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Jüdische Rundschau · 1917-04-20 · Heft 16 (20.4.1917) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 16 (20.4.1917)
Date
1917-04-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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jUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 130 Nr. 16 werden, sollen aus 11er Armee /um Besuch von Otfi/iersschulen /iirückgosehickt werden. Dasselbe gilt auch für das Marineininisterium. Doch werden in den Marine- Offiziersschulen vornehmlich die Söhne gefallener Offiziere und Soldaten aufgeiionunen.“ Amnestierung russischer Zionisten 1 )ureh die politische Amnestie der neuen russischen Regierung sind eine Anzahl von Zionisten, die wegen ihrer Zugehörigkeit zur Zionistisehen Organisation von der alten Regierung nach ver• schicdenen Orlen Sibiriens verschickt worden w׳arcn, nach ihren Woimorlen zurückgekehrt. Es sind darunter Zionisten aus Witcbsk und Odessa. Unter anderem wurde auch der bekannte hebräische Schriftsteller und Zionist M. Klein 111 a n n befreit, der nach Saratow verbannt war. ״Order of Ancient Maccabeans“ und die Revolution in Rußland * Der ״Order of Ancient M a c c a b c a 11 s“ in London hat auf seiner Tagung vom 22. Marz nachstehende Resolution angenommen: ״Der Grand Council des Orders of Ancient Maccabcans beglückwünscht die zionistischen Führer und ihre Mitarbeiter in Rußland aufs wärmste. Oemeinsam mit allen Juden fühlen wir tiefste Befriedigung über die Veränderung, die der Erfolg der Frcihcitsbcwegung ihnen brachte, die, indem sic allen Gruppen des russischen Volkes Freiheit bringt, auch die ungehinderte Fortführung der jüdisch-nationalen Arbeit sichern wird,“ Begrüßungs-Telegramm der zionistischen Konferenz in Moskau I >1c Konferenz aller zionistischen O r - g a 11 i s a t i «> 11 e 11 in Rußland, die unter Vorsitz von Dr. E. W. T s c 11 i e n o w, Mitglied des Engeren Actions- ComitCs, am 3. April in Moskau stattfaud, beschloß, her/liehe Begrüßimgstelegrainnie an das Engere Actions-Comite, an Herrn Dr. Jacobson, als Leiter des Kopenhagens Bureaus der Zionistischen Organisation, an die Herren Dr. Max Nordau und Louis D, llnmdeis sowie an alle zionistischen Föderationen zu senden. Das Telegramm lautet: Jacobson, Zionistisches Büro Kopenhagen. Durchdrungen von tiefem Glauben an das machtige'Aufblühen der zionistischen Arbeit im befreiten Rußland, schickt die Konferenz der zentralen lnstitutionen der zionistischen Organisation in Rußland ihre wärmste Begrüßung dem geliebten Kollegen und selbstlosen Mitkämpfer, der seine besten Kräfte der Volkssaclie widmet. Wir bitten kollegiale Grüße zu übermitteln Ihren unermüdlichen Mitarbeitern, den Mitgliedern des Engeren Actions-Comites, Dr, Nordau, Louis Itrandeis und allen zionistischen Föderationen. Dr. E. W. Tschlcnow, Vorsitzender. Kabel der amerikanischen Zionisten?!': •ZV» i Das K o p e 1111 a g c n e r Büro der Zionistis c 11 0 11 O r g a n i s a t i o 11 erhielt folgendes Kabeltelcgiamm des Provisorischen Exekutiv Kom i t e e s in Ncw-York; allem das auf- und abwogendc Meer der weiften Gebctmäntcl, die uns ein Stück Morgenland in das Bethaus hincintragcn. Und wieder singt der gottbegnadete Sänger. Eine Geschichte von Pcrez zuckt mir durch den Kopf von dem Vorbctcr, der in der Hölle so süß sang, daß die darob wie gelähmten Teufe! die gequälten Seelen ungehindert von dannen und in den Himmel entfliehen ließen. Man glaubt den Aufschrei dieser ganzen großen jüdischen Stadt, die der Krieg so furchthar schwer geschlagen hat, man wälmt den Hilferuf des ,,litauischen Jerusalem“ zu hören, wie er an den Himmels!)Sorten •rüttelt und reißt. Die Tränen laufen mir die Wangen herunter, ich schäme mich dessen nicht; mein Herzschlag vereinigt sich mit dem wild pochenden meines Volkes, in dessen Mitte ich stehe und dessen Pulsschlag ich verspüre, unsere Seelen schlingen sich ineinander, verknüpfen sich — unlösbar, fest, für alle Zeiten. Eins sind wir für immer. Dank Euch, Ihr Brüder im Osten! Dank Euch für diese Stunde! Unsichtbare, letzte Ketten waren es, die dort von mir abfielen. Nichts Trennendes mehr steht zwischen uns, soll jemals zwischen uns treten. Sctnan cltetuscnu! Heute glaube ich Deinen Sinn, Dein Oebot verstanden zu haben. H. O.