Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIII (1918)
- Issue
- Heft 40 (4.10.1918)
- Date
- 1918-10-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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So sei die Organisation der national-jüdischen Jugend Deutschlands. Wie in Oesterreich Leitsätze aufzusteilcu, die sieb an den binzeliicii oder an die Gesamtheit richten, würden wir für falsch halten. Wir meinen, dalä sieh Leben nicht in Worte und Entschließungen zwängen liilit. ״־־ (,eher unsere Stellung zu den anderen jüdischen Jugendorganisationen zu reden erscheint mir im Augenblick nicht erforderlich. In unserem Lager besteht Klar• beit. Nur eines sei gesagt: wir wollen keinen Streit, wir haben genug mit uns selbst zu tun. Wir können von l;all zu Fall zusammen arbeiten und werden keiner Verständigung über Kampfesmittcl und Ton der Auscinamlersetzun״ abhold sein. Mehr verlange man nicht von uns. A11 irgend welchen Aktionen, Verständigung:;- und Arbeitsgemeinschaften haben wir kein Interesse, Diese Fragen beiühren nicht unser Innerstes. Wir wissen, dall wir uns nicht in ihnen verlieren dürfen. In unserer Gemeinschaft, im festen Boden unserer Idee zu wurzeln, in der Zukunft unseres Volkes die unsere! zu findet!, ist unser Begehren. Was hülfen uns alle Schätze der Lrd!־, was jeder politische Gewinn, wenn wir, in Tagcsiragcn verstrickt, nichts wären, als ein Wicdcrscheiii dir Welt, gelöst von unserem Grunde? Mögen sieh andere 1ms nähern oder sich von uns entferiien; wir kennen nur das eine Ziel: Zion! ־- Wer das ersehnt, erstrebt, ist unser lind jeder andere wider uns. Kar! G1 a s e r. Ein Feldjugcndtag ' Auf Einladung des K, J. V. und des Herz!• Bundes kamen am Nachmittag des I. Rösch Haschaiiatagi s eine Anzahl irn Felde stellender Zionisten in der Wohnung des Arinecrnhiucrs Dr. Lcvv in Lille zusammen. Dr א ü r n b e rg vom K. J. V. begrüßte die Anwesenden mit kurzen Worten. Die jüdische Jugend habe erkannt, daß über das Trennende ihrer einzelnen Or- gaui .ationen hinaus ihr gemeinsame Aufgaben zu fielen, daß es die gleichen Probleme seien, die sie in ihrer Gesamtheit .bewerten und die es zu lösen gälte. Aus diesen Gedanken sei die Idee der Jugendtnge erwachsen, die den Zusammenhang der jüdischen Jugend aller Länder bekunden und befestigen sollten. Die Tagung׳ in Lille möge als eine Art Feldjugcndtag he• trachtet werden und allen denen, die von der Front hierher gekommen seien, von dem Fortschritt und der Stärke unserer Jugendbewegung Zeugnis geben. Darauf winden Begrüßungsschreiben des K.j J. V. und Herzl- Bundes verlesen. Unserer Toten gedachten wir mit würdigen Worten. Anstelle dos eigentlich in Aussicht genommenen Referenten, der am Kommen verhindert war, hatte Dr. Nürnberg das erste Referat über die ״Lage i 111 Zionismus“ übernommen. Er schilderte ausitiliilieh die politische Entwickelung unserer Bewegung und berichtete zusammen,'assend von den Erfolgen, die die zionistische Politik in den letzten Monaten .gehabt hat. Darauf ging er ausführlich auf die Ereignisse im Osten ein uml versuch((■ ein Bild der (imvlt die. Oaffrhdensacliiiiy-e für uns Juden gesell.;ffenen '•'Itu.-.iioii zu gehen. Nach einer kurzen Pause!iprucii Erich Rot 11 (licrz.l- Club Berlin) über die ״I:.!11 w i e k | u n g unserer , J u g c 11 d b e w e g 11 n g“. ' Er begründete die idee des•' Jugemltages und gab einen UeS,erblick über den (rang der jüdischen Jugendbewegung, Zwei Fragen von brennender Aktualität seien durch die Regicrimgser• kläningeii der Großmächte zugunsten des Zionismus geschaffen worden: wie schaffen wir die Menschen für Palästina? und wie soll sieh die Umgestaltung des Landes vollziehen? Die Beantwortung dieser Fragen füllt die DEkiissioiicu der beiden letzten Jahre ans. Wir sind uns klar, daß die Situation, in die wir gestellt sind, eine äußerste Anspannung aller ׳/Irmblr.cben Kräfte erfordert, daß Palästina nicht mich dem lleispiei JigcnUeines europäischen Staates aufgebaut werden darf. Mar• tiu Ihibers Worte, die er im Frühjahr dieses Jahres vor der Berliner nationalen Jugend .sprach, seien für uns Programm. Erich _K0il1 verlas darauf die Thesen, in denen Max Kober auf der AusselmlWtzuiig der 11a- Jüdisches Volksheim, Berlin C., DrngonerstraQe 22. Am Sonnabend, den 5. Oktober, abends 8 Uhr spricht im Brüdcrvercinahaus, Berlin W 62., Kurfürstcnstr. 