Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1917)
- Date
- 1917-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie ist durch die Ereignisse des •Krieges so sehr in das Interesse der ganzen Kulturwelt gerückt, dalt zukünftige politische Fest- Setzungen an ihrer durchgreifenden Lösung nicht werden vorübergehen können. Theoretisch ist diese Lösung gefunden: den staatlich unselbständigen Nationen oder Nationalitäten nsufl neben staatsbürgerlicher und wirtschaftlicher Gleichstellung das Recht auf Wahrung und Pflege ihrer nationalen. Kultur gesichert werden. Das Volkstum 1111115 aus seiner Verquickung mit dem Staatsgedanken gelöst und eine von politisch-staatlichen Faktoren unabhängige Domäne des nach seinen natürlichen Voraiissctzungen schaffenden Volkes oder Volksteils werden. Max Straub hat kürzlich (im ״Juden‘‘, Heft 11) das Problem scharf formuliert: ״ . . . das Schicksal Europas hängt davon ab, wie lange es noch dauern soll, bis . . . die Worte: cuitis regio, eins natio dem Gefühl der Volker genau so fremd sein werden, wie beute bereits der Satz, der auch einmal benschend war: cuius regio, eins religio.“ Die immer weitere Kreise erfassende Auerkemumg des Prinzips der national-kulturellen Selbst Verwaltung, das allein einer Neuordmmg der poiitischen Verhältnisse Europas den von allen gewünschten Halt und Bestand zu geben vermag, ist auch für das Schicksal des jüdische» Volkes von /.iikunftsbesfimmendei• Bedeutung. Eine nach dem Grundsatz der national-kulturellen Autonomie duri'IigvfiiiiiH' Beilegung der nationalen Konflikte wird nicht nur auf die Selbstbestimmung jener Juden, die ihrem'Volkstum sich entfremdet hatten, einen be- *chleunigeiidcii Eiuflufl haben, sondern vor allem dem jüdischen Volke in allen Ländern die Erbaltung mul Entwickelung seiner nationalen Eigenart ermöglichen oder erleichtern helfen. Darum ist es auch von hohem nntionnl-jüdischeu Interesse, der immer wachsenden Vcrbreitung des national-kulturellen Autonomicgcdankcns «achzugehen. Je gröber die Zahl und Bedeutung der politischen Gruppen mul Parteien wird, die in der Gewährung des kulturellen Sclbstbestiminuugsrechtes einen Weg zur Vermeidung nationaler Konflikte erblicken, ׳um so größere Hoffnung bestellt, daß auch das jüdische Volk der Segnungen einer unter dem Schutze der kulturellen Selbstverwaltung stehenden organischen Entwickelung seiuer nationalen Bedürfnisse teilhaftig werden kann. Ls ist ein tief bedeutsames Zeichen der Zelt, daß das führende Organ der sozialistischen Intelligiw. Deutschlands sich entschlösse!! hat, den vielfältigen nationalen Fragen seine besondere Aufinerksanikeit zu schenken. Im zweiten Heft des neuen Jahrgangs der ״Sozialistischen Monatshefte*‘ kündigt Ludwig Ouessel die neue Abteilung für ״Nationale Bewegung‘׳ an. Er betont, daß in ifen ״Sozialistischen Monatsheften“ die Macht der nationalen Idee nie verkannt und im Laufe der Jahre viele nationale Phänomene behandelt worden seien. ״Nun sollen die Tatsachen auf diesem Gebiet fortlaufend verzeichnet und dargestellt, die aus ihnen ■sich ergebenden Fragen fortlaufend studiert werden." Denn ״der Krieg hat auch dem national uninteressierten Westler die nationale Bewegung in ihrer Intensität gezeigt.