-r. Literarische Mitteilungen _ , ״Jüdische Zeitungsverlag“, Warschau, hat die Schrift S. R. Hirschs ״Der jüdische Sabbath“ in jidisclier Uebcrsetrung herausgegeben. Die Verwalter des H. B. Shosberg-Fonds beauftragten Dr. M. J. Silberfarb. eine wissenschaftliche Studie über die Geschichte und den Stand der jüdisehen Gemeinden in Rußland zu schreiben. Die Verwaltung setzte auch einen Preis aus für die beste Arbeit über .,Die soziale Gesetzgebung im biblischen und talmudtschen Recht“. ״Ueherinittclt den russischen Zionisten unsere herzlichen Glückwünsche zum Pessachfcst in Freiheit,“ Gleichberechtigung für die rumänischen Juden? Nach einer Meldung der ״Vossischcn Zeitung“ berichtet die ״Morning Post“ aus Jassy, die rumänische Regierung pl.uic, den Juden die ihnen bisher vorenth.iltcncii politischen Rechte einzuräumen. Im Kampf um die nationalen Rechte' Freiherr von Rechenberg schrieb am 25. März im ״Berliner Tageblatt“ einen Artikel, dessen Tendenz dahin ging, die Juden in Polen hätten durchaus kein Recht, Ansprüche auf nationalen Schutz zu erheben. Ins gleiche Horn zu stoßen, bradhtc kein geringerer als Herr Dr. Paul Nathan fertig. Im Berliner Tageblatt vom 5. April veröffentlicht er einen Aufsatz, der sich von »len Ausführungen Rechenberg» womöglich noch zum Schlimmem unterscheidet. Herr Dr. Paul Nathan geht aus von der Betrachtung der Entwicklung in Polen, wie siesich seit der Okku* pation durch die Zcutralmächtc vollzogen hat. Es ist liier nicht unsere Sache, zu untersuchen, ob und wie weit seine politische Auffassung der Dinge zu Recht besteht, wenn er glaubt, daß die deutsche Politik in Polen, wie sic nun einmal getrieben worden ist, seit die polnische — und damit im Zusammenhang auch die polnisch-jüdische Frage die verantwortlichen Stellen der deutschen Regierung befaßt, die glücklichsten Wege eingcschlageii hat. Es gibt jedenfalls sehr cinsichtsreiche Männer auch unter deutschen Politikern, die die Resultate dieser Politik vollkommen anders werten als Herr Dr. Paul Nathan, und die in seinen Darlegungen einen Bcschönigungsvcrsuch erblicken dürften, der durch die weitere Entwicklung innerhalb und außerhalb Polens entkräftet werden könnte. Aber hier Ist nicht der Ort, mit I lerrii Dr. Paul Nathan allgcmcinpolitischc Diskussio* neu zu führen. Wir müssen aber auf das Tiefste bedauern, daß eine wahre Scheu, Tatsachen zu echcn und fcstzustellcn, Herrn Dr. Nathan befällt, sobald er sich der Judenfrage nähert, Wogegen Freiherr von Rcchcnberg noch nicht 60 ganz prinzipiell war — der verfaspungsmäliige Schutz nationaler Minoritäten, den er nur gerade den Juden nicht gewähren will —, das will Herr Dr, Paul Nathan überhaupt ablciinen. Er weiß wohl, daß cs für den Politiker, der nicht starr am Nationalstaalsprinzip festhält, sondern an die Mögliehkeit und Durchführbarkeit nationalen Minorität»* schut/es glaubt, außerordentlich schwer Ist, dann gerade den Juden das Recht auf Schutz und Sicherung ihrer nationalen Rechte zu bestreiten. Wenigstens für den wahrhiift Liberalen wäre es ganz außerordentlich schwer. Und darum hat sich das politische UnterbewulUscin so vieler Liberaler von ihrem Standpunkt in jüdischen Dingen so weit beeinflussen lassen, daß gcradc sic, päpstlicher als der Papst, zu den konservativsten Bewahrern des Nationalstaatsprinzips, allen nationalen Minoritäten zum Trotz, werden. Oehört Herr Dr. Paul Nathan nicht zu ihnen? Wenn man seine Begründung liest, muß man hinter