Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIV (1919)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1919)
- Date
- 1919-01-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2651273-2652135-2652136--11935-2669511- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
דל¬ Nr.! J U E Dl SC H E RUNDSCHAU Seite 3 der Zionistischen Vereinigung; für Deutschland Palästina-Referat Liclitlieiius (Fortsetzung und Schluß) IV. Die industrielle 1:111 \v i c k 1 ti 11 g. Es ist mit Sicherheit aii/iinelinien, daß in einen! jüdischen Palästina, welches unter dem Schutze einer modernen Imlustriegrolhnaeht stellt, Handel, Verkehr mul Industrie sieh rasch entwickeln worden. Dies um so mehr, als die Juden auf diesen Gebieten seit langem־ zu Hause sind. Vom Standpunkt desjenigen, der eine möglichst rasche Besiedlung, die möglichst schnelle Schaffung einer jüdischen Majorität im Lande wünscht, ist dies zu begrüßen. Aber auch derjenige, der vor allem die landwirtschaftliche Kolonisation fördern will und in der raschen Imlustricalisieruug und Kommerzialisiertmg Palästinas keinen Segen erblickt, wird mit den gegenwärtig herrschenden Wirtschaftstendcnzcn und mit den Neigungen der Juden rechnen müssen. Zurzeit wird die Weit noch von kapitalistischen Industrieländern beherrscht, die ungeheure Warenmengen produzieren und austnuscheu. Ls ist leicht vurausziisehen, daß in Palästina, gerade je mehr es laiulwirtschnltlich aufbliilit, je mehr es in den Weltverkehr einhezogen, von L'reimlen besucht und durch die Anteilnahme der ganzen jüdischen Welt wirtschaftlich und kulturell entwickelt wird, eine große Anzahl von ln1|N!rtmul Exportgeschäften entstehen werden, und daß ein reger Handelsverkehr sich entwickeln wird, ja es ist angesichts der Berulssehielitimg der Juden zu fürchten, daß der Umfang des Handels weit über das natürliche Bcdiirlnis hinausgelien und eine ungesunde Konkurrenz erzeugen wird. So wenig wünschenswert eine solche Entwicklung ist, dürfte es doch recht schwierig sein, praktische Gegenmaßregelu zu treffen. Zwar werden die Landwirte bestrebt sein, ihre Produkte durch Verknufsgeiiossenschaftcii ab/usetzen, dennoch aber wird sich ein sehr lebhafter Handelsverkehr entwickeln und besonders dann erstarken, wenn die iiHliistriealisicnmg des Landes zunimnit. Mit Ik'stinimthcit ist anzunehnien, daß in Verbindung mit der Landwirtschaft eine Reihe von Nebenindustrien entstellen .werden, so z. li. die fabrikmäßige Herstellung von Obstlind Gemüsekonserven, von Marmeladen, Oelseilen, sowie die Einrichtung von Gerbereien.■ Bei der Gründung sonstiger Industrien ist von sachverständiger Seite darauf hingewiesen worden, daß nicht zu viel experimentiert und daß vor allem solche Industrien eingeführt werden, in denen die Juden in Europa als Unternehmer und Arbeiter bereits tätig waren. Hier sind zu neunen die Weberei, die Bekleidungs- und .Schuhindustrie, ferner Druckereien, Ziegeleien und Breuiiercicn. Berner kämen große Bau- und Möbeltischlernen in Frage, die zuin Teil auch durch Handwerkergenossenschalten errichtet werden könnten. Ob die Gründung von Maschinenfabriken sich rentieren wird, steht dahin. Besondere Aussicht bat das Kunstgewerbe nach Art des Bc/nlel. Oute Leistungen auf diesem Gebiet werden eine sehr bedeutende Fremdenimliistrie schaffen. Endlich sind in diesem Zusammenhang öüeutliehe Unternehmungen zu nennen, die teils von der staatlich organisierten Gesamtheit, teils von Privatgesellschäften betrieben werden könnten, so z. B. neue Schiffi'alirtsliuien, elektrische Bahnen, Automobilverkehr, clektrischc Kraft- und Lichtanlagen, Telephonanlagen, Hotel- Unternehmungen usw. Ob Berguerksimternelim ungen größeren Umfangs entstehen werden, hängt von weiteren Untersuchungen ab. Das Vorkommen von Petroleum ist festgcstellt. Iin großen und ganzen muß man sagen, daß die industrielle und kommerzielle Eutwickhing Palästinas sich wahrscheinlich