Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite'84 sich in der Naidibarschau ucs Heimes, unter Jen Ostjuden «nsiedcln, wie es von einigen Helfern bereits geechehen ist. In diesem Sinne fühlen sich die westjüdischen Heller im Heim noch ganz als die Nehmenden. Auf schöpferische jüdische Erziehung wird man daher vortäutig noch verzichten müssen und mehr auf Erhaltung des Bestehenden, z. B. der noch von den Ostjuden gepflegten Formen, der von ihnen gekannten Lieder bedacht sein. Man wird sich ganz an die Bibel, an die Legenden und Erzählungen aus der Geschichte und dem jüdischen Leben halten. — Da sich eine Anzahl Sprachkundiger unter der Helferschaft und' ihren Freunden bcfindet, wird man diesen noch die Pflege des Hcbräiselten überlassen. Man könnte die berechtigte Frage aufwerfen: Sind wir Juden, die wir mit unserem Volksfum in kultureller Beziehung noch nicht verwachsen sind, berechtigt, die Erziehungsarbeit im jüdischen Volksheini zu leisten? Wir glauben es unbedingt. Ja, wir würden cs für einen beschränkten Nationalismus 11;!]- ten, wenn man uns dies Recht nach der Lage der jüdischen Verhältnisse abspräche. Denn: gibt cs etwas Göttliches in der Welt, und ist es das, was wir mit dem Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit, nach Geist und Schönheit wollen, dann gibt cs für uns nur ein Ziel, um dcsscnwillcn allein sich die Gründung eines Staates lohnt: dieses Göttliche verwirklichen helfen. Sollen wir tatenlos Zusehen, wie GcUlsueht und Würdciosigkeit sich überall in unserem Volke breit macht? Sollen wir Zusehen, wie die Schacherei und Lügenhaftigkeit der Großsladtunkulfur unter den Juden von Tag zu Tag wachsen, mir weil w׳ir ihnen z. B. nicht in hcbräischer oder jidischer Sprache die Wahrheit mitteilen, die ethischen Forderungen nicht durch Zitate aus dem Talmud oder aus Percz belegen wollen? Wir glauben z. I!., daß ein jüdischer Staat nur auf der Uruniilngc absoluter sozialer Gerechtigkeit nufgehaut werden dar(. Sollten wir für diesen Glauben nichts tun dürfen? Einem Juden, der an der Berechtigung, die jüdischc Jugend in diesem Geiste, gleichgültig in weleher Form und welcher Sprache, erziehen zu dürfen, nur einen Augenblick zweifelt, dem fehlt das große Erbteil unserer Propheten, diese überaus starke Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die in ihrer Verkündung keinerlei Bcdenken au I orni oder Sprache kennt, dein ist jenes Pathos fremd, das den Propheten zum Reden brächte, auch wenn er stumm wäre. Es soll damit nicht etwa einer verschwommenen Mcnsclilieitserzieliuiig das Wort geredet, sondern mir dem zu seinem Volkstum willigen wcstjmleii seine Berechtigung zur erzieherischen Arbeit erwiesen werden. Demi darüber kann doch kein Zweifel sein, daß er kulturelle Werte in sich trägt, die er den östlichen Volksgenossen zu vermitteln berufen ist. Dieselbe Liebe, die ilm zur Arbeit für das Volk führte, wird den Westjuden auch bald tiefer mit den Werten un• seres Volkes verbunden machen, V. I > I c V <1 f k s 11 e i m e im Osten, 1 )ns Jüdische Volkiilielni in Berlin soll aber mich die Schule der Juden werden, die später im Verein milden oNtjliihsclicn Stullenten und Studentinnen in den jüdischen Straften des Ostens, ׳ z. I). in Lodz oder in Lemberg, Voikshciinarbeit leisten wollen. Das Recht, unter eleu Ostjudcn erzieherisch tätig sein zu können, muß erarbeitet werden. Nur wenn wir rluicii Aneignung der jüdischen Sprachen, durch Kenntnis der jüdischen Lelire, die das tägliche Leben des OHtjiiilen umfaßt, und der sozialen und literarischen Strömungen, die heute das junge OstjudenUmi bewegen, unseren Anschluß nn das Vofk zurückgcfunden haben, wird uns Gleichberechtigung mit den ostjüdischen Volkserziehcrn zustchcn. Aber noch einmal: Mit allen diesen Werten verbinden wir uns in Wahrheit nur, wenn wir das ״Lernen" mit dem Leben unter den Ostjudcn vereinigen. Darum arbeiten wir Im Zeichen der Versöhnung Bemerkungen zu Arnold Zweigs Ritualmordtragödie.