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Jüdische Rundschau · 1917-01-12 · Heft 2 (12.1.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 2 (12.1.1917)
Date
1917-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 16 J U EDI SCH E R U N DSC H A U j I 1 Nr 2 «r sichernden Gräben, keinen Waffenstillstand zu Reben scheint. Die Ostjuden werden tun, was ihre Aufgabe isf. Wenigstens das eine wissen wir, dalf die nationalen Teile des jüdischen Volkes auf ilireni IV)sten stellen, um mit Wachsamkeit und Hingebung,;,her auch mit Mäßigung und* Klugheit für die Zukunft der nationalen Interessen einzustelieii. Wer die Geschichte der zionistischen und jüdisch• nationalen Arbeit keimt, kann daran nicht zweifeln. Natürlich gibt es auch im Ostjudentum Schichten, die, jedes jüdisch-nationalen Gefühles bar, nichts anderes tun als den polnischen Dienst des Assimil,inten. Geber sie den Stab zu brechen, haben wir heute nicht nötiR. Wir und unsere GcsinnuiiRsverwaiidtcn im Osten haben ihnen gegenüber eine niemals undeutlich verschwommene Stellung eingenommen und an unserer, aus dem nationalen Motiv fließenden Ablehnung ihrer Alisichten niemals ein Mehl gemacht. Begrüßenswert ist es mir, daß sich jetzt in Deutschland auch au Ilerhalb unserer Reihen Männer finden, die im Prinzip keine andere Stellung als wir cinzunehineri .scheinen. Dessen kann der Aufsatz ein Zeugnis sein, den die ״Fr a 11 k f 11 r tc r Z e i t u n g“ vom 5. Januar unter dein Titel ״Die gesetzliche Organisation der Juden in Polen“ von J 11 s t i z 1׳ a t W a I dst c i 11, Reichstags׳• und l.aridlagsabgeordiieter, veröffentlicht. Justizrat W,,!Idstein stellt zuerst ausführlich den Inhalt der Verordnung über die Organisation der jüdischen Religionsgeseliscliaft im Generalgouvernement Warschau dar, und begrüßt die großen Fortschritte, die die neue Verordnung dem bisherigen Zustand gegenüber schafft. Er betont: ״Von zionistischer mul jüdisch-nationaler Seite ist eiiigewondei warden, man hätte statt einer jüdischen Reiigionsgcmeiiiscliaft eine nationale jüdische Kulturgemeinsehaft mit ausreichender Autonomie schaffen sollen.'‘ Waklsteiu bemerkt zu dieser Forderung: ״Wir wollen hier auf die Streitfrage der jüdischen Nationalität in Polen und ihrer, gesonderten;11110noineri Gestaltung innerhalb des Staatsgauzen nicht emgelieii; sie gehört nicht hierher, denn sie ist vine Frage der Gesamtverfassung des Landes und kann mir gemeinsam mit dieser gelöst werden. Wichtig und erfreulich bleibt cs unter allen Umständen, daß die deutsche Regierung offensichtlich bemüht ist, auch dem jüdischen Volksteil in Polen zu helfen und gerecht zu werden, in bewußter Abkehr von den barbarischen Methoden der russischem Regieriiug. Das beweist die vorliegende Ordnung. Hs ist daher zu erwarten, daß das gleiche Bestreben sie auch bei der Regelung der staatlichen Verhältnissc und der Verfassung leiten wird.“ Hs ist nicht notwendig, liier noch einmal die von uns schon angeführten Gründe dar/ulegeii, die uns vom jüdisch-nationalen Standpunkt aus zu einer Kritik der Verordnung veranlaßt haben. Wir nehmen zur Kenntnis, daß Herr Justizrnt Wald-, stein die Ordnung der nationalen Verhältnisse!111 Zusammenhang mit der Gesamtverfassung des Laudes geregelt sehen will und der Erwartung* Ausdruck gibt, daß auch hierbei eine gerechte Rücksichtnahme auf den jüdischen Volksteil in Polen walten wird. Wir nehmen an, daß Herr Reichstagsabgeordiiefer Waldstein .sich eine gerechte RücksiclitiiahiiK• auf den jüdischen Volksteil nichts anders denken kann, als indem die nationalen Wünsche des in Polen lebenden Teiles des jüdischen Volkes nicht unberücksichtigt gelassen werden, IXiß Rciclistagsabgeordiieter Wahlstein zu dieser A11schaumig gelangt ist, spricht auch aus seinen schar- Sen Worten gegen die polnischen Assiimlnntcn: ״Sie dünken sieb himmelhoch erhaben