Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 9 (4.2.1919)
- Date
- 1919-02-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 70 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. Q & liegt durchaus in unserem Interesse, daß unsere Präge aus dem Gebiet veralteten Grenz- und Machtgezänks heransgehoben und vor dem Forum der ganzen Welt zu einer Rechtsfrage, zu einer Frage des Anspruchs einer Nation auf Selbstbestimmung und Freiheit in der von ihr gewünschten Art erhoben wird. Wir glauben auch, daß England eine solche Regelung nicht erst jetzt, sondern von vornherein ins Auge gefaßt hat. Schon vor Beginn der Pariser Konferenz konnte man aus mancherlei An- Zeichen schließen, daß England nicht die Absicht habe, Palästina in Form der Annexion an sich zu bringen. Es ist an dieser Stelle oft ausgeführt worden, daß wir die englische Regierungserklärung für durchaus aufrichtig und׳!wohlgemeint halten. Es ist gleichzeitig immer wieder betont worden, daß selbstverständlich die englischen Staatsmänner in der Förderung des Zionismus auch ein für England selbst nützliches Unternehmen erblicken. Zu den allgemeinen und grundsätzlichen Gesichtspunkten, die es England wünschenswert machen müssen, in .Palästina eine auf europäischer Kulturstufe stehende, arbeitsfreudige und politisch loyale Bevölkerung anzusieddn, gesellte sich ,gerade in den jetzigen Zeiten auch noch die Erwägung, daß die Verwirklichung der englischen Pläne im Orient — die Herstellung einer unter englischer Oberhoheit stehenden Ländermasse von Südafrika über Aegypteil, Palästina, Mesopotamien bis zum Persischen Golf — angesichts der auf Syrien gerichteten Oebietsansprüche anderer Völker am ehesten gesichert sei, wenn von vornherein die Idee eines j ü d i - sehen Palästina in den Vordergrund gestellt würde. So entstand schon vor längerer Zeit die Idee der Treuhänderschaft (trusteeship), wonach der Völkerbund die Errichtung des jüdischen Palästina beschließen und England mit der Ausführung dieses Beschlusses beauftragen sollte. Wenn also in den letzten Zeiten mit immer größerer Bestimmtheit aus Paris verlautet, daß auch die Palästinafrage dem Völkerbund unterbreitet werden soll; so scheint uns dies durchaus in der Richtung der Pläne zu liegen, die von England seit langem in dieser Angelegenheit verfolgt wurden und die mit den Wünschen der jüdischen Welt und auch mit den Ideen Wilsons viel eher in Ueberein- Stimmung zu bringen sind, als eine Angliederung Palästinas an ,das britische Imperium in Form der Bildung einet englischen Kolonie, Wann aber wird der Völkerbund diese Frage entscheiden? Man darf annehmen, daß in Paris selbst im Anschluß an die jetzigen Verhandlungen der Völkerbund errichtet werden wird. Die Pariser Konferenz hat sich bereits grundsätzlich für die Errichtung eines solchen Völkerbundes ausgesprechen und eine Kommission zur Prüfung aller Einzelheiten eingesetzt. Nach Pressemeldungen zu schließen, wird die Errichtung des Völkerbundes wahrscheinlich schon in kurzem erfolgen, wahrscheinlich noch vor dem Absdhluß des Friedens mit Deutschland. Hierfür spricht die Erörterung in der ententistischen Presse, ob und wann Deutschland io den Völkerbund aufgenommen werden soll. Wenn diese Annahme sich' bewahrheitet, so werden vermutlich diejenigen Persönlichkeiten, die von der Friedenskonferenz in die Völkerbundskommission delegiert wurden, in diesem Völkerbund selbst - wenigstens in der provisorischen Form, in der er zunächst in Paris zustande gebracht werden soll — von ausschlaggebender Bedeutung sein. Unter diesen Persönlichkeiten befinden sich mehrere, auf die wir bei der Erörterung der Palästinafrage große Hoffnungen setzen dürfen. Wilson selbst, an dessen