Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIII (1918)
- Issue
- Heft 50 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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( ־; 25., 26. lind 27. Dczcuabcr bu im Kaisersaal des Rheinsold, Borlin* ״.' Die Tage sordomig wird nocti ני׳. {!*-• ,׳ :Ilovnootraeoo. Die Aktion der schwedischen Sozialdemokratie Wir erhalten das folgende Telegramm ans Stock■ h o t m : Das Verhamlsbüro der Poalc-Zion in Stockhol in wandte sich an den Parteivorstand der scliwedischen Sozialdemokratie zwecks Mitwirkung an der Verhinderung der Judenpogrome. Auf gemcinsa- 111er Sitzung beschloß der Parteivorstand, verschiedene j Schritte zu unternehmen. Er leitete die Aktion mit folgendem Telegramm an den Ministerpräsidenten Da sz in ski ein: ״Es ist zu unserer Kenntnis gelangt, daß in letzter Woche eine große Anzahl von Jude n - pogroincn in Westgal,zien .stattgefunden haben. Wir sind überzeugt, daß Sie Ihren großen Einfluß aulbieten werden, um weitere Exzesse zu verhindern, umsomehr, als solche unmenschliche Handlungen das Ansehen des Polenvolkes als Kulturvolk ernst bedrohen. Es muß in Ihrem Interesse sowie im Interesse der von uns mit Jubel begrüßten Freiheit Polens liegen, daß die Rechte der nationalen Minderheiten im polnischen Oebiete geschützt werden. In Vertretung der Parteilei• tung: Branting. Müller,“ Protest des Verbtindsburos der Poale-ZIon in Stockholm Aus Stockholm wird uns vom 24. November telegraphiert: Das Verbandsbüro des jü lisch-sozialdemokratischen Arbeiterverbindes 1*0 a Ic-Zion vermistal etc am 23. November in S10 c k h o I in eine öffentliche Pro• te st v c rs a in in i 11 n g gegen die Pogrome in Polen und Galizien. Au der Versammlung nahm eine große Anzahl von Vertretern der schwedischen Oeiientiichkeit teil. Unter den Zustiminiuigsdqx sehen, die verlesen wurden, fanden besondere Aufmerksamkeit die Kundgebungen von Ellen Key und von Dr. Viktor ja- Co b so 11, welcher im Namen des Kopenhagencr Büros der Zionistischen Organisation telegraphierte, die herzergreifende Lage der jüdischen Bevölkerung in Polen schilderte, Bestrafung der Schuldtragcndcn und eine Intervention forderte, die der Fortsetzung der antisemitischen Hetze ein Ende macht, Das Telegramm rief tiefsten Eindruck hervor. Georg Brandes telegraphierte aus Kopenhagen: Mit Wehmut und ohne eine Wirkung zu erwarten, seid die ich mich dem Protest gegen die Pogrome in Polen und Galizien an. Jede Hoffnung, die ein Mann, der dreißig Jahre der Fürsprecher der Unabhängigkeit Po־ ׳״■■׳■׳ —■.׳ ’;יי.ז^יי^ייי״י״;>.חןו.ו*וווד«י■1■!1^■!!!^^ ff**? ,tl ¬יון( Os i;י׳ י״׳וז H P ■ ן.־ ׳׳ י f| 1101 ס/י''׳* זן kß \ß jl ki. «4 -~J .e—1•i.■״ uL» Waa a W C*U W “ 14 lens war, auf die Polen als humr.ues und freiheitliches Volk setzte, ist nun zu sa m in cn g e b ro c h c n. Der sozialdemokratische Bürgermeister Lind hageil forderte in der Versammlung die sofortige Entsendung einer neutralen Untcrsuc 1111II K s k o in m i ss i o n nach Polen und brandmarkte die Passivität Europas gegenüber den entsetzlichen Verbrechen, die an der jüdischen Bevölkerung und dem Recht des jüdischen Volkes begangen werden. Die Versammlung faßte eine Resolution, die die schwere Schuld der polnischen Führer konstatiert, ihre Bestrafung forciert und mit dem Appell an alle Völker und Regierungen schließt, sofortige wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um das Massenmorden und Plündern zu verhindern. Die Versammlung