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Jüdische Rundschau · 1917-04-20 · Heft 16 (20.4.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 16 (20.4.1917)
Date
1917-04-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 128 JUED1SCH E RUNDSCHAU Nr. 16 dische Bevölkerung an dem Zug, der sich am 6. Marz durch die Straßen der Stadt bewegte. Die zionistisehe Organisation trug die zionistische Fahne, um die sich mehrere Tausende seharten. Dasselbe wird auch aus einer Reihe anderer Städte der Provinz gemeldet. Im Verlauf einer Woche nach der Revolution konstituierten sich von neuem all die jüdischen politiscltcn Bewegungen und Organisationen, die zur Zeit der alten Herrschaft im Geheimen zu arbeiten gezwungen waren. Um das Auftreten aller zionisti sehen Organisationen und Personen zu koordinieren, wurde ein zionistisches Vollzugskorn itee in Moskau gebildet, das aus den Mitgliedern des großen Aktionskomitees, des Zentralkomitees, des Moskauer Stadtlcomitccs und den Vertretern der zionistischen Sludcntenorganisation ״Hcchawer“, der zionistischen Jugcndorganisation ״Ze'ire Zion“ und der zionistischen Redaktionen ״Haam“ und ״JewrcjskajaShisn“ besteht, und täglich Sitzungen abhält. Die zionistische Jugend־ Organisation ״Ze'ire Zion“ und der ״Hccliawer“ hielten eine gemeinsame Sitzung ab, um die Möglichkeit einer ständigen Zusammenarbeit zu besprechen. Die Sitzung stellte fest, daß die Beteiligung an der Arbeit der Revolution nicht nur eine bürgerliche Pflicht sei, sondern auch einenational-zioni st isch «Aufgabe. Sie forderte die zionistische Organisation auf, gemeinsam mit den Organisationen an־ derer nationaler Minoritäten Rußlands aufzutreten. Dabei drückte die Versammlung ihre Ueberzeugung aus, daß die neugeschaffene Lage für die zionistische Organisation in Rußland ungeahnte Perspektiven eröffnet, die das zionistische Programm mit mehr Erfolg und in schnellerem Tempo zu verwirklichen versprechen. Auf einer zweiten Sitzung dieser beiden Organisationen, die am 12. März stattfand, Wurde ein g e m e i n - sames Komitee für die politische Tätigkeit der beiden Jugendorganisatio« nen gebildet. Die ״Poale Zion“ hielten ani 6. März «ine Versammlung in Moskau ab, die die Stellung der Partei zur inneren Politik Rußlands und das Programm der nationaljüdischcn Forderungen festlegte. Am selben Tage begann in Moskau eine Zeitung der Poale Zion-Partei in jüdischer Sprache (״Der Jüdische Sozialde in o kr a t“) zu erscheinen. Das Erscheinen eines zweiten Organs in russischer Sprache wurde be■ schlossen, Ain 8. März hielt der ״Bund“ ein Meeting ab, das die Einberufung einer landeskonfcrenz beschloß. Auf den 15. März wurden auch Konferenzen der Sozialisten-Tcrritorialisten (S. S.) und der jüdischen Sozialistenpartei (Sejiuisten) einberufen. All diese Organisationen wurden von den allgemeinen vereinigten revolutionären Komitees anerkannt und zur Beteiligung an ihrer Arbeit zugezogen. Das ״Jüdische Vereinigte Komit ec“ sandte an das Stadtkomitee zu Moskau 6eine 3 Vertreter — Dr. E. Tschlenow, A. N. Treinin und W. R. Jacobsohn —, die dem Stadtkomitee den Organisationsapparat der ״Jüdt- Perez׳ Drama: ״Die goldene Kette“ Unter den ״chassidischen“ Schöpfungen des jüngst verstorbenen jüdischen Volksdichtcrs befindet sich mich ein Drama, für welches, ebenso wie für manche seiner Dichtungen erzählender Form, eine den Westen bis vor kurzem fast völlig verborgene Welt nicht bloß Objekt, sondern auch gleichsam geistiger Pulsschlag ist. ״Das Drama einer chassidischcn Familie“ ist in der eben er- 6chiencnen deutschen Ucbcrtragung die nähere Bczcichnung des Titels: ״Die goldene Kette“ — will sagen: in dem innersten, dem Qlaubcnscrkbnis