Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIII (1918)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 326 Nr. 42 \ f trachtet unsere Bemühungen mit der größten Sympathie. Trotz der sciircddichcn Opfer unseres Volkes während des Weitcliaos ist unsere Zukunft nie so verheißnngsvoll gewesen. Möge der Dcklarationstag in einer Weise gefeiert werden, die dem großen lüstorischen Ereignis würdig ist, das den Beginn einer neuen Epoche für das jüdisdie VoU< anzeigte,“ Die Liga der Natieiieä und &s jüdische Volk (Vom Zionismus in Skandinavien) Am Montag den 23. September hat der Dänische Z io 11 i s t en v e re i 11 seinen diesjährigen Seil ekel- Tag im grollen Saale des Handwerkervcrcins in Kop c n 11 a g c 11 ahgehalten. Nach der feierlichen Begrüßung durch den Vereinsvorsitzenden, Herrn Joseph N ach e mso ii 11, der auf die besondere Bedeutung der Schckcl-Aktion im gegenwärtigen Moment hinwics, wurde das Milglied des großen Aktionskomitees, Herr Leo Motzkin zum Vorsitzen den gewählt. Herr Dr. S.. Bernstein hielt ein Referat über das Thema ״Die Liga der Nationen und das jüdische Volk.“ An der Hand englischer und deutscher Kundgebungen bewies der Redner, daß die Idee des Völkerbundes in beiden Lagern sich aufrichtiger Popularität erfreue. Es sei ein historisches Ereignis von großer Tragweite, daß auch das jüdische Volk aufgefordert wurde, zum Projekt der Völkcrliga Stellung zu nehmen. Die Zionistische Organisation habe nunmehr die Aufgabe, die Diskussion über die Idee des Völkerbundes in die breiteste jüdisdie Oeffentliehkeit zu tragen, um auch innerhalb der Judcnbeit Interesse und Sympathie für dieses Projekt, dem die Zukunft gehört, zu erwecken. Wenn Lord Grey in seiner Broschüre an die Völker der zukünftigen Liga die Forderung stellt, sich für die Idee des Weltfriedens ״psychologisch voivubereiten“, so ist das jüdische Volk gewiß eine der Nationen, die für diese Mcnschlieüsidcc psychologisch am innigsten und stärksten vorbereitet sind. Nicht nur daß der ewige Friede zu den Grundzügen der Weltanschauung des Judentums gehört, auch sämtliche realen Interessen der Gegenwart und Zukunft des jüdischen Volkes seien mit der Gründung der Völkcrliga aufs innigste verknüpft. Aller Voraus• sicht nach werde die Liga auch alle innerstaatlichen nationalen Fragen vor das Forum des internationalen Gerichtshöfe!; bringen. Für das Judentum sei dieses eine Lebensfrage, denn die Zukunft der jüdischen nationalen Minoritäten in Rußland, Polen, Galzien und Rumänien ist in Dunkel gehüllt. Wie die Dinge im Osten sich auch gestalten mögen, jahrelang werden dort nationalc Reibungen auftauchen, die für die jüdischen Minoritüten gefährlich sind. An einem internationalen Gerichtshof hätte die Judcnbeit eine höchste Instanz des europäischen Gewissens, an die cs mit Erfolg zur Verteidigung seiner Rechte appellieren könnte. Als Mitglied der Völkerliga falle dem jüdischen Volk eine be- 60ndcre Rolle in Palästina zu, wo es bei der Verwirker י, zag״;■!?■»!,•rjm *■a .■1 ׳» J UEFH SC l■: 2 221 .: '22€ Ii AIJ lichung reiner hi׳,Ir,;,' 1;.!;'• ׳ ldc .ני zum Träger der curopaischei! Kiillur im Ori.;11. werden 1;;;rrc. Herr Leo Motr.Tin hie’! rr.n eine von grolle־״ Begeisterung <!urd...'״!mgc;1e R::Ic, in der er auf die großen jx>!itischca!;;•folge des zi;;niTT:״en Gedankens hinwics und an die jfiddehen?.'־ ׳:״,er; den Ruf ergehen ließ, sich der gewaltigen A1!fg;.ben der. Augenblicks gewachsen zu zeigen. Das jüdische Volk werde Keine höchsten Ideale nur da:i;1 verwirklichen, wenn cs in seiner freiem, wicdergeboraicn historischen Hdmat sein eigenes Leben werde fuhren können. Wir stehen rem Vorabend dieses hi;,!on;cl1en Mi mellten, und es liege nur au uns, dieses größte Wunder eines Volkes zu realisieren. Die Norwegische Zioiiistenvcrcini*■ gung in Kristiania veranstaltete am 2). Sep• tember einen öffentlichen Festabend, dessen Einnahmen für die Tschlenow-Kolonie bestimmt wurden. Die Veranstaltung, die einen Reingewinn von ca. 000'.