Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIII (1918)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Er konstatierte zuerst, daß der Vorstand, aus einer Wahl auf Grund eines reaktionären Wahlrechtes hervorgcgaiigcn, heute im ganzen noch aus vier (jewählten bestellt, deren Mandate übrigens im iiäolisten Monate ablaufen. Alle anderen sind einfach im Kriege ernannt worden oder sie besitzen längst vorfallcnc Mandate. Es ist eine unwürdige Komödie, wenn eine solche Gesellschaft sieh noch fernerhin als Vertretung der Judensehaft aufspieit, es ist aber direkter Mißbrauch, wenn der Präsident einer solchen Körpertchaft sicli zu den Behörden schleicht und auf Grund seines Mandates jm Namen des österreichischen Judentums gegen die Anerkennung der jüdischen Nationalität intrigiert. Die volksbewußte Wiener Judciischalt hat cs satt, diese Zustande noch länger zu dulden. Er verlangt Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechtes und Ausschreibung von Neuwahlen. Er kündigt den rücksichtslosen Kampf des jüdischen Volkes für diese Postulatc an. Was den Kampf gegen Dr. Cliajes betrifft, so konstatiert er vor allem, daß Dr, Cliajes sich vor seiner Wahl vor dem Vorstände als begeisterter Zionist und Nationaljude bekannt und erklärt hat, daß er immer und überall für seine Idee arbeiten und kämpfen werde. Wenn Dr. Stern und Genossen ilui trotzdem gewählt haben, so hat sich der Redner nie der Täuschung liingcgeben, daß dies aus Einsicht oder Toleranz geschehe. In ihrem Hasse gegen die Wiener Rabbiner Italien diese Leute zuerst versucht, den Posten mit einem magyarischen und dann mit einem reiclisdeutschen Assimilantcn zu besetzen. Und als dies nicht gelang, haben sie sicli in ihrer Verzweiflung an den Zionisten Dr. Cliajes gewendet, weil sic wußten, daß die hervorragenden Qualitäten dieses Mannes seine Wahl sichern. Sic wählten ihn also, trotzdem er Zionist ist, weil sie heimlich die Hoffnung hegten, er werde cs schließlich doch ״billiger“ geben. Nun fühlen sie sich enttäuscht, weil an dem stählernen Charakter des Mannes Drohungen und Schmeicheleien abprallcn. Nun wird gegen den Gewählten von gestern gekämpft. Aber die Herren mögen es sich gesagt sein lassen, daß Dr. Cliajes heute der Erwählte des jüdischen Volkes ist, daß alt diesem wahren Volksiehrer und wirklich volkslüm* liehen Manne alle Herzen hängen. Eine Hetze gegen ihn wird keine Privatsache der Herren mit den er• borgten Mandaten bleiben, keine interne Angelegenheit zwischen dem Vorstände und Dr. Cliajes. . Wenn dem Manne wegen seines Wirkens füf, das jüdische Volk auch nur ein Haar gekrümmt wird, dann wird das jüdische Volk von Wien aufstelieu und dem Vorstände und seinem Präsidenten die Antwort geben, wcnn’s nottut, Gewalt gegen Gewalt stellen. Der Redner fordert nunmehr den Vorstand auf, in voller Kenntnis der Tragweite seiner Handlungen seinen Beschluß zu fassen. — Die Wirkung der Rede von Ingenieur Stricker war ganz merkwürdig. Von den Streitern gegen Dr. Cliajes ergriff keiner mehr das Wort. Professor Dr. Ehr mann, welcher sieh bei dieser Gelegenheit als theoretischer Nationaljude bekannte, und Dr. von S cli w a r z i 1 i 11 e r rieten beschwichtigend von übereilten Sehrilten gegen einen so hervorragenden Mann, der absolut korrekt gehandelt hat, ab. Mit einem Male tat mau so, als ob nichts geschehen wäre, stimmte nicht einmal ab und ging essen. Das Bukowinacr Manifest Am 14. Oktober fand eine gemeinsame Besprech miß von Vertretern sämtlicher jiidi* scher Parteien der Bukowina statt. Gegenstand der Beratung war die Einberufung eines j üdi sc 11 eil N a t io 11 a 1 r at c s und die Vorbereitungen zu demselben. Herr Dr. Pi st in er begrüßte die Erscliieiiciicn, worauf die Herren Dr. St ra u cli c r, Dr.!