einer Familienkette von ״Zaddiks“ erscheint der tragische Niedergang des Chassidismus selbst poetisch verdichtet, eine Tragik also ״von Geschlecht zu Geschlecht“, wo nur wie in der Gruppe eines plastischen Bildwerks das in Zeiträumen auseinanderliegende Geschehen zusammengcdrängt erscheint. Lin Abglanz uralter Heiligkeit liegt über der Gestalt des ״Urahns“, des greisen Rabbi Salomo. Er ist der wundersame Mystiker und Kabbalist der Vorzeit, allerdings in der Pcrcz’schen Gestaltung stark in die Realität der Welt hineinversetzt. Solche «ngclretne Gestalte n haben die ״Macht über die unteren und oberen Welten". Der ״Zaddik“ ist nach der Vorstellung des gläubigen Chassid nicht nur Mittelpunkt, sondern auch Erlöser der Welt. Hier setzt die Dichtung machtvoll ein. In und um die Sabbatstubc des Hauses drängen sich die Familie des Zaddik, die Frommen, das Volk in banger, verhängnisschwerer Erwartung. Denn Rabbi Salomo weigert sich heute, ״Hawdalah“ zu machen. Der Akt der Hawdalah ist die Scheidung zwischen Sabbat und Werktag. Wenn diese Scheidung fortfällt, dann tritt eben der Werktag nicht in sein Amt, dann bleibt es immer Sabbat — der große Sabbat der Welt ist angcbrochen. Der Wille des geläuterten Menschen trägt also die Entscheidung in sich •— mag auch darob diese Welt der Interessen und des Masscnegoismus Zugrundesehen Kriegshilfsorganisationen“ zur Verfügung stellten. Vertreter des ״Vereinigten Jüdischen Studeiitenkomitees“ und der 4 genannten jüdisch-sozialistisehen Parteien gehören dein ״Rat'der Arheiter- und Soldatcn-Dcputiertcn“ in Petersburg und den revolutionären Stadtkomitces in der Provinz an. Auf die Initiative des ״Vereinigten Jüdis eben S tu de n te n ko m it ec s“ wurde in Moskau eine Konferenz der Vertreter der nationalen Organisationen einberufen, zwecks koordinierten Auftretens der verschiedenen nationalen Minoritäten und Bildung eines Büros der nationalen Organisationen, An der ersten Sitzung, die am 4. März stattfand und einen informativen Charakter trug, beteiligten sich Vertreter der Polen, Litauer, Armenier, Juden und Kleinrussen. Die Polen erklärten, daß sie eine eigenartige Stellung unter allen nationalen Minoritäten cinnchnicn müßten, da sic sich psychologisch als eine Nation, die einen Staat besitzt, fühlten. Die Litauer und Armenier forderten eine territoriale Autonomie und eine Umgestaltung Rußlands auf national-föderativen Grundlagen. Die Ukrainer .sprachen von einer national-kulturellen Autonomie in Rußland, einer national-politischen Autonomie in Oesterreich und von einer Forderung, die Schulen der Ukraine sofort den Kleinrussen zu übergeben. Die Juden legten ihre nationalen kulturellpolitischen Forderungen in Rußland dar, erklärten die Einheit der jüdischen Nation in der Diaspora und formulierten das Problem des nationalen Lcbens in Palästina, Die Sitzung beschloß ein Büro ins Leben zu rufen, das weitere Besprechüngen zwecks Koordinierung der politischen Tätigkeit zu veranstalten hat. Gleichzeitig damit wurde in Petersburg eine Beratung der sozial!- stischcn Parteien der nationalen Min o r i t ä t e n abgehalten, an der sich Vertreter der sozialistischen Partei Litauens, der klcinrussischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der kleinrussiselten Sozialistenpartei, der Sozialisten-Tcrritorialcn, der Scjmisten und der Poale Zion beteiligten. Alle waren darin einig, daß ein gemeinsames Auftreten der national-sozialistischen Parteien nötig ist, um dem Kampf der nationalen Minoritäten um ihre Freiheit und Selbstverwal* tung den Sieg zu verleihen. Das ״Jüdische Vereinigte Komitee“ rief in Moskau ein jüdisches Volksmeetig ein, an dein sich mehrere Tausende beteiligten