ohne viel Eingreifen von oben ganz von selbst in raschem Tempo vollziehen wird. . Gehemmt werden könnte sie nur durch die sozialistische und kommunistische Entwicklung der jüdischen Arbeiterschaft, die das Unternehmertum abschrecken oder die Betriebe unrentabel machen könnte. Diese Möglichkeit besteht heute allerdings, und wer auf die industrielle Entwicklung Palästinas sehr große Hoffnungen setzt, sollte dies in Betracht ziehen. Der Staat kann «las private Unternehmertum niemals ersetzen. Sehen wir doch heute selbst in Deutschland, «laß die Sozialisten zunächst nur die bereits hoch entwickelten Lergbauuiitcriieliimmgcii verstaatlichen wollen. 111 einem Neuland wie Palästina kann nur der private!Unternehmungsgeist das Risiko der Neugründung industricllcr Unternehmungen tragen und sich ein Absatzgebiet erkämpfen. Ob eine starke Iiultistriealisierung Palästinas erwünscht ist, diese Frage hängt mit der öesamtauffassung vom Zionismus und mit der sozialen Weltauscltaiumg des Einzelnen ־zusammen. Will man Grund- Sätze und Richtlinien, so wäre folgendes zu sagen: Alle Verkelirsimtcniehiiuingeii, Bcwässerungs- und sou- * stigcn Kraftanlagen, sowie die Ausbeutung der Bodenschätze sollte, soweit möglich, vom Staat, 11. 11. von der künftigen jüdischen Gemeinschaft entweder in eigener Regie oder unter Heranziehung von Privatkapital in Form gemischtwirtschaftlicher halbstaatlicher Unterwehmütigen oder zumindest unter Kontrolle und Gewinn- Beteiligung der Gemeinschaft betrieben werden. Die Privatinitiative sollte sich außerdem vor .־illcm «lenjenigen Industrien ztiwciideii, deren Gründling; unter den besonderen Verhältnissen Palästinas als aussichtsreich erscheint und den natürlichen Bedürfnissen und Fähigkeifen der Bevölkerung entspricht. Die Gründung industricllcr Unternehmungen, die den Juden nicht vertraut sind, oder für deren Produkte ein Absatzmarkt erst• mühsam erkämpft werden muß, ist nicht erwünscht. Das überhitzte Tempo'der Warenproduktion Europas sollten wir in Palästina möglichst vermeiden. Einer besonderen Förderung bedarf die industrielle Eutwickhing Palästinas daher nicht. So sehr wir cs begrüßen und gerade unter den jetzigen Verhältnissen für erwünscht halten, daß möglichst rasch durch Inangriffnähme öffentlicher Arbeiten möglichst vielen Einwaiiderern Arbeitsgelegenheit gegeben wird, und so sehr wir anerkennen, daß die industrielle und kommerzielle Ent- Wicklung im Interesse raschen Anwachsens der Bcvölkerung liegt, so legen wir doch entscheidendes Gewicht darauf, daß die sozialen Schäden und Mißstände, die mit starker Industricalisicrung verbunden sind, vermieden werden, und daß die Berufsgliederung der Juden in Palästina eine möglichst gesunde ist. Ls erscheint deshalb wünschenswert, daß etwa im Sinne des Ruppinselten Schemas wenigstens 1/a der Bevölkerung laud* wirtschaftlich tätig ist. V. Die landwirtschaftliche Kolonisation und die Nationalisierung des Bodens. n) Die landwirtschaftliche Ausbildung. Ganz anders als mit Handel und Industrie verhält cs sich mit der Landwirtschaft. Haben wir dort eher ein Zuvid als ein Zuwenig zu erwarten, so ist cs hier leider umgekehrt. Und damit stehen wir vor dem zentralen Problem des Zionismus, von dessen Lösung alles abiiängt. Eines sei mit aller Bestimmtheit gesagt: Jeder tüchtige jüdische Landwirt, jeder erprobte jü* disclie Landarbeiter .soll uns in Palästina hochwillkommen sein. Leider fehlt es uns ,auf diesem Gebiet durchaus an der nötigen Zahl von Menschen. Es wird zwar gelegentlich darauf hingewiesen, daß es jn Ruß-!and und Amerika eine größere Anzahl jüdischer Landwirte gibt, aber von diesen wird voraussichtlich nur ein geringer Teil die Umsiedlung nach Palästina vornehmen. Das Grumlprohlcm unserer Kolonisation lautet: Wie beschaffen wir das geeignete Mcnschenmatcrial? Dieses Problem wird mit den bisher angewandten Mitteln überhaupt nicht zu lösen sein. Wir benötigen