über den ortliodoxen Juden im langen Rock und sind im Grunde doch von dem Ghetto, von dem sie sich weitenweit entfernt glauben, insofern innerlich abhängig, als sie gänzlich durch die Furcht vor dem Ghetto beherrscht werden und jede jüdische Erinnerung, demgemäß auch jede jüdische Organisation als peinlichen Dcberrcst verwerfen. Sie ziehen den jetzigen Zustand der Anarchie und dev Verwilderung auch der verständigsten und tolerantesten Ordnung vor. Aber diese würdelosen, von aller Geschichte losgerisseiicn Menschen sind auch unter den polnischeu Assimilanteii hei weitem nicht der herrschende Typus, und auch von ihnen wird hoffentlich mancher durch eine freiimllicliere Entwicklung eines bcssereu belehrt werden und sielt daun in Reih und Glied stellen.“ Es wäre gut so . . . Vorläufig gibt es noch polnische Juden genug, deren einzige Sorge es zu sein scheint, wie tnögliehst schnell eine vollkommene Assimilation der polnischen Juden an das polnische Volk erzielt werde״ kann. Einer dieser ״Kenner der polnischen Verhältnisse", dessen Name unbekannt bleibt, hat am ל. Januar in der ״Kölnischen Volkszcit u 11 g“ einen Aufsatz ״Das Königreich Polen und die Juden“ veröffentlicht. Er glaubt, sagen zu müssen, daß es unter den gegebenen Minstiiiulen allerdings nicht verwunderlich sei, daß die Juden in Polen sich tatsächlich zum großen Teil als eine besondere Natimt fühlen, er erlaubt sich aber das Urteil, daß sie aus sielt heraus nicht die Kraft gehabt hätten, kulturelle Werte zu schaffen, Da nun scheint es ihm als selbstverständlich, daß eine Judenpolitik des polnische״ Staates nur eine Richtung einsehlagen kann, die darauf ausgeht, die Juden allmählieh mit dem Volksganzen zu verseilmicizcii, Eilte Anerkennung der Juden als nationale Minderheit könne durch den neuen Staat nicht erfolgen, wenn er nicht dauernd *ich einen breutdkörper erhalten will, der dem neuen Staatswcseii, wenn auch nicht gefährlich, so doch recht tmhcqucm werden könne. Hier taucht also wieder das abgegriffene Selilagwort vom Fremdkörper im Staate auf, der nicht geduldet werden dürfe. Es ist eine durchsichtige Tendenz, die dieses Selilagwort wieder aus der Rumpelkammer liervorholt, mul darum ist cs aucli eine durchaus tendenziöse Auslegung, wenn der Autor des Artikels aus der Verordnung über die Organisation der jüdischen Religionsgeseliscliaft in Polen den Schluß zieht, daß nichts anderes möglich sei, als eine Assimilation der Juden in!Allen auf Grundläge der Anerkennung und Ordnung ihrer rein religioiisgcsclIschaltliClien Verhältnisse, Daß diese Tenden/ nicht unbemerkt und unerkannt bleibt, beweist schon die redaktionelle Vorbemerkung der ״Kölnischen Volkszcituug“, die vor dem Abdruck des iinge/ck'liiiete» Artikels bemerkt, ״daß ihr seine ) These von der völligen Verschmelzung der Juden | und Polen int Königreich Polen nicht ganz eing wandfrei zu sein scheint. Wenn man das Beispiel f der Juden in anderen Staaten, wo jene nur einen geringen Prozentsatz der Bevölkerung ausinaclien, vergleicht, kommt man zu dem Schluß, daß die! zwei Millionen Juden in Polen selbst bei ihrer kulturellen Hebung und weitgehenden Assimilation mit dem polnischen Volk nicht ganz sielt verschmelzen lassen werden.“ Wir können diese vorsichtige Bemerkung der ״Kölnischen Volkszeitung", allerdings mit größerer Bestimmtheit, wiederholen. Die nationale Art und der nationale Wille sind im Ostjudcntum so stark, daß sie sich weder aus der Welt der Tatsachen forteskamotieren, noclt auf die Dauer auch der uninformierten westeuropäischen, deutschen und jüdischen Oeffentliclikeit verschweigen lassen. Das Ostjuden־ tum ist bekannt geworden und hat allmählich Verständnis fiir seine Wünsche und für seine Lage gefunden. Das beweist jeder Strcifziig, der durch die Literatur und Publizistik unternommen wird und sichtet, was von Juden■ und Niehtjuden, Politikern