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Jüdische Rundschau · 1918-11-15 · Heft 46 (15.11.1918) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIII (1918)
Issue
Heft 46 (15.11.1918)
Date
1918-11-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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i Seite 3G2 ______ Staate; erfreuliche Fortschritte. Wir hoffen, halt! mit den Gesinnungsgenossen in England gemeinsam lür die zionistischen Ideale wirken zu können. Der Präsident des Zionistischen Exekutivkomitees: gez. Dr. Ludwig Singe r, Die mährischen Juden für das nationaljüdischcProgramm Die Prager ״Sei bst wehr“ erhält folgenden Bericht: t Der L a n d e s v e r b a n d der Israelifischen Kultusgeinei ndcn in Mähre 11 hat in seiner Verhandsversammlung vom 30. Oktober nachstehende Entschließung■ angenommen: Ais Angehörige eines eine untrennbare Eit! heit bildenden 14 Millioneu-Volkcs verlangen die Juden vom I'neilenskongreß, zu dem ihre Vertreter zii/u/.ielieii sind: 1. Die Anerkennung als Nation und demgemäß die Zuerkeiniung aller Rechte, die den einzelnen Nationen ziislchen, in deren Mitte sie leben, ferner als Staatsbürger jener Staaten, in 'welchen sie wohnen, die volle politische und bürgerliche Gleichberechtigung ohne Rücksicht auf ihre Umgangssprache; der Verband spricht gleichzeitig aus, daß die jüdische Glaubensgcmcinschaft nach wie vor alle Juden ohne Unter• schied der Umgangssprache umfaßt. 2. Die Errichtung״ einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina, Gewährung weitgehender Rechte zum Aufbau eines •jüdischen Gemeinwesens daselbst unter eigener Verantwortlichkeit und internationaler Garantie. - Auch der Antrag, sich bei der Bildung des Jüdischen Nationalrats zu beteiligen, wurde angenommen und das Landesverbands- Präsidium in Mähr.-Ostrau beauftragt, sich diesbezüglich mit der Zionistischen Organisation in Verbindung zu setzen. Dazu schreibt die Prager ״S e 1 b st w c h r“: ״Mit dieser Resolution haben sich die offiziellen Vertretungen der gesamten mährischen Judcnschaft ohne jede Einschränkung ahT den Boden des nationäljüdischcn und zionistischen Programms gestellt — ein Ereignis von außerordentlicher Tragweite.“ Ein jüdischer National* und Soldatenrat in Przemysl Der Vorstand der jüdischen Gemeinde abgesetzt Der ״Nowy DzIc 11 n i k“ berichtet unter dem 6. November: Am 1, November hat sich in Przciny.sf ein Jüdischer Soldaten rat gebildet, der eine jüd i s c 11 e Miliz ins Leben gerufen hat zum Schutz des Lebens und Eigentums der jüdischen Bürger. Der bishcrige Vorstand der Jüdischen Gemeinde ist aligesetzt worden und an seiner Stelle hat ein Jüdischer Nationalrat, der Repräsentanten aller Parteien, der zionistischen, poale־zionistischen, zionistischsozialdemokratischen, orthodoxen, unabhängigen und Assimilantenpartei umfaßt, die Geschäfte übernommen. Der Jüdische Soldatenrat hat sich unter der Führung von Dr. Ei sn er zur Disposition und unter den Befehl des Jüdischen Nationalrats gestellt. Die Tatsache der Absetzung des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Und die Bildung einer rechtskräftigen jüdischen Obrigkeit wurde in der Stadt dem versammelten Publikum vom 'Gebäude der Jüdischen Gemeinde aus verkündet Und von diesem mit großem Enthusiasmus auTgcnommen. Die gemeinsame polnisch-ruthcnischc,Behörde hat den Jüdischen Nationalrat anerkannt und sich damit einverstanden erklärt, einen Repräsen• tanten in ihre Körperschaft aufzunehmen. Als solcher wurde Dr. Leib i/and au gewählt. Die polnisch• ukrainische Behörde hat auch die jüdi sehe M iliz anerkannt. Die ungarische Volksregierung für׳״ die Anerkennung der jüdischen Nation is Ungarn Eine bedeutungsvolle Rede des Ministers Buza. — ״Freier Organlsatlonarat der unabhängigen Juden Ungarns." Aus Budapest wird unter