׳ Kronen ergab, '31.1t in allen Kreisen der norwegischen.. Judenlieit das größte Interesse erregt und der Zionistischeu Organisation eine Reihe neuer Milglieder zugeführt. Der Volke&und tir.d die judea Das Jüdische Pressebüro iii Stockholm meldet״. Zur Einladung der zionistischen Welt- Organisation durch die englische Gesaiultschaft in Kopenhagen, zur Frage des Anschiusses des jüdischen Volkes an die g e p 1 a 111 c Liga der Nationen sich zu äußern, schreibt der ״Ra sw et", das Prgan der russischen Zionisten: ״Die offizielle Zuschrift der englischen Oesandtschaft an die zionistische Organisation bedeutet, daß England und wahrscheinlich auch seine Verbündeten es für •möglich halten, das jüdisdie Volk in den Völkerbmid aufzunehmen. Diese Anerkennung der Glciclibercchiigung unseres Volkes auf dem Gebiete der intcrnationalen Politik ist ein Ergebnis von außerordentlicher. Wichtigkeit, eia Ereignis, dessen .Bedeutung heute noch nicht vollständig gewürdigt werden kann. Wir haben es hier mit einem neuen Schritt auf dem Wege zur Anerkennung der jiklDchen Nation zu tun, dem zweiten nach der bekannten englischen Erklärung über Paläslina. Die innere ideelle Verbindung zwischen beiden politischen EtKclieinungeJi liegt auf der Hand, da erst nach der vollständigen Anerkennung des Rechtes der Juden auf ein eigenes Territorium und auf eine autououie politische Existenz von ihren Rechten auf dem Gebiete des internationalen Zusammenlebens die Rede sein konnte. Wir haben jetzt eine höchst überzeugende Bestätigung dieses von den Zionisten wiederholt .ausgesprochenen Gedankens, daß unsere Bemühungen um eine internationale Anerkennung der jüdischen Nation die Forderung nach einem nationalem Zentrum in Paläslina zum Ausgangspunkt haben müssen,“ »״5~י •יggf*.” ־. ׳^־^; ־ד־*״jü«״ :;Tatfr.2 einer Hei cd,e4 Vertrauens: ־■ f* A %״#?"״, , - 4 U 1Z Üwf inner Oesterreichs Das Exekutivkomitee der Zionisten Oesterreichs wendet sich mit dem folgenden Aul. ruf au die ö;1..׳rrciehi״,ilien Zionisten: ״Die Neuordnung der Welt, die sich jetzt Vorbereitet, darf nicht geschehen, ohne daß auch unserem Volke das Recht auf freie nationale Entwicklung gegeben und unser Streben nach einer nationalen Heimstätte in Palästina erfüllt wird. In allen Ländern sind unsere Forderungen von der überwältigenden Mehrheit des Vol. kes öffentlich erhoben worden, um auch auf d un Frie» denskongreß gestellt zu werden. Auch in Oesterreich hat der zionistische Gedanke mikhiige Fortschritte gemacht. Es ist die Sache der Zionisten, die gcgcnwärtigeStundcnicIituJigeniitztvcrstreichen zu lassen und das ganze Volk für eine einmütige Willenskundgebung im Sinne des zionistischen Programms zu gewinnen. Unsere Forderung nach einer nationalen Heimstätte in Palästina hat bereits die Zustimmung der meisten Mächte gefunden. Unsere nationalen Rechte auch in den Ländern der Zerstreuung durebzusetzen, wird eine Sache unserer politischen Aktivität sein. Insbesondere dürfen wir bei der Neugestaltung Oesterrcichs nicht übergangen werden. Wir fordern euch daher auf, überall in der Oeffentiichkeit die Stimme zu erheben, in großen Versammlungen und Kundgebungen unsere Forderungen za ve.künden. Nur wenn wir selbst unseren unbeugsamen Wißen doku* menticren, wird man uns hören. . Die Zionistische L e i t u n g ist sich der großen Verantwortung, die der gegenwärtige Moment ihr auferlegt, wohl bewußt. Was wir jetzt, gestützt auf die ״Massen des Volkes, in einzelnen Kundgebungen v< rberei* ten, muß zu einem gewaltigen Instrument unseres Willens zusaminengefaßt werden. Die Re ichskonf e rc uz der zionistischen Ve rt raue n s 111 an 11er Oesterreichs ist für den 20. Oktober nach Wien einberufen. Exekutivkomitee d e f Zionisten Oesterreich s.