Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 12 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Jeder kann nach seinem Wunsche leben, wenn er nur damit der polnischen Staatlichkeit keinen Schaden zufügt. Das polnische Volk, das viele Jahre unterdrückt war und nioht die Möglichkeiit hatte, seinen Willen kundzugeben, wird die Freiheiit derjenigen zu schätzen wissen, deren Schicksal mit dem seimgen verknüpft ist. Polen war von jeher ein Synonym von Freiheit, seine Fahne flatterte überall, wo es sich um Freiheit und tlnabhänggikeit handelte, es blieb stets seinen Traditionen treu und wird deshalb seine ruhmvolle große Vergangenheit nicht beflecken. Es wird all diejenigen an sich ziehen, die bei ihm Schutz und Gerechtigkeit -!:dien. Ich warne datier, daß alle Gewalt und WUlkürtaten, die gegen die jüdische Bevölkerung gerichtet sind, sowohl seitens der Verwaltungsorgane, als von Zivil- Personen mit der ganzen UnVoreingenommenheit und Strenge des Gesetzes untersucht und, bestraft werden. Im freien Polen gibt es keinen Platz für Ungerechtigkeit, Gewalt und Willkür. Miniister des Innern, gez. S Woizechowski. Englische Bestätigung der polnischen Pogrome Die Londoner ״Times“ erhielt jetzt erst ihren ersten Eigenbericht über die polnischen Pogrome. Dieser bestätigt die Beihilfe von Militär und Zivilbehörden bei den Angriffen, ferner die Auflösung der jüdischen Selbstwehr durch den Kommandanten von Krakau. Der Bericht bestätigt die Pogrome, die Anfang Januar in Wloclawek und Janow stattgefunden haben. Im ganzen haben nach diesen Berichten im November m HO Orten Pogrome stattgefunden. In Kielce wurden 250 Juden verwundet und 4 getötet, in C h r z a - 11 o w wurden Jüdinnen gezwungen, bis zum Halse durch eiskaltes Wasser zu gehen. In Nyanice und Lapy ließ der Kommandant 132 Juden öffentlich peitschen. Die ״Times“ erhebt dann schwere Vorwürfe ״egen die Polen, tadelt auch England und betont die Verantwortlichkeit des Völkerbundes für seine Schützlinge. Von denjenigen Staaten, die von äußeren Feinden nichts zu befürchten haben, müsse Gerechtigkeit ge-!ordert werden. Pogrom der Polen In Rozana Folgender Bericht geht uns von durchaus glaubwürdiger Seite zu: ״Am Mittwoch, den 29. Januar, morgens um 6 Uhr, hielten 1500 polnische Legionäre mit Maschinengewehren ihren Einzug in Rozana bei S1 o n i m (Gouv. Grodno), nachdem, sie in die Nähe der Stadt eine kleine bolschewistische Abteilung zurückgedrängt hatten. Beim polnischen Pfarrer fragten sie an, wer die Bolschewisten seien und erhielten von ihm die Antwurt: ״Alle jungen Juden.“ Tatsächlich wurden dann nadh Einschreiten des Pfarrers alle Einwohner, die sie als Bolschewisten gefangen genommen hattet — unter diesen befand sich auch der Chef der bolschewistisehen Miliz — freigelassen, soweit sie nicht jüdiscli waren. Um 7 Uhr begegneten der Bande 12 Juden, von denen die Mehrzahl auf dem Wege zum Morgen- Gottesdienst waren und den Talles unter dem Anne trugen. Auf diese Juden stürzten sich die Legionäre, schlugen sie mit den Kolben und stellten sie an die Wand gegenüber der polnischen Kirche in 4 Reihen zu je 3 Mann auf, um sie zu erschießen. 6 blieben tot, I schwer verwundet, 2 leicht verwundet und 3 unverletzt. Ke Namen der Erschossenen sind: Chaim Ges c h e 1 e w i t z, Schneider, 40 Jahre alt; er hüllte sich in »einen Talle« und wurde so von den Legionären erschossen; üscher Pitkowski, Schneider, 42 Jahre; Schammai Kamenietzki, 20 Jahre; Jakob Ser»c zek, 25 Jahre, und Bairach Ab, russische Kriegsgefangene, Joseph Sokolowski. Ke Verwundeten sind: Herschel Rosenschein, Kriegsgefangener, Joseph Liskowski, Arbeiter, Katog (ohne Vornanien), Arbeiter. Nach diesem Mord fand ein allgemeiner Pogrom statt, der den ganzen Tag