dem 8. November gemeldet: Die ungarisch-jüdischen N(«logen haben mit der als ״Laudesversammlung der gesamten Judcnsdhalt U11garns“ geplanten Aktion Jdäglich Fiasko gemacht. Die ״Landcsvcrsammlung“ war nicht nur von orthodoxer, sondern auch von ncokjgcr Seite äußerst schwach besucht. Allerdings hatte sich zu ihr eine große Anzahl Gäste eingefunden, die nicht Ocmcindcdclcgicrtc waren und die Majorität der Versammlung bildeten. Die Konferenz nahm folgenden denkwürdigen Verlauf: In der vorher abgehaltcucn Vorkonferenz for• derten Vertreter der Zioniste n, daß in dem der Voll- Versammlung zu unterbreitenden Beschlullantrag auch der vüdisch-nationale Standwtnkt Bcrüeksiclnigung finde. Das ncologe Vorbereitungskomitee weigerte stell natürlich und so «miete die Verhandlung mit dm Beschluß, die Versammlung überhaupt nicht JUEDIGCHll;;UU." ACH AU ahznlialteii. L;\,t heia; Au:'׳i.,iiim:de;׳’;־chcn konzedierte das Komitee eine gev,׳;׳;e E rlc 1 ä ru 11 g .seitens der Zionisten, worauf die Abhaltung der Versammlung bcschlossen wurde. Nachher eriuhren die Führer der Zionisten, daß auch diese K01־״.e:״ä״n abgeschwächt wurde, weshalb sie ihre Gefolgschaft, mehrere hundert jüdische Universib'itsliörer, schon tim 3 Uhr nachmittags in den Berat 1 ::..;:;;וווו! dirigierten. AU das Komitee mit den nur spärlich gekommenen Gemeinde Vertretern, darunter nur ganz wenige Orthodoxe, erschien, gewahrte cs mit Entsetzen, daß es sich einer erdrückenden zionistisehen Majorität gegenüber befindet. Darauf begann ilofrai Franz Sejkel' seine Eröffmmgsredc. Unter Zwischenrufen der Zionisten legte er dar, die Versammlung sei aus dem Grunde cinbcrufen worden, um der JuJenschaft des ganzen Landes Gelegenheit zu geben, ihrer Treue und Anhänglichkeit für die ungarische Nation Ausdruck zu verleihen. Besonders das Ausland müsse über die Haltung׳ der ungariscl!t:11 Juden aufgeklärt werden. Ah* Sejkcli im Verlauf seiner Rede sagte, es sei nötig, daß die Judenschaft Ungarns in diesen schweren Zeiten ihre Zugehörigkeit zur ungarischen Nation ausspreche, erscholl der mehrhumlertsiinimigc Ruf der Zionisten: ״Nein, wir gchören zur jüdische n Nation 1“ Nur mit Mühe gelang es dem Redner, wieder zu Wort zu gelangen, um die zur Versammlung erschienenen Vertreter der ungarischen ־ Volksregicrung, den Minister für Ackerbau Buza und den Staatssekretär des Kultusministeriums Jo bas- N a d y, zu begrüßen. Hierauf verlas der ncologc Kanzleichcf Dr. Franz . T c s c y einen Beschluß a n t r a g, in welchem der neue freie ungarische Staat begrüßt und das ungarische Volk als ein Muster für die tolerante Behandlung der ungarischen Juden hingestellt wird. Die Verlesung dieses Üeschhißantragcs erfolgte unter Zwischenrufen der Zionisten. Als der Rcichsrntsabgcordncte Dr, Ernst Brody seine Rede zur Begründung des Antrages mit den Worten begann: ״Es bandelt sich um die ungarische Nation,“ wurde er sofort durch heftige Rufe unterbrachen: ״Nein, in erster Linie um die jüdische Nation!“ Dr, Brody führte aus, daß die Annahme dieses Antrages den Zweck verfolge, die Judenschaft der Ententeländcr und Amerikas zu bewegen, daß sie allen ihren Einfluß bei ihren Regierungen in die Wagschale werfen, um für Ungarn Schonung und die Belassung seines gegenwärtigen Gebietes zu erwirken. Hierauf ergriff Minister Buza das Wort. Er habe soeben den Zwischenruf gehört, die jüdische Nat i o n möge leben. Der Minister erklärte, daß er sich diesem Rufe an sch ließe. (Stürmischer Beifall der Zionisten; viele von ihnen erheben sich von den Sitzen und jubeln dem Minister minutenlang zu.) Ich glaube, fuhr der Minister fort, daß cs sich um keine Differenzen, sondern nur um Mißverständnisse handelt (erneuter Lärm). Ich habe den vorhin erwähntep /wischenruf mit einer gewissen Sympathie aufgcnommen, denn ich habe das