“ Große jüdische;Voiksverssnimlung in Wien Am M. Oktober fand im Großen Konzerthaussaa) in Wien eine j u d i s c 11 e Masscnrcrsa 111 rn 11111 g statt, zu der über 5000 Personen erschienen waren. Der Saal, der größte Wiens, war überfüllt, und viele Tausende von Besuchern konnten nicht mehr eingelassen werden. Zu dem Thema des Abends: ״Das jiidi* sehe Volk und der Friede“ hielten Dr. Osias T11 on, Krakau, Adolf Böhm, Staatsbahnrat Robert Stricker und Adolf Stand Ansprachen. Fü.r die Poalc Zion sprach Herr M. Singer. Die Versammlung beschloß unter enthusiastischem Beifall die folgende Resolution: ״Das jüdische Volk begrüßt mit großer Genugtuung, daß die Vertreter sämtlicher gegenwärtig im Kriegszustand befindlichen Staaten, insbesondere auch Oester-!1111 ■ ■ ד ■!!ן ן! ו in ■ Der Wert des Historizismus Eine Bemerkung zum J ug endtag. Wahrhaftig, wir hätten geschwiegen. Aber wenn man uns, die in tiefe Verwirrung geratene Jugend, mahnt und warnt und bemitleidet Und verurteilt, so müssen wir wiederholen, was schon auf dem Jugendtage gesagt wurde: Wir sind gesund 1 Wir lehnen die Rezepte wohlwollender Aufklärer nicht aus den! Selbstbewußtscin des werdenden Mensehen, nicht aus dem Kraftgefühl der erwachenden Persöniiehkeit ab; wir verneinen sic, weil sic uns mensdilieh eineiigen und verkümmern würden, ״Als erster“ wurde in der ״Rundschau“ vom 11. Oktober Ix riclitct — sprach Kurt Bhuncnfeld, der auf den Wert des Historizismus hinwics. Das schöpfeneche Judentum brauche jüdische Inhalte zur Verarbeilung. Er zeigte die Mißverständnisse auf, die Moses Rede zu Grunde liegen, Zionismus bedeute nicht Ab- Schließung gegen Niditjüdisches, nicht Verengerung. Diese Werte machen den unbefangenen Leser glauben, daß Moses den Zionismus verengern, gegen Nichtjüdi- *dies abscliließcu wolle. *) Doch leugnete Moses, der Jünger Tolstois, Dostojewskis und Krapotkins, ״die Bercchtigung der zentralen Stellung, die das jüdische Kulturstreben innerhalb des Zionismus innehat!“ Man soll nicht polemisieren. Aber man soll und muß erklären, daß es der Historizismus ist, der in konsequenter Durchdcnkung und Anwendung den Zionismus verengt, abschließt und aufhebt, indem er sein ziel, die Wiedergewinnung schöpferischen Lebens, in veischwominciie Weiten rückt und den Weg zu diesem Ziele abschneidct. Kultur ist der Niederschlag, den in Zeitabschnitten geistiger Produktivität die Gestaltungskraft hervorragender Persönlichkeiten aus dem Volksgeist, der latent, mcht aktuell vorhanden ist, herauskristallisiert. Das neilJt: In den Jahrhunderten der ״Kulturrcife“ (Buber) setzen die Schaffenden der Völker die potenziel e Energie des Volksgeistes, gleichsam die Mneme, in kinetische Energien um. Sobald aber die geistigen lendenzen der Volkspsyche sich jn irgendwelchen Maui- *nese Meinung kann wold kein aufmci Leser des Berichts bekommen. Bhmienfeki spracl ÖÄ"'fK *1lffm׳• ** ‘kr Zionismus 1! Amu.üpfunff an das Jüdisch-Historische eine Absd; und Verengerung bedeute. (D. Red.). festationeu fixieren, umhüllen sic sich naturgemäß mit einem Schleier zeitlicher und räumlicher Bedingtheiten, der ״Zeitgeist“ genannt wird, Diese Schale, die den völkischen Kulturkomplex umschiditci, weist ihm seinerseit» seine bestimmte Stelle in 4er zeitlichen Entwichhing, in der Annäherung des völkischen Kulturstrcbens etwa an die Ideale des Volkes an, beschränkt aber andererseits den Umfang seiner Sphäre, seine innere Wirkungsfähigkeit auf jene Zeit, in der er erstand. Nicht der Volksgeist, sondern die Niederschläge des Volksgeisles, die zeitlich differenzierten Kuiturkomplexe, die die Väter schufen, sind den Enkeln sclilechterdiiigs un- ׳ verständlich. Denn wir lei:!1 nicht in der Welt von gestern, sondern in der w:״ heute. Und historische Bindungen sind uns Ballast. , . Denn unser Zionismus ist lebendig, nicht geistig-kulturell. , Aber wie? Ist Zionismus nicht ״die Wiedergcvvinuuug schöpferischen Lebens?