beschloß die Ueberreicluing der Resolution an alle Gesandten in Stockholm. Die Aktion des poalc-zionistischen Weilvert'jndes Das Sekretariat der Sozialdemokrat isehen A rbc i tc rg ruppc Poalc-Zion in Der* 1 i 11 erhielt folgendes T« legiatnm des p o n I e - z i o n i 81 ischeu Ver b a n d s h ü r o 8 In Stockholm: ״I )rahtet folgender, allen ‘•,ozlal'stmchen Parteien von '*ölet! und Galizien: Angesichts des in Polen unrlWntgalizien atattfindenden i'ogromsturms unter Beteiligung von Legionären und bei sogenannter Neutralität der In• tdligenz und unerhörter Indifferenz der Presse waren wir gezwungen, die sozialistischen Parteien der inter• alliierten Länder zwecks Intervention bei ihren Regierungen auzurufen, um sofortige Maßnahmen zum Schulze der Juden uni ihrer politischen und nationalen Rechte bei der Neuordnung zu treffen. Wir appellieren an Sie, daß Sie Ihrerseits Ihr Möglichstes tun, damit die Neuordnung der Verhältnisse Polens sich in zivilinierten Formen vollzieht und der jüdischen Minorität die politischen und nationalen Rechte gesichert werden, welche die Vorbedingung für ein friedliches Neben• einander und eine {gedeihliche Entwicklung Polens sind, Die Maßnahmen der Krakauer L i q u i d a t i ס n s kommission sind ein Eingeständnis der gefährlichen Lage und bloß ein erster ungenügender Schritt zur Pflichterfüllung. Die jüdischen Demokraten unterstützten ungeachtet der schwersten Enttäuschungen in den Jab• reu vor und namentlich während des Krieges Immer den l-'reiheitsknmpf Polens. Unsere Erklärung auf der Stockholmer ,Konferenz forderte vorbehaltlos die Verciiiignng ganz Polens und seine Unabhängigkeit, Wir {»«*■»»■«■11;^׳»■■■»»■■^^^ '»»■Ul■■ ,.I.'«■«» beklagen aufs tiefste, «laß bisher fast alle polt>E<j;cs Parteien auf dein Standpunkt beharren, die Erteilu.1T der nationalen Rccfitc an die jüdische Minderheit zu verweigern. Diese Stellungnahme bat in liöhcm Maßezur Stärkung des Judenhasses und der Pogromstiinmung beigetragen (wir weisen 'auf die gegenwäitge Tyrann* sicruug der jüdischen Bevölkerung bei Aeußerun« ihres politischen Willens hin). Vor der Internationale und der gesamten Kulturwelt appellieren wir an das polnisebe Proletariat, das jahrzelmtehng einen heroischen Kampf gegen den Zarismus geführt hat, daß es nicht dulde, daß der Name Polens durch Pogrome und die Unterdrückung der ״jüdischen Bevölkerung geschändet wird. Die polnische Arbeiterklasse muß Polens Gewissen sein. Verband Poalc-Zion: Cbasanowitsch. Locker.“ Rottcrdamer Prolestversammlung Am 16. November ist im Boneskisnalc in Rottcr- ,dam unter dem Vorsitze des Herrn M. Stern eine Volksversam in 1 u 11 g abgehalten worden, um gegen die Pogrome in Polen lind Galizien zu protestieren. Redner waren J. Landau, Leiter des Jüdischen Korrespondenzbüros im Haag, und B. Hallenstein, der als zionistischer Sozialist sprach. In Polen und Galizien, fülirte Herr Landau unter anderem aus, wüten jetzt aufs neue Pogrome. Nach mehr als 4 Kriegsjahren ist der Friede endlich wieder• gekehrt, doch für die Juden ist noch nicht Friede gcworden. Man begreift irn Westen nicht gut, was sich dort ün Osten abspielt. Was dort vorgeht ist kein Zufall, es ist der Ausbruch von jahrelang gezüchtetem Haß. Schon seit Jahren sind Pogrome dort an der Tagesordnung. Auch die polnische Sozial« demokratie hat an der Unterdrückung der Juden tcilgcüommcn. IXr zweite R dmr, Herr B. Hailcnstein, erklärte, daß auch die jüdischen Sozialisten gegen die Grcucitatcn in