Gefühl, daß .dieser Ruf keine Tendenz gegen die ungarische Nation hat. Wir sind in einem Lande, in dem mehrere Nationen miteinander leben. Die ganze Vergangenheit Ungarns, die Geschichte dieses Landes zeigt, daß die hier lebenden Nationen niemals ein abgeschlossenes Ganzes gebildet haben. Aber ich , behaupte, daß ein großer Teil der hier lebenden Nationen mit der ungarischen Nation verschmolzen ist. Das ungarische Judentum kann stolz darauf sein, daß die Juden eine separate Nation bilden. Gleichzeitig will ich aber kundtun, daß von allen hier lebenden Nationen die jüdische Nation am tiefstem in die ungarische Nation aufgcgangen ist. Der Minister appellierte au die Zionisten, die ״gute Verbindungen mit denjenigen Staaten haben, in deren Händen Ungarns Schicksal jetzt liegt, ihren Einfiuß bei diesen Staaten für eine bessere Zukunft Ungarns auszunützen.“ Dann ragte er weiter: ״Die hier lebenden Juden haben sich durch Jahrhunderte als׳ freie Ungarn bekannt und Ich begrüße sie als treue Söhne dieses Landes, als', Brüder dieser Nation. Jene Juden, die da sagen, daß de eine besondere Nation ,bilden wollen, wie etwa die Rumänen oder Slowaken,. liebe ich ebenso wie die anderen, die nicht auf diesem Standpunkt stehen. Ich erhebe nicht die geringsten Einwendungen gegen jene Elemente, die 80 denken. Ich respektiere jede Ucberzeugung, jedes Gefühl. Ich kann keinem einzigen Bewohner diese* Landes verwehren, »ich hier als Bürger einer besonderen Nation zu bekennen. Die diesen Standpunkt verachten, dürfen den Andersdenkenden nichts zuleide tun. Die eine besondere Nation bilden wollen, tun dies gewiß rächt, um sich von Ungarn loszuläcen. Ich bin überzeugt,' daß auch diese Juden treue Söhne und 'Bürger Ungarns zu bleiben wünschen (Zustimmungarufc der Zionisten). Die überwiegende Mehrheit der In Ungarn Jobcndca Juden tritt dafür ein, im Lande keine eigene jüdische Nation zu bilden.., Wer rieh c!a Ungar bekennt, der Ist mein Bruder, und •wer die:; nicht tut, dem trage Ich auch nichts nach. Hält sich jemand für den Angehörigen׳ einer «besondere» Nation, co hindert 'dies nicht, ihn zu lieben...“ . Die Rede des Ministers wurde mit stürmischem minutenlangem E'eifalf .־׳.uiVenomraen. Staatssekretär Dr. Johas-Nadi erklärte, daß er den Worten des Miniat-ers Buza nicht.( hbraizufügcn habe. Ais darauf die Regierangsvertreter clt: Vcrecmmhir.״ verlassen hatten ergriff der Zionist Hilcolcuc Haidu dar, Wort. Er sagte: ״Hisvoa.c,; denkwürdige Deklarationen haben wir soeben ven.ar.rz.ea, Der Minister Basa hat das __ _Nr. 46 Verlangen der jüdischen Volksseele besser verstanden als jene ״israelitischen“ Führer, von denen das Judentum Ungarns bisher beherrscht wurde. Minister und Staatssekretär finden am völkischen Gefühl der Juden nichts ׳ ausztisct/cii, während dieses Gefühl bisher von den!,israelitischen“ Führern als Vaterlandsverrat gebrandmarkt wurde. Die Manifcstierung der Treue der Juden zum ungarischen Vaterland ist eine Beleidigung der Judcnschaft des Landes. Wer hat denn diese Treue in Zweifel gezogen?“ Hierauf kritisierte der Redner die Haltung des Organs der ungarischen Assimilation ״Egycn-Löscg“ 'und die Verhältnisse im Vorstand der Budapester Jüdischen Gemeinde. Die Rede I laidus rief stürmischen Beifall von Seiten der Zionisten und heftige Proteste von der Gegenseite hervor, die sich zu Tumulten steigerten, wobei cs auch zu Tätlichkeiten kam. Der Vorsitzende brach die Ver- Sammlung ab, worauf sich die Leitung der Versäumthing aus dem Lokal entfernte. Die Versammlung wurde unter zionistischer Leitung fortgesetzt und die zionistiselten Anträge angenommen. Es wurde ein ״freier Organisationsrat der 1111 ״ b 11 ä 11 g i g e n J u U e n U 11 g a r n s“ gegründct. Die ursprünglichen Versammlungsleiter vcrsammclten sich nacli ihrer Flucht mit kleinem