Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1917)
- Date
- 1917-02-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 69 Ext reine waren ihm immer ein Greuel, auch bevor er Oehcmirat und Exzellenz war! — ״echt jüdische, zersetzende Geister“,, ״ehrgeizige Demagogen“, talmii* distisch spintisierende Sozialphilosophen“ genannt, obwohl .er selber zugeben nuiflte, daß sie beide ״zwei wirklich grolle Männer‘‘ waren. Und von diesen beiden, über deren, wie immer man zu ihnen stellen mag, umfassende nationalökonomische Durchbildung doch kein Wort zu verlieren ist, wußte er nichts Besseres und Treffen* de res zu sagen, als daß sic ״beide nationalökonomisdi nur auf dem Juden Ricardo füllen." ״Nur auf dem Juden Ricardo“ das hat Schmolle!• vor etwa fünfzehn Jahren geschrieben. Unterscheidet siehs im Ton und dahinter stehender Gnindanschauung von dem, was er heule, zu ganz anderem Thema und also natürlich auch in ganz, andrer Form, gegen Prcuß sagt? Also g-ut — so meint der Leser resigniert —, eine bittere Erkenntnis mehr: auch der berühmte Nationalüko- 11 um Schmoller ist Antisemit. Aber da blüht ihm nun eben erst die Ucberraseluing, wenn hier festgcstcllt und begründet werden soll, dall ilcrr v. Sclunoller durchaus kein Antisemit ist. Mindestens, dall alles, was er gegen Prcuß sagt, so wenig dafür spricht wie das, was er sonst gelegentlich gegen Marx, Lassalle, Ricardo u. u. gesagt oder geschrieben hat. Um das zu begründen, muß mit einigen Worten auf die Wesensart des Geleinten Schmoller ciiigcgangcn werden. Vor genau zwanzig Jahren, im Jahre 1307, als Schmoller als Ncuiuindfüiifzigjiihrigcr auf der Höhe seilies Ruhmes stand, hat er sich in seiner Berliner Kckto• ratsrede über die Grundsätze der von ihm begründeten sogen, ״jüngeren historischen Schule“ der Nationalükonomie ausgelassen. Ohne zu tief in die Dinge hinaliziisteigen, soll hier mir fcstgestcllt werden, daß er damals schon im Titel seiner Rede bekauntgah, worauf cs ihm ankam. Dieser Titel lautete nämlich: ״Wcdhseinde Theorien und feststehende Wahrheiten im Gebiete der Staats- und So/ialwissenschaften und die heutige deutsche'Volks« wirtschaftslehre“. Und der Inhalt gipfelt darin: nur die von Schmoller begründete wirtschaftshistorische Detailarbeit bringt wirkliche ,,feststehende Wahrheiten“ in der Nationalökonomie; alle frühere nationalökoiiomische Lehre dagegen, die nicht auf empirisch-exakte Eiuzelerforschung zurückgelte, sondern nur auf das Große und 1Ganze gerichtet sei, bringe nur ״historisch wechselnde und schwankende Theorien“ zutage und könne auf wahre Wissenschaftlichkeit keinen Anspruch erheben. Und Schmoller ging aufs Ganze. Sprach er so allem, was vor Gustav Schmoller in der Nationalökonomie da war, den Charakter der Wissenschaft ab, so war er auch nicht gesonnen, die weitere Verbreitung dieser ״schwankenden Theorien“ zuziilassen. ״Wer nicht auf dem Boden der heutigen Forschung, der heutigen gelehrten Bildung und > Methode steht ־ womit immer die ausschließlich induklive Forschungsmethode der Schmollerschcn kalhedersozialistischen Schule gemeint ist! - ist kein brauchbarer Lehrer“. Das war und ist Schmollers Ueberzeugung, und . danach hat er drei Jahrzehnte hindurch in Preußen die nationnlükononiisclie Wissenschaft an den Universitäten regiert, bis nach seines Freundes Althoff Tode andere Männer ins Ministerium kamen, womit dann allmählich Schmollers überragender Einfluß schwand. Die zalilreichcu Skandale, die die geradezu mit den Ansprüchen auf päpstliche Unfehlbarkeit herrschende Allmacht Schmollers im Gefolge hatte, sind noch in Vieler Erinnerung. Die «CliqueiiWirtschaft an den Universitäten trieb die nbsoiulcrliebsten Blüten. Die Ducllgcsrhichtc zweier Berliner Pro« fcssoren hat ja vor einigen Jahren sogar erheblicheren Staub in der Oeffcutliclikeit aiifgewirbclt, und der Selbst• inord eines bekannten Kieler