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Jüdische Rundschau · 1918-02-08 · Heft 6 (8.2.1918) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXIII (1918)
Issue
Heft 6 (8.2.1918)
Date
1918-02-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Nr. 6 y ׳: ' Seite 42 2su studieren, und als kluger, tief in die (ieheimnisse des Lebens eindringender Arzt erkannte er, besser und richtiger als die meisten, woran es fehlte und was nötig ,war. Und so führte ihn denn diese Liebe zu seinen Staniincsgenossen den Zionsfreunden zu. Und als er erkannte, daß nur eine straffe politische, auf ein Ideal gegründete Organisation imstande sei, das Wunder der jüdisehen Erneuerung zu bewirken, kam er zum Zionisnrus. Die ganze Liebe zur Menschheit und zum Judentum übertrug er dann auf die Zionistische Organisation, Man darf wohl sagen, wenn die Eifersucht ein Schatten der Liebe ist, so ist auch seine Liebe zur Zionistischen Organisation nicht ohne diesen Schatten gewesen. Er wachte ehersüchtig über die Organisation und tadelte aufs Be• stiinnieste und Strengste, wenn auch nach seiner Art in versöhnlicher, milder Form, jeden Schritt, der seiner Meinung nach auf Abwege führen konnte. Selbst Herzl bat dies bei der energischen Abwehr des Ugandaprojektes durch Tschlenow erfahren müssen. Er fand in ihm damals seinen schärfsten und unbeugsamsten Gegner, aber mir, so lange der Streit dauerte. Für die Aufrechterhaltung *"״*"“ ' der Organisation tat er alles und war zu r7־־־־ den größten Opfern bereit. Besonders trat! dies hervor beim Ausbau der Zionistischen j Organisation der russischen Föderation, da er dieser den größten Teil seiner Tätigkeit widmete; der Aufschwung, den die Verwaltung des Nationalfonds unter seiner Leitung nahm, ist ein auch nach außen hin sichtbarer Beweis hierfür. Aber die Liebe für die Zionistische Organisation war bei ihm auch verbunden mit dem unbeugsamen Glauben an den cndgültigcn Erfolg der Bewegung. Der Glaube an die Wiedergeburt des jüdischen Volkes war ihm heilig, und der Weg dazu war ihm die ״Schaffung einer selbständigen Heimstätte für das Lehen des jüdisciicn Volkes in Palästina“. Diese seine Ideale hielt er stets hoch und er schreckte vor keinen Schwierigkeiten zurück. Nichts konnte ihn aber so freudig erregen, wie wenn er Fortschritte auf dein!Wege nach diesem Ideale hin zu erkennen glaubte. Wenn ihm auch kaum etwas ferner lag als seinen Gefühlen enthusiastischen Ausdruck zu verleihen, und wenn auch sein kritischer, nüchterner, ärztlich geschulter Scharfblick stets bei allen j Lichtpunkten ׳gleich die Schattenseiten mit j erkannte und seine Wahrheitsliebe ihm nicht erlaubte, diese zu verstecken oder zu ver-; tuschen, so fühlte man doch im Gespräch mit ihm seine Befriedigung über die Fortschritte der jüdischen Siedclung in Palästina, die er von seiner zweiten Reise .dorthin zurückbrachte, deutlich heraus, und auch seine kleine, im Jahre!1913 erschienene Schrift j ״Fünf Jahre der Arbeit in Palästina“ ist von j dieser Stimmung durclitränkt. i Wie die Liebe, so durchzog die Treue 1 sein ganzes Wesen. Vor allem war Tschlenow sich selbst treu. Von seinen grundlegenden Prinzipien wich er nicht um eines Haares Breite ab; immer war er aufrichtig und wahr, sich und anderen gegenüber. Was er einmal für richtig c-hannt hatte, verfolgte er mit unerbittlicher Konsequenz und unerbittlicher Ausdauer, er kannte kein Erschlaffen, keine Müdigkeit. Stets war er cs, der in den Sitzungen des Aktionskomitees gegen Schluß der Diskussionen stimmte, wenn irgend ein Punkt noch nicht völlig geklärt oder irgend eine Meinungsrichtung noch nicht in jeder Schattierung zum Wort gekommen war. Er sorgte stets dafür, daß die Erörterung bis zur wirklichen Erschöpfung der _ Materie fortgeführt wurde, und lieber opferte er seine und der anderen Nachtruhe, als daß er duldete, daß durch vorzeitige Beschlüsse die Möglichkeit einer Unstimmigkeit bestehen blieb. Daher liebte er es auch, möglichst am Ende der Diskussionen selbst das Wort zu ergreifen, um in einer ausfiihrlichen Zusammenfassung noch einmal alle Punkte, alles Für und Wider, den Anwesenden dcutlieh zum Bewußtsein zu bringen. Besonders erinnere ich mich der Nachtsitzungen bei den Erörterungen des Statutes des Nationalfonds, die hauptsächlich eine