Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXIII (1918)
- Issue
- Heft 13-14 (27.3.1918)
- Date
- 1918-03-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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_____03 'י,■■? Fester machen werden wir die schwankende Brücke &׳nf daß sic die Vergangenheit mit unseicr Zxuanlt verbinde. Mit den schönen ׳und langen Fäden unserer Vergangenheit, deren Kralt durch die Länge der Zeit zu schwinden beginnt, werden wir die scucn und frischen Fäden unserer Gegenwart verweben ׳und sie fortspinnen. Seht, einst waren diese Fäden sehr dick ־und stark. Aber fast zweitausend Jahre sind es jetzt, daß wir ihnen nichts hinzufügten, sondern sie immer weiter auseinanderbreitaten, bis sie immer dünner ׳und — schwächer wurden. Und wer weiß, ob sie nicht gänzlich entzweireißen werden, wenn wir nicht rasch neue Fäden knüpfen? Wenn wir alles selbst tun, dann können wir auch mit Stolz um uns blicken auf das Schöne und Nützliche, das wir im Lande vollbracht haben, auf jede Scholle Erde, die wir aus einer Wüste in ein Paradies verwandelt haben, auf die schönen Städte und die fruchtbaren Kolonien, die wir gcbaut haben. Dann wird in uns eine noch größere schöpferische Kraft erwachen und wir werden unsere• Arbeit mit noch größerer Energie und Erfolg fortsetzen. ... II. Aber viele beurteilen diese Frage gewöhnlich mit einer erstaunlichen Oberfläcliliclikeit, dieniaiuhcial bis an völlige Verständnislosigkeit reicht, in ihrem Wunsche, wegen der Schwierigkeit der Sache den Wert der jüdischen Arbeit bei der Wiederbelebung unseres Landes zu leugnen oder zu verkleinern, bringen sic Beweise von europäischen .Völkern, die sich ebenfalls fremder Arbeiter bedienten, *und vergessen ganz, daß diese Völker, die ja Kolonialpolitik treiben, nur Absatzmärkte für ihre Produkte, Steuern und andere Nutznies- 6ungcn zugunsten ihres Mutterlandes verlangen. Urnen ist es natürlich gleichgültig, durch wen die Arbeit in den eroberten Gebieten geleistet wird. Wir aber haben doch vollkommen andere Ziele!und daher brauchen wir auch andere Wege und Mittel. Bedarf eine so einfache Abc-Weisheit noch der Beweise!und Argumente? ״Nicht mit euch zusammen wollen wir ein Haus bauen unserem Gotte“ — sagten die ersten aus der Verbannung Aufsteigenden den Samaritanern, die ihnen ihre Mithilfe anboten. Denn sic fühlten mit ihrem gesunden nationalen Instinkt, daß cs unmöglich ist, andere daran tcilnehmen zu lassen. Sie wußten, daß sie ein inneres nationales Werk tun und daß kein Fremder an ihrer Arbeit mittun dürfe; daß sie eine nationale Schöpfung vollbringen, die sie nicht durch einen Vertreter Vvjlibringen lassen können, ohne ihre Seele zu trüben. Sie vetgaßen nie, daß sie ein H e i 1 i gturn bauen. Wir aber sind so im Strom des Werktäglichen untergetaucht, daß wir die Grundlegung des Baus unserer Zukunft, die heiligste Arbeit — schmerz- und fühllos anderen überlassen wollen. •Allem haben wir der, .;;L־;;ci :־• ־ .־ •' ■ und das bi bebe.; ״Ge. '׳<•■' y} ־״• _ ׳ : ist nur in der '.'!;;.orte ׳׳ ׳«••;* ־׳־ .׳ ׳'*'•; M mit den! Markt der. La״ r ־, ri־,.״ o r1,:״ rasch und erstickt. Ural v; <••:. ar naien Ideale“ zu erkue.n ver.mdmt, rtd.Mn sich auf dich erstaunte Arg:.;, Ja. Wir kennen die Viru: zeki rrtd.rt rrr c er :in •unser nationales Gefühl situ na!;;., - o.'