und das von A. L. Fuchs eröffnet wurde. Als Vorsitzender wurde Echiel Tschlenow gewählt, der die einleitenden Worte sprach, in denen er der Opfer des alten Regimes gedachte und dann die, Freiheit aller politiscltcn Verbrecher, ferner die Reichsduma, das russische Proletariat und die Armee begrüßte. Es sprachen noch Rabbiner Dr. Mase und Vertreter der verschiedenen jüdischen Organisationen, der zionistischen, der demokratischen und deT 4 sozialistischen (Poale Zion, Scjmisten, Sozialisten- Territorialistcn und Bund). In einem waren alle gehen — die Entscheidung, daß nicht bloß der Erde Werktägliches zu Ende komme, sondern auch der verstorbenen Sünder Höllenstrafen, die nach altjüdischer Vorstellung am Sabbat keine Wirkung haben. Mit dem Werktag fällt also auch die Macht des Gerichtes. So fühlt sich der Zaddik an der Wende des Schicksals der Welt. Aber die Ekstase, in der der greise Rabbi und ihm folgend die verzückte Mirjam der Gottheit entgegenschreiten, wird jählings unterbrochen durch die Meldüng, daß sein Sohn Pinchas, die ״Forderung des Tages“ rücksichtslos vertretend, jenen Akt vollzogen hat. Um das Volk zum ״normalen Leben“ zurückzuführen, opfert er damit, indem er zugleich zurr» Rabbi ausgerufen wird, seinen Vater, den der Sturm der Erregung zu flodcn wirft. 1 Pinchas ist der Fanatiker des Olaubcns, finster sogar das Gewand, das er trägt. Alle Pracht des Hauses aus den Togen der Ahnen her wird verbannt, ln seinem eifernden Drange, die Sünde mit Oewalt wegzufegen und auszujäten, wütet er in seiner Weise unter den ihm anvertrauten Menschen. Stumm beugen sich den» Joche auch diejenigen, welche noch den Lichtglanz aus den Tagen des Heiligen im Herzen tragen: sein eigener Sohn Mosche und dessen Weib Miriam, welche einst im wundersamen Halbdunkel jener Stunde der Messiaserwartung dem Großvater gefolgt war, und siechen still dahin. Entscheidungsschwerer lastet der Zwiespalt der beiden Ahnen in ihren Kindern: einer vierten Generation, Leah sucht sich diesem Zwiespalt zu entreißen, indem sie, weit- und schönheitsdurstig, ihrem heimlichen Bräut». gam, dem jungen Arzte folgt, für den die ״Natur“ die Stelle der Gottheit vertritt, die ״Welt draußen“ die einzige Welt ist. Der jüngere Sohn, Jonathan, hingegen fühlt sich von einer zarten Glaubenssehnsucht in himm- Itscltc Träume emporgetragen, deren Heiligste* die Last der Ihn umgebenden Wirklichkeit, noch mehr aber die Furcht vor der durüji seine Schwester herangedrängten Redner einig: Nicht nur bürgerliche Gleicht*- rcchtigung, sondern auch Garantien der na. tionalcn Entwicklung hat das jüdische Volk in Rußland za erkämpfen. Die .nachstehende Resolution wurde angenommen: ״Die Jjjdisehe Volks-Versammlung in Moskau begrüßt mit großer Freude die Freiheit. Wir sind ganz davon überzeugt, daß die Konstituante die vollständige Volksverwaltung in Rußland hersteilen wird und daß dem jüdischen Volke wie allen anderen Nationalitätcn Rußlands nicht nur bürgerliche Freiheit, sondern auch nationale Rechte, nationale Seihst- Verwaltung und freie nationale Entwicklung gesichert werden. Die Versammlung beschließt ferncr einen allgemeinen jüdischen Kongreß in Rußland einzuberufen.“ Denselben Beschluß, einen jüdischen Kongreß noch vor der Einberufung der Konstituante abzuhalten, faßte auch das Zentralkomitee derjüdischcnKriegs Hilfsorganisation in Petersburg und das politische Köllegilt!11, das der Beratung des jüdischen Dumaabgeordneten dient. Am 12. März erschien wieder nach einer Unterbrechung während der Revolutionstage die zionistischc Zeitschrift ״Jewrcjskaja Shisn.