währte, und bei ‘Win die polnische Bevölkerung der Stadt den Angeber spielte und sich lebhaft beteiligte. Geld, Ware, Vieh wurde geraubt und fortgeschleppt. Kese Horden polnischer Legionäre standen unter äcut Befehl des Rittmeisters Dombrowski, unter de» Offizieren befand sich eiin reicher Gutsbesitzer Sehe n. Der Name des ״menschenfreundlichen“ Pfarrers ,st Sameczik. Keselbe Abteilung hatte vorher Zeladok, Dereczyn und Osernitza heimgesucht und dort gleiche Schandtaten verübt. Von Rozana zogen sie weiter nach Prushany, um dort ihre ©reudtaten fortzusetzen. Ke Stadt ist bereits von JU EDI SC HE RUNDSCHAU ihnen genommen worden. Es steht;1bsoh.1t fr-U, tu!!’, die Ermordeten nicht das geringste mit den iiokdrewisten zu tun, noch ir״en-h״t.'l״ho F -T1 i;■ I’i׳!׳m \e;I 1 .1,. So bemerkenswert an sich die Tatsache ist, dal] sich Midlich die polnische Regierung dazu herbeiläßt, sich in einer offiziellen Kundgebung gegen Tue Pogrome zu wenden, so sehr muß die Form befremden, in der sie von den furch!barsten Verfolgungen eines Volkes, die die Geschichte kennt, spricht. Zweifellos liegt in dieser Kundgebung ein gewisses Eingeständnis der Pogrome, daß seine entscheidende Ergänzung in der Bestätigung der Pogromnachrichten von objektiver, nichtjüdischer, englischer Seite erhält. Der Bericht der ,,Times“ wird allen, die durch die Dementis und die Manöver der Polen, besonders des Herrn Dmowskis, irregeführt waren, beweisen, daß die ersten Nachrichten über die Pogrome auf voller Wahrheit beruhen. Das Manifest, das wohl hauptsächlich für die Friedenskonferenz und die Entente bestimmt ist, bekundet zwar den Willen zu einer gewissen Energie gegenüber neuen Pogromen, aber selbst wenn wir annehmen, daß es der polnischen Regierung mit ihrem Willen zur Gerechtigkeit ernst ist, fällt es schwer au glauben, daß durch diese eine Kundgebung eine große Wirkung ausgeübt werden wird. Der Haß, der von allen Schichten der Bevölkerung seit Jahrzehnten gegen das jüdische Volk gezüchtet wurde, ist zu stark, als daß ein Manifest ihn tilgen könnte. Ke Nachricht über die neuerlichen Ausschreitungen in Rozana beweisen das aufs beste. Vielleicht bedeutet das Manifest einen Anfang, die Hauptaufgabe aber wird der Friedenskonferenz zufallen, die sich von den Men Garantien geben lassen muß, die dem jüdischen Volk in Polen völlige Sicherheit und alle ihm als nationaler Minorität zustehenden Rechte gewährleisten. Aus der Ukraine Pogrom e. — Das Jüdische Ministerium. — Die Sozialisten. Wie das ״Zionistische Büro“ in Kiew mitteilt, ist die jüdische Lage in der Ukraine sehr traurig. Das Nationalsekretariat erhält Briefe und Nachrichten aus vielen Städten, wonach die Pogrome von der! Soldaten der u kr ainisc 11 enArmee, oft unter Nachsicht der Behörden, verübt wurden. Sofort nach den ersten Pogromnadirichten wandte sich das Nationalsekretariat an die Regierung mit den entsprechenden Vorstellungen, die aber nicht 7u den erhofften Ergebnissen geführt hat»««.. Dt״ Pogrom welle schlägt immer höher. 1 n mehr als. 40 Städten haben bereits Pogrome stattgefunden. Besonders grauenh af t waren die Ausschreitungen in den großen jüdischen Zentren Berditschew und Schitomir. Zwar veröffentlichte das IV•• ktorium einen (von der ״Jüdischen Rundschau“ bereits mitgeteilten) Armeebefehl gegen die Pogrome, aber auch dieser Befehl hatte ja einer! fast antisemitischen Schluß, in welchem er die jüdische Demokratie auffordert, sie möge endlich mit den anarcho-bolschewistischen Eiementen aufräumen. Die nicht verwirklichten Versprechungen der Regierung und die permanenten Pogrome tragen begreiflicherweise dazu bei, die aufgeregte Stimmung der jüdischen Bevölkerung noch zu steigern und Mißtrauen gegen die Regierung zu wecken. Am 