Natioiialökonomen halle wie viel mehr ist es bei uns nötig! Wenn sie. die Liehe, natürliches Verständnis für ihre Arbeit und die Praxis vieler Jahre haben, sieh damit nicht begnügen, sondern dies alles noch durch die Kenntnis der modernen Forschling zu erweitern suchen, um dadurch einen noch größeren Erfolg ihrer Arbeit zu erzielen — wie groß ist dann die Notwendigkeit solcher Institute für unsere Töcli• ter, die keine Tradition und keine Gewöhnung an diese Artieit haben! Aber trotz dieser großen Notwendigkeit gibt es bei uns kein Institut, das diesem Zwecke dienen könnte, 1)1111׳ die Verhältnisse, in denen unsere jungen Mädchen leben und arbeiten müssen, gehen ihnen nicht die Mo.;•• liclikeit zur Durchführung ihrer Ideale. Kanu denn etwa die Arbeit in der Orangerie einem solehen Mädchen als Schulung dienen? Die Wirt• ccliaft ist dort ganz einseitig und nur für!len Markt eingerichtet und es fehlen ihr auch vollständig die für die Hauswirtschaft in Betracht kommenden iaiid« wirtschaftlichen Arbeiten, Und kann cs denn überhaupt ein inneres Band zwischen der von Ort zu Ort Arbeit suchenden Tagelöhnerin und der Orangerie gehen, in der sic zufällig arbeitet? Diese ist ihr doch nur so viel, wie irgend eine große Fabrik, der sic ihre Arbeit verkauft, und dies kann sic eher von der Arbeit abstoßen als 7.11 ihr hinzichcn. So müssen viele Mädchen ihre Zeit und Kraft vergeuden. Auch die Farmen für die männliche Jugend können den Mädchen nicht die erforderliche Ausbildung geben, denn in ihnen bildet die Hauswirtschaft meistens nur ein Neben- und kein Hauptfach, und auch da, wo sie mehr' in den Vordergrund׳ tritt, ist sic überwiegend für den Markt eingerichtet. Und es fehlt auch dort die richtige Atmosphäre, um gute Laijdwirtinncn hcranzubilden: höchstens könnte das Mädchen dort die eine oder die andere Spezialarbetk erlernen. Wo ist also die Stätte, die der Einführung dieser jungen Mädchen in ihr neues Leben dienen kann? kurz vorher sehr unliebsame Erörterungen wachgerufen, die mir mit Rücksicht auf den tragischen Ausgang der Affäre so gedämpft wurden, dall sie keine weitere Folge Baben konnten. Will man ein mit wenigen Strichen gezeichnetes Bild Schmollers als Gelehrten, so muß man ihn, ohne ihm seine gewiß mannigfachen Verdienste zu bestreiten und ohne überhaupt zu seinen wissenschaftlichen Ansehau* Hilgen Stellung zu nehmen, als einen maßlos herrschsüchtigen, eigenwilligen F'orselier bezeichnen, den die Ausschließlichkeit seines Denkens vollkommen unfähig macht, eine im Grunde andere Anschauung auch nur riehtig zu verstehen, geschweige denn zu würdigen. Dazu kommt noch die heute schon von vielen als Felder erkannte, jahrzehntelang!aber als großer Vorzug an Sch moller geschätzte Unfähigkeit zur Begriffsbildung in der Nationalökonomic, die ihn eben auf die beschreibende Detailarbeit hinwies, die er dann wieder als die Wissen- | Seminariftifcher | 1 Vortrags-Zyklus | §| veranftoltet von den zlonlftlschen und natlo- |J fl nal-Jüdlfchen Jugendvereinen Grob-Berlins §§ U 2. Kurs: ׳ jj | Dr. Kurt Nawratzki: j | Methoden | | jüdifcherKolonifation 1 gl ö Vortröge / Hörgebühr M. 4 m S Beginn: §§ | Sonnabend, den 3. März 1917 | j! abends '!3 9 Uhr prazife jgf §§ Lokal: §§ ff Siizungsfaal des Zioniftifchen Zenfg 1 iralbüros / Berlin, Sachfifcheftr. 