Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1917)
- Date
- 1917-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 77 Gesinnungsgenossen! Durch einunddreissig Kriegsmonate ist es gelungen, die zionistische Arbeit in Deutschland aufrechtzuerhalten, unsere Idee in der allgemeinen Oeffcntlichkeit immer stärker zu propagieren und neue Freunde unserer Sache zu gewinnen. Der Ausserordentliche Dclcgicrtcntag in Berlin war ein treues Abbild der starken Energien, die trotz aller äusseren Schwierigkeiten im deutschen Zionismus lebendig geblieben sind. Wir alle fühlen die Verpflichtung, die Arbeit für den Zionismus auch in allen kommenden Kriegsmonaten mit gleicher Kraft und Entschiedenheit fortzuführen. Der Kriegsbeltrag, den wir vor 1'/, Jahren eingchoben haben, hat uns die Möglichkeit zur Arbeit gegeben. Unsere Mittel sind vollkommen erschöpft. Ausser unseren laufenden Einnahmen an Landesbeiträgen und für den Propagandafond ist eine nochmalige Einziehung des Kricgsbeitrages unumgänglich notwendig. Der Ausserordentliche Delegiertentag hat daher einstimmig folgenden Beschluss gefaßt: ״Es wird beschlossen, für das Jahr 1917 wiederum einen Kriegsbeitrag zu erheben.“ In Ausführung dieses Beschlusses bitten wir Sie, uns auch diesmal Ihre Beihilfe nicht zu versagen und uns den Kriegsbeitrag einzusenden. Die Mindesthöhe ist auf 6.— M. festgesetzt, wir müssen aber darauf rechnen, dass diejenigen unserer Freunde, denen dies möglich ist, einen erhöhten Beitrag einsenden, um so einen Ausgleich für die zu schaffen, die heute trotz besten Willens nicht in der Lage sind, Beiträge zu leisten. Zionistische Vereinigung für Deutschland Berlin W. 15, Sächsische Straße 8 Der Vorsitzende: Dr. Hantke Schluß der jimjjen Menschen nach Abgang von der Schule im 1. c 11 r I i n g s k 111 b gibt uns die (icwillheit, dal) ■diese nicht den ohciibcsebnebcuen Weg der traurigen Assimilation gellem werden. Später wird ihr Leben durch die Aufnahme im Klub junger Handwerker oder Arbeiter weiterhin mit dem Leben im Heim verknüpft bleiben. Um in der Jugend von früh au Liehe zur Land- Wirtschaft /u erwecken, wird man hei Eintritt liessei er Verhältnisse mit der Einrichtung Inndwiilschaftheiler Sonntags- und Feriengruppcn beginnen. Einige Helferinnen bereiten sieb für־ den Unterricht dafür vor. Am Mittwoch S p i e 111 a c 11111 i 11 a g i 111 E r e i e 11, zuweilen auch Schwimmen (im Sommer), Am Donnerstag keine Kameradschaft, Dafür steht den Jungen und Müdclien das J u g e 11 dies e z i 111111 e 1׳ zur Verfügung, weldies von allen Heimkindern und auch von den keiner Kameradschaft angehöreiidcii Kindern der Nachbarschaft täglich benutzt wird. Der diensthabende Helfer bcrat die Kinder bei der AuswahlfUer Bücher. Die segcitsreichc Wirkung einer jüdischen Kindcrlescstube kam! nur der ermessen, der die Verbreitung der Schundliteratur unter der Jugend keimt. Am weiteren Ausbau der J 11 g 0 11 d b i hl int lick, der Anschaffung jütischer und hebräischer Jugendliteratur wird gearbeitet. Am Ereitag bleibt das Heim geschlossen. Am Sonntag und an den Ecrieiitagen machen die Knaben und Mädchen Tages- Wanderungen. Die Einrichtung eines kleinen W a I d 11 e i 111 c־ s in der Umgegend von Berlin ermoglieht den Kindern einen längeren Eerienaiifentliall im Wald»:, allerdings unter primitiven Verhältnissen. An den Abenden tagt im Heim der Klub junger M:1d cli en, der sieh meist ans den älteren Schwestern der Heimkinder, Verkäuferinnen, Arbeiterinnen, Lagerislinnen etc. ziisauimeiisetzt. In menschlicher und jüdischer Beziehung nicht weniger gefährdet als die aus der Schule entlassenen Knaben, linden die Mädchen hier des Abends