12. Jan. versammelte sich in K i e w die engere Rada der ukrainischen Judenheit, der permanente Hauptausschuß der Jüdischen Rada, zu einer außerordentlichen Sitzung. Zunächst wurden die Maßnahmen, die von der Regierung zur Verhütung weiterer Pogrome in der Ukraine getroffen worden sind und getroffen werden sollen, besprochen. Vom Präsidenten der Berdyczewer Gemeinde, Herrn L i p e 11, wurde ein Bericht über die fürchterlichen Ereignisse in Berdyczew erstattet. Nach diesem Bericht wurde der Pogrom in Berdyczew von dem sogenannten Todesbataillon, an dessen Spitze der Oberst Pa H steht, verübt. Nach den Reden der Herren L at zki und Mcrcmins k v wurde dann einstimmig folgender Beschluß gefaßt: 1. Ke jüdisch« Bevölkerung protestiert kategorisch gegen die Gewalttaten, denen die Juden ausgesetzt sind. 2. Diese Gewalttaten bilden nicht nur für die jüdische Bevölkerung, sondern auch für das ukrainische Staatswesen eine Todesgefahr. 3. Die jüdische National- Versammlung protestiert entschieden dagegen, daß die Pogrome als Staatsgeheimnis betrachtet werden und in der Presse Näheres nicht zugelassen wird. 4.* Ke Erklärung des Direktoriums ist auf keinen Fall befriedigend. 5. Die jüdische Bevölkerung fordert dringend Maßnahmen, um den Pogromen Einhalt zu gebieten. 0. Die Nationalversammlung fordert die ganze ukrainische Demokratie auf, sich mit aller Energie gegen die furchtbaren Gewalttaten gegen die Juden zu wenden. Sodann behandelte die enger« Rada die Frage des jüdischen Ministeriums. Bekanntlich haben die Bund i s t e n und die ״Vereinigte n“ die jüdische Rada verlassen und erkennen sie nicht mehr an. Ke P o a 1 c - Zion dagegen sind nur aus der engeren Leitung ausgeschieden, während sie die Rada auch ferner anerkennen. Ke neue sozialistische Regierung der Ukraine, die auch im ukrainischen Leben keine ausschließlich bürgerliche anerkennt, beschloß daher, ein jüdisches Ministerium aus der Mitte der jüdischen sozialistischen Parteien zu errichten. Ke Zionisten und die Orthodoxie Seite D״ der jüdischen Rada betrachteten 1111׳ ‘ .'״״•’•■•'! '■■«••׳ Rc•.•״■; ־ •״:■:'.״• \d /;; :• ,•;: . .׳.; : ' ■: d״ •,v.i...acn d,־.׳ Au de!ז, daß im In!eresse der jüdischen Autonomie, die unter allen politischen Umständen ihre Verwirklichung finden nuili, der Vorschlag der Regierung, der aus allgemein prinzipiellem Grunde nicht an die lediglich aus bürgerlichen Parteien zusammengesetzten engeren Rada gerichtet werden konnte, nicht abgelehnt weiden dürfe. Daraufhin wurde der P o a 1 e - Z i 0 n i s t Rewutzky von der ukrainisehen Regierung zum Minister für jüdische 'Angelegen• heiten ernannt. Zu dieser Tatsache nahm 'die Sitzung der engeren Rada Stellung. Herr Klein!« a n 11 berichtete über die Unterhandlungen, die durch das ׳National sekret a r i a t, de r E x e k u י i v e d e 1׳ j!ui i: h 1 u Rada, mit dem ukrainischen Direktorium gepflogen worden sind, und über das Memorandum des National- Sekretariats über die Beziehungen zwischen den 'jüdisehen autonomen Institutionen und der Regierung. Dj die sozialistische Regierung, ohne mit der engeren Rada zu verhandeln, und ohne ihre Wünsche zu beachten, den jüdischen Sozialisten, Herrn Rewutzky vor! der Poale-Zk«! /um jüdischen Minister ernannt hatte, naiun die Versammlung folgenden Beschluß an: ,,Die engere jüdische Rada erhebt scharfen Protest gegen die Gewalttat, die in bezug auf die autonomen Rechte der jüdischen Nation begangen worden ist, indem ohne Wissen und Zustimmung der prov sorls her» Nationalversammlung und ihrer höchsten Organe der Minister für jüdische Angelegenheiten ernannt worden ist Die Nationalversammlung erklärt I., daß sie die Annähme des Amtes eines jüdischen Ministers gegen den ausdrücklichen Willen des jüdischen Volkes als Verbrechen gegenüber dem organischen Aufbau und den Grundlagen der jüdischen Autonomie betrachtet. 