*) Von Wilhelm Bcrkelhamnicr. Versöhnung .... Gibt es ein Wort, das in widerspruchsvollerem Gegensatz zum Geist unserer Tage stehen würde, als dieses? Es ist irgendwann und irgendwo ausgesprochen worden, — eine gewaltige Offenbarung der tiefsten menschlichen Allgüte es ist in einzehieu Herzen zu heiligem Feuer entflammt, cs hat mit dem Bösen um die. Seelen hart gerungen, — zur Herrschalt ist cs jedoch nie gelangt. Vollends verachtet und in Miftkredit geraten ist cs aber gerade heute, wo ein furchtbarer Wahn der Vernichtung durch die Länder wütet und die während der Jahrhunderte mühsam gewobenen Bande zwischen Volk und Volk zu zerreißen droht. Versöhnung-cs klingt beinahe wie eine alte Mythe, oder vielmehr wie eine traurig blutige Ironie . . . Das Wort zwischen den Völkern: — es heißt nicht Liebe und Verzeihung, gegenseitiges Verstehen und Schonung jedweder Eigenart und jedweden Wesens. Das Gegenteil alles dessen trennt die Nationen und richtet zwischen ihnen undurchdringliche Mauern auf, * Während jedes andere Volk der Welt nur mit ein paaf wenigen Nachbarn Zusammenleben muß, sind wir Juden seit bald zweitausend Jahren Anrainer last alle( Völker der Erde, Das Volker-Zusammenleben, bei anderen ein Problem der staatlichen Selbständigkeit, in* tensivercr nationaler Machtentfaltung oder dergleichen, wird so bei uns zum eigentlichen Problem unseres völkischcn_ Seins inmitten der völkergespaltencn Menschheit. Es rülirl an die tiefsten Wunden unserer Golus- Vergangenheit, es streift unsere Gegenwart ־mit ihren Kämpfen •und ihrer Sehnsucht und cs führt In eine Zukunft hinaus, die um als das Werk unserer Hände erstehen soll. — *) Arnold Zweig: Ritualmord In Ungarn. Jüdische Tragödie in fünf Aufzügen. Hyperion-Verlag Berlin 1914 (bezw. BJ16). Zu beziehen durch den Jüdischen Verlag, Berlin W. 15,.. ■ JU EDI SCI IE :101:1,3 0.״; in der Siedlung auf die Gefahr hin, daß ».־׳:: von uns, die wir selbst noch im Jüdischen ז lie l :קfaugeuden sind, in den vö>!!n׳n::imen in 1',..1.׳ c. vn Jahren keine vollendete Leistung genannt v,er«.-11 kann. Man wird die Siedlung' dort im (Oden nicht viel r.mUrs beginnen, als inan sie in Berlin begonnen hat, wo man sieh wiederum den Aufbau der Sddcments und Nachbarschaftsgildeu in Amerika und Eiiglaud^ rum Vorbilde nahm, Eine Anzahl Studenten und Studcntinnen, junge Acrztc und Lehrerinnen, werden sich in einer jüdischen Straße cinmielcu, sich alfmähhcfi mit den Kindern der Nachbarschaft befreunden, bis inan eine große Anzahl zu einer lugeudkaiueiadscliaft zu* * sammeiischlieflen kann. Durcli Gründung von Ein* riclitmigen, die im Intcrcsscnkrcise der älteren Jugend liegen (il,1־m!elskurse, Sprachkurse, Selinciderhurse, Zcicheimiiterridit für Handwerker) oder durch gesellsdiaft״ liehe Einrichtungen (Abciulk.'uns, Leseklubs, Sport- und Schai'hkluhs) wird man die jungen Leute aus lief Nachbarschaft au das Heim binden, dem Settlementsgnindsat/e folgend, Gemeinschaften aut irgendeine^äußere Art zu schaffen, um in diese dann den Geist innerer Kultur liiiieinzutragcn. fm Laufe der Zeit wird die Freude .