Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1917)
- Date
- 1917-05-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2652026-2652044--11107-2668921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 158 JUED1SCHE RUNDSCHAU Ni IQ So sieht di« j,toratm1e“ Politik der deutschen Rabbiner in Warschau aus! Und von ihr erhofft sich Paul Nathan ein« Oesundung der jüdischen Verhällnisse in Polen I ln West und Ost geht der Antizionismus im! Schafspelz der ״Toratrcuc“ um. Von denselben Personen gellt liier und dort die antizioni stisclie Agitation aus. In Deutschland versucht sie — R. fck gibt sich die erdenklichste Mülle, es zu erreichen — die orthodoxen Zionisten ihrem zionistischen Ideal abspenstig zu machen, in Warschau strebt sie mit allen Mitteln danach, das politische Leben der pol■ nischen Juden, das jetzt mehr als je eine Stabil!־ siening nötig hat, zu verwirren, tun iin Trüben zu fischen. Und dies alles nur, um die starke aufstrebende Macht des neuen Volksideals zu han* sren, das im Zionismus seinen reinsten und konsequentesten Ausdruck gefunden hat. M. M. Von der Verwirklichung der Gleichberechtigung Auf Grund des Emanzipationsediktcs wurden am 10./23, März in der Sitzung der Moskauer Gerichtskanimer HO jüdische Rechtsanwälte in die Korporation der Rechtsanwälte aufgcnominen. Bei der Eidablegung hielt der zionistische Rabbiner Masc die Ansprache. In Odessa wurden 60 jüdische Rechtsanwaltsgchiifen zu Rechtsanwälten ernannt. Eine Denesdie aus Moskau teilt mit, daß '2600 Juden iin Juli zu Offizieren ernannt werden und daß Rechts• amvalt O. O. Grusenbcrg das Amt eines Senators angenommen hat. Das Erwachen der zionistischen Tätigkeit in Rußland Die Zionistische O r ga n i s a t i o n in Rußland benutzte die ersten Wochen der russischen Freiheit, um1 die vereinzelten und zerstreuten Kräfte zu vereinigen um) eine großzügige Propaganda zu entfalten. Aus einer gan• zen Reihe größerer und kleinerer Städte -• Petersbürg, Moskau, Minsk, Saratow, Jekatc• r i n o s I a w , Charkow, Riga, Odessa, Ni- ■sch n i ־ N o w go rod , Berditschcw 11. a. — liegen Berichte über große zionistische Versammlungen, Vorträge und Massenkundgebungen vor. Der Auffordo rung des Zionistischen Zentralkomitees gemäß wurden bereits in einer Reihe von Städten auf Initiative der Zionisten aus allen jüdisdicn Parteien zusammengesetzte politische Komitees gebildet, die sich aus Vertreten! aller jüdischen Richtungen der betreffenden' Stadt zusammensetzen und den Organisationskern für den künftigen Jüdischen Kongreß in Rußland bilden sollen. Solche Komitees wurden in Kiew, Minsk, Charkow, Mobilew, Ufa, Mirgorod und anderen Städten gegründet. Demnächst sollen auch die Wahlen zu einem solchen Komitee in Petersburg »tattfinden. in das allgemeine Stadtkomitee zu Odessa wurden 4 jüdische Vertreter gewählt, darunter M. M. U s s i s c h kin. Injekatcrinoslaw wurden ebenfalls 4 Juden gewählt, unter denen sich auch M. S. Bruck befindet. In Minsk wurden 2 jüdische Vertreter ins städtische Exekutivkomitee gewählt, nämlich die Herren J. S. Churgin und A. M. Kaplan, die beide als Führer der Minsker Zionisten bekannt sind. Das Zionistische Zentralkomitee ist gegenwä/tig mit der Organisierung der Arbeit und der Ent- Sendung einer Reihe zionistischer Redner in die Provinz beschäftigt Diese Redner werden aus den in Petersbürg und Moskau bestellenden sogenannten I n s t r u ktoren-Gruppen rekrutiert. Der zionistische Verlag ״W o s t o k" plant die Herausgabe einer Reihe B r o - schüren über zionistische Politik und Praxis. In erster Reihe soll ein Bericht über die Beschlüsse des Helsingforscr Delegicrtentagcs der russisehen Zionisten, der im Jahre 1906 stattgefunden hatte, mit einer den Fragen der Gegenwart entsprechenden Anleitung in hebräischer, russischer und jidischer Sprache herausgegeben werden. In Moskau wurde ein Z i o n is t i sch e s Rayonk o m i t e e