Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 11 (11.2.1919)
- Date
- 1919-02-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1ו JUEDI SCH E RUNDSCHAU Seite 85 2. Herr Loewy erklärt in warnendem Ton, die englische Regierüffg werde eine Boykottierung nichtjüdischer Arbeiter nicht dulden. Zu diesem Punkt sei bemerkt, daß ich in meinem Palästina-Referat ausdrücklich den Boykott der arabisehen Arbeit abgelehnt habe. Andererseits halte ich es allerdings. für eine sehr wesentliche Aufgabe unserer Kolonisation, systematisch Arbeitsgelegenheit für die Juden zu schaffen und in den jüdischen Kolonien und sonstigen Niederlassungen dafür zu sorgen, daß die ständig dort tätigen Bewohner Juden sind, damit der Charakter der Siedlung nicht gefährdet wird. Wird, wie Herr Loewy dies im Rahmen seines rein privat• kapitalistischen Kolonisationsprogramms empfiehlt, die Wahl der Arbeitgeber einem national wenig oder gar nicht interessierten Privatunternehmertum überlassen, so werden die jüdischen Arbeitskräfte dabei allerdings zu kurz kommen. 3. Nachdem Herr Loewy sich so gänzlich ablehnend zu unseren grundsätzlichen Forderungen geäußert hat, stellt er überraschenderweise die Behauptung auf, daß meine Schätzung der Einwanderungsmöglichkeiten bei weitem hinter der Wirklichkeit zurüokbleibe. Ich hatte in meinem Referat eine Schätzung der Einwanderung vorgenommen, die nicht den Anspruch erheben sollte, wissenschaftlich genau zu sein, sondern nur einen ganz ungefahren Anhaltspunkt, insbesondere auch in Hinsicht auf die Berechnung der Kosten, gewähren sollte. Es ist mir vollständig klar, daß alle derartigen Schätzungen nur einen problematischen Wert haben. Immerhin bin ich nach wie vor der Meinung, daß meine Zahlen kein Minimum, sondern eher ein Maximum des Möglichen darstellen. Ich habe in meinem Referat gesagt, daß ich für die ersten zehn Jahre durchschnittlich mit einer lOfach größeren Einwandererzahl als bisher rechne. Betrug unter der türkischen Herrschaft der jährliche Einwanderungsüberschuß 2000 Seelen, so rechnete ich mit einem solchen von 20000. Außerdem erwähnte ich noch die Einwanderungsmöglichkeiten, die sich in den allerersten Jahren aus den Erschließungs- und Notstandserbeiten ergeben. (Okkupation der neu zu kaufenden Ländereien, Anlage von Häfen, Bahnen und Kraftwerken.) Allerdings muß es sich bei solcher Einwanderung um jüngere, kräftige, an schwere Arbeiten gewöhnte oder zu gewöhnende Leute handeln. Alle diejenigen, welche sich berufen fühlen, das von mir aufgestellte Programm entrüstet zu kritisieren, weil es ein ״Minimalprogramm" sei, suchen midi durch Aufzählung von wirtsdiaftlichen Möglichkeiten zu schlagen, die ich selber aufgezählt und bei meinen Berechnungen stets berücksichtigt habe. So auch Herr Loewy. Er betont allerdings stärker als dies sonst geschieht, daß Palästina als nationaler und religiöser Ansiedlungspimkt auch eine beträchtliche Einwanderung solcher Elemente haben wird, die nicht im Lande selbst produktive Arbeit leisten, sondern ihre Existenzmitt e!N von außerhalb beziehen. Er spricht davon, daß große Scharen von Rentnern dem Lande Zuströmen werden und beruft sich dabei auf Tel-Awiw. Er schätzt die Zahl von Rentnern in den nächsten zehn Jahren auf mehr als 10000 Familien, d. h, pro Jahr auf 1000 Familien. Diese Schätzung scheint mir allzu hoch, falls er nicht unter Rentnern besitzende Leute versteht, die nebenbei in Palästina irgendwelche Geschäfte betreiben wollen, sondem sofern er wirklich Leute meint, die dort mir von ihren Renten leben. Immerhin habe auch ich niemals bestritten, daß eine größere Anzahl von solchen Rentnern nach Palästina einwandern werden. Ebenso rechne auch ich mit starker Entwicklung unserer Erziehungsinstitute und mit der Achusah-Bewegung. Wenn Herr Loewy