ווו dem sich unter den Hcimniitgh'cdcrn nach und nach entwickelnden jüdischen Gemeiuschaftsleben und an den Aufgaben, die jeder einzelne für die Gesamtheit zu erfüllen hat, die Menschen vergessen lassen, dali sie nur ihres persönlichen Nutzens wegen in das Volkslieim gegangen sind, Die engfischen Nachb.irsch.'ifisgilden beweisen, wie fest Kinder, Männer und Frauen in einer Gemeinschaft wurzeln können, von deren zugrunde liegender Idee sie erlaßt werden. Durch Schaffung von Arbeitsstuben (nach Art der Wilnaer Aibeilsstiibcn) und eigenen Werkstätten, von Konsummul Kreditgenossenschaft tma durch weitere Aiisiedliing jüdischer liitcIDklucilcr und Küust- Icr wird im Laufe der Zeit eine geistig uim Wirtschaftlieft in sich geschlossene Siedlung entstehen, die im Volkshaus ihre Schule, ihre Bibhothcks-, Ibre Abends• Versammlungsräume tisw. hat. Ts Ist sdbslverständ* lieh, daß mit «1er Siedlung im jüdischen. Viertel keine lebensfremde KulturiiljLe geschaffen werden soff, soudem daß sie eine Resonanz für alle Bestrebungen sein muß, die sich auf die geistige, wirtschaftliche und gesundheitliche I lelmn״ der ostjüdischcn Masse richten. Der Kampf fiir den Sozialismus wird von dem Kampf um die Erneuerung des Judentums nicht zu trennen sein, Zum Schluß noch ein paar Worie an die Jüdischen Geistigen und iiher ihre Aufgaben in den jüdischen Siedlungen; Nur «1,11111 werdet flir, wie es euer Wille (st, die Welt nadi vurem Geiste formen, wenn ihr, Kiinst• lor mul Dichter, wieder in nahe menschliche Be/ichiiiigeii freiet mit den Menschen, auf die ihr wirken wollt, Eure Bücher und Essays wenden siefi wahllos «11 Huu* dcrttaiisemh: und wirken iimwiiiidefud doch nur auf ganz ganz wenige, Wenn ihr heute ein Buch gegen den Krieg au die Menschen sendet, finden dieselben Men-tiien zwei neue Bücher für den Krieg in der Biii'hluiiidliing vorrätig und kaufen sie wie eures. An .Stelle der lebendigen, erwärmenden Rückwirkung der (ieiiieinscliaft, in welcher früher der geistig Schalfcmle lebte lind zu der er sprach, antwortet euch heute itie kalte, be/ahlte Kritik eurer Werke durch die Zci- (tmgeii, wahrlich ein elendes Surrogat der Verbindung zwischen euch mul eurem Publikum. Wie der Bildhauer sielt nur an einem ganz kleinen Teil der Materie, dem Stein, bewährt mul ilm nach ewigem Gesetze formt, so wird auch der Geistige die bestehende Welt nur ändern können, wenn sieh seine Gestaltungskraft auf einen kleinen Teil 11er Welt richtet — auf eine Gemeinsciiaft, mit der er durch sein eigenstes Leben atiis engste voihtimlen ist. Dort werdet ihr die Rückwirkung, eine besceligviHie Antwort, darin spüren, daß euch freudig und freiwillig Gefolgschaft geleistet wird. Eol- Arnold Zweigs Ritualmordtragödie läßt nun in uns die Frage nach clem inneren Verhältnis zwi* sehen uns und den Völkern aufsteigen, eine Frage, die mit dem erwähnten Problem in innigem Zusammenhang stellt. Wollen Wir uns über ׳unsere Stellung zur Welt klar werden und zu den Nationen in ein offenes und ehrliches Verhältnis treten, dann gilt es, unerbitt* lieh streng die Seele der Welt zu prüfen, wie sic sich uns gegenüber im Laufe der Zeiten offenbart, sowie auch unsere eigene Seele, wie sie auf das Verhalten der Weit reagiert hat. * Es bedeutet keine lediglich mechanische Pormulic• rung, wenn nein das'Verballe 11 der Völker uns gegenüber mit einem einzigen Worte kennzeichnet: