Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 13 (18.2.1919)
- Date
- 1919-02-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 99 zungen hineinlegt, ihm oder seinen Kindern zugute kommt. Das ■Gefühl der Bodenständigkeit, die Liebe zur Scholle kann sich bei einem Pächter nicht so leicht herausbilden. Wahrend also unsere altjüdischen Gesetze darauf ausgingen, den freien unverschuldeten Bauern auf seinem Grund und Boden fest zu gründen, haben unsere jetzigen Bestrebungen die Wirkung, das Gefühl, daß der Bauer für sich und seine Nachkommen arbeitet, zu erschüttern. Ich verstehe nicht, .weshalb in der ganzen Diskussion dieser prinzipielle Unterschied bisher nicht beachtet wurde. Eben gelangt der Artikel von Max Rosenfeld ״Soziale Steintafeln“ (Der Jude, Nr. 10) in meine Hände; er zitiert sogar die Stellen aus dem Pentateuch, in welchen von der Agrargesetzgebung die Rede ist, ohne den gewaltigen Unterschied zwischen der wirtschaftlichen, auf Stetigkeit beredtneten und gleichzeitig gerechten Form der altjüdischen Gesetzgebung und der jetzigen Nationalisierungsbewegung zu bemerken, weiche die Gefahr in sich trägt, daß der Boden nicht gut verwertet, daß der Familiensinn gesprengt, das Heimatsgefühl verkümmert wird. Landwirte werden mich verstehen. Für mich ist eine Nationalisierung des Bodens nur diskutierbar, wenn sie in der Weise vorgenommen wird, wie sie im alten Israel bestanden hat, d. 11. sie muß mit den größten Sicherheiten dafür ausgestattet sein, daß der Bauer für sich und seine Familie arbeitet, daß der Boden intensiv bewirtschaftet wird, daß das Gefühl der Zufriedenheit und der Bodenständigkeit sich entwickeln kann. Fragen wir nun, wie ist die Nationalisierung durchführbar, so gibt es zwei Wege: erstens durch Gesetzgebung, zweitens durch Ankauf des Bodens durch die Jüdische Gemeinschaft, ad 1) Es wäre denkbar (politisch zwar unwahrscheinlich), daß ein Gesetz bestimmt, der gesamte Boden Palästinas solle jüdisches Obereigentum sein. Abgesehen davon, daß dies ein politischer Mißgriff wäre, der uns bei den arabischen Bauern und Großgrundbesitzern große Antipathien einbrächte, kann diese Maßregel aus verschiedenen Gründen, auf die ich hier nicht eingehen möchte, keine Folgen haben, wenn die Jüdische Gemeinschaft nicht imstande ist ad 2) den Boden von den Arabern käuflich zu erwerben. Wenn aber die jüdische Behörde über genügend Geldmittel verfügt, um innerhalb der nächsten 30 Jahre den notwendigen Boden käuflich zu erwerben und in Erbpacht zu geben, dann ist obiges Gesetz überflüssig. Wenn aber die oberste jüdische Behörde den jüdischen Bodenbedarf aus eigenen Mitteln zu decken nicht imstände ist (was ziemlich wahrscheinlich ist), was geschieht dann? Der Vernünftige wird antworten: dann muß man den Ankauf zu Eigentum gestatten, um nicht die Kolonisation Palästinas aufzuhalten. Was aber werden die ״Volkssozialisten“ sagen? Hat doch der ״Hapoel-Hazair“ in Palästina bereits Ernten zugrunde gehen lassen, ■weil jüdische Arbeiter nicht vorhanden waren und arabische nicht verwendet werden durften! Hat er doch schon wiederholt erklärt, wenn es nicht nach dem ״Prinzip•'1 geht, dann soll Palästina überhaupt nicht aufgebaut werden! Welche Störungen haben wir von solchen Entweder-oder-Politikern zu erwarten, wenn wir ein Prinzip wie die Nationalisierung des Bodens beschließen, bevor wir uns überzeugt hüben, daß wir die politische Möglichkeit und die Geldmittel hierzu besitzen? Ich schätze die Hemmungen nicht gering ein und warne darum, sich hier auf etwas festzulegen, was praktisch von einer gewissen Gefahr ist und dem Geist sozialer Gerechtigkeit, mit dem wir unsere Siedlung einrichten ־wollen, weder Abbruch zu tun noch Nutzen zu bieten braucht. Auf Privatinitiative sind wir für die Entwicklung des Landes durchaus angewiesen. In jedem Falle, auch in dem Fall der Erbpacht, weil wir zwecks