Zustimmung zur Errichtung eines ,jüdischen x Gemeinwesens in Palästina kein Zweifel bestehen kann, ist von der Friedenskonferenz in die Völkerbundskommission entsandt worden. Unter den Vertretem Englands in dieser Kommission befindet sich in erster Reihe Lord Robert Cecil, einer der wärmsten Befürworter und Förderer unserer Sache in England. Frankreich ist durch Leon Bourgeois vertreten, der in neuerer Zeit, wenigstens soweit öffentlich bekannt, keine Erklärungen über die zionistische Frage abgegeben hat, der jedoch als einer der fortgeschrittensten und freiesten Geister Frankreichs gilt und bei einer weiter zurückliegen־ den Gelegenheit - anläßlich der Haager Friedens- Konferenz vom Jahre 189b — seine Sympathien für den Zionismus ausgesprochen hat. In einem längeren Gespräch mit der Vorkämpferin der Friedensbewegung, Bertha v. Suttner, hat Leon Bourgeois damals u. a. gesagt: ״Zionist sein heißt, gegen den Antisemitismus Front machen. Von einer neu zusammengeschlossen|U Nation, die sich zu bejähen wünscht und die aus4 so .intelligenten, erwerbsklugen und talentvollen Elementen zusammengesetzt ist, ließe sich eine Bereicherung der allgemeinen Kulturarbeit erhoffen.״ Dies ist nach allen Vorliegenden Mitteilungen der Stand unserer Sache. Wir glauben, daß die großen Hoffnungen, die wir auf die außerordentliehe, gar nicht hoch genug zu bewertende Tätigkeit unserer politischen Führung setzen, berechtigt sind, und daß schon die nächste Zukunft dem jüdisehen Volke die große Erfüllung bringen wird, für die der Zionismus 1seit zwanzig Jahren kämpft. R. L. Von der Pariser Friedenskonferenz Die Palästinaforderungen des jüdischen Volkes Laut ״Wiener Morgenzeitung“ meldet Reuter aus London unter dem 29. Januar: ״Die Zionistische Organisation Englands stellt fest, daß die jüdischen Kongresse oder jüdischen Nationalräte, die die Gesamtheit der jüdischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten von Amerika, Palästina, Polen, Tschecho-Slowakien, Deutsch-Gest erreich, Bukowina, Ostgalizien, Rußland, Saloniki und Ukraine darstellen, die Forderung aufstellten, daß die Friedenskonferenz Palästina innerhalbseinerhistorischenGrenzen unter solche politische, administrative und ökonomische Bedingungen stelle, die seine Entwicklung zu einem jüdischen Gemeinwesen sichern. Die jüdischen Kongresse der Vereinigten Staaten und der Tscheche- Slowakei haben zudem den Wunsch ausgesprochen, daß Palästina durch die Friedenskonferenz unter britische Sachwalterschaft (trusteeship) gestellt werden möge.“ Es sei hier auch festgestellt, daß auch der pnlängst stattgefundene Delegiertentag der deutschen Zionisten ganz gleichklingende Forderungen aufstellte. Dr. Weizmann und Präsident Wilson In Nr. 5 der ״Jüdischen Rundschau“ vom 21. Jan. wurden die telegraphischen Berichte über die Unterredung von Prof. Weizmann mit Wilson rnitge teilt. Dazu schreibt ״The Jewish Chronicle“ unter dem 17. Jan.: ״Dr. Weizmann, der Vertreter da״ ־Zionistisehen Weltorganisation“, wurde am Dienstag, den 14. Jan., von dem Präsidenten Wilson in Parts ein längeres Interview gewährt. Di־. Weizniann erklärte Wilson die nationale Steifung der Juden und erhielt von ihm die herzlichsten. Zusiche־ rungen, daß er die britische Erklärung unterstützen werde. Dr. Weizmann kehrte am Mittwoch, den 15. Jan., abends, von Paris zurück und sagte in einer Unterredung mit einem Vertreter der ״Jewish Chronicle“, daß das Interview mit Präsident Wilson äußerst befriedigend verlaufen sei, daß er mit dem Präsidenten auch äußerst wichtige Einzelheiten besprochen und schließlich sein Versprechen, ein jüdisches Palästina voll und ganz zu unterstützen, «halten habe. ״Ein jüdisches Palästina“, so fügt Dr. Weizmann hinzu, ״fuß and unhampered“ (ganz und in seiner Entwicklung unbehindert). ״Präsident Wilson“, so fuhr er fort, ״hat uns zugesichert, daß unsere Zeit in kurzem anbrechen werde. Ferner ist zu bemerken, daß die Forderungen der Juden auf nationale Rechte die allergrößten Aussichten haben, auf der Friedenskonferenz gehört und erwogen zu werden.