יי r i e d m a n 11 und Dr. Ro s n e r das Präsidium übernahmen. Namens der jüdisch Sozialdemokrat!- scheu Partei begründete Herr Dr. Pistiner die von dieser Partei aufgestcllten Leitsätze für die Kon- | stituicrung der jüdischen Nation als vollberechtigtes Glied in der Gemeinschaft der Nationen. Namens der jüd i s c 11 e n L a n d e 8 p a r t e i und der zionistische 11 kan de »Organisation bcgrfmtlcte Herr Dr. Mayer Ebner die von diesen Parteien aufge:4c!l!e11 Grundsätze in obiger Richtung. Die Leitsätze der Poale-Zion entwickelte Ilerr Rosn e 1־. Nach längerer Debatte wurde eine vollständige Einigung erzielt und die Erlassung des nachstehenden Aufrufes beschlossen: An das jüdische Volkl ״Eine neue Ordnung bereitet sich in der Welt und V(>r allem in Osteuropa vor. Alle Völker verlangen das Recht, ihre Angelegenheiten selbst zu bestimmen und viel! Ci״ frajCS( nationales Leben zu sichern. Wenn alle Nationen ihr Haus bestellen, dürfen die Juden nicht müßig bleiben. Jetzt ist die Stunde, in der auch wir Unsere nationalen Rechte durchsetzen müssen, soll die Geschichte nicht über uns liinweggchcn.“ Nun folgen die Leitsätze, denen wir folgendes entnehme״: Die Netiordr.r:;,•׳ ':! N״.'.l1!:׳.־־׳׳:''.ti״!:!־׳;־,U׳n 11:1t auf der Grund!,1!׳:.! f!vi״n .;!,1:1.:;!וו,::•.rechtes jeder Nation zu erfo! 1!״׳. J>e!;;;;e;•.;1'.״ pro 1: ln in I e rt die jüdische Nation ihr Sc 1*> »t b c 5 11111 * ni 1111 g s r e cli t und wird ihr:* Kcr.dllüierun:: gemäß der Besonderheit ihrer Sic.!!׳׳.:!,; (Kr On;;;nh׳;e des Pc r sou al i t ä t!.p ein zi p ג durch die ci׳.׳.״,;:bc!׳u»ciuirn National- Versammlung, deren Anerkennung als jüdische Konstiluantc sie fordert, vornehmen. ׳ Es folgen nun die IKulimi.;ttagen über die jüdische Konstituante, das Verliältuiu zu den Mchrheüsnr.tionet1 und die außcrpolitischcn Forderungen. Das Manifest schließt mit den Worten: * ״ludern wir diese Forderungen erheben, appellieren wir an die MdtrlieitimaUouen, mit denen wir In Erieden und EmimDeh.'üt leben wollen, unsere Rechte zu achten und jene Vereinbarungen, die aus der gemeinsamen Siedclung notwendig werden, im Geiste der Versöhniichkeit zu treffen. Vor allein aber rulen wir euch auf, ihr sollt die Leitsätze euch zu eigen 111,leiten, sollt in Massenversammlungen für ihre Durchführung demonstriereu und dürft nicht ruhen, bis die Forderungen sich durchgesctzt haben. Lange genug waren wir die Enterbten unter den Nationen, Häftlinge im Ghetto und Opfer der Pogrome, gut genug, um als ״andere“ verstoßen, verachtet und verfolgt zu werden, jedoch nicht gut genug, tun als ״andere“ auch unser Haus selber bestellen zu dürfen. Sogar die Natidnnjität bestreitet man uns. Wir sind eine Nation, die jüdische Nation, und als solche erheben wir unsere Forderung. An euch liegt es, wieviel Recht und Anerkennung wir erringen. Auf denn und gelobet alle, die Energie, die man uns Juden naehsagt, in den Dienst der großen Sache zu stellen. Auf zum Kampf, für das Sclbstbestimmungsrccht der jüdischen Nation 1“ Gezeichnet ist der Aufruf: Für die jüdische Landespartei: Reichsratsabgeordncter Dr. Benno Straucher, Laudtagsahgcordncter Dr. Max Foksclianer, Landtagsabgeordnetcr Dr. Ncumann Wender, Ffandclskammerpräsident Wilhelm Tittingcr, Bernhard F 1 c in m i n g e r. Für die jüdische sozialdemokratische Landesorganisation: Dr. Jakob Pi st in er, Markus K a s w a 11, Dr. Bcrthold Friedmann, Wilhelm I ppc 11, Dr. Moritz Oberländer, Natlian Troppcr. Für die zionistische Landesorganisation: Dr. Mayer Eb- 11er, Dr. Benjamin Fuchs, Dr. Salonton Kaßner, Dr. Markus Krämer, Prof. Israel Schleier, Sicgmund Wc i ß g 1 a s. Für die Landesorganisation der jüdischsozialistischen Arbeiterpartei Poale-Zion: Meier