“ Und ist jede Schöpfung nicht geistig-kulturell? Der I fistorizismus, das starre Festhalten an Kulturwerten, die einst vom Einte des Lebens durchpulst waren, heute aber tot sind, (denn auch dem tiefsten Kenner der Schrift sind Gebote und Verbote — Vor- Schriften) konzentriert unsere Energien notwendig auf Fertiges, Geschaffenes und erstickt iin ,Keime jede Konzentration auf den werdenden Gebt des kommenden Tages, jene Grimdeinstellmig der Persönlichkeit, die der Nährboden lebendiger Schöpfung ist. Woran sollen wir uns denn ]!alten? Woran soll sieh unser jüdisches Ecwustsein bilden? An der Bibel, die alle Deutungen ־and Auslegungen zuläßt (was ein Beweis für ihre innere Echtheit ist), an dem Talmud, der alle Ansclfauungshoiupleex in stell vereinigt, an Maimonides, der auf Aristoteles fußt? Das Fundament auf den! wir bauen tollen, Dt iikäit eindeutig und schwankt. Aber werden wir unter diesen, Umständen eine Jugendbewegung ״naüoiid-jf'.clbchtr Couleur“ sein? Fehlt uns der jüdische Grandtoa? Allerdings kann das jiidi• sehe Grundbewußtsdü allein, t; cs in der Form potenziviler Energie wirk;ich ist, niZ.t da:. Triebmoment für unsere positive jüdische Einc'.eliuag bilden. Und auch 11er Wille, der unsere St.üii::;!״־! auf drs eine Ziel bindet, der Wille;;!'.ein i;״ ul: v,״tct;dlc;;.J, liier reiht räch׳ ü.c der KcbräBlcrung ein,׳ D:1s MIUcl, tL־::u :Th die Geg.cUung'd.T.ilt der Väter bediente, um ti,2 Auicaie <dc3 Volkes zu Kultus• Potenzen zu verdichten, war die hebräische Sprache. Die Sprache, nach Bubcr das wichtigste Formelement der Kultur, ist die Schiene, auf der die Kugel unseres Volksgeistes vorwärts rollt, wenn sie durch einen Stein des Anstoßes, durch die Verbindung von Mensch und Scholle, ins Rollen gebracht worden ist. Sie Ist nicht zeitlich bedingt, sondern sie ist die ewige Form der Kulturschöpfung. Es ist nicht wahr, daß wir der Forderung der Hchräisicnutg verneinend gcgenübcrstiiiulcn, Es ist nicht wahr, daß wir glauben, intuitiv, in genialem Willen schöpferische Juden zu werden. Was wir leugnen und verdammen, ist jener Scholeniismus, der den ■Menschen in die vier Wände seines Studierzimmers einschließt und das Gehirn mit Vokabeln — vun jeden' Preis! — vollfüllt. Denn das ist ja der Sinn des Zionismus: die verbogenen Pole ״Menschsein“ und ,Judesein'‘ zusammcnzuschwcißcn, die Diskrepanz von Judentum und Menschentum zunichte zu machen. Die menschlidic Erweiterung, von der Arlosoroff in seinem Referat sprach, ist nicht eine Folge des hebräi• sehen Lernens, sondern des hebräischen Wissens. Wenn sich freilich, keine Möglichkeit böte, andere als durch die Verkümmerung des persönlichen Menechcntums den ■Weg nach Zion zu bahnen, so müßten wir uns überwinden. ״Mich selber bringe ich meiner Liebe dßr und meinen Nächsten gleich* mir, so geht die Rede allen Schaffenden, Alle Sdia ffenden aber sind hart. Also sprach Zarathustra.“ Aber cs (gibt einen ,Ausweg: צא ולטד Geh hinaus und lerne! Gehe nicht hinein in deine Kammer, heiße sie nun Glieder, Jeschiwa, Religionsschule oder Studierzimmer, sondern gehe hinaus, gewinne Anschluß an die menschliche Gemeinschaft der Juden, die dir nahe sind 1 Gewinne organischen Anschluß an die jüdische Gemeinschaft, seien ihre Vertreter ostjüdische Arbciier oder Blau-weiß-jungen! Dann wird die hebräische Sprache kein Haufen toter Vokabeln, ״Erez Israel“ nicht ein beliebiger Küstenstrich am Mittelmeer, jüdisehe Geschichte keine Anhäufung historischer Tatsachen und Zahlen sein. Sondern all das ist lebendige Substanz, die dein * Innerstes mit heißem Leben durdhströmt und Deine Seele durchblutet. צא ולמד! Geht hinaus in die Gemeinschaften Eures Lebens — dann lernt! Alfred Kupferberg.