Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIII (1918)
- Issue
- Heft 52 (6.12.1918)
- Date
- 1918-12-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SHte 404 '1 f - ׳ C ן # Nr 52 Regierung auch für alle Wahlen zur jüdteclieii Oemeiude, die nach den bestehenden Gesetzen eine Körperschaft des öffentlichen Rechte ist, bereits ciugcführt und muß■ van den Gemeinden ar.erkajmt werden. ln der ,Volksgemeindc wird jeder Jude, gleichgültig, aus welchem Lande er .stammt, als gleichberechtigt anerkannt. Der Ccmcindcvorstaml muß ebenso wie die Repräsentanten von allen Gemeindemitgliedcru gewählt werden. Die Steuern müssen progressiv sein wie die Staatsstcuern; die Leitung der Gemeinde muß in den Händen von Persönlichkeiten liegen, die durch ihre jüdischen QualiUtcn zu diesem Amt berufen sind, nicht in den Händen von Männern, die durch ihre Stellung im nichtjüdischen Leben ־zur Führung der jüdischen Ge: meiude gelangen. Die bisherige Notahclnwirtschuft hat dazu geführt, daß bei Wahlen nach der gesellschaftlichen und sozialen Stellung, nicht aber nach dem jüdischen Rcrsöulichkeitswert gefragt wurde. Aufgabe der jüdischen Volksgemeindc ist die lokale Wahrnehmung und Vertretung der jüdischen Gesamtinteressen in Deutschbind. Die wichtigsten Gesamthcitsintcresscn sind:־ A. Kulturelle: a) Kultus, b) Jüdische und hebräische Erziehung der Kinder und Fortbildung der Jugend (hebräische Kindergärten, jüdische Schulen und Fortbildungsschuien). c) Pflege der jüdischen Wissenschaft. d) Turn- und Sportwesen. B. Politische: Vertretung der bürgerlichen und politischen Rechte der Juden. C. Soziale: Soziale Fürsoge als Ergänzung der staatlichen. Die jüdische Volksgemeinde macht große •deutsch-jüdische Organisationen, den Zentralverein und den Verband der deutschen Juden, überflüssig. Diese Verbände sind eventuell nur noch Vercinigungcn von Anregern und Förderern, die Demeiude hat prinzipiell die politische Führung und Vertretungsmacht. Die jüdische Volksgemeindc erstreckt ihre Tätigkeit weiter auf die Mitarbeit ati den Gesamt* aufgaben des jüdischen Volkes in der ganzen Welt. In ltdracht kommen: a) Aufbau Palästinas, b) Kampf für die bürgerliche und nationale Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern, c) Soziale Fürsorge für die Juden aller Länder. Der Begrif f der jüdischen Volksgemeindc ergibt sich aus ihren Aufgaben. Sie ist eine Gemeinde auf volkstümlicher Grundläge. Sie repräsentiert in ihrem Lokalbezirk die Gesamtiiiteresseii der Juden in Deutschland. Sic ist eine Gliedgemcinde des jüdischen Volkes in der ganzen Welt. , Im Gegensatz hierzu ist die jüdische Kultusgemeinde in ihrer bisherigen Verfassung eine Gemeiude auf plutokratischer Grundlage, eine reine Lokalgcmeiude, die nicht einmal innerhalb ihres Lokalbezirkes alle jüdischen Gesamtintercssen wahrnimmt, ohne Zusammenhang mit den Gesamtheitaufgaben der Juden Deutschlands und in der ganzen Welt. Bis unsere Forderungen auf völlige Umgestaltimg der jüdischen Verfassung in Deutschland verwirklicht sind, müssen wir aus eigener Kraft unverzüglich Vorarbeiten leisten. Die Kongreßbewegung wird der entscheidende Schritt sein für die Demokratisierung und Natioiialisit.Tiing des deutschen Judentums. Wir zwingen wiederum jeden deutschen Juden, Stellung zu nehmen. Wir erzwingen von ihm die klare Entscheidung, ob er skh ־zum jüdischen Volke rechnet oder nicht. Mit denen die mit uns zum Kongreß kommen, werden wir unser Werk vollenden. Wir haben ein geschlossenes jüdisches Programni, wir sind das jüdische Volk in Deutschfand, hinter 1ms steht die überwältigende Mehrheit der Jude״ der ganzen Welt, Palästina wird in dieser Zeit und in diesen Tagen als