Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 9 (4.2.1919)
- Date
- 1919-02-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Was bisher von der Pariser Konferenz verlautete, darf uns, wenn wir Symptom neben Symptom1 betrachten, im! allgemeinen recht hoffnungsfreudig stimmen. Die politischen Erfolge, die der Zionismus in England unter W e i z m a n n s Führung in den letzten Jahren errungen hat, sind bekannt. Wir dürfen heute mit der amtlichen Zustimmung aller Ententeregierungen arm zionistischen Programm als mit einer feststehenden Tatsache rechnen. Die berühmte Erklärung Lord Balfours vorn 2. November 1917 ist in fast wörtlicher Wiederholung von den Regierangen Frankreichs, Italiens und Japans übernom-t men worden, und Präsident Wilson hat ebenfalls bereits vor einiger Zeit in einem Briefe seine UebereinstimmuHg mit der Erklärung zum Ausdiuck gebracht Das Jahr 1918 brachte dann weiter die Ent- Sendung der zionistischen Kommission nach Palästina, ,die als offizielle Regierungskommission betrachtet, und vor deren Abreise Weizmann vom Könijf von England in Audienz empfangen wurde. Nach Rückkehr der Kommission von Palästina wurden die Verhandlungen in London fortgesetzt. Che englische und die französische Regierung kamen nunmehr überein, der Zionistischen Organisation die Errichtung eines Büros in Paris unter Leitung Sokolows zu gestatten. Aufgabe des Büros sollte die Informierurig der Friedenskonferenz-Teilnehmer über die zionistischen Forderungen sein. Herr Sokolow befindet sich bereits seit mehreren Wochen mit den 1׳Herren ■Marx und Tod - kowsky als Sekretären zu dem gedachten Zweck in Paris. Die letzten Meldungen, die wir veröffentlichen konnten, besagten, daß Weizmann in Paris längere Unterredungen mit Lord Balfour und dem Präsidenten Wilson hatte. Das Londoner zionistische Büro hat über diese letztere Unterredung einen Bericht veröffentlicht, aus dem hervorgeht, daß Wilson seine Unterstützung für die Errichtung eines ״vollständigen und in seiner Entwicklung ungehinderten“ (full and unhampered) jüdischen Palästiria zugesagt hat. Diese bisher erwähnten Erklärungen der einzelnen Regierungen und Staatsmänner, ihre grundsätzliehe Anerkennung der zionistischen Bestrebungen und ihre Zusage, auf der Friedenskonferenz für diese Bestrebungen «inzutreten — alle diese Ereignisse von der englischen Regierungserklärung vom November 1917 bis zur Unterredung Weizmanns mit Wilson — können wir als die erste Phase der politischen Aktion bezeichnen, die den politisehen Sieg des Zionismus bringen soll. Es folgt mun die zweite Phase, nämlich die amtliche )Behandlung der zionistischen Wünsche durch die Friedenskonferenz oder durch die von ihr geschaffenen Organe. Es wäre seltsam und ungewöhnlich, sollte ein politisch so bedeutungsvolles Ereignis wie die Errichtung eines jüdischen Gemeinwesens in Palästina ohne Schwierigkeiten und Reibungen vor sich׳ gehen. Es liegt in der Natur >der Sache, daß jette politische Aktion, jede nationale Regung einer Gruppe Gegenbewegungen ausläsen muß, denn ״hart im Raume stoßen sich die Dinge.“ Von welcher Seite drohen noch Schwierigkeiten? Die Wendung in dem Gespräch Wilsons mit Weizmann, von einem ״vollständigen und in seiner Entwicklung ungehinderten Palästina“ weist auf die erste und größte Schwierigkeit hin, mit der wir zu rechnen haben. Est handelt sich um das Verhältnis zu den Arabern. Von jeher war es den zionistischen Politikern klar, daß in der arabischen Frage das politische Kernproblem des Zionismus liegt Von jeher mußte das Bestreben dahin gehen, Mittel und Wege zu suchen, um trotz der Schwierigkeiten und Gegnerschaften, die sich von arabischer Seite bemerkbar machten, den Zionismus zu verwirklichen. Schon vor Jahren, schon vor dem Kriege hat die zionistische Politik im Orient sieb auf diese Schwierigkeiten eingestellt, und •wenn der Anzeigew-Verwaltung: Welt-Verlag G. m. b. H., Berlin W, 35, Kurfürstenstraße 150. Anzeigenpreis für die sechsgespaltene Nonpareillezeüe 75 Pf., Teuerangszuschlag 20 %. Telephon: Amt Uhland 845 u. 846. Postscheckkonto : Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich: Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030 Redaktionsschluß Sonntag u. Mittwoch nachm. 