und Literaten über Jüdisches und Ostjiulischcs geäußert wird. L. H. Die Konferenz des jüdischen ״Volkshilfskomitces“ in Amerika Vom 18. bis 2J. November tagte in Boston die Konteren/ des ״People’s Relief (ömmittee“, dieser jü* disclien Kriegsliilfsorganisalion, die die zionistischen und Arbeiterkreise der amerikanischen Judenhe.it umfaßt, Dieses Komitee ist ein Jahr später als die zwei uiideren jüdischen I lillskomilei s (das orthodoxe ,,Central- I lilfsconiite“ und das ,,Amerikanisch-Jüdische“) begründet worden. Trotzdem gelang es dem ,,Peoplc's Relief Committee“ Im Verlauf von 18 Monaten 701)00(1 Dollar, also mehr als 10״״ der ganzen Summe, die von Amerika für die vom Kriege betroffenen Juden überhaupt überwiesen wurde, aut/.ubrlngen. f An der Konferenz nahmen HO Delegierte teil, Vertrete!׳ von HO Vereinen in ii Städten der Vereinigten Staaten und von Kanada. Die beiden Hauptrichtmigen der Konferenz, die Zionistische und die Sozialistische, strebten ein friedliches Zusammenarbeiten zugunsten der kriegshetmffeiieu Brüder an. Vorsitzender war der jüdisdi-sozinlisfiscbe Abgeordnete des Kongresses der Vereinigten Stauten, Herr Meir London, der Berichterstatte!■ der Leitung war der Vorsitzende der Zionistischcii Föderation, Herr Louis Lipski. Heber die Arbeit des ״Joint Distribution c,,mmittec“ referierte der Vorsitzende des New-Yorker ״Zion-Councils, Herr Morris Rottenberg", und über die Organisierimg der Cidilverteiluug in Polen berichtete der Schriftsteiler S e h 11 I o in A s c h. Fr sprach von dem mißlimgencn Versuch der Entsendung einer autoritativen Deputation der amerikanischen Judenlieit in die vom Kriege betroffenen Länder. Die Konferenz drückte ihr tiefes Bedauern darüber aus, daß mit Ausnahme des Herrn J. I.. Mn gm cs die Deputation in der Ausführung ihrer Berufung verhindert wurde. Die Konferenz bcschloß ferner, daß die Verwaltung der Oeldvertcilung eine demokratische und unparteiische sein müsse. Zum Problem der Uebersetzung aus dem Jldischcn Auch eine Buchbesprechung*) Von Gerhard S e 11 o I e m Die Aufgabe einer prinzipiell einwandfreien •Hebersetzuug jidischer Schriftwerke gehört zu eien scliwicrigsten der UcbersclZuugskunsL Diese Schwierigkeit gründcl sieh auf die besondere Zwiespältigkeit der jidischen Sprache, deren innere Form zu einem wesent. liehen Teil schon die einer Uebersetzung ist. Stellt sonst «Jer Ucbersctzcr, rein sprachlich gesellen, prin- 7 ipiell vor der mir der oberflächlichen Bctrachtung paradox scheinenden Aulgabe, die geistige»! Ordnungen jenes Schriftwerkes, ja, im tieferen Sinne jener ganzen Sprache, in der der ursprünglichen parallek'11 Sphäre einer fremden und von anderen Ordmmgci« bestimmten Sprache ab/ubildeu, so hat er hier ein unvergleichlich schwierigeres Problem vor sich. Die innere Form des jidischen, dessen oberste und bcstimmendste geistige Ordnungen nicht ihm selber, 8011dem dem Hebräischen entstammen, ist eine Abbildung des hebräischen Sprachgeistcs im Deutschen, das gcwisscmialkn seine Materie gebildet hat, und so Juit jeder, wer heule aus dein Jidischen ins Deutsche übersetzen will, jenen Abbildungsprozeß noch einmal z.n wiederholen. Von hierher begreift sich die Forderung, ’) J. L. Pore/.: jüdische Geschichte». Aus dem Jidischen übertragen von A 1 ex a n d er EI la s ־ berg. Insel-Bücherei Nr. 204. Insel-Verlag, Leipzig, Ost jüdische Erzähler. J. L, Pc r e z, S clio ■ lern• AI ei ehern , Sc ho lern Asch. Ausgewälilt und aus dem Jidischen übersetzt von Alexander EI ו a s b e r g. Liebhaber-Bibliothek, Gustav Kiepcnheuer Verlag. Weimar. Sagen polnischer Juden, ausgewählt und übertragen von Alexander Elia »her g; München, bei Georg Müller. die man au alle IJcbcrsetzcr aus dem Jidischen unbcding-t Wird stellen müssen: Die Kenntnis des Hebräjschen und seiner bestimmenden Ordnungen, andernfalls die Uebersetzung Gefahr