Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 5 (21.1.1919)
- Date
- 1919-01-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2652135-2652140--11978-2669558- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Haifa 2× ep/1047930
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
Seite 42 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 5 fuhrung• und Vergrößerung der Modelle und der Technik im Lande. Auch in den jüdischen Kolonien zeigt sich fetzhin reges Leben. Die Vorbereitungen zu der Gründungsversammlung beanspruchen alle aktiven Kräfte. Außerdem sind es wirtschaftliche Fragen, die die jüdisehen Kolonisten interessieren. Sofort nach der Befreiung Galiläas fand eine Beratung der Kolonist« und der anderen landwirtschaftlichen Elemente aus G a 1 i - Iäa und Emek-Israel statt. Eine Reihe von Be- Schlüssen befaßte sich mit der Frage der 'Beschaffung von landwirtschaftlichen Maschinen, des Ankaufs von lebendem Inventar, der Vergrößerung des Kredites, mit der Gründung von medizinischen Hilfsstätten in den Kolonien. Ferner beschlossen die Kolonisten, daß auch bei den Wahlen in den Kolonien den Frauen das gleiche Wahlrecht wie den Männern erteilt werde. In weiteren Resolutionen verpflichten sich die Kolonisten, die Rückkehr der Flüchtlinge aus den befreiten Gebieten mit allen Mitteln zu fordern. Eine Dankes- und liegruß ungs resolut io n an die jüdischen Legionäre wurde begeistert angenommen. Der Frage der yemenitischen Juden wird 111 letzter Zeit besonderes Interesse gewidmet. Man hat im Lande längst den Wert dieser Juden anerkannt, und dank der kulturellen Aufklärungstätigkeit der Inbellektuellen im Lande hat sich die Lage der yemenitischen Juden im Verlauf der letzten Jahre sowohl in lcultureller als auch in sozialer Beziehung bedeutend gebessert. Die Versuche, die yemenitischen Juden der Landwirtschaft zuzuführen, dürfen als gelungen bezeichn net werden. Diese haben es auch verstanden, sich in gewissen Zweigen der Landwirtschaft zu spezialisieren, so z. B. in der Honigproduktiou. Als Beispiel hierfür soll auf die yemenitische Kolonie in Nachliel hingewiesen werden. Im Jahre 1915 gab es in der Kolonie zehn Bienenstöcke, die yemenitischen Juden gehörten, Im nächsten Jahre war ihre Zahl 94. im fahre 1917 betrag sie'187 und im Jahre 1918 war sie auf 350 gestiegen. Leider hat diese yemenitische Kolonie im Laufe der letzten Zeit durch die spanische Krankheit schwer gelitten, in kurzer Zeit sind nicht weniger als 21 yemenitische Juden dieser Krankheit erlegen. Das Palästinaamt ist gegenwärtig damit beschäftigt, ein Projekt auszuarbeiten, wodurch den yemenitischen Juden größere Anleihen für ihre landwirtschaftlichen Arbeiten vorgestreckt werden sollen. Auch der Hapoel Haza'ir widmet dieser Frage großes Interesse. Neben diesen ernsten Arbeiten finden Jaffa und Jerusalem auch Zeit für Kunst und Musik. Zahlreiche Konzerte werden von den englischen Militärbehörden in den verschiedenen Stadtteilen veranstaltet. Fast jeden Abend finden jüdisch-nationale musikalische Veranstaltungen statt. Die hebräische Theatergesellschaft hat sieh letztens organisiert und ein reichhaltiges Repertoir ausgearbeitet. Diese Institution beginnt unter der jüdischen Bevölkerung in Palästina sehr populär zu werden. Auch die jüdischen Musikschulen sind reorganisiert und erweitert worden. Dies ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß der bekannte jüdische Künstler, der aus Rußland stammende Anton Tschai koff, die musikalische Leitung der Musikschule Sulamith übernommen hat. Tschaikoff kam aus London als Soldat der jüdischen ,Legion und ist auf Bitten der Musikschule durch die Militärbehörde für diesen Zweck für mehrere Monate beurlaubt. Die Stimmung der Juden in Palästina ist zurzeit recht optimistisch. Die zahlreichen Projekte über großzügige landwirtschaftliche Unternehmungen, über׳ Notstandsarbeiten, über die verschiedensten Zweige der Industrie, des Exports und Imports, die zum Teil schon ausgeführt werden, geben Hoffnung, daß das Land einer schönen Blütezeit entgegengeht. Mitten in dieser erwartungsvollen Stimmung traf im Januar die Nachricht über das Waffenstillstandsabkoramen ein. Die Friedensbotschaft hat in Jerusalem große Freude hervorgerufen. In den Straßen versammelten sich große Menschenrnassen, die begeisterte Demonstrationen veranstalteten. In allen Synagogen wurden Dankgottesdienste abgehalten •anter Absingung des Hallelgebctes. Alle Schulen wurden sofort geschlossen. Auf den Straßen wurden jüdische Nationaltanze vorgeführt. In kurzem wurden alle Häuser mit jüdischen uncl englischen Fahnen geschmückt, überall wehten Fahnen mit dem Psalmenwort: ״Dies ist der Tag, den Gott geschaffen, wir wollen uns an ihm freuen.“ Die Bucharer Gemeinde Die Bucharer Gemeinde Jerusalems, die bekanntlich stets zu dem reichsten Teile der Jerusalemer Judenheit gezählt wurde, hatte unter den Nöten der Kriegszeit am schwersten zu leiden. Während des Ottomanisierungszwangcs verließen die meisten Bucharer Juden Jerusalem und begaben sich nach Aegypten und Rußland. Von den 1500 Bucharer Juden blieben nur 800 Personen übrig, zumeist Frauen, Kinder und Greise. Die Wohnungen der Bucharaer, die schönsten Räume Abonniert auf die ,Jüdische Rundschau(f Jerusalems, wurden von den türkischen Behörden zu militärischen Zwecken requiriert. Besonders groß war die Zahl der Seuchenopfer unter den Mitgliedern der Gemeinde. Die Palästinakommission befaßte sich mit der Frage der Hebung der wirtschaftlichen Lage der ruinierten Bucharer Juden und hat ihnen vorläufig ein Darlehen von 400 £ monatlich zur Verfügung gestellt. Die Lage der Evakuierten Die Mitglieder der Palästinakommission Dr. Ader und Bakini besuchten Chedera und Sichren Jakob zwecks Ergründung der Lage der Fluchtlinge von Kfar Saba, die im Frühjahr dieses Jahres nach dem Norden des Landes evakuiert worden waren. In Chedera befinden sich ihren» Berichte gemäß 586 Flüchtlinge und ungefähr ebenso viele in Sichron Jakob. Die Kommission ist jetzt mit der Frage der Rückkehr dieser Flüchtlinge beschäftigt. Augenblicklich befinden sich in den Häusern dieser Flüchtlinge in Jaffa die Evakuierten aus Petach Tikwah. Außerdem ist gegenwärtig die Beschaffung von Transportmitteln äußerst schwierig. Die Kommission begann daher mit der Regelung der Rückwanderung der Flüchtlinge aus Petach Tikwah. Die militärischen Behörden versprachen, die nötige Hilfe zu gewähren. Die Stadt- Verwaltung Jaffas und die Verwaltung von Tel- Awiw setzten besondere Kommissionen zur Regelung der Rückwanderung ein. Herr M. Dizengoff, der bis jetzt in Haifa weilte, wo sich die Tätigkeit "der Emigrationsbüros konzentriert hatte, kehrte zusammen mit •den Herren Aschkenasy und J. Grasowsky, die in Chedera und Sichron Jakob weilten, nach Jaffa zurück. Die Komitees sind bemüht, die Jaffaer Flüchtlinge, die sich gegenwärtig in Samaria und in Galiläa befinden, nach Jaffa zurückzuführen, soweit für sie bereits in Jaffa Beschäftigung vorhanden ist. Dagegen aber muß dafür gesorgt werden, daß ein Teil der Flüchtlinge in Haifa bleibt, Wo inzwischen Arbeitsinöglichkeiten geschaffen wurden. Ein anderer Teil soll sich in den übrigen Städten Galiläas niederlassen, wo die Zahl der jüdischen Bevölkerung während des Krieges in erschreckendem Maße gesunken ist (in Safed z. B. waren bei Ausbruch des Krieges 10000 Juden ansäßig, jetzt befinden sich dort nur 4000, von denen 200 Flüchtlinge aus Jaffa sind). Die Jaffaer Bevölkerung begegnet ihren zurückkehrenden Brüdern, die ihnen solange entrissen waren, mit Freude. Konferenz des;Misrachi Anfangs September fand in Jaffa eine Konferenz der Vertreter .