen umbekannte, verhältnismäßig primitivere Welt ist nicht leicht. Große Hemmungen äußerer und innerer Art werden zu überwinden sein, und die ersten des Volkes, die nach dem verheißenen Lande zurückkehren, werden im wahrsten Sinne des Wortes Pioniere sein müssen. Aus diesem Ideenkreis heraus erstand die Heehaluzbewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, ein neues, junges Geschlecht hcranzuzichen, das bereits in der Diaspora sich in geistiger, körperlicher und beruflicher Hinsicht so ausbildet, daß es fähig ist, den großen Aufgaben als Chaluzitn gerecht zu werden. Wer der Hechaluzbewegnng beitritt, wird verpflichtet, mit allen Kräften und aller Energie seine Ausbildung vorzunehmen und sich zu erziehen. Nur der kann in die Hechahrzgruppe eintreten, dem es um seine Ueber- Siedlung nach Palästina tiefster Ernst upd heiliger Wille ist. Der Heehaluz in Berlin fordert nunmehr hiermit sämtliche Chaluzim in Berlin sowie in ganz Deutschland auf, sich der Organisation des Heehaluz anzuschließen, sich auf Grund des Statutenentwurfs, von dem die wichtigsten Paragraphen unten wiedergegeben seien, zu organisieren und zwecks Aufstellung von neuen Listen ihre Adressen bzw. die Adressen der Gruppenleitungen mitzuteilen, auch derjenigen, die dies auf Grund früherer Aufforderungen schon getan haben. Die Versammlung des Berliner Heehaluz hat ferner beschlossen, im Anschluß an die Palästinatagung Se Sterh 11er Zionistischen Vereinigung für Deutschland Ende März eine deutsche Delegiertenkonferenz des Heehaluz abzuhalten. Zu diesem Zwecke fordert der ״Heehaluz“ sämtliche Chaluzgruppen auf, sich in dieser Angelegenheit in Verbindung mit ihm zu setzen, Wahlen vorzunehmen und die Namen der Delegierten mitzuteilen. Alle Mitteilungen sind an Fräulein Ch. Michaelis, Berlin, Kraußnickstr. 1, zu richten. Ehe Berliner Mitglieder des Heehaluz werden ge- , , ■beten, die Höhe ihres Mitgliedsbeitrages (Statuten § 17) cnafteil gleichzeitig mit ihrer Beitrittserklärung anzugeben. Der Berliner ״Heehaluz“ versammelt sich jeden 2. Sonntag in den Räumen des ״Hapoel-HazaIr“, Rosenthalerstr. 16/17. Das Thema des Abends wird jeweilig in der ״Jüdischen Rundschau“ bekanntgegeben. Die nächste Versammlung findet am 2. März statt. Die provisorische Leitung des ״Heehaluz“ besteht aus: B. Krupnick, Frau Dr. M e i s e 1 - Scho ch a t, Frl. Ch. Michaelis, Israel Reichert, Werner Rosolio, S. Rubaschow, Erich Schragenheim. Aus dem Statutenentwurf für den ״Heehaluz“ in Deutschland seien folgende Paragraphen angeführt: 1. Zweck des ״Heehaluz“ ist, als Vorhut der jüdisehen Einwanderung nach Palästina zu gehen und das Land für das Volk durch die Sicherung einer gesunden, nationalen und sozialen Basis vorzubereiten. 2. Mitglied des ״Heehaluz“ kann jeder Jude werden, der in Palästina nich niederlassen und von seiner eigenen produktiven Arbeit leben will. 5. Jedes Mitglied ist verpflichtet, die hebräische Sprache zu erlernen und die Herrschaft des Hebräischen in Palästina anzuerkennen. 6. Jedes Mitglied ist verpflichtet, spätestens drei Monate nach seinem Eintritt den Nachweis zu erbringen, daß es die Vorbereitungen zu seiner Ausbildüng und zur Erlernung des Hebräischen trifft; es sei denn, daß er einen Beruf hat, der ihm ermöglicht, den Forderungen des ,,Heehaluz“ nachzukommen, und hebräisch kann. 12. Die Leitung hat sofort nach der Meldung der Mitglieder betreffs Beendigung ihrer Ausbildung Schritte zu unternehmen, um ihnen Arbeitsgelegenheit in Palästina nachzuweisen. 