läuft, seelenlos zu werden und kalt, das heißt: jene Wärme höchst cigentümheller An. die die Reibung des Hebräischen um! Deutschen aneinander im Jidischen erzeugt hat, und die noch in der letzten seiner Manifestationen liegt, zu verlieren, da der Uebersctzemlc sie in sich nicht primär zu reproduzieren vermag. Gilt all dies schon rcüi spracl!theoretisch vom Ji* disdien im allgemeinen unabhängig von dem behaudeiten Gegenstände, so gilt es noch unendlich stärker von religiösen Texten, wie deren die drei vorliegenden Bücher (mit Ausnahme einiger Geschichten! des Bandes ״Ostjüdische Erzähler“) enthalten. Es ist nichts weniger als Zufall oder oberflächliche Bequemlichkeit, wenn das Jidisehe den religiösen Wortschatz des Hebräischen ohne Uebersetzung in sich aufgenominell hat, ja daß Neubildungen der religiösen Sprache, wie sie beispielsweise im Gefolge• des Chassidismus auftreten, stets dem Hebräischen entnommen werden. Der Volksgeist wußte, daß die geistigen Ordnungen des Judoutums, von deren Letztgültigkeit er überzeugt war, nicht anders beschrieben und ausgcdrückt werden könneu als durch sieh selber und in ihrer ureigensten Sprache, dem Hebräischen. Er wußte, daß ״Thora“ in den Ordnungen des Deutschen nur durch einen unendlichen Prozeß, also nur annäherungsweise iimsdiriebeti werden kann, nicht aber durch irgendein gewissermaßen bürgerlidies Wort. aus einer untergeordneten Sphäre, etwa durch die in unseren drei Büchern häufig auftreteinde ״,Gelehrsamkeit“. Einige Beispiele werden zeigen, daß der Uebersetzer auch hier seine prinzipiell abzulchnende, dem bürgerlichen bedeutende Konzessionen machende Stellung zur Sprache bekundet. Ein Minjan ist kein ״l'rivatgotiesdiensi“ denn den kennt das Judentum nicht, der Minjan ist vor Oott und Menschen eine im selben Grade ״öffentliche“ Sache wie die ganze Gemeinde. Gehinom liat ebensoviel mit ״Fegefeuer“ zu tun wie Mikwah mit ״ßad“, bcidesmal bleib( das Wesentliche draußen. 111 Büchern, die vorgeben, das Ostjudcntum von i n 11 e 11 heraus sprechen zu lassen, ist cs staunenerregend, den chassidisehen Zaddik mit ״Wuuderrabbi“ ״übersetzt“ zu finden. Die Terminologie jüdiseh-antisemitiseiier Witzbiielier scheint ungeeignet zur Abbildung einer geistigen Ordnung, wie sie sich im Zaddik manifestiert. In einer Novelle von Franzos ist der Wunderrabbi am Platze, in einer Percz’schcn .Geschichte beweist er zentrales Nicht-VerstcJien. Solche Beispiele ließen sich aus den drei Bänden in großer Zahl;!!!führen, hier stehe mir noch eins, freilich eins, das genügt, um dem jüdisclien Leser Grausen m machen: Wenn die Chassidim win ihren Leuten reden, die zum gleichen Zaddik fahren, so nennen sie sie hebräisch אנשי שלומנו chic Bezeichnung, die die ganze Wärme des Jidischen in situ trägt, 111 der Uebersetzung aber redet Jochanan der Mclamincd, ein Chassid, wie er im Buche stellt, 1״0־ seinen ״Gesinnungsgenossen'“!! Die öbjektivireude, gleichgültige Kälte dieses Wortes, dessen echt westeuropäische Natur seinen Gebrauch in einer Peivz- Uebersetzung von vornherein aiissehließe« sollte, verbreitet um sich eine Atmosphäre von Unmöglichkeit. Aber dem des Jidischen und Hebräischen unkitndigen Leser, etwa den Niehtjuden, auf den ja eigentlich die Bücher hauptsächlich berechnet zu sein scheinen, werden vielleicht all diese Dinge gar nicht auffallen. Und das uns eitlem ein fachen, warn auch nicht erfrctilichcn Grunde: weil sie nicht besonders aus dem Geiste der übrige 11 Teile hcrausfallcu. Es ist schwer, dies zu formulieren, aber man kam! sich «lern Eindruck nicht entziehen: in der Ueborsctrimg wohnt nicht mehr der Geist der Origitfcle, über deren teilweise außerordentliche Größe hier nicht gesprochen zu werden braucht. Wollte man etc Maßstnbc, die man an die Originale anlcgen darf und muß, auch an die über-

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