“ Geht aus dieser Ankündigung und Motivierung an sich schon die große Bedeutung hervor, die einer fortlaufenden Orientierung über die nationale Bewegung in den ״Sozialistischen Monatsheften“ ziikamint, so steigert sich das Interesse noch dadtircli, daß Qucssel in seinen einleitenden Betraclifunge/1 für die n at io 11 a I - k ״ i tu re 11 e Autonanfie eintritt. Nur sic kam! ״zu einer wirklichen Lösung des Natioiialitäteiiprinzips führen. Nationalkulturelle Autonomie bedarf, was besonders betont werden muß, keiner gesonderten territorialen Unterläge. Sie läßt die territoriale Einheit des Landes bestellen und gibt doch allen Nationalitäten Raum atir Entwickelung. Sic stellt daher die einzige Lösung der Nationalitätenfrage für Völker dar, die neben- «und durcheinander dasselbe Territorium be- ״Der Zionismus erstrebt für des jfidtsche Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich {gesicherten Heimstätte In Palästina.‘׳ Baseler Programm. wohnen, sich deshalb miteinander abfinden und vertragen müssen, und doch ihre eigene nationale Entwickelung haben wollen und sollen.“ Die national-kulturelle Autonomie muß, will sie wirklich den Bevölkeruiigselementen eine gedeihliche Förderung ihrer nationalen Interessen ermöglichen, durch die Bi klung!1 a t io n a 1 c r W a h 1 k ö rper schäften den Nationalitätenknmpf, der das politische Leben vergiftet und die besten Kräfte zerstört, vermeiden. ״Wenn das Wahlrecht zum Parlament für die gemischtsprachigen Bezirke in dem Sinn gestaltet wird, daß zum Beispiel im Osten auf je 30 (MM) polnische, ruthcnisdic und jüdische Wahlberechtigte je ein polnischer, ruthenisclier und jüdischer Abgeordneter entfällt, so kann, wenn zum Zweck der Walil besondere Wählerlisten und besondere nationale Walilorganisationen geschaffen werden, was sich ohne erhebliche Schwierigkeiten nusführen läßt, verhindert werden, daß der politische Kampf zum Nationalitätenkaiupfe wird.“ Jeder Nationalität wird von ^,׳ornliercia eine ihrer Bevölkerungsziffer entsprechende Vertretung in den verwaltenden Körperschaften gesichert, und der Wahlkampf wird, statt von den Behörden und Parteien nationalistisch vergiftet zu sein, zu einem politischen Kampf sozialer Gruppen innerhalb einer und derselben Nationalität. ״Die Lösung des Nationalitätenproblems auf dem Boden national-kidturellcr Autonomie, soweit das geistige Leben in Frage kommt, ■und auf der Basis des nationalen Kuriensysteiiis, soweit die wirtscliaftlichen und allgemein-politischen Fragen reichen, gibt auch in den großen übernationalen Staatsgemciiischaften den Nationen ihr volles Recht.“ Diese Lösung | wird auch der Entwickelung der produktiven Kratte am meisten dienlich sein «und einen wirklichen Ausgleich!!erstellen. Quessel kommt zu dem Schlüsse, daß diese Lösung des Nationalitätenproblems durch national-kulturelle Autonomie und Bildung national abgegreii/ter Wahlkörperscliaften ״vom Sozialismus mit aller Entschiedenheit vertreten werden muß“. Wir haben allen Anlaß, diese wichtige Aeußcnmg eines sozialistischen Schriftstellers zur Kenntnis zu nehmen. Sie ist ein wertvolles Dokument dafür, daß die Forderungen der staatlich-unselbständigen Völker mul Volksteile auch von einer Partei, die bisher jeder nationalen Bewegung verneinend gegeiiiibcrstand :und sie als reaktionäre Romantik der Kleinbourgeosie brandmarkte, als berechtigt und nützlich anerkannt, ja sogar als einzig wichtige und mögliche Lösung betrachtet werden. Für unsere jüdischen Interessen ist es dabei von besonderer Bedeutung, daß Qucssel die Gewährung der national-kuiturcllcn Autonomie folgerichtig nicht an.die Bedingung eines geschlossenen Territorium bindet, sondern auch dort den Völkern ihre nationale Ent- Wickelung gesichert zu sehen wünscht, wo sic durcheinander dasselbe .Gebiet bewohnen. Wohl sind wir uns bewußt, daß, solange ein Volk, wie die Juden, nur ״durcheinander“ mit anderen lein, das von Quessel anerkannte und auch von uns geforderte Mittel keine ״Lösung“ da!