15. Der ״Heehaluz“ gründet einen Fonds, der zu den Uebersiedlungskosten der Mitglieder sowie zu deren Unterhalt bis zu der Zeit, wo sie Arbeit finden, nach Ermessen der Leitung beiträgt. 17. Jedes Mitglied zahlt monatlich einen Beitrag nach dem Prinzip der Selbstbesteuerung. 21. Der ״Heehaluz“ in Deutschland bemüht sich, mit den Hechaluzorganisationen in andern Ländern Wecks Schaffung eines Weltverbandes des ״Heehaluz“ in Fühlung zu treten. Der genaue Entwurf der Statuten wird auf Wunsch jedem Mitglied zugesandt. Vorbereitung der russischen Juden für Palästina und Bäte- Einige Palästina-Gesellschaften in Petrograd Moskau mit den Aktiengesellschaften ״Habone“, ״- Menucha“ und ״Raanonja“ an der Spitze haben sich *Usammengetan, um in Palästina eine ganze Reihe von Häuserbauten vorzunehmen. Sobald es möglich ist, ®ollen im Aufträge dieser Gesellschaften etwa 50 In- JUIDISCHE RUNDSCHAU Seite 101 genieure und Techniker nach Palästina gehen, um die geplanten Bauten in Angriff zu nehmen. An den sich zurzeit in Jaffa befindenden Direktor der Gesellschaft ״Habone“, Herrn J. L. Goldberg, sind bereits entsprechende Vollmachten zur Ausführung des Unternehmen« geschickt worden Der Wiener Stadtrat und die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien Daß die Sozialdemokraten Deutsch-Oesterreichs seit langem eine äußerst antisemitische Haltung einnehmen, ist bekannt. Als neueste Aeußerung dieser Gesinnung muß man den Antrag des Sozialdemokraten Neum ann bezeichnen, den dieser im Wiener Stadtrat eingebracht hat. Der Antrag will angesichts der großen Lebensmittelnot den Wiener Stadtrat vor dem Zuzug ״Fremder“ nach Wien warnen. Es handelt sich hier natürlieh hauptsächlich um die jüdischen Flüchtlinge, die während des Krieges vor der Invasion der Russen und zuletzt vor den Polenpogromen nach Wien geflüchtet sind. Tatsächlich hat nun das Staatsamt des Innern beschlossen, vorn 15. März ab die Auszahlung der Unterstützung und die Tätigkeit des Flüchtlingsamtes einzustellen. Zu gleicher Zeit sollen 20000 jüdisehe Flüchtlinge wieder zurücktransportiert werden. Hierin liegt eine unerhörte Grausamkeit, wenn man bedenkt, daß Galizien noch immer der Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen Polen und Ukrainern ist, daß Galizien selbst in einem wirtschaftlich äußerst schlechten Zustande ist, und daß der sinnlose Haß der Polen gegen die Juden ein Ende der Pogrombewegung noch nicht absehen läßt. ^u111m1111i!1mu1mflu1111111u1u111ntnMR111t111H11111111muH111111y1im1i1m>111i1ttmm1,i1uib(HH1tmw1ng | Zionistische Volkssozialistische Partei 1 I HAP0EL HAZAIR ♦ Groppe Berlin 1 § ■ .. §= | Mittwoch, den 26. Februar, 7 Uhr, § H veramtaitoo wir im 3 3־ Rosenthaler Hof, Rosenthaler Str. 11-12, eine 3 SS 3S | öffentliche Versammlung j | Thema: Palisthia and die jüdische Arbeiterschaft | ~ Referenten: §§ 3 Chawerim Lin (Berlin), N. Ben-Nathan (Heidelberg). || H - Freie Aussprache - § lllUM^lHIHUMMVIMMIHHWinMlUURlIlllinHllllMll Die gehässige Haltung der Wiener Hochschulen gegen die ״ausländischen Studenten nichtdeutscher Nationalität“ Ein langersehntes Ziel der deutschen Studenten Wiens sind die judenreinen Hochschulen. Bereits Ende vorigen Jahres hatten die deutschen Studenten den Ausschluß aller ״nichtdeutschen Akademiker“ von der mit jüdisehen Geldern geschaffenen und erhaltenen Mensa-Akademiker und dem von jüdischen Studenten gegründeten Wirtschaftsverband gefordert. Anfang Februar hatten sie es glücklich durchgesetzt, daß der akademische Senat eine Bestimmung herausgab, daß ״ausländische Studenten nichtdeutscher