4. Adar I 5679 XXIV. Jahrg, ״Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.“ Baseler Programm. Bedeutung der arabischen Frage in Palästina selbst nicht genügend Rechnung getragen wurde, so lag dies jedenfalls nicht im Sinne der politischen Führer, die di« ganze Bedeutung des arabischen Problems für den Zionismus sehr wohl ׳erkannt hatten. Deshalb hat, wie hier angedeutet, die zionistische Politik schon vor dem Kriege von *Konstantinopel aus versucht, Verbindungswege zum Araberhnn zu finden. Einige solcher Verbindungen, die auch noch in Zukunft wertvoll werden können, wurden damals geschaffen, aber die unseligen Verhältnisse des türkischen Reiches gestatteten nicht eine offene, ungehinderte Aussprache der zionistischen und der arabischen Gruppen. Die türkische Regierung gab zuweilen zu verstehen, daß sie den Zionismus leichter fördern könnte, wenn von arabischer Seite keine Schwierigkeiten gemacht würden. Als aber Verhandlungen mit den Arabern angeknüpft werden sollten, erwachte sogleich wieder das türkische Mißtrauen, und als der Krieg ausbrach, suchte Djemal Pascha, einer der Hauptträger des verbrecherischen türkischen Unterdrückungssystems, die Besprechungen, die vor dem Kriege zwischen Arabern und Juden begonnen hatten, gegen beide Parteien nach Kräften auszunutzen. Heute scheint England Wert darauf zu legen, daß Juden und Araber sich nach Möglichkeit verständigen, und da eine solche Verständigung zweifellos im Interesse aller Beteiligten, nämlich sowohl der Juden und der Araber wie auch Englands liegt, so wird sie hoffentlich' zustande kommen, Man muß es als eine der besten und klügsten politischen Handlungen Weizmanns betrachten, daß er schon auf seine*־ ,Paläst'pareise. ״ersuchte, ,die arabischen Führer zu gewinnen. Der jetzt in den Zeitungen vielgenannte Emir Faisol, der Sohn des von den Engländern in den Königsrang erhöbenen Emirs von Mekka, der das türkische Joch abgeschüttelt und damit den Weg der Begründung eines großarabischen Reiches unter englischer Oberhoheit beschritten hat, traf im Golf von Akaba mit Weizmann zusammen, und seit dieser Zeit ist die Verbindung zwischen beiden Männern aufrecht erhalten worden. In letzter Zeit befand sich der Emir Faisol in London, wo Lord Rothschild zu seinen Ehren ein. Bankett veranstaltete. Bei dieser Gelegenheit sprach der Emir folgende Worte: ״Wir verlangen die arabische Freiheit, aber wir würden uns ihrer unwürdig zeigen, wenn wir die Juden, die in ihre Heimat gehen, nicht willkommen hießen und mit ihnen nicht auf friedlichem Wege Zusammenarbeiten würden. Dr. Weizmanns Ideale sind die unsrigen. Wir erwarten von Ihnen, daß Sie auch Ihrerseits uns helfen werden. Kein Staat kann im nahen Orient ohne den guten Willen der Großmächte errichtet werden. Me ׳Errichtung neuer Staaten im Orient bedarf der Hinüberführung europäischer Ideen, Wissenschaften und Kenntnisse. Um diese für uns dienstbar zu machen, müssen wir sie in eine arabische Form verwandeln. Und welcher Vermittler käme uns da gelegener als das jüdische Volk?“ ln diesen Worten des Emirs sind Gedankenginge angedeutet, die schon früher von denjenigen arabischen Führern, die mit zionistischen Kreisen im Orient Fühlung hätten, zur Erörterung gestellt worden waren. In der Tat liegt ein politischer Oedanke von weittragender Bedeutung in dem Vorschlag, daß die beiden semitischen Gruppen des vorderen Orient, Juden und Araber, eine Art kuftu!politisches Bündnis eingehen. Unzweifelhaft werden die arabischen Gebiete, die bisher unter der Faust des türkischen Eroberers zu keiner Entwicklung gelangen konnten, m neuer Blüte emporsteigen. Juden wie Arabern wäre dabei sicherlich durch eine Abgrenzung ihrer Interessensphären und ein« auf gerechter Begrenzung der beiderseitigen Ansprüche basiert« Verständigung außerordentlich gedient. Es scheint, daß Emir Faisol für derartige Gedanken Verständnis hat, wenngleich nicht übersehen werden darf,, daß es andere arabische Kreise, insbesondere in Kairo und Beirut gibt, die ach bisher gegenüber den zionistischen Bestrebungen stets