115/116 f> * « 1 דיי äaraa uuoor über ״Das Jiidlcat״:!:! isnel cliö wahre GozzokinclicidiS‘ Prnise der Plätz.n: 5.—, 3,—, 2.—, 1.50 Mk, Vorverkauf hei Werthcim, Bote & Bock, Zionist. Vereinigung für Deutschland, Sächsische Str. 8, Jüdische» volksheim, Dragoncrstr. 22. 1.3 -:— -׳.-- —~— 1———דבד:rt•-™:--:־ - tioiinl-jihlisclieii Jugcmlverbäinte im Sommer d. Js, sein Referat über die Aufgaben der jüdischen Jugend zusanimeiigcfaßt hatte. Er berichtete über die Palästinabestrehungen, die Berufsberatung und die Arbeit des Berliner Volksheims, Der Jugend falle über der Bewälligimg der Einzelprohleme eine große Aufgabe zu: die Erhaltung der Idee. Sie habe zu wachen, daß inmitten der realen Arbeiten, die endlich beginnen, die zionistische Idee sich bewahre, daß die Reinheit und Wahrheit unserer Ziele nicht verletzt werde, ״daß das Manneszeitalter• des Zionismus kein Zeitalter des Philisteriums, seine Verwirklichung nicht sein Grab bcdeute,“ Mit einem Apcii an alle, auch im Felde, wo immer es jedem möglich sei, für unsere Idee zu arbeiten, beschloß Erich Rolli sein Referat. Nach kurzer Aus■ spräche schloß Dr. N ii r n b e r g die von fast 50 Gcsiiuumgsgcnosscn besuchte Tagung. An den Berliner Jugendtag wurde ein Begrüßungsschreiben gesandt. — 111 engerem Kreise waren die Teilnehmer noch öfters während der Feiertage zusammen. Die Milg'icdcr des K. J. V. und des Hcrzl-Bundcs trafen sich am 2. Feiertage zu intimen Zusammenkünften ihrer Organisationen. Eine Sammlung für das Palästinahilfswerk, die nach Jom Kippur-Ende unternommen wurde, _ ergab 250 Mark. Außerdem wurde für׳ den Natioualfoml die in Lille gefangenen russischen Juden Geld sammelt. etwa und ge- Zum jfiäisch-politisclien Problem In der ״Berliner Vol k s zc i t u ng“ vom 20 September nimmt Dr Erich Marx in e.mni Leitartikel ״Die polnische Nationalitätenfrage“ zu der jüngsten Erklärung der polnischen Regierung über iliic künftige Judenpolitik Stellung. Marx urteilt dabei über die Haltung der Polen in folgenden Atisiühruiigen: ״Ihre Mittel sind die üblichen der jungen o.teuropäisehc» Völker. Brutale Gewalt ist ihre Losung. Das eigene jüdische Schulwesen, das auf der von Juden benutzten jidisclun Sprache beruht, sollte nach einer Ucbergangsfrist zugunsten des polnischen nationalen Sclutlwcrks aufgehoben werden, das natürlich auf der polnischen Sprache beruhen wird. D;e trwerbunögiicli־ keil der Juden sollte weiter eingeschränkt werden durch teilweises Verbot der Sonntagstatigi.cit, obwohl die p<>lluschcii Juden bereits den Sonnabend über sieh der Arbeit enthalten. Ferner soll von Staats wegen die Genosscnsdiaftsbcvvegung mit allen Kräften unterstützt werden. Ganz dunkel sind die Andeutungen über das Paßwesen. Jeder, der dem polnischen Staate angeboren will, erhält einen Paß, worauf er als ״Nationnlpolc“ betrachtet wird. Hier scheinen sich wenig erfreuliche Absichten anzudeuten, deren Iragweitc mau noch nicht klar sieht. Die Polen selbst haben so oft und so laut über nationale Vergewaltig 1111 g geklagt — in Preußen, iin zaristischen Rußland, neuerdings in der Ukraine —, daß man kaum glauben sollte, daß sie diejenigeii Methoden andern Völkern gegenüber anwemien wollen, die sie gegen sich nicht gelten lassen wollen. Sie selbst verlangen überall für sieh die polnische Sprache als Schiilspraehe; was jedoch