-des., Al.i.sxaehi•. if01״.oic.ku-.. pierten Judäa statt. Wie der Sekretär des Verbands beichtete, zählt der Misrachi in Judäa caj 1000 Mitglieder. Selbst in offiziellen Kreisen der führenden Orthodoxie Jerusalems, die stets das misracbistischc ״Ketzertum“ auf das Strengste bekämpft hatten, änderte sich die Stimmung zugunsten des Misrachi. Ueber die Mission des Misrachi sprach u. a. Dr. Keller aus Amerika, der zusammen mit dermedizinlschen Expedition der ״Hadassah“ nach Palästina gekommen war. Er schilderte an der Hand seiner Erlebnisse und Erfahrungen in den Vereinigten Staaten die Bedeutung der zionistischen Orthodoxie für die Erhaltung des Judentums in der Diaspora. Im Mittelpunkt der Tagung stand der inhaltsreiche Vortrag des jungen Rabbiners Ostrowsky aus Ekron, der bereits auf der Gründungsversammlung der Judenheit Judäas sich als Führer der progressiven Orthodoxie auszeichnete. Viel wurde auch von der Notwendigkeit gesprochen, die orthodoxe Jugend des alten Jischuws zur p ro d u k t i ve n Tätigkeit heranzuziehen. Die neue Organisation ״Der junge Palästinense r“, die zu diesem Zwecke geschaffen wurde, besteht aus der misrachistischen Jugend. Ihre Vertreter verlangten von der Konferenz, ihre Unternehmungen zu unterstützen. Die Konferenz begrüßte diese ernsten Schritte der misrachistischen Jugend und machte die paiästinensischen Kolonisationsinstitutionen auf ihre Wünsche aufmerksam. Es wurde auch auf der Konferenz Geld zur Gründung eines literarischen Organs geschaffen und den Jeschiboth in Palästina große Aufmerksamkeit gewidmet. Von der Poale-Zion Trotzdem die große Mehrzahl der Parteimitglieder in Palästina sich der jüdischen Legion angeschlossen hat, entwickelt die Partei gegenwärtig in Palästina eine überaus rege Tätigkeit. In Jaffa und Jerusalem sind Arbeiterbüros eröffnet worden. Landwirtschaftliche und industrielle Arbeitergenossenschaften (besonders für öffentliche Arbeiten) werden ins Leben gerufen. An der Organisierung der palästinensischen Judenheit nimmt die Partei lebhaften Anteil. Am 7. und 8. September fand eine Parteikonferenz statt, zu der Delegierte aus Jaffa, Jerusalem und den Kolonien, sowie Vertreter der zahlreichen Mitglieder in der amerikanisch-jüdischen Legion erschienen waren. Die Konferenz befaßte sich u. a. eingehend mit dt’r Frage der Verwaltung des Landes in den ersten Fahren nach dem Kriege und sprach sich dafür aus, daß die Verwaltung in die Hände einer Macht (England oder Amerika), jedoch unter internationaler Kontrolle gelegt wird. Die Konferenz besprach ferner die Tätigkeit der Zionistischen Palästinakommission und ־forderte die Zulassung von mindestens zwei Vertretern der Poale- Zfion zur Wahrung der Interessen der Arbeiterschaft. Eine jüdische Agrarbank für Palästina Der Warschauer ״Moment‘ meldet: Diese» Tage bildete eine Gruppe jüdischer Millionäre, darunter der bekannte Millionär Brodski, in Kiew ein Konsortium zur Gründung einer Agrarbank in Paiäst in a. Das Gründungskapital׳ soll 40 Millionen Rubel betragen. Ein industrielles Unternehmen in Palästina Uns wird geschrieben: In Lodz schloß sich eine Gruppe jüdischer Großindustrieller zusammen, um eine Aktiengesellschaft mit 10 Millionen Mark Grundkapital zu gründen, die in Palästina eine große Weberei, Spinnerei und Appretur errichten soll. Die jüdischen Fabrikanten in Lodz sind der Ueberzeugung, Palästina könne leicht ein Zentrum der Manufaktur- Industrie werden, mit Absatzmöglichkeiten im Orient und auf den! Balkan. Die Initiatoren dieser Idee sandten einen Delegierten nach Warschau, um dort mit dem Zionistischen Zentralkomitee für Polen die Angelegenheit zu beraten. Die jüdische Volksgemeiade (Schluß.)