Ros* II er, Leib Buc 11 bindcr, Feiwcl Sternberg, Chaim Lecker, Jchuda Steinmetz, Hcrscli Eßncr. Gleichzeitig wurde beschlossen, ein Zentralbüro der vereinigten jüdischen Parteien in der Bukowina in Czcrnowitz, Karolinengasse 7, zu errichten. Zu Sekretären wurden gewählt: Die Herren Markus Kaßwan, Dr. Benjamin Fuchs und Dr. Meier Rosn er. Zuschriften sind an das obige Büro zu richten. Für Mittwoch, den 23־. Oktober, wurde eine Vert r n u e 11 s m ä 11 n c r - V e r 8 a m nt 1 u n g sämtlicher jüdischer Parteien der Bukowina nach Czcrnowitz einberufen. Die Forderungen der österreichischen Poale-Zion Anläßlich der politischen Vorgänge in Oesterreich veröffentlichte die jüdische sozialistische Arbeiterpartei ״P o a 1 e Zion“ einen Aufruf, in dem nach 'Würdigung der Gesamtlage u, a. gesagt wird: ״Jetzt ist der historische Moment auch für uns gekommen. Wir waren stets Freunde jedes Strebens nach nationaler Freiheit. Zu sehr waren wir als Volk geknechtet, als daß wir nicht die Leiden der anderen unterdrückten Nationen niitgefühit hätten. Von Herzen haben wir die nationale Befreiung ersehnt und wir nelimen daher jetzt Anteil an der Freude derer, die an der Schwelle der Erlangung Ihrer vollen nationalen Freiheit stehen. Aber nunmehr erwächst für uns eine äußerst wich* tige Aufgabe. Wir!müssen den Kampf für unsere nationalen Re eilte auf uns nehmen. Sonst droht die (jefahr, daß wir die einzigen und letzten Sklaven unter freien Völkern bleiben werden. Die anderen Völker werden ihre wirtschaftliche Entwicklung sichern und wir werden herabsinken, unsere Volksmasscn werden verarmen und von ihrer Wohnstätte entwurzelt werden; die antleren Völker werden über eine eigene’Vcrwaltung und eigene Schulen verfügen und wir werden auf die ,Gnade der anderen angewiesen bleiben, unsere Kinder werden in fremden Schulen mit fremder Sprache und fremdem Geiste krilppelhait werden. Ille Gefallr droht, wenn wir nicht jetzt, bei der Grundsteinlegung der neuen Welt, männlich auftreten und in aller Ocffcutlichkcit die Forderung der nationalen Rechte laut verkünden...“ Der Aufruf schließt dann mit der Aufzählung der bekannten Forderungen der Partei, die von allen natio-!1al-jüdi:,chc11 Parteien geteilt und von der gesamten Demokratie Europas und der Internationale anerkannt sind und in ihrem׳ auf Oesterreich bezüglichen Teile lauten: ״Wir fordern die Anwendung des Selbstbestimmungsrechtes auch auf unser Volk! Wir fordern die volle Anerkennung unserer Nation und unserer gprachc! Wir fordern Schutz und nationale Selbstverwaltung als nationale Minorität unter den Völkern! Wir verlangen eigene nationale Gemeinden und eigene Schule״ I“ ö Die polnische Jtitkfifieize ln einem in Warschau verbreiteten Aufruf an das polnir.clie Volk, der die Unterschrift O c n e rat Vitold Orski trägt und vom 8. Oktober datiert t.t, heißt cs am Schlüsse folgendermaßen: , ״Von der Zivilbevölkerung der polnischen Republik f r e 111 der S t a a t s a n g c h ö r i g k eit verlange ich unbedingte Loyalität. Die traurigen Erfahrungen, die unsere Brüder in Rußland, tyraiuu-iert durch die anarchistischen Organisationen der Sowjets, an deren Spitze sich Juden stellten, gemacht haben, berechtigen mich, zu der kategorischen Forderung; Die Juden müssen unbedingte Loyalität bewahren. Jedes Sielihineiiniiisehen 111 polnische An* gdcgcnheitcii wird als Provokation aufgcfaül. An der bol8c 11 c w i st i 8 clia n a rch i st is c 11 c 11 De w cg u 11 g, die in der Republik verbreitet wird, nehmen die Juden einen 11 c r v o r r a g c n d e n Anteil. Darum empfehle ich den Kolonnen der Volks wehr, in ihrem Aktionsrayon Gei- 8 c 1 n unter den Juden z u n c 11 m c n, Als Geiseln sind an erster Stelle zu betrachten: 1. Jüdische