־stellt. Wjr, die die Anomalie״ einer unter Majoritäten lebenden Minorität in ihren mannigfachsten Variationen bis zum letzten durchgekostet haben, wissen, daß auch von dieser ״Lösung“ bis zur wallrert, die volle Freiheit verwirklichenden Lösung noch ein Abstand ist. Bedürfnis und Pflicht ist es aber, unter allen Umständen, auch im Zustand des bloßen ״Durcheinander“ für sieb Schutz und Sicherheit zu erstreben. Die Juden Polens und Galiziens, für die heute die national-kulturelle Autonomie und die Errichtung nationaler Walilkuricn die brennendste Frage ihres Lehens ist, haben durch Qucssels Atisfühningen in den ״Sozialistischen Monatsheften“ eine neue volle Anerkennung ihrer nationalen Forderungen erhalten. Wir folgen mit aufhorchendem Intcrcssc dem zustimmenden Urteil jeder außönstchenden einflußreichen Partei über einen Schutz der nationalen Minderheiten, der auch dem jüdischen Volke seine nationale Erhaltung und- Fortbikfung in der Zukunft ermöglicht. M. M. Idee der jüdischen Siedlung ' und des Volksheiines Von Siegfried Lehmann, iin Felde. 111. Der Sabbat 11 und die Feste. Der Sabbath ist in allen Kameradschaften und Klubs dem Jüdischen gewidmet. Man liest Bibel, erzählt Legenden oder beschäftigt, sich, wie die Kameradschaft ״Juda Maccahi“ (auf eigenen Wunsch der Knaben) mit Hebräisch, Was wäre ein jüdisches Volkshcini ohne die wimdervollcii jüdischen Feste V Chamikkah, Schon Tage lang vorher wird in allen Kameradschaften fieberhaft gearbeite!. Chamikkahleuchter werden angefertigt, neue jüdische Lieder werden cingciibt, in der Werkstatt werden die letzten Stücke fertiggestellt. Dann kommt der erste Tag, die ganze Volksheimgemeimle ist versammelt. Der Präsident der ersten Knabeiignippe benscht die Liebte, die ganze Schar der Heimkinder singt die schönen Cha* nukkablicder: das Moaus zui׳, und das Lied von den ״kleinen Lielilcrlcch“, in die die jungen Leute, Eltern und Helfer einstimmen. Jeder der Chaiiukkahtage wird im Heim mit Spielen, Singen, Aufführungen wie ein wahres Volksfest begangen. Die Formen, in denen man den Sabbath und die iüoischen Feste im Heim feiert, sind noch ganz und gar im Werden. Aber jeder, der ein Fest im Heim erlebt hat, fühlt, daß in der Großstadt nur in dieser Form Jüdische Festtage wieder zu VolksfesUagen werden können; denn die Vorbedingung jeder Volkskultnr und somit jedes Volksfestes ist eine durch gemeinsames Leben und gemeinsamen Geist ziisammengehalteiie Gemeinschaft. 111 den großen Städten gibt cs keine Gemeinschaft mehr. Kalt und gleichgültig gehen die Menschen an einander vorbei. Nichts verbindet miteinander. Wenn mehrere das Gleiche wollen, reichen sie sich nicht die Hände zum gemeinsamen Leben, sondern es genügt ihnen, im Gespriicli sich zu finden, um danach wieder als Einsame in die Welt zurückzukcliieti. Keine Stätten hoher Gemeinsamkeit mehr. Kein Ort, wo ein unendliches Gefühl die ganze Gemeinschaft erfaßt mul aufwärts trägt, wie in den Dethäuseru, keine Stätten gemeinsamer Freude, wie es in früheren Jahrhunderten die Volksfeste waren, die Osterfeste, die Jahrmärkte und die Versammlungen an der I )orllimle. Damals gab es noch Volkskultnr, wie Gustav L n 11 d a u c r sagt, weil es ein Zusammenleben der Mensche» gab, wie es besonders durch die enge Beziehung von Kurisumeiik'ii und l’iudnzciiUii zuslamie k.i.u,'»u.’