gebildet, das die Gouvernements A s t r a - clian, Wladimir, Wologda, Woronesh, Ka- «an, Kaluga, Kostroma, Kursk, Moskau, Nishni-Nowgorod, Orenburg, Orjol, Pc ns,. Ferm, Rjasan, Sa mar, Saratow, Simbirsk, Smolensk, Tambow, Tula, Ufa, Jarosluu und das Don-Gobi et umfaßt. Eine besonders rege Tätigkeit entfaltete die ziouistische Studentcn-Orgaiiisation ״Hecha wer". Das Zentralkomitee wurde durch neue Mitglieder erweitert. Die Organisation gibt Bulletins über di« Tätigkeit der lokalen Abteilungen und über die laufenden Fragen heraus. Die zionistische Jugendorganisation ״Zei're- .Zion" hielt vom 11.;24. bw t'3,/27. März in Moskau eine Beratung ab, die beschloß, Mitte Mai fucn D eiegierten tag der ״Z e I r e - ZI o n" einzu berufen. ■ .Beim Ausbleiben oder bei verspäteter Lieferung t, einer Nummer wo! lau *ich die Po^tbezieher stets nur an den Briet- ,,träger od erd ie zuständige Bestei 1-1*0* tv an%talt . wenden. Erst wenn Nachlieferung and Aufklärung nicht , in angemessener Frist erfolgen,' Wende man sich unter Angabe der , bereit» unternommenen Schritte an unseren Vertag. * ׳ .י‘ ׳ ' Von den ]£:«r.eLei1 Parteien io RtiCfond Vom ״JUdmchcn Klub" in Petersburg hu ״J iidiscl.cn Klu b", der von der jüdischkadcltisdu’״ ״Volksgruppe“, die sich um M. M. Wina wer konzentriert, gegründet ist, fand am 11./24. März in Petersburg die erste große Versammlung statt, die der Besprechung der nengcschaffencn Lag« gewidmet war. Na di der Eröffnungsrede des Vorsitzenden der Petersburger Gemeinde M, A. Warschawski, der seine Freude über das ihm vergönnte Glück, noch bei Lebzeiten eine befreite Jiidenhcit begrüßen zu können, zum Ausdruck brachte, erhielt das Wort Rechtsanwalt I I. 11. s I i o s h c r g, der unter anderem ausführte: ״Bisher vereinigte uns die Rechtlosigkeit, jetzt müssen uns die nllgeuieüieit nntionaleii Aufgaben vereinen. Wir müssen uns konzentrieren. In den letzten Jahren entfaltete sich unser nationales Bewußtsein, Vor kurzem wurde der Gedanke gefaßt, sich die Rechte der jüdisthen Nationalität vom künftigen Friedenskongreß gamutieren zu lassen, jetzt hoben wir sie hier in Freiheit erworben. Wir sind freie Bürger, aber auch freie Juden und werden alle Möglichkeiten für unsere nationale Selbstbestimmung verwerten. (Beifall.) Von dieser Entsdilossenlicit ist cs nicht unnutz, schon jetzt, in den ersten Tagen unserer bürgerlichen und politischen Freiheit, zu sprechen. Wir werden die errungene Freiheit für unsere kulturellen und nationalen Zwecke verwenden." Vor allem aber, so sagte der Redner, müsse der Sieg der Revolution selbst gesichert und das Land vor allen inneren und äußeren Gefahren geschützt werden. Er forderte die Juden auf, als Juden Und Bürger die Provisorisdie Regierung zu unterstützen und das Vaterland zu verteidigen. Eine längere Rede hielt darauf M. M. Win «wer: ״In den Gefängnissen und Kasematten schmachtete die um die Freiheit kämpfende jüdische Jugend. Auf ihre Gebeine wurde jetzt der Tempel der Freiheit und Geleditigkeit gebaut. Betreten wir kühn seine Schwelle im stolzen Bewußtsein, da'ik wir an seinem Aufbau beteiligt waren. Die Ursache unserer Freude ist nicht bloß die Tatsache, daß wir frei geworden sind, sondern das Bewußtsein, daß wir niemals das Feld des Kampfes um diese Freiheit verlassen haben, Noch muß man auf der Wacht stehen. Von beiden Seiten droht Gefahr: seitens des äußeren Feindes und seiten« der extremen Linken. Wollen wir jetzt die Debatte über nationale Selbstbestimmung vertagen. Jetzt ist cs nötig, den Boden zu festigen, damit die Frucht nicht unseren Händen entgleitet, Rußland muß. jetzt gewissermaßen konservativ werden, um das bereits Errungene zu erhalten und zu sichern. Man muß jetzt Halt madien, um die eroberte Position zu festigen. Eine Kontre- Revolution ist noch nicht ausgeschlossen. Die Juden können am leichtesten der Kontre-Rcvolution Nahrung geben , . . Wenn die Revolution siegt