2. Daß die Nationalversammlung als die gesetzlich gewählte Vertreterschaft der jüdischen Nation in der Ukraine den ernannten jüdischen Minister nicht als den Vertreter der jüdischen Bevölkerung anerkennt, 3. Daß das einzige höchste exekutive Organ der jüdischen Autonomie das von der Nationalversammlung gewählte National- Sekretariat bleibt. 4. Daß bis zur Grundungsversammlung, die in der allernächsten Zeit einberufen wiid. die provisorische Nationalversammlung die höchste gesetzgcberische Vertretungsinstanz in der Ukraine bleibt. Die engere Nationalversammlung fordert die demokratisch gewählten jüdischen Gemeinden zum euUchiedenen Kampf für die Rechte der nationalen Autonom!:• auf und verlangt von ihnen 1. Dali sie sich auch ferner in ,allen jüdischen Angelegenheiten an das National- Sekretariat wenden. 2. Daß sic um sich die ganze jüdische Bevölkerung in schöpferischer Arbeit orgamsieren soll. Die engere jüdische Rada wendet sich gleichzeitig auch an die Juden Östgali2ie1!s, das terzr mtt der Ukraine vereinigt worden ist, mit der Aufforderung, die geschaffenen nationalen Institutionen in ihrem gerechten Kamp! für die Freiheit des Volkswillens zu unterstützen.“ Der inzwischen ernannte jüdische Minister R e - w u t z k y erließ ein Manifest ״an das jüdische Volk in der Ukraine“, in dem er von der Bildung der neuen sozialistischen Regierung mit^pricht, die die Wiedergeburt der von Skoropadsky vernichteten jüdischen Autonomie in der Ukraine zur Folge habe. ״Von jetzt ab - heißt es weiter iin Manifest —, hat das jüdische Volk die Möglichkeit, das volle Recht auf seine Sprache und Kultur, auf autonome Einrichtung seines inneren Lebens zu verwirklichen.“ Als oberste Instanz der ‘nationalen Autonomie anerkennt das :Ministerium den jüdischen Kongreß, der durch allgemeine, gleiche, geheime und gleiche Wahl einberufeu werden wird, sowie der natroaale Kataster festgestellt ist. Als lokale Organs der Autonomie wird das Ministerium die demo kratisch gewählten Gemeinden betrachten, ln der nach sten Zeit werden neue Wahlen zu den Gemeinde vor ständen ausgeschrieben werden. Km .Manifest schließt mit den Worten: ״Zum erstenmal in der Geschichte ist den jüdischen Volksmassen in der Ukraine die Möglichkeit gegeben, das jüdische autonome Leben auf freier und demokratischer G rurul läge aufzubautn. So wollen wir nun diese Gelegenheit benutzen, uro ein mächtiges Gebäude zu schaffen, das von keinen Stürmen äußerlicher und innerlicher Reaktion umgestüm werden kann! Serbien für die jüdischen Forderungen Der in Agram erscheinende ״Zidov“ berichtet über die Reise der Repräsentanten der südslawische« zionistischen Laudesorganisation nach Belgrad zum Zweck der einheitlichen Organisierung der südslawischen Judenscliaft. Die Herren hatten aus■• führiiehe Besprechungen mit L)r. David A 1 b a 1 a , Gehilfeu im serbischen Ministerium des Aeußem, welcher als Mitglied der serbischen Mission mit dem Minister Dr Veznitscli in Amerika geweilt hat. Dr Albala in■ formierte die Herren ausführlich über die zionistische Bewegung in Amerika, wo er auch oft mit Lau«. Brand eis in Berührung kam. Bezüglich der Stellung der serbischen Regierung verwies Dr. Albala auf den Brief des Ministers Veznitsch, worin dieser . die S y m p a t h i e n der serbischen Regierung mit den Forderungen des jüdischen Volkes zum Ausdruck gebracht hat. Gleichzeitig fand in Befgrad eine Konferenz angesehenster Juden der Stadt statt. Es sprachen die Herren Salomon A z r iel, Präsident der Belgrader OemejjKle, welcher die Notwendigkeit national-kultureller ArbJt hervorhob, ferner Dr. Schemata de Majo, der betonte, daß jeder serbische Jude