nationale Heimstätte für das jüdische Volk anerkannt, auf dem FriedenskoiigreU werden wir vertreten sein, werden zum ersten Male nationale Juden vor dem Forum der ganzen Welt Forderungen des jüdischen Volkes erheben, die Judenfrage ist dem Bereich der einzelnen Länder entrückt, zu einer internationalen Angelegenheit geworden, — und in diesem Augenblick wollen wir versuchen, die Juden in Deutechland teilhaben zu lassen an der ungeheuren allpcmeinen Entwickelung. Wir ziehen Furche auf Furche auclUu diesem Boden, der bisher unfruchtbar war, wir streuen unseren Samen aus und werden die .׳;־:tehte der •ü״;/׳rhcn Erk,.b!;״g in Deutsch!:-.;:׳,! ernte a ־.u;e Glich den jüü:cL.־n Köa* greß in 1t. ah,•_r VGk um ein verloren geglaubtes Gi'ul bereichern. Zur Cfcd diC׳ c!tc Arbeiter Die deutedie n::vo!;!fbm.-ep Lot»:;׳: hat in den wenigen Tagen ihrer Wkl,r1״,;!,e>t schon eine grobe Zahl von Verordnungen und Mafhiaiiuicn, die den Geist des alten endgültig zu::.״!׳;menge!.:״ehern. a Regimes atmeten, mit energischem I'ciie:vöVieL fce;dii־;t. Leider Li bis jetzt die Zurücknahme einer Verordnung noch nicht erfolgt, die nicht weniger <־:!!׳, alte die amlereu bereits beseitigten dem freiheitlichen Geiste, dein die rietfc Regierung in Deutschland Eingang zu vcrscliatfcn bemüht ist, zuwider ist: und von dam gesamten Judentum als empörendes Unrecht empfunden' werden muß. Wir meinen die noch nicht abgeschabte Grenzsperre gegen ostj ii'd i seli'e Arbeiter. Bekanntlich war diese Grenzsperre eine doppelte: sic vcrl1il|dcrte eiuerzaite ostjikitechc Arbeiter, nach Deutschland cinzuwaiidern und hier die Arbeit .־uifzunehmen, und verbot andererseits solchen ostjiidischcn Arbeitern, * die bereits in Deutschland Arbeit gefunden hatten, im Falle eine» Urlaubes mach der Heimat die Rückreise nach Deutschland. Diese letztere Verordnung ist bereits auf Vorstellungen von ,zionistischer Seite hin von der allen Regierung als ׳unhaltbar wieder rückgängig gemacht worden. Dagegen waren alle Bemühungen um die Rückgängigmachung der erstcren Maßnahme vollständig erfolglos geblieben, so daß bis heute Deutschland für Ostjudcn gesperrt ist. Die neue Regierung muß dieses schmähliche Erbteil des alten Systems schleunig?,t aus der Welt schaffen und damit der reaktionären alldeutschen Grenzsperrepoliiik, unter der die deutschen ,Juden während des Krieges als unter einer ihre Gleichberechtigung aufhebenden und ihre Ehre schwer verletzenden Vergewaltigung littc4, endgültig und energisch den Boden entziehen. Po^ronin^itaison in Deutschland Wir haben in der letzten Nummer der ״Jüdischen Rundschatt“ den Wortlaut eines .antisemitischen Hetzflugblattcs veröffentlicht, das zur Zeit in Berlin an den Straßenecken in Tausenden von Exemplaren verteilt wird. Die gefährliche Pogromagitation nimmt in Berlin immer größere Dimensionen an. Die Texte der Flugblätter sind stark variiert, aus allen aber geht hervor, daß gegenwärtig eine starke antisemitische Propaganda- Eiligkeit am Werke ist. Wir bringen heute noch eine kleine Auswahl der zahllosen in Berlin zur öffentlichen Verteilung gelangenden Hetzschriften, die zeigen, daß es einer starken Gegenwirkung bedarf, wenn nicht eines Tages die Frucht dieser Saat blutig aufgehen soll, Eines der Flugblätter lautet: Streng vertraulich! Als Handschrift gedruckt! Arbeiter und Ocnosscnl 1500• Millionen Mark > haben amerikanische, englische Und russisehe Juden, wie sic sich init frecher Offenheit in ihren Zeitungen rühmen, aufgebracht, uin Deutsche gegen Deutsche, also Brüder gegen Brüd c r, zu 11 et 7.e 11. Viele Eisenbahnwagen mit verbrecherischen Brandblättern haben sie aus I Minen,.ule geschickt, um mit Hilfe