“ Dr. Weizmann hofft, daß die Friedenskonferenz ein für allemal das Recht des jüdischen Volkes auf Palästina bestätigen und der bevollmächtigten Macht, die mit der Organ!- sation und der politischen Tätigkeit, die eine nationale Heimstätte für die Juden erfordert, betraut ist, die notwendigen Richtlinien geben wird.“ Dr. Weizmann teilte dem Vertreter des ״Jewish Chronicle“ weiter mit, daß er in Paris lange Unterredungen, unter vielen andern auch mit Oberst House und Prof. Western! an von der amerikanischen Kommission gehabt habe. Der Pariskorrespondent der ״Times“ sagt in einem Brief in der Nummer vom 16. Jan. : ״Noch einen anderen und gleich wichtigen Schritt vorwärts bedeutet das zufriedenstellende Ergebnis einer »weiteren Verständigung. Der Vorsitzende der ״British Zionist Federation“, Dr. Weizmann, hatte während der letzten Tage lange Unterredungen mit Präsident Wilson und Mr. Balfour. Ihr Ergebnis hat eine gewisse Beunruhigung, die in zionistischen Kreisen betreffs der Errichtung einer jüdisch nationalen Heinv Stätte in Palästina herrschte, zerstreut Dr. Weizmann hat jetzt Paris in dem sicheren Gefühle verlassen, daß die große Arbeit, die er und seine zionistischen Brüder für die politische Erlösung der Judenheit geleistet haben, nicht umsonst getan ist.“ Stephen Wise auf der Friedenskonferenz Der Vizepräsident der Zionistischen Organisation Dr. Stephen Wise hatte eine Längere Unterredung mit Balfour. Balfour versicherte, daß seine bekannte Erklärung vom 2. November 1917 nur ein Minimum dessen darstelle, was die Juden von der Friedenskonferenz zu gewärtigen haben. Dr. Wise hatte auch eint Unterredung mit Lord Robert Cecil, der sich dahin äußerte, es könne kein Zweifel bestehen, daß die Friedcnskoofermz di? jüdischen Forderungen voll befriedigen werde C e c j sagte, daß die jüdische Sache seit November vorigen Jahres außerordentlich grojie Fortschritte gemacht hal* Heber die Unterredung des Dr. Wise englischen Politikern wird noch folgendes b Als Erwiderung auf eine Frage, die die enasrtung Mr. B a 1 f o u r s hinsichtlich der jüdischen nationale! Heimstätte in Palästina betraf, ,sagte Dr. Wise: ״Mr Balfours Erklärung besteht und hleibt bestehen. Sie stellt, wie ich weiß, die Haltung der britischen Regierung gegenüber dem jüdischen Volke dar. Man soll und wird wahrscheinlich Großbritannien ein Mandat für die Schutzherrschaft über Palästina übertragen, eine Schutzherrschaft, die Großbritannien, wie ich Grund habe vorauszusetzen, ohne die Einwilligung der interessierten Völker wie des unseren nickt annehmei wird. Großbritannien wird auf Grund einer Auf• forderung oder eines Mandates der Liga der Nationen als Schutzherr über Palästina eingesetzt werden, ,und dem jüdischen Volke sowie dem jüdischen Gemein• wesen, das wir in Kürze zu verwirklichen hoffen, wird das zum Besten gereichen. Schließlich ist es kein Geheimnis, daß Präsident Wilson, Colonel House und Mr. Lansing seit langem mit freundlichem Interesstl die Entwicklung der zionistischen Bewegung verfolgt haben.“ Ueber eine Unterredung mit M. Ta rdicu, den französischen Bevollmächtigten in den Vereinigten Staaten wegen Frankreichs evtl. Zustimmung zu der englischen Schutzhe-rrschaft folgendermaßen: ,,Fis 'ist sicher, daß es Friedenskonferenz zu einem Frankreich, GroB-ßritannien. Amerika und Italien komme» wird. Es darf sicher vorausgesetzt werden, daß Frank■ reich der Entscheidung der Liga der Nationen zustimmen wird, welche das Mandat für Palästina Groll■ britannieu erteilen wird, ebenso wie Britannien und Amerika Frankreich darin unierstifzen werden, Man■ datar über das benachbarte Syrien zu werden.