Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1917)
- Date
- 1917-04-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang Communique der zionistischen Organisation anläßlich der Revolution in Rußland Das ,,Kopenhagens Bureau der Ziouistischen Organisation“ veröffentlicht folgendes Cot11muniqu6 an alle Zionisten: Gesinnungsgenossen 1 Ein Ereignis von unermeßlicher historischer Tragweite hat sich vollzogen; ein neues Kapitel in der Geschichte der Menschheit hat begonnen. Ein Volk von 170 Millionen ist frei geworden und nimmt mit Entschiedenheit seinen Platz unter den politisch fortgeschrittensten Völkern der Erde ein. Die ganze Menschheit feiert den gewaltigen Fortschritt auf d^m Wege zu Gesittung, Frieden und Verbrüderung. Für Millionen von Juden sind feste Grundlagen geschaffen zu einem würdigen Dasein, zifr Errettung aus namenlosem materiellen Elend, zu politischer Freiheit und ungehinderter kultureller Entwicklung. Nicht ״unsere Brüder im Osten“, — das jüdische Volk, das seine Befreiung mit Blut und Leiden erworben hat, steht an der Schwelle einer neuen Aera, und sieghafte Strahlen der neuen Morgenröte erhellen seine Zukunft. Wir vertrauen zuversichtlich, daß es der russisehen judenlieit nicht einmal zugemutet sein wird, ihre Emanzipation mit dem Verzicht auf nationale Eigenart zu erkaufen. Wir wissen, daß eine solche Verzichtleistung für die russische Judenlieit nie und nimmer annehmbar wäre. Daran werden auch die auflösenden Erscheinungen, die jeden Aufstieg des jüdischen Volkes in der Diaspora begleiteten, falls sie sich auch ün neuen Rußland cinstcilcn sollten, nichts ändern. Eine Nation, die sich als Nation erkannt hat, kann nicht freiwillig auf nationale Existenz verzichtcn. Neue ungeahnte Perspektiven eröffnen sich dem Zionismus. Neue ungeahnte Kräfte werden entstehen. Im befreiten russischen Judentum liegt eine unversiegbare Quelle des Enthusiasmus, des nationalen Empfindens und der Treue zu den übcrlicfcrten Idealen, die das jüdische Volk unzertrennlich mit Zion verknüpfen. Das grüßte Ghetto, das die jüdische Geschichte kennt, ist gefallen, das jüdische Volk ist frei, und in seiner reinen Gestalt wird jetzt der große Gedanke des Zionismus mit erneuter Kraft wirken in dein Lebenskampf unseres Volkes um sein höchstes Ziel: Nationale Wiedergeburt in Erez Israel! Kopenhagener Bureau der Zionistischen Organisation: Dr. Victor Jacobson. Aus den Tagen der Revolution Die ersten jüdischen Zeitungen aus Rußland trafen ein. Ungewohnt und neu mutet uns die wahre Freude an, die aus jeder Zeile atmet. Das russische Judentum g'aubt fest an den endgültigen Sieg der gerechten Sache und sendet seine besten Sohne, um den Kampf der Freiheit auszufechten. Das russische Judentum ist aber weit davon entfernt, seine nationale Eigenart und Hoffnung der bürgerlichen Freiheit zu opfern, sondern ist fest entschlossen, diese neu errungene Freiheit zur Entfaltung seines nationalen Seins und zur Verwirklichung seiner nationalen Hoffnung zu verwerten. Zum ersten Mal in der neuen jüdischen Geschichte ergreifen Juden die Emanzipation in solcher nationalen Gesinnung. Die großen Ereignisse trafen die russische Judenheit, wie übrigens auch die weiten Kreise der russischen Oeffcntlichkeit überhaupt, unerwartet. Am 20. Februar (alten Stils), am Vorabend des Er-!alles des Exzaren über die Auflösung der Duma, ahnten noch die Völker Rußlands nicht, was die nächste Woche ihnen bringen würde. Als die Reichsduma am 27. Februar trotz des Erlaßes des Zaren feierlich erklärte: ״Die Duma wird nicht aufgelöst“, da wurde klar, daß ein entschiedener Kampf bevorsteht. Wird aber das Volk der Sieger sein? Und welches Volk? Wird es die Mehr• ״Der Zlonltmus entrebt für dai jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimsiäilc ln Palästina." Baseler Programm. heit der Duma sein, die das neue Rußland fordern wird? Dieser