ein Heim, in dem sie sieb beim gemeinsamen Lesen, Nähen, Musizieren, besonders beim Singen jüdischer Volkslieder etc. allmählich stärker zuhause fühlen als in «len benachbarten Urolistadt-Etablissements. Diesem Mädchcnkluh soll das l'riide, Blaustrimipfmälligc fehlen, das die Vereinigungen junger Mädchen im allgemeinen in Deutschland häufig haben. Leber den in der Gründung begriffenen Lehrlingskluh, dessen Zweck oben erläutert ist, läßt sich noch wenig sagen. Bemerkenswert ist vielleicht noch, daß sich die jungen Menschen der älteren Knabenkluhs mit dein Volksheim so eng verbunden fühlen, daß sie durch allerlei Dienstleistungen freudig an dem weitereii Aushau des Heimes initarheiteii. So hoffen wir, daß viele dieser jungen Leute in weniefen Jahren die Leitung der Kameradschaften der jüngeren Kinder übernehmen werden, wie es überhaupt ganz im Sinne unserer Siedlmigsidev liegt, daß die I lelfcr nach mul nach ihre Erziehungsarbeit in die Hände der jungen Männer und Frauen legen, die selbst aus der Volkslieinigemeiiide hervorgegange» sind. Auch ist man bestrebt, der Arbeit nicht den Austrieb von ״Wohltätigkeit“ zu geben, sondern durch Einkassierung kleiner Beiträge von den Kindern das Bewußtsein zu schaffen, daß sie (IhitIi diese Gegenlcistung sieh ein gewisses Recht erworben haben. Das Ideal in ethischer Beziehung ist natürlich die Erhaltung des Volksheims aus den eigenen Mitteln der Siedhmgsgemcinschaft. für die Abendstunden hat der jüdische literarische Verein ״Perez“, der einen großen Teil der in Berlin ansässigen ostjüdischen Arbeiterschaft umfaßt, einige der Volkshcimriiunie als Klubmul Vortragszimmcr gemietet, A11 mehreren Abenden im Monat koimnen die Mittler der Heimkinder zu den Fraucnahcmlcu zum Tee. Man bespricht die wichtigen Prägen der Kinderlivgicne oder sonstige hauswirtsebaftliehe Prägen, man näht oder liest vor. Zu irgendwelchen geistigen Anstrengungen sind die am Tage schwer arbeitenden Frauen meist zu müde. Obgleich S1I1011 heute verschiedene Institutionen, wie die ärztliche, juristische und Müttcr-Beratuugsstelle und die alle H Tage stattl'iudenden Volks-Nachmittage, an denen gute Musik, Volkslieder und Rezitationen jidischcr Schriftsteller geboten werden, Gelegenheit bieten, mit den Erwachsenen unseres Viertels in engere Berührung zu treten, wird erst der für spätere Zeit geplante Zusammeiiscidul! 1^׳r Nachbarn zu einer kleinen Konsum- und Kreditgenossenschaft diese stärker an das Heim binden. Von Zukiiiiftsplänen sei u, a. noch die Einrichtung einer ständigen kleinen Ausstellung erwähnt, in welcher sowohl die künstlerisch einwandfreien Erzeugnisse der Heim- Werkstätten als auch geschmackvolles Hausgerät und gute Bildkunst, besonders graphische Darstellung aus der Bibel (Rembiaudt) gezeigt Werden sollen. Da die Musik als ein wesentlicher Faktor in der Erzielnmg junger Menschen angesehen wird, hat man mit der Gründung eines llcimcltorcs mul mit dem Unterricht im Violinspiel begonnen, um in absehbarer Zeit ein kleines Hcimoreliester zusammcnstellen zu können. (Schluß folgt.) Chajim Tsclicmcrinski (״Reb Mordcliele") Die Reihe der Schläge, die unsere verjüngte Literalur so unbarmherzig treffen, will kein Ende nehmen, Rastlos eilen die I liobsboten. ״Da der eine noch redet, trifft der zweite ein . . Diesmal kommt die Todesbotschaft aus Jckatcrmoslaw und betrifft Chajim 1 s c h c m e r i n s k i, den liehen, humorvollen, scharfsinnig-klugen Reh Mordcli eie. Am 27, Januar, nach einer langen schweren Krankheit, schied er dahin. Wer wußte von seiner Krankheit? Das unfreiwillig getrennte Judentum kann die Geschicke seiner Beliebtesten nicht mehr überwachen. Das polnische