sagt, daß auch die Chalukkah-Bewegung bei dem wachsenden Interesse religiöser Kreise keineswegs abnehmen wird, so ist darauf zu erwidern, daß wir uns mit allen Kräften bemühen müssen, die Chalukkah-Empfänger produktiver Arbeit zuzuführen. Aber ich gebe gern zu, daß auch eine ganze Anzahl alter, frommer Leute nach wie vor nach Palästina einwandern werden, nicht um dort zu arbeiten, sondern um von ihren eigenen Mitteln oder von Unterstützungen aus dem Auslande zu leben. Ich bezweifle also keineswegs, daß auf diese Weise), abgesehen von der landwirtschaftlichen und industriellen Kolonisation, eine ganze Anzahl von Einwanderern ins Land kommen wird, und daß mit dieser Einwanderung auch der Zustrom von vielen Handwerkern, Kaufleuten^ Beamten, Hotelwirten usw. verbunden ist. Nur begreife ich ■nicht, warum sich aus alledem wesentlich höhere Einwanderungsziffem, oder, wie Herr Loewy behauptet, ganz andere Aufgaben für die Leitung ergeben, als ich in meinem Referat skizziert habe. Auf die Kritik der bisherigen Landpolitik des Natio־ nalfonds, auf die Anlage des Technikums in Haifa^ des Hebräischen Gymnasiums in Jaffa oder die Er- Werbung des Universitäts-Grundstückes gehe ich nicht ein, da alle diese Dinge mit dem Thema nichts zu tun haben. Die Aufgaben der zionistischen Leitung habe ich in meinem Referat nicht besonders behandelt; sie ergeben sich aus meiner Auffassung von selbst. Es handelt sich darum, ganz große zentrale Finanz- und Kolonisationsinstitute zu schaffen, die den Erwerb und die Urbarmachung des Landes, die systematische Schafhing von Großbetrieben zur Anlernling von Arbeitern und die systematische Ansetzung von kleineren und mittleren Gärtnern, Bauern und Pflanzern mit Hilfe geregelten Agrarkredits durclizuführen haben. Ferner muß das Interesse der Leitung von vornherein auf die Erlangung wirtschaftlicher Konzessionen gerichtet sein, insbesondere soweit es sich um Häfen, Verkehrswesen und Kraftwerke handelt. Endlich muß die Zionistische Organisation durch Schaffung von Ein- und Auswaoderungsätntern unter Benutzung aller technischen ErrUngenSchaften unserer Zeit die Leitung und Regelung der Einwanderung überwachen. Daneben wird sich in gewissen* Umfang die Industrie entwickeln, doch wird dieses Gebiet im wesentlichen der Privatinitiative überlassen bleiben müssen, soweit es sich nicht um Arbeiterfürsorge und Regelung des Arbeitsverhältnisses handelt. Das sind die Aufgaben, die ich der Leitung stelle, und sie scheinen mir groß genug. Senator Lodge für ein jüdisches Palästina Den ״N e ws“ der ״Zionist Organisation of America" entnehmen wir: ״In einem offiziellen Interview über Friedensfragen, das Ende vorigen Jahres in der ״New York World“ veröffentlicht worden war, gab Senator Henry Cabot Lodge, republikanisches Mitglied des Senatsaus- Schusses für auswärtige Angelegenheiten folgende Erklärung ab: ״Die unterdrückten Völker Vorderasiens, Armenien und Syrien müssen beschützt werden, und Palästina darf nie wieder unter türkische Herrschaft zurückkehren, muß aber unter allgemeiner Zustimmung zu der angekündigten britischen Politik in die Hände des jüdischen Volkes übergehen. So werden die beiden Religionen, dem Judentum und dem Christentum, heiligen Stätten in guter Hut sein.“ Zionistischer Gruppenverband Oberschlesien Tagesordnung: für die am Sonntag, den 16. Februar, nachmittags 3V* Uhr in Kattowitz im Residenzhotel, Johannesstr., stattfindenden Sitzung: 1. Berichte der Ortsgruppen über bisherige Tätigkeit. 2. Referat des Herrn Dr. Herlitz-Hindenburg über die Organisation der Arbeit in Ober- Schlesien. 3. Referat des Herrn Arnold Zweig-Berlin'über die nächsten Aufgaben des Zionismus. 