ד Was die Aufgaben der Volksgemeinde betrifft, so darf sie keinesfalls engherzige Lokalpolitik treiben, sondern muß als die zuständige Vertretung der Juden das verbindende Glied mit der Gesamtjudenheit bilden, ln Deutschland speziell, wo die Verhältnisse eine politische Autonomie nicht möglich erscheinen lassen, wo der Zusammenhang der Juden, »weit sich heute übersehen läßt, vornehmlich geistig-kultureller Art bleiben wird, soll die Volksgemeinde Trägerin gewisser kultureller und sozialer Institutionen und Be- Strebungen sein, die im Rahmen der allgemeinen Verhältnisse und im Hinblick auf die jüdische Gesamtlage von den Juden als Ausfluß ihrer Eigenart autonom geregelt werden können. Das Maß religiösen Empfindens, die Stellung des Einzelnen zu den religiösen Problemen wird hier nicht mehr entscheidend *sein. Aus dem Bewußtsein des lebendigen Zusammenhanges mit einer großen Gemeinschaft wird die Fülle neuer Aufgaben entstehen. Durch die Gemeinden und die Instanzen der Gesamtorganisation werden diese verbindenden Fäden angeknüpft werden, werden die deutsehen Juden sich an allen großen Aufgaben beteiligen, welche das jüdische Volk zu lösen hat. Die erste und wichtigste Forderung auf kulturellem Gebiete ist eine vollständige Umgestaltung der ' “jl'ai s’cfbe‘rf Fr zTefMin g"ätr'rcKT' cH'e""5 c hiüIe. Die jüdische Schule als konfessionelle Anstatt wird in einem Gemeinwesen, in welchem Staat und Kirche getrennt sind, nur als Privatschule bestehen können. Was das heißt, wird jeder ermessen, der die kümmerlichen Verhältnisse der Privatschulen kennt,' die unter außerordentlichen Schwierigkeiten mit einem nicht gerade erstklassigen Lehrermaterial sich durchkämpfen müssen. Auch hinsichtlich des Lehrzieles sind die Erfahrungen mit jüdischen konfessionellen Schulen nicht erfreulich. Es herrschte bislang in ihnen der gleiche Geist wie in anderen Schulen, sie haben ihren Zöglingeil keine wahrhaft jüdische Erziehung gegeben, abgesehen von dem Vorteil, den Sabbath und die Feiertage zu halten. Die Schulen, die wir fordern, würden ganz anderer Art sein müssen. Sie würden selbstverständlich die nichtjüdischen Fächer in dem gleichen Ausmaße wie die entsrechenden allgemeinen Schulen leh ren, dazu aber wird eiu intensiver Unterrichtdes N e u h e b r ä i s c h e n als Volkssprache in der sephardischen Aussprache treten. Den Zöglingen der Schulen würde es unbedingt zugemutet werden müssen, mehr Stunden Unterricht in den Kauf zu nehmen, aber sie und ihre Eltern werden dieses Opfer sicherlich gern bringen für den Preis, der ihnen winkt. Auch der Geist wird in den Schulen ein anderer, ein wahrhaft jüdischer sein. Dieser Schultypus ist wohl mit dem Prinzip der freien Schule vereinbar. Es ist keine konfessionelle, sondern eine nationale Schule, die nicht mit dem Hinweis auf den religiösen Gewissenszwang bekämpft werden kann. Auch vom rechtlichen Standpunkte dürfen keine unüberwindlichen Schwierigkeiten der Einrichtung solcher Schulen gegenüberstehen. Es kann nicht schwer fallen, eine von konfessioneller» Vorurteilen und bürokratischen Forderungen freie Schul- Verwaltung für den Gedanken zu gewinnen, daß die spezifischen jüdischen Kulturgüter, der geistige Habitus einer nationalen Minorität, die Existenz besonderer jüdischer Schulen rechtfertigen. Die Bedenken gegen die Gleichstellung solcher Schulen mit den Staatsschulen werden durch den Fortfall verschiedener Hemmnisse, die bis heute galten (z. B. Einjährigenrecht), erlieblich gemildert werden. Es werden nicht viele soleher Schulen entstehen, einmal, weil nur ein Bruchteil der Juden sich für sie entscheiden wird, und sodann, weil die Unterhaltungskosten recht erhebliche sein werden, selbst wenn es gelingen sollte, für sie Subvention aus Staatsmitteln zu bekommen. Uebrigens wird vielleicht die Erhebung von Schulbeiträgen von der Gesamtheit der deutschen Juden (Schulfond) die finanziehen Grundlagen der Schule günstiger gestalten. Selbst wenige derartige Schulen (Volks- und höhere Schulen) werden als Pflanzstätten echt jüdischen Geistes ein starkes Rückgrat der jüdischen Gemeinschaft bilde». *) Vergleiche den ersten Artikel in Nr. 4 vom 17. Jan• 1919 der ״Jüdischen Rundschau“.