.nn.i;־•> wahren wir sie nicht, ’•./ir s'־;r ..s:L;;:;;!ca C.z Wurzeln des Baumes, dessen FrüeMe wir essen, und fühlen das nicht. Hl. Aber so soll cs flieht nein! ihr ja:\׳;ers außerhalb des Lander;, die ihr mit uns cirrn Kinnes seid, und viele hohe Dinge über den?Ir.t'.r);1׳:!r.1;nm und Zionismus sprecht, wo seid ihr? Lai;;־: genughabt iiir euch in eure Versammlungen vertiert, über jedes Pünktchen theoreiisiert ׳und euch nachuer auf die ״Opfer“, die ihr dem jüdischen Volk;;:bracht habt, etwas zu gute getan. Wißt, daß eure Aroeit keinen Boden hat. Nicht das brauchen wir jetzt. Unser Ziel können wir nur durdi Arbeit im Lande und nicht außer Landes erreichen. Unser Ziel werden wir dadurch erreichen, daß ״wir tmr,׳ des Staubes *unseres I .andes erbarmen“. Schämt euch nicht vor diesen Worten, verachtet sic nicht 11:111׳ fürchtet euch nicht vor ilmcu. Groß ist unsere Arbeit.hier und heilig ist sie. Man muß nur ihren Wert verstehen, ihn fühlen. Es ist nur nötig, daß reine ' Hände sicli an sie machen. . Unseren Arbeitsgenossen im' Lande aber sage ich: Mögen eure Hände stark sein! Glaubt, daß ״das Eure größer ist als das Ihre“. Daß die Idee der ״Eroberung der Arbeit“ kein leerer Begriff ist *und kein gleichgültiger Gedanke, mit dem man sich nicht zu beschäftigen braucht, sondern eine ) Sache, die im Brennpunkt des Lebens unseres Jischuws steht. Die auf unsere Zuiutuft im Lande Einfluß gewinnen kann. Und würdig ikt sie unserer Hingabe. Und viel viel müssen und können wir für sie tun. Und wenn in vielen hundert Jahren ein neues Geschlecht im Lande aufstcht und in den Annalen unserer neuen Geschichte blättert, dann wird es in ihnen viele /viele schöne und erhabene Blätter finden. Es wird’sehen, daß mit Schweiß und Blut seine Väter ihr Land und ihre Freiheit erwarben. Und viel Kraft, viel nationale Erfrischung 'wird cs aus diesen Blättern schöpfen und voll nationalen Stolzes wird es sein über die Taten seiner Väter, und voll mächtiger Liebe zum Land seiner Väter. Aber wehe *uns, wenn es in diesen Blättern nur einige Kreuzer für zionistische Fondsund Protokolle aus zionistischen Versammlungen finden wird. Mit trauriger und leerer Seele wird cs das Buch der Geschichte schließen *und voll Schani seiner Väter gedenken, die ihrem Lande nicht mehr zu geben vermochten. Die die heilige Arbeit der Wiederbelebung ihres* Landes . .. anderen überließen. El ieser Schoch at. . «gTS»»■«■»■»»■■» ■Hg■■ *’״”r?*rr:■} - "1־-"-TLr- Kr.!:14״ Fslfctric!:*) 3 i ־ t't I ’.cligioii, firt.Ue C er gLR.bi rt'S :.r ר'"-"; :11 dehnrti sc in Judentum aus to ui er! weit 1׳:: 11 £0 3 lg ־׳nin«;!tief, wie weit 1s: cd tief g: da CMsLe srtimt ׳•owe;;ei! war. Jud enttuu kt R< rtigion, erwiderte da־ auf; klärte f׳rc’cg also 11; '!t das Judentum in Kein es Gcidart!eben r.tir einen solchen Platz m be ausprechen, den die Religion im Geistesleben eine» Aufgeklärten zu beanspruchen hat Judentum ist Religion, wiederholte dann der irri! die Freiheit seiner bürgerlichen Betätigung känipfende Jude, folglich liegt der Schwerpunkt meines ersehnten Seins, der jenseits jeder Religion liegt, auch jenseits1 den Judentums. In der Einschränkung des Judentums twiiloS sich der Krcia. > Judentum Ist Religion, warnte von neuem der sein Judentum heiß liebende Orthodoxe, daher hütet euch, an der Religion zu rütteln und zu deuteln, denn ihr deutelt daun und rüttelt an dem Judostum selbst. Judentum ist Religion, erwiderte der Prediger der Reform, also muß das Judentum von all de» Werten und Gebräuchen, die :;einer unwahren vöikischen Auffassung entstammen, sorgfältig gesäubert werden. Judentum ist Religion, wiederholten dann die