laiidcsverrätcrischcr Schufte unsere Genossen in diesem entscheidenden Augenblick des Weltkrieges zum Streik zu veranlassen. Es ist ihnen nicht gelungen, unsere Frauen und Kinder durch die H11 n g e r p e s t hinzumorden, mit Waffen konnten sie uns trotz zehnfacher Ucbcrmacht nicht besiegen. Nun sollen wir Arbeiter die Zeche bc* za 111 e nl Der letzte Versuch im Januar ist mißglückt, weil die meisten Genossen nicht mittun wollten. Jetzt wird von neuem au f g c\v icge 11. Wir sollen unsere Haut zu Markte tragen, d a in i t die reichen Juden noch reicher werden. Dreivicrtcl unseres Volks* Vermögens haben sic bereits in der Tasche, den Rest wollen die Unersättlichen jetzt holen! Wer hat denn eigentlich Interesse am Untergänge Deutschlands? Wir oder das internationale judcntum, das seine Weltherrschaft errichten will? Wer bat die Völker aufeinander gehetzt? Wer betrachtet den Krieg als großes Geschäft? Wer will aus dem Frieden wieder ein Geschäft machen? Wer treibt durch Wucher und Schleiclihandel die Preise fiir Lebensmittel in die Höhe? Wer sieht trotz, aller Not noch immer fett und wohlgenährt aus? Wer druckt sich in den Kricgsgcsellschaftcn herum statt im Schützengraben? Wir wissen es! In Rußland der Jude Trotzki geborener ijronstcin I Oesterreich sein Duzfreund der Jude Adler! I ebenso steht ec in Italien, in Frankreich, in England t in Amerika! Ucberail haben die Juden die Leih und schöpfen den Rahm ab. Und wer :::nd Unsere Führer? Sind das etwa Man mit schwieliger bauet, d'c wirsen, wo uns der Sei drückt, oder sind די׳ nicht aucli wieder Jude Geht die Sache schief, dann Müssen wir die 7c. bezahlen, ׳und geht sie gut, dann saugt der ju u 11 s a u e um'. maod uns vo|!:<t;indi״ zu Lohiisklav wer sind ..;ne Leute, ghe immer von Volksrech reuen, m eher uns als Stoßtrupps \ wenden mochUn, um selbst die Macht in die Hä! zu bekommen unu eins noch bcc.,er knechten zu könne. Ein zweites Flugblatt lautet: Arbeiter, Bürger und Soldaten! Der Kaiser hat abgedankt! *! Juden 1 laben ihn beeinflußt, während er rejr ifrfco seinen ehrlichen Willen in falsche Bahnen gelenkt ' Juden haben das Volk gegen ihn eingenommen,’stma Sturz veranlaßt. Er sprach von den zwei Weltanaclruj■ ungen, merkte aber nicht, daß er selbst auch im iU,!!«■ der m a in tu o n i s t i s c ti - a 11 j ü d i s c h e n stand Deutsches Volk! Der Kaiser hat abgedankt. Die Republik ist erklärt. Deutsche! Seid Ihr frei geworden* i Die Namen haben gewechselt, die Götter »iml blieben! * Statt der B a 11 i n und Rathen a u sind <ät Hirsch, Aarons, Bernstein, Brcsin, Coh» ' am Ruder. Die mischblüiigcn Bet 11 mann, Dert- ' bürg, M ü 1 d ncr v. M ülnheiin (Adjutant de» Kro». prinzen) finden Ersatz durch Liebknecht. An Stellt (' des Freundes Kühl mann, der Tochter Friedla n d e r- F u Id s, tritt dessen angeheirateter N«1R 1 Südckum. Deutsche! Befreit Euch! Werdet »ft!, dig! Lenkt selbst Euer Geschick!; Wilson hat die Juden als Volk anerkannt. Mögt* . sie es sein,"aber sich nicht In deutsche Angelegenheit(* mischen. Wir halten ein deutsches Kaiserreich; wir , ein deutsches Volk. Einen deutschen Staat halten wir nicl ן Berlin, 18. November 1918. ' Der Arbeiter- und Soldatearal. 5 I m ן In einem anderen Flugblatt heißt es: I j: ־ * Kameraden! ן Warum dürfen wir keine Waffen mehr tragen > I wir denn nicht mehr ehrliche Soldaten? | Vier Jahre haben wir mit der Waffe in der Hand I die Heimat geschützt Und jetzt kommt dieser aus ״H«|. i j inat-Löwc n“ (meist Juden) gebildete Volin^irat I und will uns entwaffnen. — i ־י Kameraden einer M.-G.