eine systematische Schulung und Erziehung der Jugend, die bisher gefehlt hat. Wir müssen in Palästina und außerhalb Palästinas alles aufbieten, um eine große Zahl von Laiullicimcn und Landwirtschaftsschulen, von Lehrstellen für die männliche und weibliche Jugend, .von Lelirgütcrn und Farmen zu schaffen und diejenigen, die schon etwas gelernt haben, zu ihrer weiteren Aushildutig in Einzelbetrieben unterzubringen. Theoretische UiitcTweisungskurse müssen sidi der praktischen Ausbilduug anscliließen. Für die Mädchen brauchen wir außerdem Gartenbau- und Haiislialtungsscliiilen. Wir fordern mit allem Nachdruck, daß die Zionistische Organisation der Frage der landwirtschaftlichen Jugendcrzicliung die höchste Aufmerksamkeit widmet und große Geldmittel dafür aufwendet. Andernfalls ist die Aufgäbe der landwirtschaftlichen Besiedlung Palästinas nicht zu lösen. Schon in den kleinen Verhältnissen der bisherigeu Kolonisation machte sich der Mangel ausgcbildeier Arbeitskräfte ständig bemerkbar. Es wird verliäStnisinäßig noch am leichtesten sein, junge kräftige Arbeiter durch Schaffung zahlreicher Schulen, Lehrgüter und Lehrstellen auszubildcn. Dagegen bietet die Be- Schaffung von tüchtigem Kolonistenmatcrial, das über einige Mittel verfügt ׳und imstande ist, mit Hilfe der zu gewährenden Kredite eigene Betriebe einzurichtcii und zu leiten, ganz besondere Schwierigkeiten. In diesem Zusammenhang sei ein Wort über die Achus,•!-Bewegung gesagt. Von manchen Seiten wird auf diese Bewegung große Hoffnung gesetzt und diese Hoffnung ist bcrcchtigt, soweit es sich durum handelt, in Form von Gruppen und Vereinen Mittel zur Anlage von Pflanzungen aufzuhringen. Damit ist aber die Frage der Besiedlung noch nicht gelöst. Bestellt die Aclvusa größtenteils aus Leuten, die selber vorläufig gar nicht die Absicht haben, nach Palästina zu übcrsicdcln und Kolonisten zu werden, so wird das Ergebnis vielleicht der Ankauf eines Terrains sein, auf welchen! eine Gruppe von Arbeitern Pflanzungen und sonstige landwirtschaftliche Kulturen anlegt. Das ist gewiß insofern nützlich, als dadurch ein Stück Baden erschlossen und einer Anzahl von Arbeitern eine Verdicnstinögliclikclt geschaffen wird. Aber die Besiedlung des Landes wird so keineswegs erreicht. Man könnte ja daran denken, daß die Arbeiter das betreffende Stück Land dauern.I genossen• schaillicli weiterbearbeiten bzw, unter sich auftcilcn, aber dies liegt ja keineswegs in der Absicht der Achusn• Mitglieder. Die Aclvusu-fkwcgung ist also reform■ bedürftig׳ und die Reform sollte vor allem darauf aus׳ gehen, eine Aclvusa nur aus solchen Leuten zu bilden, die wenigstens zu einem Teil die Absicht haben, selbst als Kolonisten in naher Zukunft nach Palästina über zusiedcln oder jüngere Söhne und Verwandle nach vorhöriger landwirtschaftlicher Ausbildung nach Palästina zu entsenden, wo sie ihre Ausbildung vervollständigen und aus< der Achusa-Gründung eine wirkliche Koloniegründung machen. In dieser landwirtschaftlichen Ausbilduug insbesondere der jüngeren Elemente liegt also vor allem die Lösung des Problems. Freilich ist die Berufsausbildung nicht alles. Wer nicht vom richtigen zionistischen Geist beseelt ist, wer nicht entschlossen ist, im Geiste sozialer Einordnung und zum Wöhle des nationalen Ganzen die Schwierigkeiten der Uebcrsiedhing und Einfügung in die besonderen Verhältnisse Palästinas zu ertragen, der wird nicht zum Ziele gelangen. Wer. .aber erkannt hat, daß von der laudwirtschaftlichen Besiedlung Palästinas alles für uns abhängt, der wird manche Sorgen und Schwierigkeiten, ja für die ersten Jahre auch erhebliche Entbehrungen auf sich nehmen, um ein Stück Neuland zu erschließen, und wer so denkt und handelt, der wird zu den wahren Befreiern des Landes gehören. b) Die Nationalisierung des Bodens. In der letzten Zeit hat sich die öffentliche Meinung im Zionismus lebhaft mit der Frage der sogenannten Nationalisierung