immer wachsenden Scharen der von der Religio« losgerissenen Intellektuellen, folglich gibt es für uns, für die es keine Religion mehr gibt, auch kein Judentum mehr. , In der Aufhebung des Judentum» schloß sich von neuem der Kreis. Was einst so segensreich zu werde» schien, wurde zum Fallstrick. Jetzt und für manche derer, denen die Stunde geschlagen hat, Gott zu suchen, scheint von neuem 'ein Ruf der Zeit zu ertönen: Kehret zum Judentum zurück, denn cs ist Religion. Freunde, seien wir vorsichtig mit diesem auferstandenen Ruf, daß er uns nicht wieder zum Fallstrick werde 1 Das neue, die Regeneration ersehnende Judentum empfindet die verhängnisvolle Konsequenz dieses immer wieder auftauchenden Identität»- Urteils und kennt auch die Relativität «eines Wahrhcitsgchaltes. Denn selbst dem im Glauben aufgellenden Juden erscheint sein Judentum nur deswegen bloß als Religion, weil auch tu «einem Menschsein nichts vorhanden ist, was außerhalb seiner Religion stünde. Und darauf kommt es au. Denn nur das allein ist es, womit das Judentum identisch war und identisch werden will: das ganze Menschsein des Juden. R. Sa im an. *) Aus dem soeben erscheinenden TZ Heft dt» II. Jahrganges des ״Juden“. Ist’s endlich Zelt? Zeit ist’s zu handeln — wir danken Franz Rosenzweig, der eine Broschüre in Form eines Briefes an Hermann Cohen, enthaltend ״Gedanken über das jüdische Bildungsprobkm des Augenblicks“, geschrieben hat, *) für dieses Wort der Mahnung. Die jüdische Lebensfrage des Augenblicks ist das jüdische Bildungsproblcm auf allen seinen Stufen. Darum legt Rosenzweig einen Plan zur Lösung dieses Problems vor, dem man nur wünschen kann, daß er fernste Beachtung finde. Wenn man sich nur zu rühre« beginnt , . . Zeit ist’s, wahrhaftig. Es wäre einiges Grundsätzliche zu diesem Er- ■ zieliungsprogramm zu sagen. Die erste Frage, die man aufwerfen muß, ist die nach dem Ziel der Erziehung. Das Problem der jüdischen Erziehung verengert sich zum Problem des Religionsunterrichtes; und dessen Aufgabe sieht Rosenzweig darin, zwischen den Institutionen der Synagoge und dem Einzelnen die Fühlung wiederherzustclicn. Aus dem Scliuizimmcr 8011 der Weg zur Teilnahme am Kultus führen; durch Erweiterung der hier ansetzenden jüdischen Bildüng soll cine^ ״jüdische Sphäre“ geschaffen werden, eine eigene kleine Welt inmitten der fremden, die uns umfängt. Eine Aenderung der Situation des Judentuma entspricht nicht dem ״Willen unserer Mehrheit“; aber ebenso entspricht es dem Willen dieser Mehrheit, eine jüdische Welt wirklich zu besitzen. Denn; ״Uns ist das Judentum mehr als eine Kraft der Vergangenheit, eine Merkwürdigkeit der Gegenwart, uns ist es das Ziel aller Zukunft״. Aller Zukunft I Das Wort klingt stark und verheißungsvoll. Aber sofort hinkt die Einsdiränkun״ nach• ״unbeschadet und ungeachtet der Welt, die uns umgibt . Also doch, nicht aller Zukunft“ Es, nu-Ü ־ t *) Franz Rosenzweig, Zeit ist’s ' Verla״ -der Neuen jüd. Monatshefte, Berlin W. '8, i Mark. zumindest ein Bedenken wach werden. Ein Teil unscrcr Zukunft liegt ja in der umgebenden Welt; solange ein ״sowohl — als auch“ im Halbdunkel eines därnmerigcii Zeitalters die Seelen befriedigt, löst sich alles in schönster Harmonie. Aber in der Stunde .der Krisis, der Wahl, wo es ein ״entweder — oder“ gilt, — wie wird die Entscheidung ausfnilen? Das gewichtigste Bedenken, das gegen derartige Programme wie das vorliegende zu erheben ist, ist dieses: Geht es heute noch an, den Menschen der vollen