6 1 g Hörcrkarlen In befchränkler Anzahl bet den Vorg fj ftönden der Vereine und Im Büro der Zioniftifchen g |= Vereinigung für Dcutfchland, Süchflfchc Strafte 8 g schaft ausgab. Nimmt man das alles zusammen, so bcgreift mau vielleicht, warum Sdhmollcr sich mit solcher Verbissenheit gegen jede Anschauung wendet, die mit seinem System, sofern man ein Sammelsurium von Einzeltatsachen ein System neunen kann, im Widerspruch steht. Er ist der Mann der von ihm in ihrem historischen Werden liebevoll erforschten heutigen Verhältnisse. Nur diese liebt und anerkennt er, und auch sie nur, soweit sie sich auf Preußen und allenfalls Deutschland erstrecken. Diese preußisch-deutschen Verhältnisse, an denen er nun sein Leben lang unmittelbar und mittelbar durch Hunderte seiner Schüler mitgearbeitet hat, hält er für die beste aller Welten und wenn schon nicht für absolut gut, so jedenfalls für die bestmögliche. Abgesehen von den Mädchen, die aus der Diaspora kommen, gibt es in unseren Kolonien viele Kolonistentüchtcr, denen erst eine solche geordnete Anstalt das Leben auf dem Laude lieh machen könnte, die sic mehr zur Wirtschaft und Arbeit anzuhalten vermöchte und ihnen überhaupt, wie es eben nur eine solche Schule vermag, den Sinn für den Ernst der Arbeit, die erforderlichen Kenntnisse und das nötige Verständnis zu geben hätte. Und wie viele Töchter der Eingeborenen gibt es in der Stadt, die man aus dem Müßiggang luud der Nichtigkeit ihres Lebens zur Arbeit auf dein Lande bringen könnte, um .sie dadurch für sich selbst und für den ganzen Jischuw wertvoller zu machen, wenn wir mir die richtigen Selm־ len dazu hätten?! Es sind also unbedingt solche Insllitute notwendig, in denen sicit das Mädchen an die Arbeit und an ihren Pflichtenkreis gewöhnen kann, in denen cs die Hauswirt« schaft in allen ihren Zweigen erlernt und wo es sich der Ordnung und dem stillen natürlichen Leben des Landes anztipassen beginnt. Durch theoretischen Unterricht in Verbindung mit der Praxis wird cs das Leben der Pflan« zeit und Tiere verstehen lernen und sich hierdurch neben dem praktischen Nutzen, den cs aus dieser Kenntnis zie« licn wird, wieder mehr der Natur nähern. So wird ihm die Landwirtschaft nicht nur etwas sein, wovon man mar tericllen Nutzen hat — dies ist selbstverständlich —, nicht nur ein Handwerkszeug in der Hand des Menschen, sondern an und für sidlt etwas Lebendes und Intcressantes. ' In diesen Instituten wird das Mädchen lernen, von den Produkten der eigenen Wirtschaft: Gemüse, Milch, Eiern und Früchten — all diesen Sachen, die eine Haus- Wirtschaft liefern kamt — zu leben und nichts von außerhalb zu kaufen. Es wird diese Produkte zubereiten lernen zum eigenen Gebraudt wie auch für den Verkauf. Ausser dem materiellen hat dies auch einen großen erzieherisehen Wert, besonders für uns, die wir in der Mehrzahl Städter und so vollständig vom natürlichen Leben abgc- Da kommt der Jude Prcuß und will beweisen, daß ’ dieser ganze preußisch-deulsdie Staat ein ziemlich rückständiges ,Gebilde sei, «las dringend einer Modcmisierung bedürfe. Soll der Nciiimmlsicbrigjährigc' mit dein Juden Prcuß anders umgehen a'.s «ler Neunundfüufzigjiihrige 1111(1 Scehzigjährigc mit den Juden Ricardo, Lassalle und Marx? Nein, das war nicht zu erwarten. Der Mann, der über dreißig Jahre lang die glänzendsten Gelehrten, tadellose F'hmimäiuier, von allen seinem LüifluS I unterstellenden Universitäten fernhielt, mir weil sie sich ] seinem wissenschaftliche״ Joch nicht beugten, und der cs gleichzeitig fertig bekam, die ״Voraussetzungslosigkeit i der Wissenschaft“ zu predigen und zu fordern, der so tief .davon durchdrungen ist, daß er allein den Weg zur wahren Wissenschaft besitzt und alle anderen falsche I Propheten sind, die mit allen Mitteln hinta »gehalten werden müssen, dieser Marin mußte sich natürlich gegen einen so unbequemen Kritiker wie Prcuß mit dem stärksteil Argument wenden, das es gab - und das war eben des Kritikers Judentum! Wäre der Kritiker kein Jude gewesen, so hätte Schmoller andere persönliche Motive für die Kritik gefunden. Er hat es oft genug bewiesen. Für Leute wie Schmoller, die von der eigenen Unfehlbar« keit und der Vortrefflichkeit des von ihnen Geschaffenen so überzeugt sind, gibt es grundsätzlicher Kritik ge« genüber nur ein Mittel: sic unschädlich zu machen, indem man ihre Motive verdächtigt. Heute scheint die Strömung, die Prcuß vertritt, — zu der natürlich hier keinerlei