und befestigt wird, dann sind unsere Recht gesichert. Ernten wir keine unreifen Früchte! . . . Geben wir dem Feind kein überflüssiges Gewehr in die Hand! Verzichten wir auf den ehrwürdigen und angesehenen Posten! Man braucht keine Demonstrationen, um zu zeigen ,daß die Juden dem Vaterland dienen können. Stellt euch alle i n die Reiten, auf unsichtbare Posten. Seid nicht übereilt, eure Rechte zu verwirklichen. Wir brauchen Oediild und Mannhaftigkeit. Sprechen wir nicht von unscrer nationalen SelbstbestimmungI (Zurufe: Nicht riehtig!) Unsere nationalen Rechte werden sich von allein aus den Ereignissen ergeben. Niemand leugnet unsere Rechte. (Zurufe: Dann wird cs zu spät sein!) Man darf nicht an den Grundlagen der Freiheit zweifeln! Zuerst müssen die Formen für die Selbstbestimmung gefestigt werden und dann erst wird von der Selbstbcstimmung selbst die Rede sein können!“ Diese Ansicht des Redners rief eine scharfe Entgegnuiig seitens der Bundistcn und Zionisten, die zugegen waren, hervor. ״Wir wissen alle“, sagte dcrbundiati»chc Red- »er, Herr Nürnberg, ״daß die Freiheit noch nicht ganz gesichert ist; trotzdem darf man in diesem Moment nicht von dem einen sprechen und das andere vergcsseii. Es ist gefährlich, nur von bürgerlichen und nicht von nationalen Rechten zu sprechen, , , Wenn wir heute nicht alle Rechte nehmen, wird man sic uns morgen nicht geben. Die nationale Frage ist die schwierigste Frage der Revolution. Mögen die Forderungen der unterdrückten Nationalitäten nicht vergessen werden! Wurde doch einst den Juden in Frankreich gesagt, daß sic Bürger seien, und was sie denn noch mehr brauchten! Wir aber wollen eine nationale Autonomie habe«." ״Hier stehen vor euch“, sagte der zionistische Redner, L, S, B a b k o w, ״die Vertreter der alten maskilisehen Zeit und die des neu erwachenden jüdischen Gcschlecht«. Winawer sagte euch: erfüllt eure Pflichte», aber verzichtet auf eure Rechte. Wir Zionisten aber fordern euch auf, unverzüglich eure Rechte zu mtlisiereti. Wir haben die Pflicht, in den jüdischem Masse« den Durst nach Freiheit zu wcckoit und nicht, sic zum Ver* zieht zu erziehen. Im fortschreitenden Prozeß der For* derung wird der Wille des Volkes gestählt," In seiner Antwort erklärte M, M. Winawer, daß er ron den Opponenten falsch verstanden worden sei. Er sei im Prinzip ganz mit den Fordct( :;2״cn der Opponenten einverstanden. ״Noch am Vorabend der Revolution“, sagte, er, ״stellten wir die Forderung der Anerkennung der jüdischen Nationalität durch den Friedenskongreß auf. Wenn wir dies in den.Jahren des Unheils anerkannt halten, werden wir es daun am Tage der Freiheit vergossen? Dies ist Unsin«. Jetzt aber wiww« die Gmsaf. läge» gesichert werden. Ich sagte nur, daß man vor. sichtig ahwarten muß, wohl nicht Jahre, aber Tage,«! Vom ״Bund" Vom 1./I4. bis 6./19, April tagte in Petersburg die erste öffentliche Konferenz des ״Bunde*״ ״)Jüdischer Sozialdemokratischer Arbeiterkind in Rußland, Polen und Litauen"), an der 72 Delegierte teilnahme*’ In der Eröffnungsrede schilderte das Mitglied des Ze». tralkomitees Herr Weinstein die Geschichte der P*r״ tei und ihre Bedeutung für die Resolution. Die Korderenz sandte an den 110111־ Rußland zurückgekchrtcn Führer der russischen Sozialdemokraten Plechauow, de* ״Rat der Soldaten- und Arheitcrdepulierteil“, die Bundistcn des okkupierten Gebkies, an deren Spitze Wladimir Medern steht, und an die an der Front stehenden Bundistcn Begrüßungen ab. Der erste Tag der Beratung war den innere» Fragen der russischen Politik gewidmet. Der Berichterstatter M. J. Gold mann (Liber) begründete die Ansicht, daß die russische Regierung ei»e Erklärung für den Frieden ohne Annexionen abzugebe« habe. Bis zum Eintritt des Friedens müsse aber der Arbeiter die gegenwärtige Regierung unterstützen m»4 das Land schützen. Die Opposition dagegen erklärte jede Fortsetzung des Krieges als Gefahr für die