“ Was in dem Aufruf des Zionistischen Zentralkomitees und in den Resolutionen der verschicclencn national-jüdischen Gesellschaften und Versammlungen verkündet wurde, wird hier eingehend beleuchtet. Eine tiefe Ueberzeugung spricht aus diesen Seiten, daß die historische Hoffnung des jüdischen Volkes, die die Leiden von Jahrhunderten nicht auslöschen konnten, unter dem freien Himmel des erneuten Rußlands mit verdoppelter Kraft gedeihen wird. Tage der Revolutionen waren von jeher die gefährlichsten für die nationale Gesinnung der Juden. An solchen Tagen gewinnt der zentrifugale Prozeß die ,Ucbcrhand über den zentripetalen, weil der Kampf lockt, der in der Außenwelt vor sich geht. Das Geistesgepräge solcher Zeiten formt auch die Anschauungen von Generationen. Isaak Beer in Frankreich, Gabriel Riesscr in Deutschland wirkten noch lange über ihre Zeit und schufen Generationen in ihrem Ebenbild. Die russische Judenheit hat diese Prüfung der Zeit überstanden. Der Tag der nationalen Gefahr wurde zum Tage der nationalen Hoffnung. Möge die Zukunft den Hoffnungen gerecht werden 1 > S. Die Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung in Rußland Nachdem die Provisorische Regierung die Aufhebung der konfessionellen und nationalen Beschränkungen in ihrem Programm aufgcstcllt hatte, begannen die Minister die bestehenden Beschränkungen auf administrativem Weg zu annullieren. Der erste war der Justizministcr Kerenski, der vcrordnetc, sämtliche jüdische Juristen als Rechtsanwälte aufzunehmen und ihnen das Recht der freien Ausübung ihrer Tätigkeit zu gewähren. Kriegsminister Gut sch ko w verordnete die Aufhebung der nationalen, politischen und religiösen Bcschränkun- WSSVSSL! '•SUSSSJS!■״ IJ-BSg"."-■ ™BL_SJÜJI1J -.-11 J!g! Aufklärung zu vernichten droht. Eines Tages klafft der Riß zwischen Eltern und Tochter, gefördert durch die tiefe Spaltung im Leben der Eltern selbst, plötzlieh auf, indem Leah offen ihren neuen Lebensweg bekennt. Pinchas sicht sein eifervolles Werk an der empfindlichsten Stelle zerschellen — als aber plötzlich der Ausbruch einer Feuersbrunst gerade Im Hause des Doktor Bergmann gemeldet wird, glaubt er ein Wunder gekommen, das hingegen der junge Arzt mit der allzu trivialen Wendung, ״er set versichert“, von sich hinweglacht. Leah geht mit ihm ins Weite. Mosche, der dritte Rabbi, ist gänzlich von dcrOläubigkeit der Menge getragen, ln ihrem Abglanze erst lebt sein Vertrauen zu sich selbst. Aber in seinem Innersten spricht cs, daß er das Werk nicht wirklich leiste, das ihm anvertraut ist und das er zu leisten scheint. In höheren Sphären begegneten ihm, segnend und ohne Widerspruch gegeneinander, Vater und Großvater, aber aus eiseskalten Höhen hörte er auch plötzlieh eine Stimme ״Schwindler!“ So verdichtet sich gleichsam In ihm die Generation eines erschütternden, weil noch mitten aus dem Glauben heraus einer tiefen Redlichkcit entstammenden Zweifels. Nur ein Wunder, von ihm selbst gewirkt, könnte seine geistige Macht und seines ganzen Daseins innere Sicherheit retten, ln die- ’ ser cntscheidungsvollen Stunde kehrt Leah heim, von der Welt zermürbt, dem Tode nahe, mit einem blinden Kinde. Die gottverlorene Natur hat sie vernichtet, in der ״stahlkalten“ Klarheit ist sie ״erfroren, vertrocknet und verlöscht“. Die ganze Lcidcnsdiaft der Rückkehr preßt sic in den Ruf zusammen: ״Einer muß sein, der die Welt führt, ein Auge muß leuchten, ein Herz muß schlagen, ein Weltcnhcrz gleich unterem, ein Herz des Erbarmens“. Das ist das Wunder, das Rabbi Mosche tun mußte, nach dem sein eigen Kind in brennender Sehnsucht sich verzehrt: dem Kinde zu helfen, das offene Augen hat, dem aber die Sehkraft* die ״Seele des Auges“ fehlt. (Ist dieses blinde Kind Sinnbild der nächste*

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