-K. In diesen Zusammenhang gehört auch die folgt kk I Meldung der Tageszeitungen: |! Bei der Tagung der Frontsoldaten in Bad Ems au f* 2. Dezember 1918 führte der Sprecher der 10. Arm« folgendes aus: ״Ein besonderes Vorkommnis gibt mir Veranlassung, für die Wahl eines Zentralrates bei der Obersten Heeres- Icitung zu sein. Es bandelt sich um ein Flugblatt, das von der Obersten Heeresleitung hera u s g c g e b e 11 wurde. Es ist u n g I a u b 1 i c 11, dal *; etwas Derartiges unter den Augen des 501• j datenrates bei der Obersten Heeresleitung gw ' schellen konnte. Der reaktionäre antinemi- | tische Inhalt des Flugblattes spottet je- 1; der Beschreibung. Etwas Derartiges darf nicht u ן ' die Truppen gelangen. Wenn die Juden gut genug war», | im Schützengraben zu stehen und mit ihrem Leben da I Vaterland zu verteidigen, so müssen sic auch jetzt pe! genug sein, uns bei dem neuen Aufbau zu hclfm.“ j , (Das Flugblatt wird verlesen.) Ein Antrag auf Peter• gang zur Tagesordnung als D e in o n s t r a t i o!1 g c g 11 j den Verfasser des Flugblattes wird cinsti» j; inig angenommen. Reichslagsabgcordnetcr Giebel: ״Ich konstatier*.! 1 daß das Flugblatt «itht von der Obersten Heeresleitung ■ stammt. Es stammt, wie ich hier schon feststellcn kann, von der A r m e e a b t e i 1 u ng B. Ich mache gleichzeitig;1 darauf aufmerksam, daß der Fälscher in dem zweite! ן gleichartigen Flugblatt einen Teil des Textes, wie er u dem ersten i-'liigblatt steht, ausgelassen hat. Im übrige» , handelt es sich um den Mißbrauch des Namens des I Feldmarschalls v. 1 iiiidenburg. Wir werden den Eil- . scher zur Rechenschaft ziehen. (Unterzeichnet 1«t das ן Flugblatt nur mit v. I limlenburg.) Leider hat bisher die niclitjüdischc Öffentlichkeit! die gefährlichen Wirkungen solcher Agitation nicht erkannt. So können wir die optimistische Meinung des ״Vorwärts“, daß ״die Berliner im Durchsehn ti viel zu!teil sind, um diesen Schwindel nicht zu durchschaue»“, « keineswegs teilen. Auch die Erklärung der Bcrlner g Kommandantur, daß ״die ziemlich unverhiilltt Aufforderung zu Judenpogromen die Bevölkerung *icht ■ einen Augenblick zu beunruhigen brauche“, sehe*, um i; keine genügende Gewähr für die Sicherheit des L*• bens und Gutes der Berliner jüdischen Bevölkern«!■ Es ist!blicht der deutschen Regierung, alles 1» 1 tun, um Ausschreitungen zu verhüten. Alle Behörden, i die für diie öffentliche Sicherheit im Lande zu sorge! t haben, müssen die strjkte Anweisung bekommen, de־; ser gefährlichen und verleumderische« Agi atQii enge-! gcnzuwirkeii und die Sache nicht auf die leichte Schul• | ter zu nehmen. Schon das inner- und außenpol tischt f . Interesse müßte ■die Regierung zu solchen Maßnahme* > veranlassen. Wir Juden aber fonl׳ern unter allen Um• j ständen eine sofortige energische Aktion der leitende* \ Reichsstelicn. .! Daß diese Hetzpropaganda nicht immer bloß von A«• . hängcni reaktionärer Parteien ausgeht, zeigt das Of־ ־ gan der ״Unabliängigen“, die ״Leipziger Volks־ : zcitung“, die sich in ihrer Nummer von! 17. No | ventber den folgenden Artikel leistet: . I Der moderne ewige Jud«. Wie er heißt, ist ganz gleichgültig, er lebt überall und wir werden ihn gleich erkennen, wenn ich m» beschreibe. Früher sah man ihn in den Logen w Theater oder in den vornehmen Kaffeehäusern, ciiifh ן liiillt in einen eleganten Stadtpelz; seine Finger sclw"1^*־ j teil Ringe und er sah aus, wie das konzentrierte ־1יי0״ I bclindcn. Jetzt ist es anders. In die Ecke eines P“; bahnwagens geduckt, in der linken Hand die j tasclic, in der Rechten, an das Herz gepreßt, sennc״ , Geldbeutel, flieht er von Land zu Land, ohne m*51 j und Ruh... I Er kt>mint von Rußland. Als guter Ocscha־*״ f mann hat er mit der Revolution gerechnet und hat f Geld wohlweislich bei sich behalten, statt « ah j