Folge des Verlangens Tschlcnows waren, daß jeder einzelne Paragraph nach allen möglichen Folgerungen hin durchgesprochen wurde. Es war zweifellos von außerordentlicher Bedeutung, daß es bei diesen wichtigen Erörtc- Gedenket des Palä&tina-Hilfgwerks! __ ) U D; i C.: E i:ü: ■ ■ rmigen einen Mann gab, dessen Strenge und PBkhtbewulifscin siegreich die nur allzu natürlichen Schwächen der menschlichen Natur zu meistern verstand. Und diese Treue bewahrte er auch anderen gegenüber. So sehr er die Sache über die Person stellte, so treu war er doch allen Mitstreitern und ebenso der Bewegung als Ganzem. Davon waren alle so durchdrungen, daß seine Anwesenheit und seine Zustimmung unwillkürlich ein allgemeines Ge* fühl der Sicherheit verlieh; eine Sache, der er zustimmte, erschien jedem geborgen und gesichert.' Er nahm so leicht keine spezielle Arbeit auf sich; tat er cs aber, so galt sie nicht mir als durchführbar, sondern schon als so gut wie geleistet; so groß war das Vertrauen, das man ihm entgegen brachte. Bei ihm gab cs keine Spur des Scheins, des Getues, der Ucbcrtreibung, der Auf* machung, der Pose; alles was er sagte und tat, was er erstrebte und unternahm, war lauteres, klares Gold. Es ist sicher ein gutes Zeichen def Echtheit •und Gediegenheit unserer Bewegung, daß ein Mann wie Tschlenow, dem nichts Suggestives anhaftete, der auch nicht über eine irgendwie das Durehsclmittsmaß überragende Rednergabe verfügte, sondern dessen Vorzüge einzig und allein in seinem klaren Verstände, in seinen herrlichen Charaktereigenschaften lagen, daß einem solchen einfachen und schlichten Manne einmütig eine so hohe Stellung in der Bewegung anvertraut wunde. Allen, die das Glück hatten, mit ihm zusammen zu arbeiten, und besonders seinen Kollegen im Aktionskomitee, sowie in der Leitung der russisehen Föderation wird das Dahin;־,•eheidan dieses liehen, treuen Mitkämpfern eine unausfüllbare Lücke!unterlassen, ln nie erlöschender Liebe ׳und in nie versiegender Treue werden wir das Andenken an unseren unvergeßlichen Tschlenow in Ehren halten und dem künftigen Geschlecht überliefern. O. Warburg. Dr. E. W. Tschlencw Jeclüel hen Secw Tschlenow, der zweite Vorsitzende des Engeren Aktionskomitee;; und Führer der Zionistischen Organisation in Rußland, wurde geboren im Jahre 1893 in einem kleinen Städtchen in Litauen und entstammte einer vornehmen jüdischen orthodoxen Familie. Fr besuchte das Gymnasium und später die medizinisclie Fakultät der Moskauer Universität. Als junger Student wurde er von der allgemeinen Befrciungsbcwcgung Rußlands mitgerissen und schloß sieh der Volkstiimlich revolutionären Strömung der sogenannten Narod* niki an. Erst die Pogrome der achtziger Jahre offenbarten ihm den Weg von der Freiheitsbewegung des russischen Volkes zur Sclbstbefrciung des Judentums. Noch bevor die Bewegung der Chowcwe-Zion ins Leben trat, schuf der junge Student Tschlenow in Gemeinschaft mit anderen jungen jüdischen Studenten, die zusammen mit ihm «p'Ucr die führenden Oe'ste•■ des russischen Zionisimis geworden sind - M. M, U s s i s c h k i n , A. D. Idelsohri, Rabbiner Dr. At a s e u. a. — den ersten lirilartiriensisch-akmleriusdien Verein ,,Bne-Zion“ in Moskau, dessen Vorsitzender er war. Schon im Jahre lBäl spinch sich der Verein im Gegensatz zu den Anschaumigen P'iiskers entschieden für Palästina als das Land de! jüdischen ßcfrcimifr aus und in seinem Stlifci* hen au Dr. L. Pinsker über die Ncuausgabc seiner Broschüre ersuuitc der Vorsitzende des Vereins Student E Tschlenow, den Schöpfer des Chowewe-Zionismtis, ״das Lude“ der Broschüre ״im Sinne der Palästinaidee abzuänderii“. Das war die erste Entscheidung des jungen ziouistisehen Kämpfers für die Hegemonie der palästinensischem Idee in der jüdischen Regcncrationsbewcgung, die später für seine ganze zionistische Tätigkeit charakteristisch blich. Im Gegensatz zu nuuehen seiner Zeitgenossen beschränkte sich sein Wille nicht auf die praktisch# Kolonisation in Palästina; in dun war stets die Hoffnung auf die vollständige Erlösung des Volkes im Lande der Zukunft lebendig. Nach dem ersten Baseler Kongreß trat Tschlenow in die neue zionistische Bewegung ein und stand sofort an der Spitze der Zionistischen OrganJsation in Rußland. Als Mitglied des Großen Aktionskomitccs der