Nationalität“ die Wiener Hochschulen nicht mehr besuchen dürften. Natürlich hatte man nicht den Mut, in das Dekret das Wort ״jüdisch“ hineinzusetzen. Tatsächlich wurden aber durch diese Verordnung nur Juden betroffen. Ueber 1000 nichtdeutsche Studenten hätten ihr Studium abbrechen müssen. Alle Vorstellungen der jüdischen Studentenschaft blieben vom akademischen Senat zunächst unbeantwortet. Bezeichnenderweise benutzten die deutschen Studenten die Trauer fei er für die in Marburg gefallenen Deut sehen, um diesen neuesten Ukas der Wiener ״alma mater“ bekannt zu geben. Hierbei bot sich das widerwärtige Schauspiel, daß die deutsch-freiheitlichen Studenten, die fast durchaus aus Juden bestehen, sich durch ihr Bekenntnis des Ekels, den sie neben galizischen Juden empfänden, besonders hervortaten. Die jüdische Studentenschaft gab sich mit dieser unerhörten Maßnahme natürlich nicht zufrieden. Eine aus allen Kreisen der jüdischen Studentenschaft zusammengesetzte Delegation begab sich zum Staats- Sekretär Pacher Und zum Staats-Kanzler Dr. R e n 11 e r. Dr. Renner antwortete, daß der Kabinettsrat bereits beschlossen habe, den Erlaß über den Ausschluß ״ausländischer Studenten nichtdeutscher Nationalität“ von den Hochschulen im vollen Umfange wieder aufzuheben,, so daß alle Studenten wieder in der Lage sind, ihf Studium fortzusetzen. Der ganze Vorfall ist äußerst charakteristisch für die augenblickliche Stimmung in Wien. Auf der einer! Seite versuchen die soziaIdemokratischen Stadtväter Wiens, die unglücklichen galizischen Flüchtlinge herauszuweisen, auf der anderen Seite hetzt die deutsch-österreichische Intelligenz in unverantwortlicher Weise gegen die Juden. Ein jüdischer Schriftsteller- und Künstlerverein in Wien Anfang Januar hat sich in Wien eine ״Vereinigung Jüdischer Forscher, Schrift steiler und Künstler, Haruach (De r G e i s t)“ gebildet. Auf national-jüdischem Boden stehend, verfolgt sie einen doppelten Zweck: Ihre Mitglieder in beruflich-wirtschaftlichen Fragen gegen die üblichen Benachteiligungen, die sich im jüdischen Buch- und Pressewesen wie allüberall zeigen, durch geeintes Vorgehen zu schützen und die geistigen Kräfte für die Ziele der jüdischen Bewegung sammeln zu helfen Das erste soll erreicht werden durch die Tätigkeit einer Rechts- Schutzabteilung, für die Syndici bestellt sind, das zweite vorerst durch Schaffung eines Klubheimes, das gesellschaftlichem Verkehr und kulturellen Aufgaben dienstbar gemacht werden soll. Die Vereinigung ״Haruach“ gedenkt ihre Werbearbeit zur Bildung ähnlicher Organisationen auf andere Großstädte jüdischen Lebens wie Prag, Krakau, Berlin usw auszudehnen. Zum Präsidenten wurde Privatdozent Dr. Harry Torczyner gewählt; in die Leitung teilen sich noch der Schriftsteller Jakob K r a u s z und die Malerin Rlanlta L ip s c h ü t z. Anerkennung der jüdischen Nationalität in Mähren Wie bereits in der ״Jüdischen Rundschau“ mitgeteilt, hatten sich bei der Volkszählung in Brünn 5300 Einwohner das ist mehr als die Hälfte aller Brunner Juden — zur jüdischen Nationalität bekannt. Die Bezirkshauptmannschaft in Olmütz wollte aber infolge der Agitation der Deutschen, die die Juden durchaus für sich in Anspruch nehmen wollten, die jüdische Nationalität nicht anerkennen, und so wandten sich die jüdischen V o 1 k s r ä t e in Brünn und Prag an die mährische Statthalterei, die daraufhin beschloß, daß die Olmützer Bezirkshauptmannschaft das Bekenntnis zur jüdischen Nationalität anzuerkennen habe. Volkszählung in Temesvar Dem ״Jüdischen Volksblatt“, Mährisch- Os