4. Aussprache über die Referate und über die Kongreßpropagand a. Der Vorstand Dr. Dobrzynski. Die Araberfrage Ein Artikel der ״Times“ Laut einem telegraphischen Bericht des Londoner Zionistischen Büros brachten die ״Times“ einen Leitartikel folgenden Inhalts: ״Unter Bezugnahme auf die arabischen Ansprüche, die der Sohn des Königs von Hedschas, Emir F a i s u 1, vor der Friedenskonferenz erhoben hat, stellen die ״Times“ fest, daß zwischen Juden und Arabern nicht nur nahe Stammesverwandtschaft, sondern auch eine enge ge- Schichthöhe Beziehung bestehe und daß eine große Aehnlichkeit zwischen beiden Völkern vorhanden sei. Die Zukunft des Ostens hätgje in hervorragendem Maße davon ab, ob ein Einvernehmen zwischen Arabern, Juden und Armeniern, die bald ihr eigenes nationales Heim haben würden, zustande kommen werde. Den Juden solle die volle Erbschaft Palästinas Zufällen. Es dürfe keine palästinensische lrridenta geben, und die Judenheit in Palästina solle eine bodenständige Kolonial-Zivilisation schaffen, und zwar nicht nur eine Zivilisation i in Lande, sondem eine solch« des ganzen Landes. Bei der Verwirklidmng dieses ■Ideals stehe das Interesse der Araber erst an zweiter Stelle hinter dem der Juden.“ Die vorstehenden Ausführungen der ״Times" hangen offenbar mit den Forderungen zusammen, die der Etnir F aisul vor einigen Tagen auf der Friedenskonferenz erhoben hat. Wir wissen im einzelnen nicht, wie diese Forderungen lauten. Aus Pressemeldungen ging hervor, daß die französischen Politiker durch diese Forderungen deshalb verstimmt waren, weil der Emir verlangt hatte, daß alle Gebiete, die zu dem Königreich Arabien hinzugeschlagen würden, nicht der Kontrolle des Völkerbundes und der Großmächte unterstellt und nicht als Kolonialbesitz behandelt werden sollen, ln den Pressemeidungen wurde hinzugefügt, daß die französischen Politiker vermuten* der Emir betreibe seine Politik im Einvernehmen mit England, dessen Ziel es sei, unter seinem Protektorat ein großarabisches Reich zu bilden. Die Gebietsansprüche des Emirs dürften sich wohl in erster Linie auf syrisches Gebiet, insbesondere auf Damaskus, bezogen haben. Daraus erklärt sich der Unwille der Franzosen, die nach wie vor Syrien als koloniales Protektorat erhalten möchten. Ob der Emir auch Ansprüche auf Gebiete erhob, die zum eigentliehen Palästina gehören, ist bisher nicht bekannt. Es erscheint im gegenwärtigen Stadium der Verhandlungen kaum noch wahrscheinlich, insbesondere wenn die Vermutuug zutrifft, der Emir treibe seine Politik im Ein- Verständnis mit England. Oie Zukunft Palästinas ״Ueber die Zukunft Palästinas“ berichtet der ״Near Eas t“ gemäß ״Zionist Review" vom 10. Januar: ״Im Laufe einer Unterhaltung mit dem Reuterkorrer spondenten erklärte der Emir Feis ul seine Stellungnähme und die des arabischen Königreichs zu der Frage Palästinas. Er betonte die vollständige Solidarität der arabischen und jüdischen Interessen und gab es zu Verstehen, daß seitens des neu arabischen Königreichs ein jüdisches Palästina mit Freuden aufgenommen würde. Es ist im höchsten Maße befriedigend, zu wissen, daß eine jüdisch-arabische Entente entstanden ,ist. Die beiden nationalen An- Sprüche werden sich gegenseitig auf der Friedenskoru ferenz stärken. Beide sind gleich bedroht, durch die Ungerechtigkeit der Geheim vertrage von 1915 und durch irgendeinen Versuch, die nahe Ostenfrage nach Grund- Sätzen, welche keine Notiz von den Rechten der sich wieder erneuernden Nationen nehmen, 7'u lösen. Ein jüdisches Palästina, der Freundschaft seiner arabischen Nachbarn sicher, wird die beste G-jiamic zur Mög-• lichkeit friedlicher Entwicklung geben. Und das neue Arabien wird so viel wie möglich von der Hilfe gewinnen wollen, die jüdische Energie und Kraft gewähren kann. So ist auch eine jüdisch arabische Vereinigung nicht eine rein mechanische oder materielle Uebereinkunft, denn es sind die Möglichkeiten einer engeren geistigen Verbindung der beiden Nationen verwandten Ursprungs, die in der Vergangenheit zur menschlicher* Entwicklung gemeinschaftlich beigetragen haben, vorhanden.