der Ablehnung des verfassungsmäßigen Schutzes nationaler Minoritäten einen andern Grund — eher wohl den im Unterbewußtsein — suchen als die angegebene Begründung, die zu fadcnschcinig ist, als daß sie der politischen Logik allein ent- Sprüngen sein sollte. Herr Dr. Nathan sagt nämlich, ein solcher verfassungsmäßiger, zunächst papierner Schutz sei nur dann eine reale Garantie, wenn die Geschützten entweder stark genug sind, Ihre Rechte selbst zu verteidigen, oder wenn ihre Rechte durch außenstellende Dritte geschützt werden, oder wenn endlich vorausgesetzt werden knnn, daß sic eine Anfechtung nicht erleiden werden. Nichts von alledem treffe auf die polnischen Verhältnisse zu . . . Sicht Herr Dr. Nathan nicht, daß gerade in diesen Fällen der gesetzliche Schutz viel weniger notwendig und unentbehrlich wäre, wenn seine Durchführung dann allerdings wohl auch weniger schwierig wäre? Ist ihm die Möglichkeit entgangen, daß ein gesetzlicher Schutz auch in verwickelten Verhältnissen wenigstens ein stärkerer Schutz ist als gesetzliche Schutzlosigkeit? Gibt es nicht innerpolitische Kombinationen, in denen gerade noch der gesetzliche Schutz — aber auch nicht weniger — ausreicht, um Vergewaltigungen zu verhindern? Wozu kämpfen dann die fortschrittlich gesinnten Elemente, auch solange sie noch nicht die reale Macht "hinter sich haben, um die gesetzlichen Grundlagen zur Sicherung ihrer liberal-demokratischen Bestrebungen? Wenn alle Politiker so dächten, wie Fjcrr Dr. Paul Nathan, hätten die Juden in sehr vielen Staaten unerfüllbaren romantischen Träumen sich ergeben, als sie, mitten im antisemitischesten Milieu des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, ihre bürgerliche Oleichberechtigung vor dem Gesetze und deren gesetzlichen Schutz verlangten. Stand hinter diesen Wünschen immer die kräftige jüdische Faust? War immer der außenstehende Dritte zum Eingreifen bereit? Erlitten diese gesetzlichen Rechte nicht manchmal doch eine Anfeehtung? Und trotzdem forderten die rumänischen Juden und mit ihnen Herr Dr. Nathan, die gesetzliche Gleich’ berechtigung. Trotzdem gaben sich di« russischen Juden mit ihrer gesetzlichen Entrechtung nicht zufrieden, ja verlangten und verlangen heute sogar schon Uic nationale Gleichberechtigung vor dem Gesetz. Und schließlich haben sich eben auch die polnischen Jude«, die nicht so politisch routiniert sind wie Herr Dr. Paul Nathan, um die Gegengründe nicht gekümmert, und sowohl für ihre bürgerlichen, als für ihre nationalen Rechte SioCiertingsansprüchc angcmcklct, ohne darauf zu achten, daß sie das nur dürften, wenn sic stark genug waren, sie meinen wohl, daß sie dann von der Erlaubnis mein Gebrauch machen müßten -- oder wenn die Polen ohnedies ihren nationalen Minoritätsschutz unangefochten ließen. In Parantlicsc: wo ist der Fall, wo sich eine nationale Minorität ihren gesetzlichen Schutz nicht hätte erkämpfen müssen? Aus welchem Reich friedlicher Auseinandersetzung verschiedener Nationalitäten schöpft Herr Dr. Nathan diese seine Argumentation über die Statthaftigkeit des verfassungsmäßigen Minoritätssehutz.es? Mit dieser prinzipiellen Argumentation, deren Halilosigkeit keines weiteren Beweises bedarf, fallen von seihst alle Schlüsse, die,Herr Dr. Paul Nathan bezüglich der nationalen Autonomie für die polnischen Juden aufstellt. Zunächst will er die Juden beschwören, auf die nationale Autonomie mit Rücksicht auf die katastrophalen Folgen des polnischen Antisemitismus zu verzichten. Es drängt sich seihst dem Fernstehenden wollt die Frage auf, ob denn die Polen sich ohne diese nationale Autonomie nicht ausreichend in judenfeindlkhem Sinne bctätigen. Und ob nicht gerade die Rücksicht auf die Foigen dieser Judeiifcindschaft zur Alitonomiefordermig führt. Ebenso absonderlich ist die Behauptung, daß die nationale Autonomie nur durch die <1 c u t schcn Bajo nette aufrcchtzucrhaltcn