Ausbildung und ökonomischen Fortschritts Mittel- und Großbauern notwendig brauchen. Von der Privatinitiative erhoffen wir uns sowohl in der Landwirtschaft wie im Handel und "m der Industrie großen Fortschritt. Es waren Privatkapitalisten, die zuerst nach Palästina gingen und die alle bis heute noch keine reichen Leute geworden sind. Privatleute haben die Erfahrungen gesammelt, auf denen wir heute weiter bauen wollen. Uns erscheint ein Mensch nicht deshalb besonders wertvoll, weil er kein Vermögen besitzt, Und umgekehrt. Ebenso erscheint es uns nicht ehrenvoller, von Staats wegen angesiedelt zu werden, als sich auf eigene Kosten anzubauen. Für Palästina brauchen wir Leute, die nach anderen Maßstäben gemessen werden. Uns ist jedermann willkommen, den heiße Sehnsucht hinübertreibt und der drüben ernsthaft arbeiten will. Ueber Indt1$riemöglid!kei־:en haben einige Leute, besonders in Europa und Amerika, ganz phantastische Vorstellungen. Alle gründlichen Palästinalcenner glauben, daß in der Industrie in den nächsten Jahrzehnten nur mit einem bescheidenen Aufschwung zu rechnen ist. Sie etwa künstlich zu erzeugen durch Hoch Schutzzölle oder durch besondere Zuwendungen, halte ich heute für unangebracht, wo wir jeden Pfennig und jede Kraft für die Landwirtschaft oder ihr nahestehende Betriebe benötigen. Sollte sich Industrie entwickeln, dann muß die jüdische Behörde dafür Sorge tragen, daß die Arbeiter in Form von Gartenstadtsiedlungen untergebracht werden, daß jeder in seinem Häuschen und in seinem Garten wohnt. Dadurch werden die Arbeiter der Industrie gegenüber auch konkurrenzfähiger gemacht, und dieser Umstand sowohl wie die Möglichkeit der Ansiedlung in der Landwirtschaft werden regulierend auf <fie palästinensische Industrie wirken, derart, daß der Unternehmer nur den ihm zustehenden Unternehmergewinn, jedoch keine» toermälligen Mehrwert Me mkem Betrüb herauswirtschaften kann. Ein Gebiet, das bisher leider nicht in der öfk-ntliehen Diskussion steht, und auf dem sehr schwer gesündigt wurde, ist die Hygiene und das öffentliche Gesundheitswesen. Ich werde an anderer Stelle darauf zurückkommen; hier will ich nur die Forderung nachdriiekiieh erheben, daß keine Gegend besiedelt werden darf, ohne vorher saniert zu sein. Fassen wir das Gesagte .kurz zusammen, so ergeben sieh folgende Punkte: 1. Die Rückkehr der Juden in das Land ihrer Väter dient vor allem andern dem Entstehen eines neuen starken Judentums. 2. ״Wie der Eingeborene, sei Euch der Fremdling" (Araber). 3. Die Besiedelung Palästinas soll schnell, aber planmäßig erfolgen; ihre Grundlage ist eine breite bäuerliche Siedlung. 4. Jeder Landarbeiter, der den Nachweis genügender Ausbildung erbringt, hat das Recht, von Staats wegen angesiedelt zu werden. 5. Die Privatinitiative soll nach Kräften gefördert werden. 6. Bodenspekulation, Entstehung von Großgrundbesitz sind durch gesetzliche Maßnahmen zu verhindern, wie überhaupt die Siedlung von dem altjüdischen Geiste sozialer Gerechtigkeit bestimmt werden soll. 7. Eine Nationalisierung des Bodens ist zu verwerfen, sofern nicht die Gewißheit besteht, daß sie ,politisch wie finanziell durchführbar ist. Ist sie möglieh, dann darf sie nur in der altjüdischen Weise durchgeführt werden, wobei die Stetigkeit des Bodenbesitzes gewährleistet und die vorbildliche jüdische Familieneinheit und Erziehung geschützt wurde. 8. Für das Land wird ein Arbeiternormalvertrag geschlossen. 9. Die Industrie wird durch staatliche Mittel nicht gefördert, sofern sie nicht eine Notwendigkeit für die Landwirtschaft ist. Industrie soll von vornherein mit Gartenstadtsiecüungen verbunden werden. 10. Keine Besiedlung von Gegenden ohne vorherige Sanierung. 