Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1917)
- Date
- 1917-05-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Da wir bia zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht in der Lage sind, authentisch über die diesen Meldungen zu* gründe liegenden Tatsachen zu berichten, müssen wir ihre Veröffentlichung bis zu dem Zeitpunkt verschieben, wo wir die angeforderten Berichte erhalten werden. Im Hauptausschuß des deutschen Reichstages wurden an das Auswärtige Amt Anfragen wegen der im Ausland verbreiteten Gerüchte über die Vorgänge in Palästina gestellt. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Exzellenz Zimmermann, antwortete in der Sitzung des Hauptausschusses vom 8. Mai auf diese Anfragen. ״Toratreuer“ Antizionismus Die Frankfurter ״Jüdischen Monatshefte“ bringen in ihrem Aprilheft einen Aufsatz mit dem Titel ״Zwanzig Jahre Zionismus“. Anlaß dazu gab der von unseren Wiener Freunden herausgegebene ״Jüdische Nationalkalender •auf das Jahr 5677“, der dem Verfasser des Aufsatzes, der R. B. zeichnet, zu Händen gekommen ist. Dwi Dinge sind es, die dem Kritiker an dem Buch ■aufgefallcn sind, und an die er seine Betrachtungen knüpft. Als erstes mißfiel seinem Blick das dem Titelblatt vorgeheftete Bild von Wilhelm Wachtel ״Heimatlos“. An dieses besonders zeitgemäße Gemälde, das eine um ihr Hab und Gut gebrachte, in der Fremde irrende jiidisciie Familie darstellt, knüpft der Kritiker die folgende Betrachtung: ״Es ist immer dasselbe. Ein Bild ״Heimatlos“ mit unsäglieh traurige« Judengesichtern, bei deren Anblick inan unverzüglich das Basler Programm akzeptiereu muß, ein Bild, das man in diesen zwanzig Jahren so häufig und in so zahlreichen Variationen zu sehen bekam, daß man den herzlosen Ausspruch riskieren möchte, der Zionismus koketticre förmlich init dem ewigen unausschöpflichen Judenleid.“ Der Schöpfer des Bildes wird sich mit diesem Urteil des orthodoxen Saclivcrständigen abzufinden wissen. Die Herausgeber des Na• tionalkalcndcrs und der Zionismus werden sich ebenfalls darüber trösten können, daß sie den Geschmack des Rezensenten nicht getroffen haben. Aber dürfte das jüdische Volk nicht Anspruch darauf erheben, daß ein Jude so viel Verständnis und Achtung für sein Volk aufbringt, um beim Anblick des jüdischen Elends wenigstens zu sdnveigen, ■wenn ihm schon das Mitgefühl abgeht? Oder glaubt R. B. wirklich, daß es ״im zwanzigsten Jahr des Zionismus“, im Jahre der litauischen und kurländischcn Evakuationcn eine zionistische ״Koketterie“ ist, das Judcnleid Zum Gegenstand jüdischer Kunstbehandlung zu machen? Welcher Zynismus gehört dazu, die Darstellung des heimafiosen Volkes als zionistische ״Stimmungsmache“ hinzustcllcn! Ein zweites hat dem Verfasser am Nationalkniender wenig behagt: ״der Hcrzl-Kultm*, dieses schwärmerische Sichverscnken in die Herzlpsyche, üi seine Verwandlung aus einem Wiener Feuilletonisten in einen Volksfiihrer und Volksbefreier, ist das nicht alles schon ein wenig altbacken und abgeschmackt, zumal in einer Zeit, die ganze Weltreiche durcheinanderwirbelt und den Blick des Zpitbctrachters an ungeahnte Dimensionen gewöhnt!“ Und höhnisch fragt er: ״Haben die Herren ihren Traum noch immer nicht ausgeträumt? ״Die Zeit“, meint er, ״wo ein Zionistenkongreß sich so wichtig Vorkommen konnte, daß er faktisch die "Pyramiden auf sich heruntersdiaucn sah“, sei vorbei. ״Vor dem August 1914 sah auch die jüdische Masse die Weltpolitik anders als heute an. Damals konnte man sich noch in die Lebensfähigkeit eines nach curöpäischcm Muster geschaffenen Judenstaates hineinträumen. Was ist von diesen Phantasien heute übrig geblieben?“ Und den letzten Trumpf auszu- -spielen wähnend, fragt er: ״Ist das Vorbild Serbiens, Montenegros, Rumäniens und Griechenland* ״Per Zlonhmui ertirebi für dai jadUcho Volk die Schaffung einer CffeniUch-rechtUch gesicherten HchmUiUc in Palästina.“ Baseler Programm. so verlockend, um ihnen ein neues staatliches Zwerggcbilde anzureihen?