ihnen recht ist, sollten sie billig anderen gewähren. Die Polen vorlangen in der Ukraine uiui in Litauen das Recht der personalen Autonomie. . . Der junge polnische Staat sollte von Anfang an dieses höchst entwickelte System übernehmen. Ein Jahrhundert und länger haben die Polen das Sclbstbcstimimingsrccht der Völker geltend gemacht. Nun ist die. Zeit gekommen, wo sie zeigen können, daß es ihnen mit diesem Ziel ernst ist, nicht nur für sich, sondern auch für andere. Wie sie nicht im Russen- und Preußentum, so wollen die unter ihnen lebenden Deutschen und die Millionen Juden nicht irn Polcutum uiitergehen. ' Was die wirtschaftlichen Bestrebungen der polnischeu Regierung zur Judenfrage betritfl, so wäre zwar eine Abdrängung der im Handel überschüssigen jildischcu Existenzen in andere Berufe, etwa in die endttstrielle Arbeiterschaft, sehr zu wünschen. Aber dies geht nur auf dem Wege einer autbauenden Industrie- Politik, durch Schaffung einer hochwertigen Industrie,, unter Errichtung eines ausreichenden Fach- und Fortbiklungsschuhvescns, technischer Lehranstalten aller Grade und Arten usw. Polen, ein übervölkertes Land, kann nur auf diese Weise gesunden. Gewaltsame Maßnahmen, die nur die Verdrängung der Juden aas dem Handel bezwecken, sind geeignet, das namenlose Elend, das bereits vor dem Kriege in den polnischen Städten herrschte, mit allen seinen demoralisierenden Wirklingen ins Grenzenlose zu steigern. Und der Verdacht erwacht, daß die geplanten wirtschaftlichen Maßnahmen nur verhüllte Arten der niedersten Form der Nationalitiitenpolitik sind: der Ausrottung, der Versind gewiß recht gewöhnliche Situationen, Und doch hat jede auf besondere Weise uns beglückt und uns das Märchenhafte schauen lassen, da das gestaltende Wort des Dichters ihnen das Eintägige, Durchscheinende nahm und Glanz der Dauer darum breitete. Denn dies alles stellt nicht seiner selbst willen da, beiläufig oder tim die icgistriereiulc und zerfasernde Virtuosität des Schildcirnkn zu bezeugen, sondern eine weise Hand holt gerade dieses aus der Fülle der .Erscheinungen; da wird es nun dem Ablauf die Erzählung innerlich verbunden und erhält aus dem Seelischen, das es hegleitet und bildhaft werden läßt, einen echten Sinn. Der anekdotische Hergang sei kurz angcdcutct: Menasche Cliajim, ein ehrsamer Jude aus Buczacz, kämpft mit Krcindel, seinem Weib, tapfer gegen den Verfall von Geschäft und Habe an. ln der schlimmsten Not, da ihnen schon der Hunger in den Stuben sitzt, entschließt sich der Mann, nach der Sitte frommer Verarmier vom heimischen Rabbi einen Empfehlungsbrief au nehmen, und geht damit auf lange Wanderschaft; vielleicht wird er genug fromme Gaben zusammenbringen, um zu Krcindel, die im Elend zurückbleibt, heimzukehren und aufs neue einen ehrlichen Handel aufzutun. Die Pein des Bettlcrtums setzt ihm hart zu, nur langsam mehren sich die'Gaben und die Hoffnung will ihm schwinden. Da tritt in einer schlimmen Stunde der Versucher an ihn 'heran und Menasche verkauft den Brief des Rabbi an einen schlauen Schnorrer. Er will aber nicht mit ledigen Händen vor »ein Weib beten; da er wieder Geld bei sich weiß, treibt es ihn eilig nach Jaslowitz, auf dem großen Jahrmarkt Ware '״Hl alles Nötige zu beschaffen. Wie er dort zur Sättigung einen Imbiß nehmen will, übermannen ihn der Hunger und die Erinnerung der guten Zeiten. Er hält ein maßloses Gelage ab und in der Trunkenheit verliert er das schwer errungene Geld. Während jetzt Menasche seinen Leidensweg wieder aufnimmt und in großer Reue ein neues Vertrauen auf das Gelingen seines Bcttelns laßt, ist der neue Besitzer des Briefs, noch ehe dieser ihm etwas ciubrachtv, im Rausch liingcrafft worden. Die ihn im Bethaus tot antrafen, ließen ihn einscliarren und sandten zum Zeichen des Todes den Empfeh lungsbrief an die ׳ vermeintliche Witwe, die in