Antisemitismus, Ich möchte sogar noch weiter gehen und das scheinbare Paradox wagen: das Verhältnis der Welt zu uns findet seinen prägnantesten, wenn auch krassesten Ausdruck im - Rituahuordvcrdachtc. Denn dieser ist nur der ad absurdum gesteigerte Antisemitismus. Achad-1 faam beantwortet gelegentlich in einem Auf■ satz über das Blutmärchcn (״Ein halber Trost") sehr treffend die Frage, ob'es wirklich unsere Fehler und Sünden sind, die die allgemeine Feindseligkeit und den elementaren Hall der Welt gegen uns entfesseln. Er sagt dort; unsere Verbrechen, an die die ganze Welt glaubt, und zwar so allgemein glaubt, daß sogar w i r m sie zu glauben versucht sind, hitul gerade so wahr, wie die ״Tatsache", daß wir zu Ostern Cliristcnbhit gebrau• eisen, wahr ist, obwohl auch an diese allgemein (im Volk wenigstens) geglaubt wird .... Es kommt hier eben nicht darauf an, warum man haßt, sondern daß man haßt, obv.ohl man eipcnl• lieh nicht weift, wimtin, Die Psychologie {)c;, chcns liefert wohl den trefflichsten lönvcl•! hi •für: nicht ״Tatsachen" erzeugten den Glutilicn au den L’iümlmoni sotnlem der aus dem Haß geborene Verdacht tu sc huf die ״Tatsachen". . . hi diesem Sinne ist nun «las Blt;l-;::־״dtrn der Antisemitisnuis in mm*, die Inkarnatmn der .1־!iii:K׳mii׳ dien Gesinnung der Welt schlechtweg. Von tiefem lir.bnl׳;!■ gefühl und feinen» historischen Sam geleitet, hat Arnold Nr. 10 i'i't «km (]«'־■'׳;e Gii.lav Landauer::, der in seinem Aufruf 71111! So/inliMiius uns tineiid.'icfi viel Schönes über die Beziehung von Geist und Kultur und Sied-!uiigsgcmeinscliaft gesagt hat. I'ofgct dein Beispiel unseres Dichters Max Brod. Dann werden die jiidKclicn Siedlungen in Ost und West m Inseln im Golus vvenfeii, auf denen aus der Verbindung unserer alten Volksfatbur mit dem neuen jüdischen Geiste, aus der Verbindung* von Ost und West wieifcr eine unserem gesamten Leben Richtung und Form gebende, jüdische Kultur entstehen wird. Die Auflösung des jüdisclicn Gemeinwesens erfolgte so, «laß Juden ihr Land verließen, um sich in der Fremde in Kolonien auzudcdcln. Der Aufbau muß in umgekehrter Richtung «lurcli Samm* 11111g in Siedlungen erfolgen. Der Warschauer Magistrat und die Juden Eine neue Gelegenheit, die arilijüilisclie Politik des Warschauer Magistrats und seiner Beamten zu cuthüllen, hot den jüdischen Ratmäniiern die letzte Sitzung des Stadtrats vom 28. Februar, auf der das Budget fiir «lie ersten drei Monate des laufenden Jahres behandelt wurile. Der erste jüdische Sprecher war der zionistische Rntmaiin Seide mann. Er tntler/og zuerst die allgcnicincn Institutionen lies Atagislrats einer cingchen- «ien Kritik. Er zeigte, «laß verschiedene Einrichtungen des Magistrats nicht sparsam gciui; organisiert sind und führte die billigen Küchen der Jüdischen Gemeinde, die 161)000 Menschen gespeist haben, als Vorbild für ' die Küchen «les Magistrats an. In «len jüdischen Küchen wurden ■15 ״׳׳ der Unkosten von «!«,וו Besuchern selbst geileeld, während in den Küchen des Magistrats nur ' 8 ",״ «les Preises gezahlt wird und ')2 ,Vn von «1er aHgemeinen Kasse des Magistrats!:«dickt werden müssen. Der Magistrat,1 der fiir die allgemeinen Anstalten so freigebig ist, wird sehr sparsam «ml geizig, wenn es sich um die Interessen der jiiilisdien Bürger handelt. Als charakteristisch bezcichnele «lef Redner die Forderung von 10OM) Rubel, die der Magistrat an die־ Jüdische Gemeinde für die Beh.millniig jüdischer Kran* ken in den städtischen Krankenhäusern