“ Wir können die Antwort darrauf uns getrost von diesen Völkern selbst erteilen lassen. Sic erblicken trotz des nationalen Unglücks, das über sie gekommen ist, in der territorialen Geschlossenheit ihres Volkskörpcrs die integricrcnde Grundlage für ihre nationale Zukunft. Und darüber, daß der Zionismus nicht ״eine Uebcrsetzung der Balkangeschichte ins Hebräische“ ist, hätte siel» der Verfasser aus mehr als einer zionislisehen Publikation der letzten Zeit belehren können. Aber darauf kommt es ihm ja nicht an. Wenn man nur auf irgendeine. Weise dazu gelangt, mit dem Herzischen ״Judenstaat“ operieren zu können, dann hält man das Spiel für gewonnen, besonders, ,wenn man noch auf den genialen Einfall kommt, das jüdische Volk mit einem ״tüchtigen Kommis“ zu vergleichen, ״der im Gefühl seiner Tüchtigkeit nach Selbständigkeit strebt, sich später aber nicht immer auch als ein tüchtiger Prinzipal erweist“. Wir verstehen, daß Hcrzls Konzeption unserem Gegner zu unbegreiflich ist, als daß er zu Ihr ein inneres Verhältnis bekommen könnte; aber wir bedauern, daß seine Verständnislosigkeit sich in so blinden Haß verwandelt, daß er eine wahrheitsgetreue, mit Wärme geschriebene Darstellung des Herzischen Werdegangs als abgeschmackten Kult hinzustcllcn versucht. Und ob Hcrzls innere Entwicklung wirklieh so •antiquiert ist, daß es heute kein Interesse mehr hat, sie*zu verfolgen? Uns scheint, daß Hcrzls Erlebnis — bei aller Einzigartigkeit des Ausdrucks, den cs gefunden — auch heute noch etwas Typisclics, fast von jedem Werdenden Zionisten in irgendeiner Art zu Durchlebendes an sich hat. Nur dem, der von einer ״Herzverkalkung“ des Zionisrnus sprechen und prophezeien zu dürfen glaubt, daß ״Alterscrselicinungen“ in der Bewegung das ״sichere Nahen des allmählichen Welkens und Ster* bens signalisieren“, mag es erlaubt sein, mit ruhigem Federstrich ״veraltet!“ zu dekretieren, ihm soll es gegönnt sein, in der ״Zurückentwicklung zum Herzlsehen Hochflug“ ein Eimattungssymptom des Zionismus zu erkennen. Damit sind wir zu dem dritten Beitrag im Nationalkalcndcr gelangt, gegen den Herr R. B. sich wendet und der ihm Ausgangspunkt zahlreicher antizionislischcr Ausfälle wird. Nahum Goldmann hatte in einem ״Zurück zu Herzl“ hetitelten Aufsatz seine — übrigens in der ״Jüdischen Rundschau“ Nr. 43, 1916 zum Teil abgelehnten — Gedanken über Wesen und Ziel der zionistischen Bewegung geäußert. An diesen Aufsatz knüpft R. B. seine zionsfeindlichen Glossen. Er wirft dabei der zionistischen Denkweise Materialismus vor, der ״die nationale Hochspannung, die seit 100 Jahren über Europa liegt, dazu benützt, um auch in jüdischen Kreis!•!! die nationale Begehrlichkeit zu reizen“, und will in ״dieser Nationalisierung des jüdischen Denkens“ eine Zerstörung seines ursprünglichen Wesens erblicken. Die vom Zionismus ״gcschaffenen“ Begriffe des Nationalismus Und der jüdischen Kultur seien beide ״der Umwelt abgelauscht“ und somit ״Assimilation in schönster Reinkultur“. Diescr nicht sehr neue Vorwurf, der Zionismus sei selbst eine ״verkappte Assimilation“, beruht auf 1 einer gründlichen Verkennung des Begriffes der Assimilation. Die Anpassung des Jüdischen an Nichtjüdisches und die damit untrennbar verknüpfte Preisgabe des Jüdischen zugunsten des Nichljüdisclien, das ist Assimilation. Assimilation ist aber nicht, wie unser Gegner irrtümlich anzunehmen scheint, die notwendige und nützliche Kenntnis von Nichtjiidischcm und die aus ihr fließende Anregung zu eigener Schöpfung. Dem jüdischen Volk das Recht auf eine umfassende Kenntnis der menschliehen Kultur abzusprechen, ist charakteristisch für das weltfremde, fast mittelalterliche Denken unseres orthodoxen Gegners. Und cs braucht nicht Wunder zu nehmen, daß wir hier der ebenfalls nicht neuen Klage begegnen, die Zionisten profanierten die heilige Sprache und kleideten eine ״unheilige Gedankenwelt“ in das Gewand des Hebräischen. ״Wir fühlen uns im Deutschen nun einmal viel heimischer als im. Hebräischen“, *0 bekennt R. B. in der unter der Mitwirkung von Rabbiner Breuer erscheinenden