des Bodens beschäftigt. Darunter wird verstanden, daß es in Palästina überhaupt keinen Privatbesitz, au Grund und Boden geben, daß dieser vielmehr im Eigentum der Gesamtheit verbleiben und den Kolonisten oder Genossenschaften nur pachtweise oder erbpachtweise überlassen werden soll. Hierdurch soll der Aufkauf großer Ländereien durch einzelne Personen oder Gesellschaften, also die Bildung von Großgrundbesitz sowie die Bodenspekulation verhindert werden. Es ist klar, daß die Durchführung dieses Prinzips großen Schwierigkeiten begegnen wird, vor allem deshalb, weil der bereits vorhandene Grundbesitz größtenteils enteignet werden müßte. Auch ist der Einwand erhoben worden, daß die angestrebten Vorzüge auf anderem Wege erreicht werden könnten. Es könnte boispielsweise dem Natumatfonds oder einer zentralen Kolonisationsgcscllschaft bei jedem Bcsitzwcchscl ein Vorkaufsrecht zustehen, damit die Bildung von Großgrundbesitz verhindert werden kann, und eine zentrale Bodenkaufsgesellschaft könnte darauf achten, daß an einzelne Bcsitzer immer nur Terrains von beschränktem Umfang verkauft werden. Ferner wird darauf hingeniesen, daß bei ländlichen Grundstücken die sogenannte Boden- Spekulation stets eine natürliche Grenze am Ertrage des Grundstücks findet. Bei erheblicher Steigerung der Bodenrente könnte man diese durch Steuern erfassen und so die Spekulation verhindern. Ruppin weist ferner darauf hin, daß die Einwanderer teilweise abgeschreckt würden, wenn die Kolonisten nicht in der Lage sind, den Grund und Boden zu vollem Eigentum zu erwerben. Dies gilt nach Ruppin vor allem für diejenigen, weiche ms eigenen Mitteln Pilaiizungen anlegcn wollen, bei denen der Boden nur einen verhältnismäßig geringen Teil des Investitionskapitals atismaclit. Obwohl alle diese Eimvände Beachtung verdienen, sollten wir uns doch für die Idee der Nationalisierung des gesamten Bodens entscheiden. Es liegt ein hoher moralischer Wert in dein Gedanken, daß Palästina dem ganzen Volke gehören soll. Wir wollen diesen Gedanken Icsthalten, und wir können auch nicht zugeben, daß die Einwände gegen diesen Gedanken wirklich stichhaltig sind oder daß die Bodenspekulation auf andere Weise verhindert werden kann. Will man nämlich die Bildung von Großgrundbesitz durch ein Vorkaufsrecht unserer Kolonisationsgcsellschaften verhindern, so werden die Bodeubesitzer häufig dazu verführt werden, Scheiiikäufe zu sehr hohen Preisen abzuschlicßcn und sie werden auf diese Weise die KolonialgcsolLschaft zwingen, entweder den Boden zu überzahlen oder den Verkauf an Dritte zu/.ulassen. Hiergegen Schutzmaßnahmen zu treffen, dürfte sehr schwierig sein. Der zweite Einwand, daß die Spekulation mit ländlichen Grundstücken im Ertragswert, den man ja besteuern könne, ihre natürliche Grenze finde, mag für andere Länder zutreffen. Palästina aber wird zu einem Lieblings- und Luxusobjekt für die gesamte Judenlieit werden. Ist der private Grundstückshandel erlaubt, so werden sich viele Juden ans allen Ländern finden, die aus Liebhaberei ein Stückdien Palästina, ganz unabhängig vom Ertragswert besitzen wollen. Das kann zur Anstaelielung der Spekulationsliist der Kolonisten, ja zu einer schweren Schädigung der ganzen Kolonisation führen. Der dritte Eiuvvaud, daß die Einwanderer, insbesondere die kleineren Kapitalisten aus Osteuropa darauf bestellen werden, das volle Eigentum am Boden zu erwerben, mag für viele zutreffen. Dann müssen wir eben diejenigen Ansiedler bevorzugen, die den sozialethischei! und wirtsdiaftlichcn Wert der Naiionalisiertmg des Bodens verstehen, und es ist kein Zweifel, daß wir solche in genügender Zahl finden werden. Gewiß liegt in dem Gedanken, ein Stück Bodciic-zu völligem Eigentum zu besitzen, für viele etwas Verlockendes. Dennoch glauben wir, daß das jüdische Volk für die Idee reif ist, dieses Eigcntumsgefuhl dem höheren Bewußtsein zu opfern, daß Palästina dem ganzen