Verzweifiung der Heimkehr harrte, Als sie sieh nun frei wäluite, nahm sie die Werbung eines trefflichen Mannes an und fand ein reichliches Auskommen. Nach einiger Zeit soll sie einem Sohne das Leben geben, in denselben Tagen, da Menasche der hoffnungslosen Wandertmg ein Ende machte. Wie er in Buczacz anlangt, erfährt er von einem andern Bettler, daß zu Ehren des 1Neugeborenen ein Festmahl bereitet. weide, und erkennt die unselige Verkuolutig seines Schicksals. Da nimmt er es auf sieh und wandert, ein Namenloser, wieder über das Land, damit ihn der Tod bald ereile. Er wird ein Freund der Friedhöfe und der offenen Gräber und findet, da Schwäche ihn zum Verweilen nötigt und ein schlichter Totengräber ihn bei sich behält, eines Tages einen neuen Grabstein vor, und auf ihm seinen Namen. Der Stein sollte den Leichnam des schlauen Schnorrers bergen; mit Pracht 'und Liebe hatte ihn Krcindel errichten lassen. ״Und der Wächter,“ (so endet die Er- Zahlung), ״der in der Geschichte Bescheid wußte, die wir oben erzählt haben, verstand «3, den Grabstein für den aufztistellcn, der seiner würdig war, und gab Namen und Andenken in Israel Menasche Cliajim, dem Priester, der dahinging ohne Kinder. Um! als ,der bcstimmte Tag kam, da stund Krcindel Tseharne auf Menasche Chajims Grab, und Tränen fielen auf Keine Asche.“ Diese in der bloßen Aufzählung 1mverwickelt mul übersichtlich erscheinenden Vorgänge sind nun in eine Fülle von Leben hinemgesicllt mul werden immer wieder abgelöst von cingefügten groß.':! Anekdoten und 'in epischer Breite au ־,ladenden Schilderungen der Gar.tmälilcr, des Jahrmarkts, itnö vieler Juden,gruppen. Dermaßen klar und in allen Tellen v.o vorzüglich abge- Vogen und gegliedert ist ak.r die EwTI1I11ng"daft selbst in dem Gedränge der Nobci״״a'.tioncn ihr Gefüge sich »nun \11bu11cu1• ,J׳V׳• imiituu MG 11• VfUI OGiliUUICil l lll% der die innere Gewalt der ruhig ausströmenden Geseliehnissc süß in ־־sich sammelt. — Der minder begabte Dichter, der sich mehr auf äußere Spannung als auf die Eindringlichkeit seines Erzählens verläßt, wäre hier anders verfahren. Die Geschichte des heimkehrenden Gatten, der sein Weib an der Seite eines andern vorfindet, isV doch bereits in ailen*dcnkbaren Abwandlungen behandelt worden. Der Konflikt, der um die Doppeltvermählte sich erhob, wurde 'dann meistens in äußerem Geschehet!', in Gewalttat und Streit der Lösung zugeführt Hier ist es wohl zuni ersten mal, daß die Wirrnis und ihre Entknoiimg dem äußeren Geschehen entzogen sind; sie werden zu Stufen, run die Geschehnisse ganz 111s Seelische uml Sittliche hinauf/ufübren und das Menschwerdcn eines Armseligen ergreifend zu voll■ enden. Nicht weniger eindringlich für die prägende An dieses Dichters ־zeugt seine Ausgestaltung von Gleich!״• und Anekdote zu tragenden Teilen des Berichts E< ist natürlich, daß bei den üstjuden wie bei allen Örien tale״ diese Formen der Erzählung eine bedeutsamen Rolle spielen, als bei den jüngeren europäischen Völkern ucryp geistige und kulturelle Geschichte vielleicht nie mais einen ähnlich gesetzmäßigen, allen Volksgenosse! verständlichen und teueren Niederschlag in feM״e״rä״te1 Satze״ und Geschichte״ finden wird; Ihre EpTwt״ daduteh einlagiger,' sie flüstert nur, während in dei es i HU -1 Cf a״lrr" ,1'U Jahrll“"dcrtc rauschen. In de <3tjud1..d1eu Erzählung wiederum sind die■•! Formen bisher traditionell angewendet worden kau״ einmal wie cm spezifisches, reicher Fnthitima■ 'n'■ Kunstmittel, meistens ״״r zur Steiw״ ״! fj?“״־?, oder der Schwor.. , c■ 1 ,. ukb־rung der Komi! ■ ל u״cr 55'tuVion. ln Amions R.iri sind Gleichnis und Anekdote jedesmal unaus'snre Ui 1 den Ablauf der Erzählung eingefügt Sk S״ ״f l;' meniais um ■eine bereits geschilderte Betroho״!, . ’ V führen selbständig und in Ät״h"t’.s0״d״ gegenständliche Schilderung weiter. Ais die beiden Eh<