“ Ueber die Möglichkeit von Grenzschwierigkeiten im nahen Osten befragt, sagte Dr. Wise: .Wenn ‘Frank reich und Großbritannien, wie erwartet werden darf, als Befreundete und Alliierte handeln, und sich nick auf fragwürdige Verträge stützen, sondern auf den Geist der die ganze Konferenz beherrschen sollte, wird et derartiges nicht geben.“ äußerte sieh Dr. Wist in allen Fragen U e bere inkommen vor der zwische» *eiln stell Tag «־ei! weil nom Oes! Bes< und Zeit jüdi) Zior jüd war geg! aber Büre tags Eine Petition der englischen Joden an die Friedenskonferenz Auf Anregung der ״English Zionist Fede r^tion“ haben die englischen Juden etae PetitioAiie an die Friedenskonferenz gerichtet, in der äe%1 bezug auf Palästina die zionistischen Forderungen miter stützen. Wie ״The Jewish Chronicle“ berichtet, haben bedeutende Persönlichkeiten, wie Sir Stuart Samuel, erklärt, daß es eine unabweisliche Pflicht der englischen jüdischen Oeffentiichkeit sei, ihre Stimme zugunsten der Palä&tmafrage zu erheben. Laut ״The Jewish Chronicle“ beginnt die Petrtkai mit der Wiederholung der Erklärung der britischen Regierung vom 2. Nov. 1917, die von allen Regieru* gen der alliierten Länder und vom Prä 9i deuten der Vereinigten Staaten übernommen worden ist und schließt mit den Worten: ״Wir Unterzeichneten erwachsenen Juden und jä dirmen des Vereinigten Königreiches fordert hierdurch die Friedenskonferenz auf, bezüglich Palästina Maßregeln zu treffen, die dem jüdischen Volk die vollsten Rechte und die Gelegenheit eines Wiederaufbaus Pa• lästinas als jüdisch-nationale Heimstätte gewährleisten.‘1 die im mun gesc blick statu Krie Teil muu in B Ges< satic eing hier künf amt( neht auf bei besc wuri nehr und erzu stell! orde best Lag( meis den an zu erwi maci gen lass( Arb( haft! Arb! scho nach best eine! lieh dend urier hoff! Die Delegation des jüdischen Kongresses in Amerika zur Friedenskonferenz Die Zeitschrift ״The Jewish Chronicle“ melde! fa ihrer Nummer vom 17. Jan., daß in Paris die Ankunft der Delegation des jüdischen Kongresses in Amerika binnen kurzem erwartet wird Unter den Delegierten befinden sich die Herren Louis Marshall, Julian Mack und Jacob de Haas. Ihre Aufgabe wird die Beratung der jüdischen Fragen mit den jüdischen Organisationen sein. Mit Vertretern des ״Jornt Comittee“, des ״Board of Depnrties“ und der ״Anglo-Jewish Association“ sind bereits Zusammenkünfte vereinbart worden. Der ״Jewish Chronicle“ be• grüßt die Delegation in Europa, drückt seine Freude über diese wertvolle Unterstützung der Forderungen des jüdischen Volkes auf der Friedenskonferenz aus und glaubt im Hinblick auf den Kongreß Ln Amerika, daf die Delegation das baldige Zustandekommen des , J ü di sehen Weltkon gresses“ fördern werde. Farbstein und Podlischewski in Berlin Die bekannten zionistischen Führer aus Warscha!. H. Farbstein und Dr. Podlischewski halten sich auf der Durchreise zur Londoner Zionistenkonferenz in Berlin auf. die Juge Han vor wähl Lar folg! Sinn Nati reich wirf! scha lieh ist im und lung *.ha ,rix Jon (en *eso fand Jug( esse Wori Der Reiseverkehr nach dem Orient Ke internationale SchlafwagengeseUscfiaft beabsichtigt, laut ״Time s“ vom 3. Jan־i den Orient - ExpreB von Ostende nach Konstantinipol sobald ab möglich wieder einzustellen. Ebenso besteht der Plan, möglicherweise schon im nächsten Winter eine■ Schlafwagenverkehr zwischen London und Jerusalem mit Durchgangszügen von Calais einzuriditeit.