oktobristisch-kadcttischc Block, der sich fortschrittlich nennt, der aber gerade in der Juden frage gezeigt hat, wie wenig er diesen Namen verdient? Oder wird cs die oppositionelle Minderheit sein, der die außerhalb der Duma schlummcrnden Volkskräftc die Kraft zum Sieg verleihen werden. Wird das befreiende Wort für alle die gelten, denen die Befreiung nottut? Die nächsten Tage gaben die Antwort. Schon die Wahlen der Vollzugskommission in der Duma, in der die Opposition die Mehrheit hatte, und die Bildung des ״Rates der Arbeiter und Soldatcndeputierten“, Ereignisse des ersten Revolutionstages, zeigten, daß der Wille des Volkes außerhalb der Duma die bedeutendste Kraft der Zukunft wird. Das Volk selbst hat sein Wort zu sagen. Und die jüdische Jugend, vom extremsten Assimilantcn bis zum eifrigsten Zionis^ ten, zog auf die Straße hinaus, um gemeinsam mit den besten Söhnen des Landes den Sieg der Freiheit zu erringen. ’ Von einer organisierten einheitlichen Arbeit der jüdischen Revolutionäre konnte an den ersten Tagen der Revolution keine Rede sein, in Pctersburg waren vom 27. Februar bis 5. März sämtliche jüdischen öffentlichen Einrichtungen, Ge- Seilschaften und Schulen geschlossen, sogar in den Synagogen konnte eine Woche lang kein Gottesdienst abgehaltcn werden. Auch war cs unmöglich, aus Moskau an den ersten Tagen Instruktionen nach Petersburg zu senden. Aber auch ohne jede Verordnung der leitenden Partcistellcn zeigte sich die jüdische Jugend den Aufgaben geiw a c 11 s c n. Schon am Montag, den 27. Februar bildete die zionistische Studentenschaft in Petersburg speziell zionistische Milizgruppen, die eine besondere Leitung hatten. Am psydio-ncurologischeu Institut wurde Ln aller Eile ein zionistisches Informationsbu r e a u eröffnet, das die jüdische Jugend zu organisieren und der Revolution zuf Verfügung zu stellen zur Aufgabe hatte. Die erste Versammlung der zionisti* sehen Studentenschaft, die am Mittwoch, den 1. Mürz in Petersburg stattfand, hieß diese Taktik der einzelnen Studentengnippen gut und legte das Programm der weiteren Beteiligung an der Revolution fest. Am selben Tage wurde in Moskau ein ״V c reinigt es Jüdisches Stude n t en kom itec“ aller jüdischen Parteirichturigen ins Leben gerufen. Dieses Komitee richtete einen revolutionären Appel! an die jüd i s c 11 e Studentenschaft in Moskau, in dem unter anderem gesagt wurde: ״Der Kamp? hat begonnen. Niemand kann wissen, was die nächste Stunde birgt. Eins ist klar: Wir jüdischen Studeuten gehen mit dem Volke zusammen, die Fordcrimgcn des Volkes zu schützen. Uns re Stimme, die Stimme der jüdischen Studentenschaft, hat in diesem Augenblick mit besonderer Macht über das ganze Reich zu ertönen. Zusammen mit den allgemeinen Forderungen der Demokratie, als da sind: 1. Absetzung aller Vertreter der zu stürzenden Rcgicrung, 2. Entwaffnung der Polizei und der Gendamierie, 3. Aufhebung aller außerordent leiten Zustände, 4. Befreiung aller politischen Verbrecher, 5, Abschaffung der politischen Zensur und 6. Die Schaffung einer provisorischen Regierung mit einer überwiegenden Mehrheit der Vertreter der radikalen Demokratie, stellt die ״Vereinigte Jüdische Studciitenschaft“ die speziellen Forderungen auf: 1. Alle nationalen und konfesslo- '״eilen Beschränkun gen aufzuheben und 2. Der jüdischen Nation die bürgerliehen, politischen und nationalen Rechte zugleich mit allen anderen nationalen Minoritäten Rußlands zu gewähren.