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Jüdische Rundschau · 1919-01-07 · Heft 1 (7.1.1919) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIV (1919)
Issue
Heft 1 (7.1.1919)
Date
1919-01-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 1 Weg frei zu machen. Der jüdischen Gemeinschaft selbst, die ihre alten Inhalte verloren hatte, wollten wir neue Inhalte geben. Die politische, wirtschaftliche und so• ziale Not des jüdischen Volkes wollten wir mindern. Aus allen diesen Gründen kamen wir zur Forderung des jüdischen Palästina. Aber nur in der erste״’ Zeit erstellten der Zionismus als eine ״Lösung‘‘ der Jedemfrage. Heute w'issen wir, daß auch d׳er Zionismus nur eine Teillösung darstellt. In der ״Jüdischen Rundschau“ (No. 50) gibt Lichtheim die Zahl der Juden, die kt den. ersten Jahren nach Palästina iibersiedelu können, auf einige Zehntausend ״bestenfalls“ an. Menscheitalter aber MenscUenalter werden vergelten, che der Zionismus einen auch nur einigermaßen beträchtlichen Bruchteil der Juden nach Palästina verpflanzt hat. IXis aber bedeutet, ■daß die Massen des jüdischen Volkes auch weiterhin in der Diaspora leben werden. Keine der Ga lut häufgaben der Judenheit verliert durch den Zionismusetwas von ihrcrßctlcut u n g. Da• mit bleibt es v o m j ii d i s c h c n Standpunkt aus unsere Pflicht, an den Geschicken der Länder, in denen wir wohnen, teilzunclnnen, voll bestehen. Aber jüdische Gründe sind nicht die einzigen, die uns zur Teilnahme au der Politik unserer Wohnländcr zwingen. Diese Notwendigkeit ergibt sich auch aus der Art unseres Verhältnisses zu unsern nichtjüdischen Mitbürgern. Piir Erich Colin allerdings bestellt hier kein innerliches Verhältnis. Für ihn ist mit der Entdeckung der jüdischen Nationalität ein so ungeheuer kompliziertes Zusammengehörigkeilsverliältnis, wie cs das der Juden zu ihren ״WirtsVölkern“ darstctlt, mit ein paar schroffen Gegenüberstellungen erledigt. Für ihn ist mit dem Bekenntnis zur jüdischen Nationalität zugleich das Gelitbdc verbunden, der deutschen Nation entweder garnicht anzugehören, oder aber alles dazu zu tun, die geistige Verknüpfung mit der deutschen Nation zu lösen. 1 1 ־! i Wir anderen sind Zionisten, weil w׳ir eine volle Ent• faltung unserer jüdischen Persönlichkeit wollen. Wir wissen aber, daß das Wesen des deutschen Juden durch sein Judentum nicht■ erschöpft w׳ird. So gewaltig sind die mannigfaltigen Verknüpfungen mit deutschem Geist und deutscher Wirtschaft, daß cs nur als eine Vcrzerrung natürlicher Instinkte erscheint, wenn man ver* suchen wollte, das Interesse der Juden am inneren Leben des deutschen Volkes zum Erlöschen zu bringen. Wir haben gewiß die inbrünstige Hoffnung, daß die deutsche Judenheit mit dem jüdischen Palästina in ein enges, geistiges Verhältnis tritt und von dort die jüdisehen Inhalte bekommen wird, deren Fehlen wir heute so schnurzlich füllten. Wir hoffen auch, daß durch ein blühendes Palästina unsere innere und äußere Stellung eine würdigere werden wird, ,als sie es heute ist. Aber die jüdischen Massen werden auch weiterhin in der Diaspora leben, und die deutschen Juden werden es sich nicht gefallen lassen, daß Doktrinäre eines kon״ servativen Nationalismus eine ausgeprägte Seite ihrer Persönlichkeit unterdrücken: ihre innere Anteilnahme am Schicksal des deutschen Volkes. Und nun noch ein Grund, der uns zu politischer Teilnahme zwingt: unsere mcnschhcitlichcn Uebcrzcugungen. Der jüdische Nationalismus erscheint nicht als eine isolierte Bestrebung Ln der Seele des Juden, sondern er ist untrennbar verknüpft mit anderen Idealen, er ist verankert in dem Komplex einer Weltanschauung. Erich Cohn befiehlt allerdings: ״Der zionistische Sozia-!ist ist Sozialist für das jüdische Volk, und erst muß er für dessen Leben sorgen, ehe er für seine Sozial!- sierung sorgen kann.