Zeitschrift. Der Herausgeber der Zeitschrift ist b©• kanntlich der orthodoxe Rabbiner Dr. Pinchas Kohn, derselbe Rabbiner, der in Warschau die antizionistisch-orthodoxc Tageszeitung, das ״Jüdisehe Wort“, erscheinen läßt. Es ist eine auffallende Ucbcreinstimmung zu konstatieren in der Art, wie — fast Zu gleicher Zeit — ‘in Frankfurt a'/Main und in Warschau von dieser Seite der Zionismus bekämpft wird. Mit den gleichen Argumenten, mit denen in den Frankfurter ״Jttdischcn Monatsheften“ Herr R. B. gegen das H&• bräisch der Zionisten zu Felde zieht, bekämpft in» Warschauer ״Jüdischen Wort“ ein gewisser Dr. Naphtali Herz, ebenfalls ein deutscher Jude, — Dr. Naphtali Herz ist das Pseudonym für eine Herrn Rabbiner Pinchas Kohn sehr nahestehende Person — die hebräischen Bestrebungen der Zionisten. ״Sic lernen“, heißt es dort, ״Hebräisch, um ohne Tora auszukommen, um ein Volk auch ohne sie sein zu können. Sie fordern, daß man hebräisch lernen soll, hebräisch Im Quadrat, ״Iwrithbe-lwrilh“, und tun das mit einem solchen Eifer, mit einer solchen Begeisterung, daß jeder von ihnen mit dem Namen ״Ewed Iwri“ gekrönt werden kann.“ Die Art, wie in Warschau von dieser Seite der jüdische Nationalismus bekämpft wird, über; trifft allerdings noch bei weitem das Maß dessen, was uns die Dialektik des Orthodoxen in den Frankfurter Heften bietet. Denn dort wird ja nicht bloß geschrieben, sondern auch ״gehandelt“. Wie die ״Politik“ dieser orthodoxen Gruppe aussieht, davon mag ein Dokument, das sich die Herren Rabbiner Dr. Kohn und Dr. Carlebach vor kurzem für ihr ״Jüdisches Wort" verschafften, ein Bild geben. Sic ließen sich nämlich vom Gercr Rebbe Abraham Mordechai Alter ein Sendschreiben ver■ fassen, in dem der Rebbe alle Chassidim auffordert, das ״Jüdische Wort" zu abonnieren. Darin wird verblümt gegen alle anderen jüdischen Zeitungen der Vorwurf erhoben, daß sie ihre Leser zum Abfall von der jüdischen Religion und zur Sittcnlosigkeit erziehen. Der Gerer Rebbe hat in seinem Sendschreiben verlangt, daß ihm die Namen und der Wohnort aller derer mitgcteilt würden, die das ״Jüdische Wort“ abonnieren oder auf der Straße kaufen. Ueber den Zweck dieses seltsamen Verlangens sind die verschiedensten Vermutungen gemacht worden. Jedenfalls aber erscheint cs merkwürdig, daß Leute, die dem Zionismus den Vorwurf machen, er trage von außen fremde Begriffe in das Judentum hinein, sich nicht scheuen, einen derb Judentum bisher völlig fremden Klerikalismus, der die Zeitungslektürc der Gemeindemitglieder argwöhnisch überwacht, dem jüdischen Leben aufzupropfen. Und dieses Sendschreiben des Oerer Rebbe feiern die deutschen Rabbiner in Warschau als den größten Erfolg ihrer ״toratreuen“ Tätigkeit in Polen. Welche unerhörten Formen der antizionistische Kampf der ״Agudath Hnorthodoxim“, der vor» den beiden deutschen Rabbinern ins Leben gerufenen Organisation, annimmt, mögen noch zwei Willkürlieh herausgegriffene Beispiele aus den letzten Woeher» beleuchten. x Das ״Jüdische Wort“ brachte vor kurzem einen ״Bericht“ über eine Beralung der Warschauer Zionisten, in dem die Behauptung aufgestellt wurde, die Zionisten seien gegen die Forderung nationaler Rechte und hätten sich dagegen ausgesprochen, daß der zukünftige jüdische Kongreß in Amerika sich mit der Gleichberechtigung der Juden in Polen beschäftige, weil dies der sich bereits anbahnenden Verständigung zwischen Polen und Juden schäd ich werden könnte. Die zionistische Leitung in Warschau sah sich gezwungen, gegen diese vollkommen fa'sche Bericht• erstattung energisch Protest zu erheben. Den Gipfel antizionistischer Besessenheit aber bedeutet es, wenn im ״Jüdischen Wort“ ein Artikel- Schreiber, der sich in seiner antizionistischen Wut das geschmackvolle Pseudonym ״Nagaika" (die Kosakenknute) beilegt, es offen und klar auszusprechen wagt, daß die zionistische Organisation von armen Juden ״halbe Rubel, die sie Schekel nennt“, herauslocke, um damit das Volk in zionistischen Zeit- Schriften von den Wegen Gottes abzubringen.