Gelolge anderswo und erklärten ihre Anträge als angenommen. Ver dem jüdischen Vorparlament ׳ in der Ukraine ln der letzten Sitzung des Organisationskomitccs zur Einberufung des jüdischen Vorparlaments in der Ukraine, das, wie bekannt, seit längerer Zeit seine Arbeit fortzusetzen nicht in der Lage war, wurde jetzt angesichts der neuen Verhältnisse von den zionistischen Delegierten die Forderung aufgestellt, in dieser bewegten und verantwortungsvollen Stunde schleunigst eine provisorische Vertrctu 11g für das ukrainische Judentum zu schaffen. Der Vorschlag ging dahin, daß dieses provisorische Nationalkomitce aus den Vertretern aller Parteien auf Grund der Wahlergebnisse zum Vorparlament sieh zusammensetzen und die nationalpolitischc Arbeit schon jetzt, noch vor dein Zusammentritt des Vorparlaments, be- .ginnen soll. Dieser Vorschlag wurde von den Verirete־m der Volkspartei, der Poalc-Zion, der Zeire- Zion und der Orthodoxen (Achduth) unterstützt. Gegen den Antrag sprach der Vertreter des Bunds, der keiner provisorischen Repräsentanz die Leitung anvcTtrauen wollte, Viel charakteristischer war aber die Ablehnung seitens des Vertreters der ״Vereinigten“, der öffentlich erklärte, daß er befürchte, dieses Komitee könnte u. a. auch die Palästinaforderting aufstellen, die nach seiner Meinung den Interessen des jüdischen Proletariats widerspricht. Da keine Einigkeit erzielt werden konnte, wurde auf der nächsten Sitzung von den Zionisten der Vorschlag gemacht, sämtliche auf irgend einem Wege erreichbaren Mitglieder des bereits gewählten Vorpariaments des ukrainischen Judentums nach Kiew zu Anfang November cinzuberufen. Dieser Vorschlag wurde ausführlich durch die Zionisten Sch echt mann und Großmann, die Zeire• Zion Mcrcminsky und Michclsohn und den Poale-Zionisten Alexander A!verbuch begründet. Der Bund schloß sich endlich dem Vorschlag an. Die ״Vereinigten“ und diesmal auch die orthodoxe ״Achduth“ enthielten sich der Abstimmung. Einstim• mig wurde beschlossen, das Vorparlament auf den 3. November nach Kiew einzuberufen, das berechtigt sein wird, die Repräsentanz zu wählen. Eine Reihe von Kommissionen wurden eingesetzt, die die Vorbereitungen zu treffen haben. Jüdische Nationalversammlung in der Ukraine Kurz vor Schluß der Redaktion erhalten wir folgende Nachricht: Sonntag, den 3. November wurde in Kiew die provisorische jüdische Nationalversammlung• für di« Ukraina, bestehend aus Delegierten der neuen auf demo• kratischcr Grundlage gewählten Gemeinden eröffnet. Di« Mehrheit der Delegierten sind Zionisten. Der erste Punkt der Tagesordnung lautete: ״Unser« Forderungen an die Friedenskonferenz". Die Debatte war am 5. November noch nicht zu End«■ Es fiel angenehm auf, daß der ״Bund" diesmal nicht grundsätzlich gegen eine allgemeinjüdische Politik war, sondern dje Forderungen der Juden an die Frieden skon• ferenz nur anders formuliert sehen wollte. Einen bc• deutenden Einfluß auf die Vorkonferenz hat der Dichter Bialik, der bei jedem Auftreten uinjubclt wird. Den Vorsitz führt Ussischkin. Die Verhandlungen werden hebräisch und jklisch geführt. Die Wahlen zirm Vorparlament ergaben folgendes vorläufiges Resultat (das nach der obigen Mddüng sich noch zu gamsten der Zionisten geändert hat): In den 161 Gemeinden, deren Wahlergebnisse bereits bekannt sind, waren 209128 Wähler vertreten. D!« Zionisten erhielten 42 Delegierte (die 70 589 Wähler vertreten), der ״Bund" 23 Delegierte (37 704 Wälder), d* Zeire-Zion 14 Delegierte (23 851 Wähler), die ״Ver• einigten" 12 Delegierte (19689 Wähler), dicPoaie• Zion 11 Delegierte (18416 Wähler), die Orthodoxie 10 Delegierte (31 565 Wähler), die Volkspartei י♦ Delegierte (7314 Wähler). Insgesamt 116 Delegierte. I י \ 4׳־■ u i & .1 Al s,| l t ' P

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