“ Auch dieser Satz beweist einen erschreckenden Mangel an Verständnis für die Kompliziertheit seelischer Erscheinungen! Sozialisnuts ist eine Weltanschauung, die Menschen oft vollständig beherrscht, Sozialismus ist ein Prinzip für das Zusammenleben von Menschen überhaupt Eine solche Ucbcrzeugung zwingt den, der sie besitzt, sic auszudrücken. Sozialismus kann man nicht ״zurückstellen“, bis die Judenfrage ״gelöst“ ist. Für uns gibt cs soldic chronologischen Einteilungen unserer Ucbcrzeugung nicht. Wir sehen auteli das jüdische Volk in, einer ewigen Entwicklung, seinen nationalen Geist in steter Veranderung, in tausendfältiger Beziehung zu dem nationaten Geiste anderer Völker, ihn ewig beeinflussend und selbst von ihm beeinflußt. Jetzt ist für das Judentum der gewaltige bistorisdie Augenblick gekommen, in dem cs im alten Land der Väter wieder eine neue Kultur erschafft, die für alle seine Glieder in allen Ländern der Welt von tiefster Bedeutung sein wird. Aber das bedeutet nicht, daß eines Tages das Judenproblan aufgehört hat zu existieren. Der vicltauscndjährigc Einfluß der nichtjüdischeu Umgebung hört audi dann nicht auf, wenn Palästina eine blühende hebräische Kultur hat, und auch weiter wird der nationale Geist der Juden von den sic umgebenden Kulturen becinfluöt werden. Auch weiterhin werden geistige Strömungen von den Juden ausgehen, und immerdar werden sich die Juden in Leidenschaft von den geistigen Strömungen mit fort tragen lassen, die ihre Mitbürger beherrsehen. Mit einer Leidenschaft aber, die sie beherrscht, können sie nicht ״warten“. Der jüdisdie Sozialist ist nicht ״Sozialist für das jüdische Volk“; Sozialist ist man etwa nicht für einen bestimmten Kreis von Mensehen, Sozialist ist man für die Menschheit, Sozialist ist man überhaupt, ist man überall• dort, wo man sich aufhält. Und da die Masse der deutschen Juden in Deutschland kben wird, wird all ihr mcnschheitliches Streben hier seinen natürlichen Ausdruck finden. Erich Colins Standpunkt, würde die deutscher! Juden zu dem Furchtbarsten verurteilen, was einem Volk geschellen kann: ausgeschlossen zu werden von den großen Aufgaben der Menschheit. Das kann nicht der Sinn des Zionismus sein! Werner Fr au Städter. Führende Zionisten in London Das Kopc 1111 agener Zio!1,ist!sehe Bureau berichtet: Der ״Jcwisli Chroniclc“ meldet die Ankunft Dr. Jn.cobsons i.11 London, der mit unbedingten Vollmachten der E. A, C.-Mitglicder Professor Warburg und Dr. llnntke dort angekommen ist. Das genannte Blatt berichtet ferner, daß Rabbiner Stephan Wise in Begleitung von Frau Joseph Fels und den Herren F 1 c x n c r und Robinson angekommen ist, mit denen zusammen er die Federation of American Zionist» vertreten soll. Zur jüdischen Weltkonferenz Laut dem Beschlüsse der Jüdischen Nationalver- Sammlung in der Ukraine unternahm das Jüdische N a t i o 11 n I s e k r e t a r i a t die ersten Schritte zur Vorbereitimg der Jüdischen׳ Weltkon, ferenz, die endgültig die Forderungen des jüdischen Volkes an die Friedenskonferenz formulieren und für ihre Verteidigung eine nationale Repräsentation steliaffcn soll. Das Nationnlsckrctariat wandte siteli mit einem Rundschreiben au die Präsidien der Großstadiigeineindcn Po• lens und Weißrußlands wie auch an die Zentrale der jüdischen Organisationen Litauens mit dem Vorschlag, in kürze stier Frist N at i o n a 1 v e r s a in m - lungen auf demokratischer Grundlage einzuberufen, um über alle Fragen des jüdischen Lebens Beschlüsse zu fassen und um Vertreter zur jüdischen. Wcltkonferenz zu wählen. Sobald der Bahn- und Telegraphen verkehr hergestcllt sein wird, wird das Nationalsekrctariat den selben Vorschlag auch an die Judenheit Deutsch- I a n d s, E u g l a 11 d s, Amerikas und der neuen Staatsbildungen im ehemaligen Oestcrreich-Un• g a r n richten. Eine Weltkonferenz des Poale-Zion-Verbandes Das Kopcnliagencr