Stellung genommen werden soll! im Erstarken zu sein. Was ist ein* fachcr, sie niederzuboxen, als indem man sic zu einer ״jüdisclien“ stempelt? Ist das nicht ein uraltes, bewährtes Mittel? Und ist cs nach dem vorher Gesagten im geringsten verwunderlich, daß ein Schmoller dieses Mittel bedenkenlos ergreift? | Keine andere Lehre ergibt für uns der Fall Schmoller, als daß ein innerhalb seiner Grenzen gewiß bedeutender Gelehrter ein kleinlich unbedeutender Politiker sein kann. So kleinlich, daß er die Unterstützung des banalsten Antisemitismus der Straße lind der ״Oc- Seilschaft“ nicht verschmäht, wenn sic ihm gegen einen jjj Gegner dienlich sein kann. Dr. J. B. * Methoden und Kapitalbedarf jüdischer Kolonisation in Palästina j Das unter obigem Titel als Nr. ו der Nationalfomls-Bibliothek soeben erschienene Buch (HO Seiten) von Ing. Agr. Jacob Octtingcr ist zweifellos das gediegenste Buch, das über die jüdische Kolonisation in Palästina bisher erschienen ist. Es ist das Buch, das!die Stunde fordert. Der Weltkrieg hat in unsere Arbeit in Palästina unerwartet eine so tiefe Zäsur hincingcbracht, daß wir mit Recht eine Periode des Kolonisatiomswerkcs — die Kindheitsperiode — als ab- I geschlossen und alles, was nach dem Kriege entstehen t wird, als eine neue Periode betrachten können. Rückblick und Ausblick drängen sich «leshalb von selbst auf. Da ist es kein Wunder, daß viele Männer, deren Tätigkeit in Palästina der Krieg unterbrach, die unfreiwillige Muße benutzen, um das Fazit aus dem bisher Geschaffenen zu ziehen und ein Programm für die Zukunft aufzustcllen. In Palästina erscheinen zurzeit unter der Redaktion des Agronomen J. Wilkansky wertvolle Monographien in hebräischer Sprache über ein- /eine Zweige der Landwirtschaft, die über viele heißumstrittene technische Fragen Aufklärung bringen. Di * Octtinger’sche Buch unterscheidet sich hiervon dadurc daß es die jüdische Kolonisation als Ganzes ein« kriliscDcn Darstellung unterzieht und einen Plan fi die zukünftige kolonisatorische Arbeit entwirft. FC rissen sind. Dadurch, daß wir unsere Nahrung unmittc bar von der Erde und von den Lebewesen auf unsere! * Hofe erhalten, wird das Baud zwischen uns und ihne inniger und wir werden uns mehr «ler Natur und de! Landleben nähern. Durch die in diesem Geiste erzogenen Mädchen wird sich aticli die Anzahl der schön geordneten Hauswirt schäften mehren. Dies wird dem Arbeiter und dem klei neu Kolonisten die Möglichkeit der Existenz geben, wir« ihnen ihr Leben erleichtern und ihnen Befriedigung ge* wahren; und in die Häuser der wohlhabenden großen Wirte wird es den Fcldgcritch bringen. Rtircli Vervollkommnung in dieser Hauswirtschaft •! wir«I dem Mädchen auch das Arbeiterlebcn erleichtert - ganz gleich, ob in selbständigen Mädchengruppen oder im . Dienste anderer denn es ist ja an die Arbeit gewöhnt und kennt alle Fächer. Dieser Gedanke war cs, der den Antrieb gab, einen Versuch mit der Gründling einer l.ehrfarm für Mädchen in Kiuercth zu machen. Diese Anstalt war bei uns etwas Neues und Fremtics. . Man glaubte nicht an die Leistungsfähigkeit der Mäd- . chcn und an die Möglichkeit ihrer Selbständigkeit inner- : halb dieses Instituts. Die Gründerinnen konnten die nötigen Mittel zur Einrichtung einer solchen Farm und die passenden Lehrkräfte -- Frauen!mit praktischer .Erfaln; rung in der Erziehung und Landwirtschaft zugleich —; nicht auftreiben. Daher waren sic gezwungen, mit einem nur kleinen Versuch anzufangen. Nur der ״Frauenvercirt für Kulturarbeit in Palästina“ gab die nötigen Mittel zur j Durchführung .dieses Versuches. In der Farm Kincrcth fanden erst sechs und später ן zwölf Mädchen Gelegenheit, in allen Zweigen der Haus-1 | Wirtschaft zu arbeiten. Da die Leitung der Farm den j Ertrag der Leistung einer solchen SAülcrin auf höchstens , | 20 Fr cs. im Monat berechnete, während die notwendig'־ I