Judentum, das noch vor kurzem von seinem frohen Geist täglich erheitert und bclehrt zu werden gewohnt war, die Warschauer Intelligenz, unter der er noch kurz vor Ausbruch des Krieges als Redakteur der besten jidischcn Tageszeituug 1״ rcind“ und als Mitarbeiter von ״Hazefira“ lebte -- uns alle trifft die Nachricht von seinem frühen Tod unerwartet. Einer der Begabtesten und Hoffnungsvollsten ging in ihm unserer Volkslitcratur verloren, ein geistreicher Fciiilletonist, ein Virtuose der Fabel- und Parabeldichtuug, ein Zauberer der Volkssprache, einer der ganz wenigen und berufenen Philologen des Jütischen, ein wahrer Schatzmeister des Volkshumors und der Volksweishcit! Wann, wo mul wie wird sich unsere Literatur von diesen timmterhrochcneii, unbarmherzigen Schlägen erholen können? An der Bahre Katzeneisohns Einige Wochen dauerte seine Krankheit - - Urämie und Gicht. Der Kranke stellte, als Arzt, selbst die Diagnose seiner Krankheit und wußte, daß er sich von seinem Krankenbett nicht mehr erheben werde. Doch blich er ruhig. Die einzige Sorge seiner letzten Tage war sein großangclcgtcs hebräisches Werk ״Die Medizin im Talmud“, das alle seine Abhand• hingen und Ansichten auf diesem Gebiet, die er im Verlauf seiner ganzen wissenschaftlichen Tätigkeit gcäußert hatte, zu einem System zusammenfassen sollte. Dieses Werk wollte er noch gedruckt sehen, und darüber schrieb er noch in einem Brief an den Rabbiner in Petersburg l>r. M. Eisenstadt einige Tage vor seinem Tod. Eifrig arbeitete er noch an seinen ״Erin ncru ngen", deren zweiten Band er kurz vor seinem Tode beendete. Sein letzter Ausspruch war: ״Ich habe noch so viel Gedanken im Kopf . . .“ Atu Freitag, den <1. Januar abends verließ ihn das Bewußtsein und Samstag tun 12 Uhr mittags schied er dahin. An seinem Totenbett waren außer seinen Angehörigen, seine intimen Freunde Dr. J. B. E i g e r, Saul O i n s b u r g und der hebräische Schriftsteiler Benzion Katz. Die beiden letzten, zusammen mit A. J. Rap pa port, ernannte er zu seinen Tc- ’ stainentsvollstreckcrn. Seine reiche Bibliothek hinterließ er der ״Hildungsgesellschnft“. an deren Spitze her fanden sie cs nicht für nötig, für die Entwicklung und Verbreitung eines derartigen Elements unter den Frauen zu sorgen. Die aus dem Auslände kommenden Mädchen waren auf sich allein angewiesen. Mit großer Mühe nur fanden sic Arbeit, und diese lag meist ihrem Ziel und ihrem Geiste fern. Nur' vereinzelten gelang es, sich mit großer Anstrengung und Ausdauer der Seele und des Geistes einen Platz in befriedigender Arbeit zu erobern. Auch jetzt hat sich dieses passive Verhalten seitens der Kolonisationsinstitntioncn nicht geändert, und die Mädchen werden noch immer nicht als Kolonisationsdement befrachtet. In den kritischen Zeiten litten die Mädchen am meisten. Viele unter ihnen litten direkt Hunger. An den gcmcinnützlichcn Arbeiten, die man für die Arbeiter eingerichtet hatte, konnten die Mädchen nicht teilnehmen, da hierfür ihre Kräfte nicht aitsrcichten, Und andere, für sie eher passende, wurden nicht geschaffen, denn da man ihre kolonisatorische Wichtigkeit nicht erkannte, hielt man jede Ausgabe in dieser Hinsicht für unnötig. Dies ist aitcli das Verhältnis der kolonisatorischen Institutionen im Lande zu der Institution der Frauen •— zur Mädthenfarm! Bei all den Anstrengungen im Laufe der ganzen Zeit, die Farm zu entfalten, hielten es diese Institutionen nicht für ihre Pflicht, irgendeine direkte Hilfe zu leisten, sondern begnügten sich mit ihrer platonischen Sympathie für die Anstalt. Dies ist aber ein falsches Verhältnis. Es ist die Pflicht der Institutionen, sich für alle im Lande arbeltenden