“ Die Ereignisse gingen aber mit einer überstürzenden Schnelligkeit vor sich. Schon am nachsten Morgen wurde ein bedeutender Teil dieser Forderungen, die die Forderungen der gesamten rußländischen Demokratie bilden, zur Wirklichkeit. Auf den Straßen Petersburgs wurde dieser Kampf ausgefochtcn. Drei Tage lang, vom 28. Februar bis zum 2. März, donnerten die Kanonen von den Dächern der Stadt auf die Menge herab. Die ca. 300 Gefallenen, darunter etwa 30 Juden (Student Frcidin, Studentin Chein, Apotheker Abelsohn, Kopelmaim u. a.) waren die letz• ten Opfer, die der stürzende Moloch verschlang. An diesen drei Tagen wurde Rußland erneut. Die Verbindungen der provisorischen Regierung erfaßten die weitesten Schichten des Landes. Abschiedsgrüße waren cs einer in Agonie geratenen Welt. Um den Rat der Arbeiter- und Soldatcndeputierten schar• ten sich die die Freiheit längst ersehnenden Kräfte. Dem auferstandenen Volke schloß sich ein Teil der Armee an. Die Regierung wurde isoliert, die Freiheit siegte. Am 1. März, spät in der Nacht, wurde das Ucbereinkommen des Vollzugsausschußses mit dem Arbeiter- und Soldatenrat beschlossen, Der Vizevorsitzende des Rates Kerenski trat in die sich dann konstituierende provisorische Regierung ein, Nicolaus mußte abdanken und am Mon> gen, noch bevor Großfürst Michael dasselbe zu tun gezwungen war, veröffentlichte die neue Re* gierung ihr Programm, in dem unter anderem auch die Aufhebung aller nationalen und konfessionellen Beschränkungen laut verkündet wurde. Da atmeten die Völker Rußlands auf im glückliehen Bewußtsein der Gewißheit ihrer Befreiung. Das Zentralkomitee der Zionistisehen Organisation in Rußland veröffentlichte äm 3. März, am selben Tage, an dem die Abdankung des Zaren und das Programm der provisorischen Regierung bekannt wurde, einen Aufruf ״An die Zionisten“, in dem es seine Freude über den Sieg der Volksfreiheit kundgibt und das am russischen Zionistenkongreß zu Helsingfors im Mai 1906 gefaßte Programm der nationalen Forderungen in Rußland neu verkündet. Das Zentralkomitee ruft die Zionisten auf, das neue Rußland in seiner Befreiungsarbeit zu unterstützen und im freien Rußland die historisehe Aufgabe der Organisation und Wiedergeburt der jüdischen Nation zu erfüllen. Das vor kurzem in Moskau gebildete ״J üliehe großen lokalen jüdischen Oedischc Vereinigte Komitee“, das samt- Seilschaften Moskaus umfaßt, (die Jüdische Kricgsliilfsorganisntion, die Gesellschaft für Handwerk und Landarbeit, die Gesundheitsgesellschaft, die Bildungsgesellschaft, das Vereinigte Jüdische Studentenkomitee und andere) und dessen Vorsitzender Dr. E, Ts c 111 e nov, der Vorsitzende des Zentralkomitees der russischen Zionisten, ist, berief am 3. März eine öffentliche Versammlung ein, die die folgende Depesche an die Provisorisehe Regierung und an den ״Rat der Ar- ,beiter - und So Id ate 11 d e pu t i e rte n“ sandte: ״In dieser erhabenen S unde der Schaffung des freien Rußlands haben wir das Bedürfnis und die Pflicht, den Schöpfern dieses neuen Lebens unseren Groß zu senden. Jahrhunderte lang säte die alte Regierung Haß unter den Völkern Rußlands und knechtete Millionen jüdischer Bürger unter der Knute der Rcchtslosigkeit. Jetzt steht das befreite Land unerschüttert da im festen Streiten aller seiner Nationen nach Freiheit und Gleichheit. Im tiefen Vertrauen auf die Aufgaben, Ideale und Taten der Volksherrschaft senden wir, Bürger des freien Rußlands, unsere Begrüßung an das Rußland der befreiten Nationen.“ Achnlichc Kundgebungen veranstalteten auch die jüdischen Gemeinden in Petersburg und Moskau. In der Synagoge zu Moskau hielt Rabbiner Dr. Mase vor einem dreitausendköpfigen jüdischen Publikum eine Ansprache, in der er seine Glückwünsche dem erneuten Rußland ausdrückte und den Juden die neuen Aufgaben ihrer nationalen Organisation ' schilderte, ln Petersburg fand zum ersten Mal eine große zionistische Volksversammlung statt. Als Redner trateh die Herren Rosow, Grünbaum, Drujanow u. a. auf. Die Versammlung nahm einstimmig eine Resolution an, in der verlangt wird, daß jeder organisierte Zionist in Rußland mit allen Mitteln die provisorische Regierung tatkräftig un* terstützen soll, deren Maßnahmen dem russischen Judentum die bürgerliche und nationale Befreiung verbürgen. In Minsk beteiligte sich die ganze jü*