“ LI 1 1 i "־. Die Londoner Konferenz der Zionisten verschoben Einem Telegramm des ״Londoner Zionistisehen Büro“ zufolge erhalten wir aus Kopenhagen folgende telegraphische Nachricht: ״Die allgemeine Konferenz der Zionisten, die vom. 10.—13. Februar in London stattfinden sollte, ist vorläufig verschoben worden, da ein großer Teil der zur Teilnahme an der Konferenz angemeldeten Delegierten noch nicht in London eingetroffen ist.“ TschechoslovakischeZustimmungserklärungen zu den jüdischen Forderungen Der ״Wiener Morgenzeitung" wird aus Preß bürg gemeldet: ״Der tschecho-slovakische Minister Dr. Srobar gab einer bei ihm in Vertretung der Juden in Neutra; Galgocz und Pistyan erschienenen Abordnung folgende Erklärung: ״Die im slovakisahen Gebiete lebenden Juden würden gut daran tun, wenn sie in den einzelnen slovakischen Städten jüdische Nationalrate bilden und sich diesen anschließen würden, da die Juden, die bisher die Exponenten des Magyarentu ms waren, sich nur auf Kosten ihrer politischen Zuverlässigkeit als Slovaken erklären könnten. Als M a - gyaren kann ich sie nicht anerkennen, wenn sie sich jedoch zür jüdischen. Nationalität bekennen, wie in B ö h m e n und Mähren, sind wir bereit, ihnen alle Minderheitsrechte sowohl auf kulturellem wie auf sprachlichen* Gebiete ein zu räumen." Ferner berichtet die ״Wiener Morgenzeitung“ aus Prag: Das Januarheft der von Professor Dr. Fr. Krejci, dem bekannten Prager Philosophen, redigierten Revue des tschechischen Sozialismus ״Budoucnost“ enthält einen (vermutlich von Professor Krejci stammenden) Artikel ״Zur Judenfrage“. Am Schlüsse desselben wird ein offizieller Beschluß des Aktionsaus־ schusses der ״Tschechisch-sozialistischen Partei“ (der Klofatc-Partei) angeführt, der die Annahme der Forderungen des Jüdischen Nationalrates für den tschechoslovakischen Staat ausspridit. Dieser Beschluß, der naturgemäß von weittragender Bedeutung ist, hat folgenden Wortlaut: ״Die Bildung des Jüdischen Nationalrates wird mit Zustimmung zur Kenntnis genommen und die prinzipielle Bereitwilligkeit ausgesprochen, die Forderungen, welche aus dem Grundsatz der Selbstbestimmung liervorgeheu, zu unterstützen, insoweit dadurch die Einheitlichkeit der politischen und kulturellen Organisation des tschecho-slovakischen Staates nicht gestört wird. Was die Details an betrifft, wäre es notwendig, die Sache zu diskutieren, doch dazu wird Gelegenheit bei Schaffung entsprechender Schulgesetze sein.“ Dem ״Jüdischen Volksblatt" zufolge haben sich verschiedene tschechische Staatsmänner Herrn Landap, dem Leiter des ״Jüdischen Korrespondenzbüros kn Haag“ gegenüber in durchaus positivem Sinne über den Zionismus geäußert. Präsident ,M a s a r y k ist der Zionismus und das nationale Judentum als moralisches Regenerationsproblein sympathisch. Für die Forderung eines ,jüdischen Palästina werden die tschechischen Delegierten auf der Friedenskonferenz eintreten, Minister Klofac bekundete gleichfalls seine Sympathie für den Zionismus und tritt dafür ein, daß mit der Verstaatlichung der Schulen ״jede Nation und jede Konfession die Möglichkeit erhalte, die Schulen in der Weise einzurichten, die für sie am wünschenswertesten ist“. Audi der Vorsitzende der tsehediiscli-soziakiemokratisdien Partei Anton N e in e c betonte, daß die tschechischen Sozialdemokraten dem jüdisch-nationalen Gedanken mit größter Sympathie gegenüber ständen und ,daß ״sie den jüdischen Bestrebungen in der Nationalversammlung, keine Schwierigkeiten bereiten und der Konstituierung׳ einer jüdischen Nation im tschecho slowakischen Staat nichts in den Weg legen“ würden.