Polen und Galizien aufs schärfste protestieren müssen. Der Judenhaß der antisemitischen Bauern und Arbeiter in Polen hat sich unter dem •Einfluß nationalistischer und imperialistischer Tendenzen entwickelt. Folgende Resolution, die den Regier um• ge 1! übermittelt wurde, wurde einstimmig angc- וו o 111 m e n : Die Versammlung erhebt flammenden Protest gegen die Pogrome in Galizien und Polen. Sie sicht in ■ihnen eine Folge der jahrelangen, systematischen Hetze der polnischen Presse, welche dje bürgerliche und nationalc Entrechtung der Juden, sowie ihre Wirtschaftliehe Verdrängung aus Polen und, Galizien bezweckt. Sie appelliert an die gesamte Kulturwclt und an die Demokratien aller Länder, «len Schandtaten des polntschen Volkes ein Ende zu bereiten, und, fordert die Regierungen aller Kulturvölker zu unmittelbarer lntcrvetition in Polen und Galizien auf. Gestützt auf die Id.eale der Frei 1kit, Gerechtigkeit und des Selbstbcstinunungsrcclites der Völker, auf welchen die neue Weltordnung aufgebaut werden soll, fordert die Versammlung volle und tatsächliche Gleichberechtigung der Juden Ln allen Lindem, nationale Autonomie in den Ländern jüdischcr Masscnsicdlung, die Verwirklichung der unverjährbaren Ansprüche des jüdischen Volkes auf Palästina, sowie die Zulassung einer jüdischen Vertretung bei der Friedens־ k o n f e re n z. ״,,1״ü■■irffjrf,!*■״« י■׳r״■■■■»r■1-— —י י! ■■יד״ ..1 ׳ י.■ ■■■■ ■m1■» Ein Gedenktag der jüdischnationalen Intelligenz (Zum 50jährigen Jubiläum des ״Haschachar“) Seit dem Entstehen der großen Aufklürungsbcwcgung innerhalb des Ostjudentuins, der Haskaln, befand sich die jüdische Intelligenz ganz unbewußt im Kample mit zwei Mächten innerhalb des Judentums. Die eine feindliche Macht war das vorzeitige Judentum und dessen altbewährte und antiquierte Führer, die Rabbiner, Talmudgclchrten und Chassidim, die in eii.er der Wirklichkeit entrückten Traumwelt lebten, für die Realitäten und treibenden Kräfte des neuen Zeitalters kein Verständnis hatten und mit großer Zäliigkeit jede neue Regung bekämpften. Die zweite, an Einfjuß viel geringere, aber bei den Intellektuellen belichtere Macht, waren die Repräsentanten der extremen Haskala, die, dem Judentume bereits innerlich entfremdet, mit unverhohlener Verachtung auf das konservative Judentum herabsebauten und bereit waren, bei der erstbesten Gelegenheit die Reihen des Volkes zu verlassen, ln dem unbewußten Kampfe mit diesen beiden Faktoren konnte sich die jüdischnationale Inlelligen4 längere Zeit nicht kristallisieren. Häufig genug verband sie sich mit der linken Haskala, mit der sie das etwas abstrakte Ideal der Aufklärung, den Hang zu modernem Geistesleben und die Anfeindung seitens des alten Judentums teilte. Aber dennoch existierten fiu sie bereits nationale Werte, die eine große Au- Ziehungskraft ausübten, vor allem die hebräische Literatur, •an der man mit einer Begeisterung hing, die die große Kraft des unbewußtennationalen Sinnes offenbarte. Gerade diese Werte waren für die extreme Llaskala von keinem Belang und es kam häufig zu Reibungen zwischen den beiden Richtungen, die zur Sprengung der Haskala führen mußten. “ Den Zwiespalt zwischen der nationalen und der ext reinen Haskala erfaßte Perez Smolensk! u in seiner ganzen Tragweite und er war cn, der die Diffcrenzierungsfragcit und damit die Kristallisierung der nationaljüdischen Intelligenz beschleunigte. Zu diesem Zwecke gründete er in Wien Ende 1S68 die Monatsschrift 1״ läse 11 a c 