.l weil es vor allem Gcmciusamkcil des Geistes gab: durch die Anhängerschaft an die gleiche religiöse Idee. Damals gab cs noch Volksfeste, Heute sind unter den Juden im Osten zutn Teil noch ähnliche Verhältnisse, Aber mit der ständig wachsenden Auswanderung der jungen Generation aus der Judcngasse in die großen Städte gehen auch diese Vorbedingungen verloren. Wollen wir die Werte jüdischer Volkskultur im (iolus, die Sprache, die Schriften, die Lieder und die Feste lebendig erhalten oder wieder erwecken, dann müssen wir danach streben, in den Städten zusammenlebende, durch die nationale Idee im Geiste geeinte jüdisclio Gemeinschaften zu schaffen. Das Volkshcitn als, Zciürtnri der Gemeinde muß daun zur Er/icliungsstatfc der Jugend im neuen Geiste, zum Bethaus und zum Vcrsammliitigsliatis der Gemeinde, zur I’flegstiitte jüdischer Musik mul jüdischen Schrifttums werden. Unsere Vorfahren erlebten ,an jedem Sabbath und Feiertag, heim Beten im Tempel, das hohe und Unendlichkeit vermittelnde Gefühl der Gemeinschaft. Der nationale Jude wird dieses Erlebnis in amlcren Formen, in Gemeinschalt mit den Volksgenossen, die den gleichen Willen zur jüdischen Zukunft haben, im Beth Am, im Volkshaus, wicderfimlen. IV. Die II e 11' c r s c 11 a f t. Die Hclfcrschaft des Jüdjschcu Volkslieims bestellt aus Studenten, jungen Kaiifkuten und Frauen. Naturgemäß sind diese heute am meisten vertreten. Das Volksheim muß an seine Helferschaft die Anforderungen stellen, die dem Sinn der Siedliingsarhcit entsprechen. Diese bestellt nicht darin, der jüdischen Jugend des Volksheimviertels eine angenehme^ Jugendzeit und den Erwachsenen unterhaltende Stunden zu verschaffen, auch nicht darin, Anhänger einer Pariei systematisch hcr.iuziibiüferi, sondem einzig und allein ” in dem Zief, die Mitglieder der Volkshcimgcmeinde in jüdischem Geis; und jüdisclicr Form zum Menschentum zti erziehen, wir sind weit entfernt davon, zu glauben, dafi die Hefter- Schaft heute schon diesen Forderungen entspricht. Besonders fehlt jüdisches Wissen überall, aber dieses kann man sich aneignen. Dali der ernste Wille hierzu in der Hclfcrschaft vorhanden ist, beweist die starke Teilnahme an Sprach- und Geschiclüskurscn 1111a religions wissenschaftlichen Kursen, sowie den Bibelstunden. Kenntnisse des jüdischen Volkstums sind auf verschiedene Weise erlernbar. Was sich aber nicht aneignen läßt — und nach diesen Gesichtspunkten muß eine Hclfcrschaft ausgewiililt werden —, das ist die schaffende Liebe, die den Keifenden sein ganzes Leben lang treibt, das Göttliche im Menschen, den Sinn für das geistig Große, für Gerechtigkeit und , Schönheit im eigenen Volke verbreiten zu helfen. Wissen ist unbedingt nötig, aber nicht entscheidend für den Beruf als Volkserz.ieher. Nur derjenige wird dem jüdischen Volkstum wirklich, innerlich nahe kommen, der mit seinen kräftigsten Vertretern, den Ostjuden, zusammcnlcbt, im gleichen Hause wohnt, ihren Alltag kennt und den Sabbath und die Feiertage niit ihnen begeht. Es liegt darum in der Iden des Volkshcimcs (Siedkingshcimes), daß die Helfenden »!« f -I! j 1 l i ¥