Aussichten der Revolution. l>ie im Anschluß an diese Ftehatte ge• faßte Resolution wendet sich an die jüdische Arbeiterschaft, die gegenwärtige Regierung zu unterstützen, solange sic dein Wege der Festigung der Errongenschatte« der Revolution treu bleibe. Die nächsten Sitzungen hatten die Fragen der «ational-kulturelicn Autonomie zum Oege*• stanu der Beratungen. Als Referenten sprachen die Herren T, H e i I i k m a n n , J. G i ß a r und Dr. M. Rafeß. Die beiden ersten befaßten sich mit der prinzipiellen Begründung dieser Forderung, während Rafeß die Wege zur Realisierung dieser Forderung untersucht«. Die Frage der Beteiligung an dein bevorstehenden J a d i s c h c n Kongreß in Rußland und an der Gemeinde» arbeit wurde nach langen Debatten bejaht. Die Ko«• lerenz beschloß, die Forderung der national-kult u r c 11 c n Autonomie als die politische losung des Tages zu erklären. Dementsprechend müssen in den Städten sofort die Organe der künftigen Autonomie konstituiert werden. f>ie Provisorische Regierung wurde aufgefordert, einen Erlaß über die E 1 * reihung der jüdischen Schulen in da* allgemeine Schulnetz und über die Berechtigung des Jidischen als Unterrichtsspräche zu veröffentlichen. Die letzten Sitzungen befaßten sich mit der Taktik, des ״Rates der Arbeiter- und Soldat««- deputierten", über dessen Tätigkeit Herr G. Ehr» lieh berichtete. Die Konferenz war auch von den gegenwärtig in Petersburg weilenden Delegierten der französischen und englischen Sozialisten besucht, die Begrüßungsreden htelc ten. Das Zentralkomitee der Sozialdemo• kratisehen Partei in Finnland berichtete m seiner Begrüßungsdepesche, daß es Schritte zur Ab- Schaffung der Judenbeschränkungen in Finnland unternommen habe. In das Zentralkomitee wurden gewählt: Wladimir Medern, Rein (Abramowitsch), Fra» Frumkin (Esther), M. J. Goldman n (Liber), A Weinstein, G. Ehrlich, G. Eisen stadt (Judin), M, Rafeß, WI. Koßowski, Weißenblum. 0. H elf mann (A. Litwak), A. Solotarew, Btr• mann, Epstein und Lurje. Von der ״Demokratischen Vereinigung" Am 12./25. März wurde in Petersburg die Grünchtngsversammlung einer in Bildung begriffenen polmsehen Gruppe, die sich ״Demokratische Vercinigung" nennt, abgehalten. In de! Eröffnungsrede berichtete Herr J. 5. Tschernichow (ehemaliger Sozialist-Territorialist), daß diese Organisation bereits ein Jahr und vier Monate bestehe. Bisher habe sieh ihre Tätigkeit auf den Kampf für die jidische Sprache in eien judisehen Bildungs- und Kuiturorganisationcn beschränkt, jetzt aber gedenke sie auch eine politische Tätigkeit zu beginnen. Die Grundprinzipien dieser neuen politischen Arbeit wurden in programmatischen Reden u>n Jefroykin und N, J. S t i f f (ehemalige Sejntislen) dargelegt. Der ersten• unterzog die Programme der bistehenden jüdischen bürgerlichen und sozialistischen Parteien einer Kritik. Ihc bürgerlichen Parteien kennzeichnete der Redner als Ghetto-Parteien, für die die allgemeine Politik der Staates wenig Interesse habe. Ike linksstehenden jüdischen Parteien aber seien durch- Wegs sozialistisch, was den inneren wirtschaftlichen Ver״ hältuissen der Juden, bei denen der Lohnarbeiter nur eine kleine Minderheit bildet, nicht entspreche, Die Arbeiterparteien zeigten daher führte der Redner ans - wenig Interesse für die Lebensfragen der Judenheit und konnten nicht V o I k s parteicu werden, f he ״Demokrmisrite Vereinigung“ will die allgemeine Demokratisicrung erstreben, die wirtschaftlichen und nahe* nalen Intcresseir der jüdischen Volks») asse« schützen und für die Europitisierung und Entwicklung der jüdiselten Kultur in jidischer Sprache sorgen. N. J. Stift spraclt sich gegen den Zionismus aus, den er als Ghetto- Ideologie be/.eichncte, die das Volk seinem Wohnend und den jüdisch-nationalen Aufgaben m diesem Lande entfremde. Er ging dann näher auf die Aufgaben ein, die der ״Vereinigung" obliegen (Beteiligung an den komm»־