feindselig verhalten haben. Zur Zeit kann es sich bei solchen Verbandlungen im wesentlichen nur um die Festsetzung der Gr enzen Palästinas handeln. Es scheint, daß die arabischen Kreise sich im allgemeinen mit dem Gedanken abgefunden haben, daß Palästina unter dem Schutz der Großmacht, die ihnen selbst Schutz gewährt, jüdisches Gebiet werden soll. Noch aber steht nicht fest, wo die Grenzen des künftigen jüdischen Palästina verlaufen werden. Süd- und Westgrenze ergeben sich aus den geographischen Verhältnissen von selbst; andere liegt es mit der Ost- und mit der Nord grenze. Es scheint, daß ein gewisser Gegensatz zu den arabischen Wünsehen hinsichtlich der Ostgrenze besteht. & harndelt sich dabei um die Hedjasbahn, welche die Araber völlig in ihrem Besitz zu haben wünschen,! während es im jüdischen Interesse liegen würde, wenn diese Bahn entweder einen Teil des ijidischen Gebietes bilden oder zum mindesten als Kondotninium beider nationaler Gruppen betrachtet würde. Wieweit diese Schwierigkeit zur Zeit behoben ist, läßt sich nicht übersehen, nur soviel ist bekannt, daß über die Grenzfrage zwischen Weizmann und dem Emir Faisol Verhandlungen gepflogen worden sind. Anders als mit der arabischen Frage verhält es sich mit den Schwierigkeiten, die unter Umständen noch durch alte französische Anspräche hervorgerufen werden könnten. Nach dem geheimen Vertrag, der1 im Jahre 1915 zwischen England und Frankreich abgeschlossen wurde, sollte England nur einen Teil Palästinas־ erhalten, nämlich das Gebiet von Aegypten bis etwa zu einer Linie, die von Haifa nach Tiberias läuft. Die Häfen von Haifa und Akko sollten englischer Besitz werden, das Gebiet nördlich der erwähnten Linie jedoch sollte in die französische Interessensphäre fallen. Damit wäre ganz Galiläa von Palästina abgetrennt worden... & ■Ist• klar. d°ß eine sojds*׳•׳%$lfiiiS<^ nicht nur unbefriedigend, sondern vollständig unannehmbar für das jüdische Volk sein würde. Galiläa gehört aus historischen und geographischen Gründen unbedingt zum eigentlichen Palästina, und bei der geringen Ausdehnung des ganzen Landes, das schon so nur einen Teil unseres Volkes aufmnehmen vermag, würde die Lostrennung Galiläas einen furchtbaren Schlag für unsere Sache bedeuten. Die Frage der Festsetzung der Nordgrenze und die Regelung der französischen Ansprüche ist noch nicht ganz geklärt. Auch hierüber wird erst die Friedenskonferenz zu entscheiden haben. Wir äürfen es als hoffnungsvolles Zeichen deuten, daß der französische Minister des Aeußern Pichon_, der Frankreich auf der Friedenskonferenz neben Ciemenoeau vertritt, die englische Regierungserklärung im Namen Frankreichs bestätigt hat, und wir hoffen vor allem, daß das Wort Wilsons von einem ״vollständigen und in der Entwicklung un gehinderten Palästina“ bei der Regelung der arabischen wie der französischen Ansprüche, <L h. bei der Festsetzung der Ostwie ׳der Nord grenze schwer in die Wagschale fallen wird. Welche Haltung England selbst in *dieser Frage einnimmt, bedarf keiner Erläuterung. Schwierigkeiten, die etwa noch von katholischer Seite aus religiösen Gründen gemacht werden könnten, scheinen nach den Mitteilungen, die Weizmann schon vor einigen Wochen in einer besonderen Versammlung machte, nicht von übermäßiger Bedeutung zu sein. In den letzten Tagen sind durch die Presse Nachrichten gegangen, wonach die Friedenskonferenz insbesondere unter *dem Einfluß Wilsons beschlossen hat, einen großen Teil der stritigen Gebietsfragen, so z. B. die Frage der deutschen Kolonien und der ehemaligen Türkei, insbesondere also Mesopotamiens, Syriens und Palästinas, nicht durch die Pariser Konferenz selbst sondern durch den in Bildung begriffenen Völkerbund entscheiden zu lassen. Diese Meldung hat viel Wahrscheinlichkeit für sich, wenn,' man die Vorgeschichte der Pariser Konferenz und besonders wenn man die Wilson’scher. Grundsätze in Erwägung zieht. Eine Reihe von Anzeichen spricht dafür, daß in der Tat die Regelung der erwähnten GebietsPragen, also auch der Palästinafrage, dem Völkerbund überlassen bleiben stell. Von unserem Standpunkt aus wir« eine solche Entscheidung nur zu begrüßen.