1 Ich habe aus den brennenden Tagesfragen einige der wichtigsten herausgeholt und versucht, für sie in sozialer und vernünftiger Weise eine Lösung zu finden. Die Vorschläge basieren auf meiner Kenntnis Palästinas, seinen Möglichkeiten und auf meinem Palästina-ldeal. Ich schmeichle mir nicht, in diesen Lösungen etwas Einzigartiges oder Endgültiges vorztischlagen, wir wollen alle anderen Vorschläge prüfen, die von Vernunft, Verantwortungsgefühl und ernsthaftem Aufbauwillen eingegeben sind. Aber die Vernunft, den kritischen Verstand vermisse ich vielfach in unseren öffentlichen Diskussionen, und ihn aufairufen soll auch ein Zweck dieser Ausführungen sein. Wer für vernünftige und geordnete Arbeit in Palästina ist, der wache auf und trete energisch dafür ein. Wer dagegen ist, daß in Palästina Terror und Chauvinismus wieder erstehen und Pflug und Hacke zum Stillstand bringen, der erhebe sich und rühre sich. Jeder von Euch ist für die Entwicklung unserer Kolonisation mit verantwortlieh, denn in Eurer Hand liegt es, sie entweder Leuten zu übertragen, die sie unbarmherzig in den Sumpf reiten werden, oder Männern anzuvertrauen, die sie mit Vernunft, Sachkenntnis und Jüdischem Geiste durchführen werden. Der 15. Sch’wat in Palästina Der 15. Sch’wat wurde in Palästina wie immer als jüdisches Nationalfest gefeiert. An den Feierlichkeiten nahmen die englischen Militärbehörden und der Gouverneur von Jerusalem teil, der eine h e b r ä i - sehe Ansprache hielt. Hapoel-Hazair nnd Sozialismus Auf der letzten Konferenz des Hapoel-Hazair in Jaffa kam es bei den Verhandlungen über die Programmfrage zu scharfen Meinungsäußerungen. Seit einiger Zeit machte sich nämlich innerhalb der Organisation eine Strömung geltend, den Sozialismus als einen offiziellen Punkt in das Programm aufzunehmen. Die Vertreter dieser Forderungen begründen dies damit, daß sämtliche Mitglieder der Organisation ja ohnehin dem Sozialismus huldigen und sich als solche in den Dienst der Wiedergeburtsiidee des jüdischen Volkes und Landes stellen. Die Tatsache, daß der Sozialismus offiziell im Organisationsprogramm nicht erwähnt wird, gibt vielfach zu Mißverständnissen Anlaß, die den Gegnern aus den Arbeiterkreisen eine dankbare Waffe in die Hand geben, den Hapoel.- Haza'ir als eine antisozialiistische Bewegung zu bezeichnen. — De Forderung der offiziellen Erklärung der Organisation als eine sozialistische hat eine starke Gegnerschaft hervorgerufen. Der Delegierte Ben-Jakob hielt die offizielle sozialistische Abstempelung der Organisation als dem Geiste des Hapoel-Hazair widersprechend. De Grundläge des HapoölHazair ist das Pioniertum, die Auf- Opferung lier eigenen Interessen zugunsten des Arbeitsideals. Nicht der Lohn sei das maßgebend«, «sondern die Schaffung der Arbeit. 30 Mitglieder der Organisation waren als Landarbeiter in der Kolonie Sichren Jakob tätig, sie erhielten eiinen TageSWm von 1 BiSchHck, <fcr nicht einttM für das trockene Brot ausrekhte, und fflfußfln MgisgBgdi Hänger leiden. Als nun Ihnen den Vorschlag machte, nach de# Kolonie Chedera unter weit günstigeren Bedingungen zu gehen, haben sie es ein• stimmig abgelehnt. Nicht wegen der günstigen Bedingungen nehmen sie die Arbeit in diesem oder jenem Orte auf, sondern wegen der Grundlegung der jüdischen Arbeitsmöglichkeiten an gewissen Plätzen, Es sei doch allen klar, daß die Kolonie Sichren Jakob nur deswegen auf einem so niedrigen Niveau steht, weil es ihr an Arbeiterpionieren fehlt, die dem ideal der jüdischen Wiedergeburtsidee treu ergeben sind. Der Redner findet es eigentümlich, daß der Hapoel-Hazair plötzlich als eine sozialistische Organisation auftreten solle. Der Delegierte Sassl aws'ki erklärte: ״Wir kamen hierher nicht als Proletarier, sondern als Pioniere. Unser Prinzip war bisher, unter Umständen mehr als die vereinbarte Arbeitszeit zu arbeiten, nur um das Höhere und Schöpferische der jüdischen Arbeit zu demonstrieren. Zerstören wir dieses Prinzip, so untergraben wir den ״Hapoel-Hazair“. IX■ r Delegierte S c ho c h a t erklärte: ״Das Pioniertum ist die Seele unserer Arbeit. Wir haben im Lande noch nicht die Bedingungen, um ein Proletariat aufnehmen zu können. Das Land ist wüst. Unsere einzige Aufgabe ist die: Von der Stadt in das Dorf zu gehen, sich an die schwierigen klimatischen Verhältnisse zu gewöhnen, zu fiebern, zu leiden, um nur nicht die Hilfe der öffentlichen Institutionen anzunehmen.