11 a r“. Der Name bedeutete ein Programm: ״Die Morgenröte“. Bisher tastete man im Dunkeln. Erst jetzt begann die richtige Erkenntnis — die bewußt nationale — zu dämmern. Eingehender verkündete der Herausgeber seine Absichten im Vorworte zum ersten Heft der neuen Zeitschrift: Kampf gegen zwei Fronten — gegen die starre Orthodoxie wie auch gegen die extreme Aufklärung, die die jüdische Eigenart zum Teil verwirft. Die nationale .Intelligenz muß sich dabei die guten Seiten der beiden Gegner zu eigen machen, — mit der Orthodoxie die Treue zum Judentum, mit der Aufkläruug den Sinn für die neue Zelt, um die große Synthese eines modernen, lebenskräftigen Judentums zu schaffen. Im Kampfe behält sich die nationale lntclligenz die Freiheit vor, je nach Bedarf mit dem einen Gegner gegen den anderen zu paktieren, jedoch fühlt sic sich dem orthodoxen Judentume verwandter, als. der assimilierenden Aufklärung, da erstcres einen nationalen Wert besitzt, während1 letztere bereits entnationalisiert ist, und vor allein keinen Sinn für die heilige Natioualsprache mehr übrig hat. Die Zeitschrift ״Haschackar“ wurde von der nationalfühlenden Intelligenz mit Enthusiarmtn begrüßt. Was sie verkündete, war eine erlösende Tat., Die Energie und die heilige Ikgdütcnnig einer, Smolcnskin konnten unter den _ widerwärtig den materiellen Verhältnissen anderthalb Dezennien hindurch diese Monatsschrift fort• seUen. Was der ״I lasdiachar“, insbesondere die Ab• haiKÜutigen des Herausgebers, zur Verfeinerung 'des literarischen Sinnes, zur Vertiefung des jüdischen natioluilen Gedankens und zur iDfnichiun״ der mit ihm verbundenen Probleme kdgefragen hat,' ist ein Kapitel für sich. Die enorme Bedeutung der Monatsschrift besteht schon darin, daß durch sic die orthodoxen Juden belehrt wurden, daß die Haskala nicht unbedingt zur Taufe führt, und die linken Aufklärer — daß die Treue zum Judcntmnc nicht das moderne Geistesleben ausschließt. Bei seiner Reise durch Rußland im Jahre 1881 konnte Smolcnskin sich überzeugen, wie weit der Samen, den der I laschachar gestreut hatte, aufgegangen wmr. Die jüdische Intelligenz, die Universitätsjugend, die bisher national als verloren gegolten hatte, jubelten ihm als ihrem Wegweiser zu, und in dem alten Juilenturne war das Eis gebrochen, der Geist der neuen Zeit hielt dort Einzug. Fünfzig Jahre sind seit der Gründung des ״Haschachnr“ verstrichen, — wenn ein hebräischer lntellektueller jetzt die Zeitschrift durchblättert, erscheint ihm jene Zeit viel weiter entrückt. Wenn wir die Zeit nacli dem Tempo der Entwicklung der seelischen Er- Icbnissc messen, so wird uns klar, was lür eine starke, schöpfe,rische Kraft dieser Zeitschrift innewohnte, die den Weg zu einer so raschen Entwicklung anbahnte. Dabei hat sich das Programm des mixfernen nationalen Judentums niciht wesentlich verändert. Man hat manchmal den Eindruck, als ob man es mit neuen Eigenarten derselben Gegner zu tun habe, gegen die Smolcnskin den Kampf proklamiert hatte. Inwiefern der Geist des ״Haschachar“ die hebräische Literatur befruchtet hat, zeigt deren ungeahnte Blüte in den letzten Jahrzehnten,. Was er für das jüdische Volk bedeutet, hat Hcrzl empfunden, als seinem Rufe im Osten Tausende und Abertausende begeisterter Anbänger folgten, — aber erst jetzt ist die große Frucht gereift ... J. N. Simchoni. Moaus zur Ein Chanukkahbuch, Jüdischer Verlag. Berlin 1918. ' Nach dem glücklichen* Wurf, den der Jü* dische Verlag mit den! Pessachbuch Chad Gadja!