Führer, die aus Rußland zurückgekehrt sind; 2. die Vorstände sämtlicher jüdischer Vereinigungen; 3. Zaddikim, Rabbincr, RabbinatsVertreter und die Vorstände der Synagogen, Schulen und Betstuben; 4. die Repräsentanten der Juden iiji Stadtrat. Wenn auf dem Aktionsrayon einer Abteilung der Voikswclir sich Zeichen bolschewistischer Arbeit zcigen sollten, bei denen die Beteiligung der Juden festgestellt wurde, müssen die Oe Ist* ln erschossen wc rd c n.!Bürger 1 Auf der Uhr der Geschichte schlägt die Stunde der ״Polnischen Tat“, der Tat der gegenwärtigen polnischen Oencrntion. Die Tat wird sein die Eroberung der Freiheit Polens. Gewehr bei Fuß, bereit zum tätlichen Kampf um die Zukunft, eines freien, unabhängigen und vereinten Polens wartet auf die Parole! Es darf keiner auf eigene Faust den Kampf beginnen, sondern im Interesse der Sache erwartet meinen AufrufI General Vitold Orski.“ * In einem anderen Warschauer Hetzflugblatt, das von einem ״Exekutivkomitee der polnischen Republikaner‘‘ ausgeht und von dem ״P r ä s i d c n ־ ten der Spionenabteilung‘‘ unterschrieben jst, beißt cs: ״Ich versichere euch Juden, getaufte und ungetaufte, daß icii auf eure verräterischen Machenschaften Achtung geben werde und auf euere Fürstenbergs, Racicks, Bronsteins, Trotzkis, Apfelbaums usw. Was habt ihr in Rußland angerichtet? Ihr habt cs gewagt, Tausende von Todesurteilen gegen uns Polen herauszugeben, ihr habt unsere Brüder ermordet, mit unerhörter Grausamkeit habt ihr ihnen die Augen ausgestochen, sic lebendig begraben und ihnen vorher alle Glieder zerbrochen- Ihr seid dann hierher nach Polen gekommen, um das unabhängige Polen in einem Teich von Blut zu ertränken. Warnt eure großen und kleinen Spione und Provokntoren, die ich mit ihrem wirklichen und angenommenen Namen kenne. Ich habe Stricke für sie in Be r c i 18 c 11 n f t. Die Schreckensherrschaft, die ihr ausgeübt habt und auch jetzt noch gegen unsere Brüder in Rußland ausübt, gibt mir das Recht, euch mit Gewaltmitteln zu antworten. Dazu b esitze ich alle Mittel.“ * I Aus Tarnow In Galizien erhalten wir eine Zu- Schrift, in der cs heißt: ״Als ich in Tarnow!ס flen Zug einsteigen wollte, überfielen mich polnischc Bah narb ,citcr ... und schlugen m c'1 mit Stäben. Sie brachten mir einige Wunden bei und schrien: ״Juden aufliängen oder nach Palästina.“ Auch während der Fahrt wurde ich mißhandelt und verwundet. Als ich den Zug mittels Bremse anhaltcn ließ, entflohen die Arbeiter..., Derartige Szenen sind in Tarnow wiederholt vorgckoinmen. Audi auf dem Markt und in den Straßen Tarnows machen sich Judenhetzen breit.“ in den okkupierten Das Jüdische Prcßhiiro in * Stockholm meldet• Aus Weißrußland, der Ukraine, Po' und Litauen gehen uns aus zuverlässigen Quellen beunruhigendsten Nachrichten zu. Die Nachrichten sagen, daß die Juden dieser Gebiete in gri tcr Augst vor den kommenden Dingen leben י schicuciic Anzeichen lassen darauf schließen, daß nicht im vorhinein geeignete Maßnahmen getru werden nach Abzug der deutschen Truppen eine c setz! lebe Anarchie cintreten wird, der die dlsclie Bevölkerung zu allermeist zum Opfer faVcn v Die Judciihctzc, die eingesetzt hat, und Ereignisse im Sommer lassen den Ausbruch c sci7U c1'״ Judeupogro 111 e als unveruuitl'ch scheinen. Die Rettung der Juden der in Rede Steher Gebiete bis zum Friedcnsschiuß kann einzig und a von einer internationalen Intervcntion Aufrecliterlialiung der Ordnung und zum Schm?ת Minderheiten erwartet werden. "c u,ze Verschleppung der Durchführung des rumänischen Judcnijcset meldet: ״°MCta B״curcstilor“ vom 27. Septci ״Trotz wiederholter Befehle rriht ״ 1. ״״ ־״ , den, welche den Juden, die das Bürgerrecht ״C!1 wolle,״ Schwierigkeiten |״ defwig^ . .A I ü t i 1׳