Zionistische Bureau meldet: Das Bureau des Jüdischen Sozialistischen Arbeiterverve r bau des Poalc-Zion, das gegenwärtig seinen Sitz in Stockholm hat, versandte auf telegraphischem Wege an die allgeschlossenen Landes-Organisationen eine Einladung zu einer Weltkon• ferenz des Verbandes, die bei der ersten äußeren Möglichkeit abgehalten werden wird. Die Organisationen wurden aufgefordert, die Wahl• der Delegierten unverziiglich vorzimehmrn, Die Delegierten haben sich bereit' zu halten, auf den ersten Ruf zu kommen. Ort und Zeit der Konferenz werden bestimmt werden, sobald die internationale Lage dies erlauben wird. Vereinigung der Juden GroB׳Rußlands Im Zusammenhang mit den letzten Ereignissen tauchte in jüdischen politischen Kreisen der Gedanke auf, die Tätigkeit der jüdischen ZentralOrgane, die in den Einzelstaaten des ehemaligen russischen Territoriums entstanden sind, zu koordinieren. Das Jüdische Nationalsekrctariat in Kiew beschloß, zu dieseni Zwecke eine permanente Beratung der jüdischen Zentralorgane Großrußlands, der Ukraine, Litauens und Weißrußlands zu schaffen. Diese Beratung soll später eine Vertretung wählen, die bevollmächtigt wäre, im Namen des rußländistehen Judentums aufzuitreten, um seine nationalen und politischen Forderungen durchzuführeu. Jüdischer Nationalkongrefi in Prag Der Jüdische Nationalrät für den tschechoslowakischen Staat hat auf den 5. Januar nach Prag alle zionistischen Organisationen zu einem Nationnikon• greß eingeladen. Jüdisch-nationale Konferenz in Polen Wir erhalten aus Warstehau die folgende Nachricht: Am 26. Dezember fand in Warschau eine Konferenz der jüdisch-nationalen Institutionen Polens statt. Ucber 300 Vertreter verschiedener sozialer und politischer Gruppen, Gemeinden und Kultuträten waren anwesend. Walilbeschrankung der Juden in Polen Das Zentralkomitee der Zion Ist isch cn Organisation in Polen überreichte am 20. Dezember dem Ministerpräsidenten des polnischen Staates folgendes Memorandum; An den Ministerpräsidenten 1 Betrifft die Beschränkung des Wahlrechts der Bürger jüdischer Nationalität. Entgegen der feierlichen Programmerklärung der Volksregierung über gleiche Behandlung aller Bürger ohne Unterschied von Glauben und Nationalität enthält die Instruktion zum Artikel 1 der Wahlordnung die Bestimmung, daß wer sich zur polnischen Nationalität bekennt, das Wahlrecht hat ohne Unterschied, des Ge• burtsortes (d. h. ob er auf dem Oebict der Rayons, auf die die Wahlordnung■ sich bezieht, oder außerhalb dieses Gebiets geboren ist). Daraus folgt, daß ein Jude, der sich zur polnischen Staatsangehörigkeit, nicht aber zur polnischen Nationalität bekennt, kein Wahlrecht hat, falls er nicht in ih n Grenzen der Wahlrayons geboren ist. Diese Bestimmung ist iin wesentlichen gerichtet gegen das ganze jüdische Volk in Polen, das man vor die Alternative stellt, entweder das Wahlrecht zu verlieren, oder sich von seiner Nationalität loszusagen. Der Begriff der polnischen Burgerlichkeit ist bis jetzt gesetzgeberisch noch nicht feriiggestellt worden. Es besteht aber kein Zweifel, daß dieser Begriff auf der polnischen Staatsangehörigkeit und nicht auf der Nationalität aufgebaut werden kann. Uebrigcns stellte sich die Volksregierung selbst auf diesen Standpunkt in ihrem Erlaß über die Wahlordnung zu den Stadträten, wobei das Wahlrecht des Wählers von seiner Staatsangehörigkeit abhängig gemacht wird. Außerdem muß noch bemerkt werden, daß das Walilgcsetz für den ehemaligen Stantsrat, wie auch das Landtagsgesetz, das diesem Staatsrat vorgeschlagen wurde, dienfalls den Staatsangehörigkeitsst.indpunkt aiimihm und keine Beschränkungen für Personen jüdischer Nationalität enthält. Die jüdische Oiffcntlichkcit sieht in dieser ersten Probe der verschleierten Beschränkung des polltisehen Rechts der Juden einen gefährlichen Präzedcnzfall, der einen