Zionistischen Organisation und Leiter der zionistischen Arbeit des Moskauer Rayons entfaltete er eine selbständige, weit ausgedehnte propagandistische und organisatorische Tätigkeit und widmete große - Aufmerksamkeit der Vertiefung des jüdischen Bewußtscins der Heranwachsenden Generation und. der Ergamdung der jüdischen Probleme der Gegenwart. Zu diesem Zweck gründete er ein Informationsbüro für Schul- und Unterrichtswesen in seinem Rayon, gab eine Reihe von Katalogen für jüdische und zionistische Bibliotheken Und eine׳ Serie von Programmen zum Studium der jüdischen ' Geschichte heraus. Dr. E. W. Tschlenow gehörte zu den ״politischen“ Zionisten, die die diplomatische Arbeit j für die Verwirklichung des Basler Programms als eine Hauptaufgabe der zionistischen Leitung bctrachteten. Er wußte aber diese Forderung mit einer grenzenlosen Treue zu Palästina zu verbinden und war stets vom Gedanken getragen, daß die praktische Arbeit in Palästina selbst ein Hebel von unermeßlicher Bedeutung für die potilisChe Tätigkeit ist. Als im Jahre 1903 auf dem 6. Zionistenkongreß j in Basel die Entsendung einer Expedition nach Uganda mit einer Stimmenmehrheit vom Kongreß beschlossen und so die Hegemonie des palästincnsischcn Prinzips innerhalb der zionistischen Bewegung angetastet wurde, war Dr. E. W, Tschlenow der erste, der (lies als Verleugnung des Grunddogmas des Zionismus empfand und voller Erschütterung den Saal des Kongresses verließ. Ohne vorher irgendeine Verabredung getroffen zu haben, folgten ihm alle 128 ״Neinsager“ ן nach und so wurde er mit einem Schlage zum ungekrönten, aber von allen als solchen anerkannten Führer der Palastinatrcucn im Zionismus. In einer Reihe von Aufsätzen, betitelt ״Zion und A f r i k a“ zeigte er die inneren Widersprüche des Ugandismus und des ihn ablösenden abstrakten Tcrritorialismus auf und zeichncte dieser Bewegung den Weg vor, der ihr ' später bcschicdcn war. Nach dem VU. Kongreß j übernahm Dr. E. W. Tschlenow die Verwaltung j des Jüdischen Nationalfouds in Rußland i und zeigte hier . eine außergewöhnliche i organisatorische Begabung und Initiativkraft, die -י dazu mitgcholfen haben, die Losung ״Geulnth Haarez“ in die weitesten Schichten des russischen Judentums zu tragen. Auf dem letzten zionistischen Kongroß in Wien 1913 wurde Dr. E. W. Tschlenow einstimmig zum Mitglied des Engeren Aktionskomitees gewählt und so auf den verantwortungsvollsten Posten unserer Bewegung gestellt. In der Uebcrzeugung, daß eine solche leitende* Stellung die ganze Person und all seine Zeit bean- Sprüchen müsse, entschloß sich Dr. E. W. Tschlenow, den Kreis seiner Lieben zu verlassen, auf die reiche Praxis eines berühmten und überall geschätzten Arztes in Moskau Zu verzichten und nach Berlin zu übersiediTn, wo sich die Arbeit der zionistischen Leitung konzentriert hatte. Der russische Zionismus empfand und bczcichnctc damals die Trennung von seinem Führer als das größte Opfer, das er der zionistischen Allgemeinheit brachte. Die verantwortungsschwere Stellung in der Leitung der Zionistischen GeSimtorganisation und die bald darauf . folgenden großen Prüfungen, die die Geschichte der Zionistischen Organisation und dem Judentum gestellt hat, gaben dem zionistischen Führer und großen Juden Gelegenheit, seine reichen Geistesschätze zu entfalten. In der Zöit der unsäglichen Leiden des russischen Judentums in der ersten Kriegsepoclie vom Ausbruch des Krieges bis zur Revolution und in der darauf folgenden Zeit des großen Bauens Und der politischen Organisicrung empfand das russische Judentum, das zionistische, (las nxhizionistisdte tmd das lauti/inistische, Dr. E. W. Fsehlenow als seinen natürlichen Führer, dem cs grenzenloses Vertrauen entgegenbrachte. Und das erste jüdisehe Meeting nach der Revolution, diese erste freie ,Kundgebung des emanzipierten Judentums wählte Dr. E. W. Tschlenow zu seinem Vorsitzenden und entschied sich dadurch symbolisch für den neu einzuschtagenden Weg des russischen Judentums. Die letzte Rede Tscliienows auf der großen Petersburger Konferenz der russisehen Zionisten im Juni 1917 gehört mit zu den vvürdigsten tmd bedeutendsten Kundgebungen der Zionistisehen Organisation im Laufe ihrer ganzen politischen Tätigkeit.

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