stellte. Der Magistrat beruft siel» dabei auf ein alles Gesetz von 1811, «Ins den Juden eine Reihe spezieller Stenern auf* erlegt hatte. Dieses Gesetz wurde bereits im Jahre 18(12 durch die Judetiverordmtng Wjdopnlskis völlig aufgehoben, was den Magistrat «hei• nicht stört, es jetzt von iK'iiem .lus/ugraben. Als die Juden eigene Schulen und eilten jüdischen Schulrat verlangten, lehnte es der Mnglstmt auf Grund der Verordnungen Wjelopoiskis ab. Wenn es aber gilt, «len Juden neue Steuern auf- /iierlegen, verschwindet diese Verordnung aus «lein Ge- (lächlnIn d«'s Geset/gehers. Einem Zigeuner, der ohne ()emriiule ist und keine allgemeinen Slcncrii /nhll, wird in den släilliseheu Krankenhäusern auf Staatskosten Hilfe erteilt. Ein jüdischer Bürger aber, der alle Lasten, der Stadt trägt, kann «iii'se Hilfe nicht in Anspruch nehmen, ohne eine besondere Steiler zu zahlen. Nicht um die Geldsumme geht cs hier, die nicht sehr groß ist, sondern um die Beleidigung, In wessen Interesse liegt cs, Beleidigungen zuzufügen und .Haß zwischen beiden lievölkerungstcilen zu säen? . Der Bürgermeister C11 m e 1 j c w s k i antwortete auf die Krilik des jüdischen Kntsniamis. Er versicherte, daß cs in Zukunft in Polen keine Judenfrage mehr geben wird. Vorläufig müsse mau sicii aber an die bestehenden Gesetze halten. Mit Recht erwiderte ihm der jüdische Zweig gerade das Blutmärchcn zum Gegenstand seiner ״jüdischen Tragödie" gewählt. Und unser Verhältnis zur Weit? Der Antisemitismus behauptet, daß wir die vcrschwo* renen Feinde des Menschengeschlechtes sind. (Die Rö- 111er haben von den ersten Christen genau dasselbe bo• hauplet.) Diese Ansicht ist in den Gemütern so fest verankert, daß cs wohl ein ganz vergebliches Bemühen wäre,, mit Argumenten der Logik gegen sie anziikänipfen, Sie ist aus der tiefen Abneigung gegen uns entsprungen und, nun einmal vorhanden, verstärkt sie diese Abneigung wieder ihrerseits. Ein circulus vitiosus: man hallt uns und glaubt deswegen, daß wir, die Gehaßten, die Hasser hasse« müssen, und weil man so «len Glauben lug!, daß wir!lassen, hallt man uns doppelt *und dreifach .... Was nun das historische Judentum aiibelangt, so finden wir darin keine Spur eines irgendwie immer gearteten Fremdcnhasscs, Der Fremdling erfreute sich sowohl im Alltag des Lebens, als 'auch in der Gesetzgebung und in der bindenden ethischen Weltanschauung eines Wohlwollens, wie es sonst bei keinem anderen Volke des Altertums anzutreffen ist. Dann trat aber der gewaltige Riß in unserer historischeu Entwicklung ein: die Diaspora. Wir lebten in der Verbannung nicht mehr das Lehen eines Volkes unter den Völkern, nicht mehr als gleichberechtigtes Glied in der großen Völkergemeinschaft: wir waren die Parias der Menschheit. Gequält und bis aufs Blut gedernütigt, wie Freiwild getrieben von einem Ort zum zweiten, beschmutzt, besudelt und mit den Füllen getreten, nicht wie Menschen behandelt, bestenfalls wie Menschen miniierwertiger Prägung , . , Wäre da flammender Haß nicht die natürlichste, gc״ radc/ii selb׳,tvcrRtäudl,’ehe Rcaklioit? Kann sieb die gerech(«; Empörung wider eine brutale Ik׳tlri>«:ku11g nicht in tatlgeiu Werke entluden, so ist ein verhaltener Grimm, eine hi «len Tiden schlummernde VTut nicht« als ein Beweis der Lcbendigket des betreflenden Individuums oder Volkes, Wenn wir also, wir dem Golus Entwach- * senen, in unserer Seele den Völkern, unter denen \vir leben und!eitlen, fcintllch gesinnt wären, so wäre da* lediglich