Kampf gegen die jüdische nationale Min* derheit in Polen mittelst Rcditsbcgrenzungcn ansagt. Indem wir gegen diese Vergewaltigung protcsticren, fordern wir, daß diese Bestimmung sofort rück• jgiingirr gemacht werden soll, oder es soll amtlich 1kkanntgegeben werden, daß die feierliche Erklärung, die in der Instruktion zu Artikel 1 der Wahlordnung vorgeschrieben wird, eine Erklärung über die Allgehörigkeit zum polnischen Staat, nicht aber zur polnischen Nationalität sein soll. Zu den Vorgängen in Posen Vom Jüdischen Volksrat in Posen, erhalten wir die folgende Darstellung der Vorgänge in Posen, über die in letzter Woche die deutsche» Tageszeitungen zahlreiche Berichte brachten: ״Die in den Berliner Zeitung n gebrachten Nachrichten über Judenverfolgungen .!1 Posen sind stark ^übertrieben und großenteils unrichtig. Insbesondere ist die in das Berliner Tageblatt übernommene Nachricht unrichtig, daß in Posen ein Judenpogrom siaUgefunden hat, bei dem es zahlreiche Tote gegeben habe. Riehtig ist, daß bei den Haussuchungen nach Waffen durch nicht legitimierte So ld at cn t r u p ps Mißgriffe und auch Angriffe auf Personen und Sachen vor;׳.״kommen sind, und zwar gegenüber der gesamten nichtpolnischcn Bevölkerung. Es ist insbesondere unrichtig, daß während des Gottesdienstes ein Trommelfeuer auf die Synagoge eröffnet worden ist. Richtig ist nur, daß Soldaten in der Meinung cs sei von der Synagoge aus ein Schuß gefallen, mit ein e in Maschinengewehr auf 11 i e Synagoge geschossen haben. Der Vorfall spielte sich nicht välircud des Gottesdienstes ab; von der jüdischen Bcvölkcrung ist hierbei niemand verletzt worden. Den Uebcrgriffcn bei den Haussuchungen ist leider der Zionist Georg Mathias zum Opfer gefallen. Ein paar bewaffnete!Klinische Soldaten waren unter dem Vorwand, daß aus seinem Hause geschossen worden sei, in seine Wohnung gedrungen, lim nach Waffen zu suchen. Einer der Soldaten hat hierbei Wertgegenstände geraubt. Herr M,1thias, der eben aus der Synagoge gekommen war, wandte sieb an die vor seinem Hause stehenden Posten und beschwerte sich in begreiflicher Erregung über den Raub. Hierbei wurde er, von einem der Soldaten einfach u icd c r g ck 11 a 111. Er war auf der Stelle tot. Die Beerdigung des Erschossenen fand unter außerordentlich starker Beteiligung statt. Polnische Bchörden waren zu unserem Befremden nicht vertreten. Es sei noch darauf hin gewiesen, daß die Stirnmung eines großen Teiles der Polen uns gegenüber durchaus feindselig Ist. Diese feindselige Stimmung tritt oft in recht unangenelmu-r Weise zu Tage. Insbesondere wird von den Polen das Gerücht verbreitet, daß Juden auf polnische Soldaten geschossen haben, was auch nicht in einem einzigen Falle einwatulsfre» fcstgestellt worden ist. W i r hoffen aber bestimmt, daß es dem Einflu ß der maßgebenden polnischen Person - llchkcitcn, die uns wiederholt ihre loyale Gesinnung versieh er! haben, gelinge« wird, auf ihre Landsleute im friedlichen Sinne cinzu w i rk cn. Insbesondere erwarten wir, daß die polnischen Führer den vielen unbegründeten Gerüchten, die unter den polnischen Massen im Umlauf sind, energisch entgegentreten werden.’* ״Der Zionismus, sein Wesen und seine Organisation“ Unter diesem Titel ist im Verlage des Kopenhagen« Büros der Zionistischen Organisation eine Schrift yo« Dr. S. Bernstein, dem bekannten Verfasser des Buches ״Die Judenpolitik der rumänischen Regierung“, erschienen, das insbesondere zwei für die Beurteilung des Zionismus im Zusammenhang der Weltpolitischen OesChchnissc wichtige Kapitel enthält: ״Der Zionismus iin Lüchte der internationalen Demokratie“ und ״Palistina im Prozesse der sozial-pol itistehen Wiedergeburt1''. Eine ausführliche Besprechung des Buches bringen* wir in einer der nächsten Nummern. (Sielte auch Inserat!)

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