wäre. Im Munde eines Mannes von der Stellung Dr. Paul Nathans klingt gerade diese den polnischen Juden cntgcgcngcschlcudcrtc Argumentation ganz besonders merkwürdig und auffallend. Weiß doch Herr Dr. Paul Nathan, wie wenig erwünscht sehr oft sei n Eingreifen in politische Entwicklungen manchen pojnischjüdischcn Kreisen gewesen ist. Und er spricht von deutschen Bajonetten ... Hat man die Juden Polens gefragt, ob sic mit der jüdischen Gemeinde- Ordnung einverstanden waren, und weiß Herr Dr. Nathan, wie das Schicksal der Juden Polens wird, wenn sich die augenblicklichen Machtvcrhiiltnissc verschieben? Die polnischen Juden, die die Forderung auf Verfassung»- mäßigen Schutz ihrer nationalen Rechte erheben, denken weiter und berechnen sorgfältiger als Herr Dr. Paul Nathan, denn sic wollen und müssen ihre eigene Haut zu Markt tragen, während Herr Dr. Paul Nathan . . . Herr Dr. Paul Nathan fährt fort, die Zahl seiner ungeeigneten Argumente zu vermehren. Er weist darauf hin, daß die nationale Autonomie der Juden in Polen eventuell uftch Folgen für Galizien haben könnte. Zunächst ist ihm zu erwidern, daß gerade in Galizien von den Juden, unter dem Druck der Erfahrtingeii, die die polnische Praxis in Galizien häufte, immer stärker die Forderung des nationalen Minoritätenschütze« erhoben worden ist — auch die Rulltcncn verlangten ihn und wohl auch nicht ganz ohne Grund ־ und in der Bukowina wenigstens teilweise schon Erfüliung gefunden hat. Wenn Herr Dr. Paul Nathan nur die ganz ausgezeichnete Schrift ״Polen und Juden“ von Dr. Max Rosen fcid*) studiert hätte, hätte er sich gehütet, das Beispiel Galiziens anzuziche• Damit hätten wir mit den Argumenten Dr. Paul Nathans abgerechnet. Was folgt, ist eine Darstellung jüdischer Partcivcrhältnissc in Polen, die von einer teudenziösen Einseitigkeit ist, die wir der politischen Klugheit eines Paul Nathan kaum zugetraut hätten Er beginnt: ״Es gibt freilich Juden in Polen ihre Zahl ist nicht gerade groß - die dem Ideal völkischer Autonomie noch nachhängen. Vom Standpunkt praktischer Politik aus ist das zu bedauern. f5ie Entwickhing wird jedoch durch diese Strömung von geringer Tiefe nicht erheblich beeinflußt werden." Wir haben es ja nicht nötig, hier ein Bild von der Stärke und Tiefe der nationalen Strömung im polnischen Judentum zu entrollen. Wir haben hier der Tatsachen übergenug verzeichnet, um jeden Zweifel an dem Gewicht der nationalen Bewegung im polnischen Judentum zu bannen. Wir haben es nicht nötig, auf die nationalen Kämpfe, ,in Warschau und in Lodz, in der ganzen polnischen Provinz hinzuweisen, die von dem kräftigen Dasein der nationaljiidischcn Bewegung unwiderlegbares Zeugnis — auch dem Widerstrebenden ablegcn. Wir möchten nur bemerken, daß unsers Wissens Herr Dr. Paul Nathan selbst, wenn er nach Polen kam, mit den nationalen Elementen, die er dem gutgläubigen Leser des Berliner Tageblatts als so belanglos hinstcllcn möchte, sehr wohl zu rechnen gezwungen war, und daß er gerade in den Fragen politischer Natur, die er jetzt als Sachkenner zu beurteilen versucht, um ihre Mitwirkung geworben hat. Hätte er es getan, wenn sie so belanglos wären? Hat er nicht erkannt, daß sie Einfluß besitzen und sich nicht wie Werterfahnen drehen lassen? Hätten sie Dr. Nathans Werbung Folge geleistet, wären sie vermutlich anders bewertet worden. So ist ihre Existenz zwar bedauerlich ״Vom Standpunkt praktischer Politik“ — für wen praktisch? —, aber nicht belangvoll für die Entwicklung. Man soll die Kraft der nationalen Bewegung unter den Juden nicht unterschätzen, Herr Dr. Nathan . . . Besonders kompromittierend ist es, wenn Herr Dr. Paul Nathan den Versuch macht, als den Träger und die Stütze der von ihm empfohlenen Judenpolitik die von den Herren Rabbinern Dr. Kohn und Dr. Carle- ל Verlag R. Löwit, Wien.

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