“ Eine sehr scharfe Rede gegen die Aufnahme des sozialistischen Prinzips in das Programm hielt einer der angesehensten Arbeiterführer Elieser Jaffe. Der junge Dichter Ziegel trat für das sozialistisehe Programm ein. ״All die sozialistischen Forderungen haben ihren Ursprung nirgends anders als in unseren heiligen Quellen, in unserem Volksgeiste, im Geiste unserer Propheten und Denker. Es muß unser Sozialismus sein.“ Auch die weiteren Gegner des sozialistischen Programms erklärten einstimmig: ״Niemand von uns ist ufut kann ein Gegner des Sozialismus sein; aber wir wollen unser Pionierideal nicht durch Programme und Paragraphen einschnüren. Es soll ein freier Geist in unserer Arbeit herrschen.“ Für die Aufnahme des sozialistischen Programms sprachen sich insbesondere de Delegierten Feldmann, Frankel,Temkin.Schapiro aus. Einige Delegierte schlugen der Konferenz bereits ausgearbeitete Programme und Resolutionen vor. Die Konferenz beschloß aber, sämtliche Resolutionen und Programme den galiläischen und judäischen Komitees des Hapoel- Hazair zu übermitteln, hu Verlaufe von zwei Monaten sollen sämtliche Vereine und Gruppen im Lande die Möglichkeit haben, über die vorgeschlagenen Re so lution zu beraten, damit die im Monat Adar fl stattfindende Konferenz ihre Entscheidung treffen kann. Die zukünftige Verwaltung Palästinas Das ״Kopenhagener Zionistische Büro“ berichtet folgendes: ״Der ״Manchester Guardian“ vom 11. Februar enthält einen Bericht seines Londoier Korrespondenten über Besprechungen in der Frage des zukünftigen Gouverneurs von Palästina, die in London abgehalten wurden, da man dort die britische Sachwalterschaft als sicher erwartet. Die Ernennung des Generals AHenby, der bekanntlieh für das jüdische Palästina ein warmes Interesse hat, ist wahrscheinlich. Falls «Mesopotamien und Palästina einem gemeinsamen Gouverneur unterstellt werden, soll der frühere englische Minister Herbert Samuel (der sich bekanntlich der zionistischen Organisation angeschlossen hat), zum Vizegouverneur (governor assistänt) für Palästina vorgeschlagen werden, Dr. Max Rosenfeld gestorben Wie uns in letzter Stunde mitgeteilt •wird, ist der poale-zionistische Führer R.-A. Dr. Max Rosenfeld, der soeben bei den Wahlen zur polnischen National- Versammlung in Cholm gewählt worden war, auf der׳ Reise zur Sozialisten-Konferenz in Bern während seines Aufenthaltes in Wien an der Grippe gestorben. Wir behalten uns vor, auf die Persönlichkeit Dr. Rosenfelds, dessen Arbeiten über die jüdisch-nationale Autonomie von grundlegender Bedeutung sind, noch in der nächsten Nummer der ״Jüdisehen Rundschau“ des näheren einzugellen. Die Pogromopfer von Berdyczew | Die in Berdyczew erscheinende russische Zeitung ״Nascho Sk>wo“ bringt in ihrer Nummer vom 11. Ja», folgende Aufzählung der bis jetzt festgestellten Opfer des furchtbaren Pogroms vom 5. Jan.: ״Nutz, 25 Jahre alt, M. Fischsohn, 17 Jahre, L. Händler, 51 Jahre, E. Roschitzki, 55 Jahre, Frau N. Sawilanska, 60 Jahre, N. Bistritzk», 30 Jahre, S. Kuschinir, 32 Jahre, M. Gurwitz, 40 Jahre, A. Blitstein, 40 Jahre, M. Weinstein, 56 Jahre, L. Mansohn, 70 Jahre, R.-A. Bursch־ tin aus Rowno, 40 Jahre, W. Waldmann aus Romanow, 48 Jahre, F. Bolechower, 61 Jahre. Im1 jüdischen Spital befinden sich: L. Le wi n, L. Sa we־ linski, verwundet. Seinen Verletzung erlegen ist Ouretzki. Außer diesen wurden getötet: der Postbeamte Artelma tschuk und der Sc&tuspieler Bogdanou. Ein Verzeichnis der weiteren öpler wird jetzt zusammengestellt.“