Einwirkung der fremden Welt zu überlassen, ihn dem ganzen starken Einfluß des Lebens und der Erziehung für dieses Leben auszuliefern, und daneben" eine selbständige ״jüdisehe Sjihäre“ zu etablieren? Ist wirklich die Schaffung solcher autonomer Provinzen des Lebens eine Lösung unseres Problems? Wir müssen der Wirklichkeit ins Auge sehn. Wenn die heutige Erziehung in der HaupLache auf die Taug* lichkeit fürs materielle Leben eingestellt ist und naturgemäß das Zentrum allen Lcbensintcresses infolge unscres Wirtschaftsbetriebe;; die •Angelegenheiten des Erwerbe» und der Wirtschaft bilden, so ist kaum zu er* warten, daß sich die selbständige j־׳:’i:chc Sphäre neben der das materielle Intcrcr.'.a suerchlicßlicß in Anspruch nehmenden fremden Welt b.;b.r.upt.n kann. Man kann nicht Gott dienen und dein Mammon, Cie jungen Men-• srt;cn, die in der Ausübung des ״Berufes“ ihre Lebens-' aufgabc, in der Vorbereitung für Um ־den Schujr.wccfc sehn, werden für die jüdischen Fächer herzlich vvenig übrig haben. Dieras Wiesen imigt ja nicht ״fürs Leben“ In dieser rt:’r.:;c’:t v,׳ln? ruh eine Reform des Rc!igions1־u;ter.1:M:s 1;״':״־*.!":' bie:"־■־::. Vid nrbr Ala wir nnzund1n:;j;i:׳t r'.-rd, 3׳Lagt Ge Sdrle mit unccrm Leb;:;, r:; ' Wen •י rächt mit der Neugestaltung der l:;.rt:׳rt.:;;g der Wille nur Neu- Gestaltung 11 uz et:־er;.:':15״ r:;־r.!!el gc! t, so I werden immer des r.־,M«;v׳־::,rt׳:׳d Leber verLc”; ZvPcra Mächte die Kcrrxb rt Amr dl; .־..:ל׳.: Cr Erzkrtiag I behalten. . Aber selbst angenommen, daß das Ziel erreicht werden könnte: Kann es uns, denen das Judentum ״Ziel aller Zukunft“ ist, genügen, daß unsere beste« Menschen ״Justiz-, Sanitäts- und Kommerzienräte" sind, die gewisse Mußestunden ihres Leben» zur Einkehr in die ״jüdische Sphäre“ benützen? Das Judentum wird ein Element schöngeistiger Betätigung, etwa auch sentimentaler Betrachtung und Stimmung; wird es aber eine wirkliche, wirkende Lebensmacht? Und wird die Enge dieser jüdischen Sphäre, deren Szene d.« Synagoge ist, gerade für die Besten unseres Volkes gegenüber der Weite der sie umgebenden Welt genügend An- Ziehungskraft besitzen, wird sie den Lockungen materieller und geistiger Art, die von außen kommen, entsprechenden Widerstand entgegensetzen' können? Wir haben, gottlob, heute schon eine Jugend, die sich nach ganzer Hingabe an eine Idee sehnt: die sich von der Klebrigkeit und Schlüpfrigkeit unseres in Lügen verstrickten Lebens abwendet und in den starken Strom untertauchen will Sie sucht Arbeit für ihre starken Arme und für ihren Geist, vollen Einsatz der Personlichkeit. In der jüdischen Sphäre der Synagoge kann sie ihren gesunden Lebenstrieb nicht befriedigen; sin muß hinaus in die Welt, in die fremde Welt, da sie eine eigene nicht voriindet — und ״nach dem Wüten unserer Mehrheit“ such nicht besitzen solL Ein Wort von Bcn-Jehuda an die Westjuden drängt sich der Erinnerung auf: Ihr wollt uns cuern Sabbat gebc% wir aber brauchen den ganzen Menschen. Das Proßramtn Rosenzwcigs ist ein sehr gutes Sabbat-Programm. Das Judentum aber braucht den ganzen Mensche», Zeit ist cs, zu handeln. Denn auch die Menschen wach* 6er, «ns nach, die sich nicht mehr teilen wollen; weleher Welt de eich ganz hingeben werden, hängt v,׳c:cnfl|ch zwar; von der Esziehung ab, aber nicht nur von dem Grade ihres Wissens in jüdischen Fächer!* sondern von der ganzen Richtung ihrer Geistigkeit. Vc;: der Idee, in deren Zeichen die ganze Er- Ziehung ״״teiiet wird; und von der Leteeasmög*