trau, wird aus Temesvar gemeldet: Bei der hier stattgefündenen Volkszählung haben sich 78 0/0 der jüdischen Bevölkerung zur jüdischen Nation bekannt. Dieses Ergebnis ist der Aufklärung»- arbeit des jüdischen Nationalverbandes für Südungarn, dem sich jetzt eine Kultusgemeinde nach der anderen anschließt, zu verdanken. So hat vor einigen Tagen eine der größten jüdischen Gemeinden des Banats, Lugos, ihren Anschluß an den Nationalverband angemeldet. Einer der bedeutendsten Rabbiner Ungarns für den jüdisch-nationalen Standpunkt Wir erfahren aus verläßlicher Quelle, daß der Hundsdorfer Rabbiner Samuel Rosenberg, der gleichzeitig der Leiter einer der bedeutendsten Talnvudschulen Ungarns ist, sich für die nationale Organisierung des Judentums ausgesprochen hat und zu diesem Zwecke oererts mit anderen Faktoren des oberungarischen Judentums in Fühlung getreten ist. Umwandlungsfähigkeit der Assimilanten Wie wenig die Assimilanten mit der Zeit mitgegangen sind und wie sehr ihnen daher das begriffliche Unterscheidungsvermögen zwischen ״Staat“ und ״Nation“ mangelt, davon zeugt die folgende vom ״J ü - dischen PreßbüroBudapest“ mitgeteilte Kundgebung ungarischer Assimilanten, die schon fast peinlieh grotesk wirkt: ״Die Kultusgemeinde in Zsotaa, eine der assimiliertesten Gemeinden Ungarns, deren Mitglieder sich bisher als intransigante Stockmagyaren Ausgaben, wandten sich nunmehr mit einem Zirkularschreiben an die jüdischen Gemeinden Oberungarns, daß sie ihren Anschluß an das Slovakentum proklamieren mögen. Das Zirkularschreiben wendet sich gegen die aus Prag und Mährisch-Ostrtau ausgehenden Bestrebungen, sämtliehe im Tschecho-slovükisetilet! Staate lebenden Juden auf jüdisch-nationaler Grundlage zu organisieren. Der Minister für die Slowakei, Srobar, erklärte aber einer von der Silieimer Gemeinde entsandten Deputation, daß den Juden des Tschecho slowakischen Staates ihre Minoritätsrechte gewährleistet werden und sich mithin die Erklärung der Silleiner Gemeinde einer Revision unterziehen muß.!Nachstehend teilen wir das dem Rundschreiben beigelegte Erklärungsformullar vollinhaltlich mit: ״Die Judenschlatt der israelitischen Kultusgemeinde luat in ihrer am .... Januar 1919 abgehaltenen General- Versammlung folgenden Beschluß gefaßt: Wir Juden der israelitischen Kultusgemeinde .... identifizieren uns nicht mit den Bestrebungen, daß die Juden im Tschechoslowakischen Staate eine jüdische Nation bilden und politische Minoritätsrechte genießen sollen. Wir sind Juden vermöge unserer Konfession, im übrigen sind wir Slovpken und als solche wollen wir treue Staatsbürger des neuen Staates sein.“ Bekanntlich hat der tschecho-slovakische Minister Srobar auf ähnliche Aeußerungen anderer Gemeinden geantwortet, daß er die Juden nicht als Stovaken, sondein zur jüdischen Nationalität gehörig rechne. Vereinigung der Juden Rußlands Das Kopenhagener Zionistische Büro berichtet aus Kiew; ln Zusammenhang mH den letzten Ereignissen ist in jüdischen politischen Kreisen der Gedanke aufgetaucht, die Tätigkeit der jüdischen Zentralorgane, die in den Einzelstaaten des ehemaligen russischen Territoriums entstanden sind, zu koordinieren. Das jüdische Nationalsekretariat beschloß zu diesem Zwecke, eine permanente Beratung der jüdischen Zentraloigane Großrußlands, der Ukraine, Litauens und Weißrußlands zu schaffen. Diese Beratung soll später eine Vertretung wählen, die bevollmächtigt wäre, im Namen des rußländischen Judentums aufzutreten, um seine nationalen und poHtisdien Forderungen durchzuführen.