Elemente, ohne Unterschied des Geschlcchts, zu interessieren. Und es ist nicht riehtig, die ganze Sorge für die in den Kolonien und Farmen arbeitenden Mädchen den Frauenverbänden zu überlassen und dies alles als ein außerhalb ihres Arbeitsbereichs Stehendes zu betrachten. Landwirtscliaftliclie Mädchenerziehung Von Channa Meisel, Kincretli. Hi. Aus dem Vorhergehenden ersieht man, daß die Mädchenfarm drei Perioden durchgemacht hat. Die erste war zu Beginn ihrer Arbeit. Damals war sie eine ״Mädchenfarm“ ohne ״Farm". Sie besaß kein Inventar, keine Gebäude und überhaupt keine Arbeitsfrcilieit, Sie war nur ein Teil der Farm für die männliche Jugend, wenn auch mit autonomen Rechten, aber doch einer anderen Wirtschaft angegliedert, die den I lauptfaktor bildete. Diese Periode dauerte IT׳ Jahre. Die zweite Periode beginnt mit dem Schluß dieser ״Jünglingsfarm“ und mit dem Beginn der Arbeit auf eigene Verantwortlichkeit. Nim wurde der Anstalt ein 70 Dun,am großes Feld und ein besonderes Haus zur Verfügung gestellt. Im Laufe des Winters entstand der Stall, der Hof, und man regelte mehr oder weniger die Bewässerung. Der Frauenverbaiicl übernahm das ganze jährliche Budget. Die Zahl der Insassen waren 14 Mädchen und eine Lehrerin, die auch die Leiterin der Farm war. Hauptfach war Gemüsebau. Molkerei und Geflügelzucht waren im Entstehen, und eine Zierbaumschule bestand schon. Diese Periode dauerte ein Jahr. Dann kam die dritte Periode: man baute noch im Hofe einige der dringendsten Gebäude. Es wurde eine Lebrerin für die Haus- und Hofwirtschaft aufgenommen. Die Zahl der Schülerinnen wuchs auf 20. Die Molkerei und Geflügelzucht wurden erweitert. Es wurden manche neuen Pflanzungen angelegt, und die Baumschule wurde vergrößert. Man fing an, den Boden bebaubar zu machen (ihn vom Ingil zu reinigen). Dieser Zustand besteht mit nur geringen Veränderungen noch heute. Infolge der Krisis ist die Entwicklung der Farm stehengcblieben. Die Fächer der Farm sind zurzeit: 1. Küche und I laus, 2. Gemüsebau, 3. Molkerei, 4. Geflügelzucht, 5. Baumschule, 6. Pflanzungen. Die Lehrzeit beträgt 2 Jahre nach folgender Ordinnig: in der Küche ö Wochen, im Hause 6 Wochen, im Hofe (Molkerei und Geflügelzucht) 2 Monate, Baumpflege 2 Monate. Die übrige Zeit ist für die Arbeit auf dem Felde bestimmt (meistens Gemüsebau und auch ein wenig Pflauzimgsarbeit). Außer diesen festgesetzten Arbeiten werden die nötigen Hausarbeiten der Reihe nach gemacht. Die Arbeitszeit ist 8—9 Stunden täglich. Im Winter werden einige Male wöchentlich theorctischc Stunden erteilt. Im l aufe des Bestehens der Farm nahmen an der Arbeit ca. 70 Mädchen teil. Drei Abgänge fanden statt. In den ersten zwei Jahren blieb der größte Teil der Mädchen nur ein Jahr in der Farm und nur wenige blieben bis zum Schluß der Lehrzeit. In den letzten drei Jahren hingegen blieben die meisten bis zum *Schluß und nur wenige verließen die Farm vor der Zeit, Alle Schülerinnen (bis auf zwei) befinden sich im liuule. Einige nützen ihre Kenntnisse In der cigenen Wirtschaft aus, da sic sich verheirateten oder in das Elternhaus zurückgckchrt sind. Ein Teil arbeitet in Mädchengruppen auf eigene Rechnung an den Arbeiterküchen und in den Gemüseanlagcn. Ein noch größerer Teil arbeitet an den von Arbeitergruppen geleiteten Wirtschaften und einige wenige sind in Farmen beschäftigt. IV. Einer der vielen Fehler des neuen Jischuws war auch die zu geringe Einschätzung der Frauenarbeit. Während die Leiter und Förderer der Kolonisation es erkannt haben, daß wir unbedingt ein Landarbeiterclement brauchen, ließen sie das nicht geringere Be- 1 dürfnis an Landarbeiterinnen außer acht. Da¬