Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 2 (12.1.1917)
- Date
- 1917-01-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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\S ij {/ _ mffm .1 ׳ \ ■J Red?kt׳o« und Verl«׳ Judtsdie Rundschau, Berlin W. 15, Sadinl.d.« Straße8. Er•'' ,W״ ÄV«!'1״‘? Abonnement bei der Expedition ״״d bei nll״״ viertclj.thrl■ Mk. 2,25 m Deutschland, m Ocstcrrcidi-Ungarn Mk. 2,50, im Ausland Mk. 3,— Nummer 2 Berlin, den 12. Januar 1917 Telephon: Amt Uldnnd 845, 816׳. Postscheckkonto: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich! K. K. Postsparkassenamt Scheckkonto Nr. 156030. Anzeigen die sechsgespultene Petit- Zeile oder deren Raum 40 Pf. Teucrungszuschlng 15%. Redaktionsschluß Dienstag nachm. 18. Tcbeth 5677 XXII. Jahrgang Streifzug Die Literatur über jüdische und insbesondere auch über ostjüdisihc Dinge und Fragen ist wie ein Strom, der bald steigt, bald fällt, viel Schmutz und Gerümpel aut seinem Rücken trägt und an die Her wirft, manchmal aber doch auch fruchtbaren Huden und Samen allerlei Art au nahes und fernes < icstaüc bringt. Wenn mail das Wachsen und Steigen dieses Literatursiromis mit dauernder Sorgfalt beobachtet und den < iriiiuL n nachgelit, warum zuweilen auberordentlieli bedeutungsvolle mul auch für die Allgemeinheit wichtige Probleme ohne Utemischen und publizistischen Widerhall bleiben, während ein anderes Mal wieder unscheinbare Hin- /elereignisse eine Flut von Aeußcnmgen in Zeitungen und Zeitschriften lind Hüdiern hervorrufen, so lindet man unter anderen, sehr wichtigen (minden nicht zu alierietzt den, dal! es bis in die letzte Zeit, wenigstens tiir das deutsche Publikum, keine publizistisch-literarische Stelle von allgemein anerkamiter Autorität \!nd hohem geistigen Niveau gegeben hat, die die allgemeine Meinungsbildung 011tscheidend und gestaltend dauernd beeiuiiuüt hätte. An diesem Mangel litten alle jüdischen Aufkiärungsarbeiten, litt die literarische, aber auch die politische Darstellung jüdischer Dinge, Auch die politische: denn es ist nicht so, dall die politische Literatur ausschließlich auf nur rein politische Tat- Sachen und Darstellungen reagiert und sich daher selbst auch im politischen Thema erschöpft. Oerade das Gegenteil ist der Fall. Gerade die politisehe Literatur, der rein politische Aufsatz ist letzten Endes doch immer auch bestimmt und bedingt von Stimmungen und Eindrücken, die die politische Formel noch nicht erfaßt hat. Darum war es eine aucli politisch so wichtige Tatsache, daß wir im ״Juden“ ein gewissermaßen zentrales Organ hekommen haben, das im wahren Sinne des Wortes einen kulturpolitischen Fiiiflu!'■;iietibcii kann. Diesai Einfluß können wir heute schon im ganzen limkreis publizistischer Aufsätze und literarischer Aeu- Ikrungeu über jüdische Dinge fcststcllen. Und wir sclien, daß sich dem beherrschenden Einfluß einer jiklisehen Zeitschrift, die sich nicht damit begnügt, Landläufiges und Bekanntes in möglichst geschickter Form und immer neuer Fassung weitcrz.ugebeii, sondern die aucli dem informierten Leser neue starke Werte zu vermitteln vermag, fast niemand entzieht, der heute über Jüdisches etwas zu sagen versucht. Prof. Geiger hat das in seiner ansprechenden Naivität wieder einmal in dem Warmuigsnif ausgedriiekt, daß die Zeitschrift ״Der Jude“ im ganzen deutschen Blätterwald die Reklametrommel zu rühren weiß, in Wirklichkeit handelt es sicli hier um nichts anderes als um das Phänomen sich durchsetzender geistiger Wirkung auf dem ganzen Gebiete der Anschauungen über jüdische Dinge, mögen sie nun politischer oder literarischer, 11alionaler oder sozialer Art .sein. Veranlassung zu solchen Ausführungen gibt hauptsächlich die Reihe von Aufsätzen, die Berthold Viertel in der Zeitschrift ״Die Schaubiih 110“ unter dem Titel: ״Ostjmlcu“ veröffentlicht hat (Heft 5», 51 und 52). Auch er geht davon aus, daß alle, die den Ostjuden nicht kennen, ihn jetzt erörtern. Wer ihn aus der Ferne kennen lernen will, schreibt Viertel in der Einleitung, lasse sich durch Martin Hubers Zeitschrift ״Der Jude“ einführen — in beides gleichzeitig, in die allgemeine jüdische Frage und in das Wesen des Ostjudentums. Von der Zeitschrift schreibt er: ״Es wäre verlockend, in dieser Werkstatt der Liebe und des Glaubens länger zu verweilen, wenn nicht aus der Welt des Hasses ein störendes Geräusch herüherdränge, ein Geschwätz und Gcschachvr um das Ostjuden• tum.“ Und dann erzählt Viertel aus eigener Anschauung über das Ostjudentuin, wie noch nicht viele in deutschen Zeitschriften gesprochen haben. Er spricht davon, daß gegen niemand in der Welt so gekriegt worden ist, wie gegen die Ostjuden. Aber daß man im Ostjuden,.während ringsum der Welten- Wahnsinn tobte, einen, recht vernünftigen Menschenschlag kennen lernte,' daran hat man nichts gefunden. Und an die, jüdische Treue, die sich so herrlich bewährt hat, hat man sidi als an etwas Selbstverständliches so gewöhnt, daß niemand ein Aufhebens von ihr macht und daß sie zu leicht ״Der Zlonltmu« erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Baseler Programm. übersehen und vergessen werden konnte. Wichtig ist, und aucli von politischer Wirkung, d. 11. von Wirkung für politische Geschehnisse, was Berthold Viertel über Moral im Leben und Handel des ostjüdischen Kaufmanns erzählt. Seine Verteidigung des Ostjudentums, oder besser gesagt, seine Anklage gegen die Vcrurteilcr und Angreifer, richtet sich nicht zum Letzten gegen die Westjuden. Sie sollten begreifen, was der gegen die Ostjuden gewendete Antisemitismus aucli für sie seihst bedeutet. Den stärksten Nachdruck weiß Berthold Viertel auf die Darstellung der Kraft zu legen, die im ostjüdischen Volke lebt. Er weiß, daß das Volk noch gar nicht da ist, zu dem die ostjüdischen Dichter י sprechen; in ihnen aber spricht der Wille, eine I zerstreute Masse innerlich zum Volk zu sammeln. Berthold Viertel hat die Kräfte erfahren, die um die Erneuerung des Judentums tätig sind. Er weiß vom Zionismus, er begreift die an Ort und Stelle wirkenden nationalisierenden Tendenzen ..,Nation“ als Postulat, als Aufgabe — als die Art, wie der reine jüdische Geist sich seinen Körper formt. Und indem Viertel den Ostjuden und den Westjuden vergleicht, wird ihm des Ostjuden ungcbrocheneres Verhältnis zur Bedingtheit der Ilmwelt klar und er glaubt an die große Verheißung, die in dieser Ungebrochenheit liegt. Er sieht, .wie der Jude in allen Lagern seinen Willen zur Gemeinschaftspfliclit durch die Tat erhärtet hat. Gerade dar um sei es eine moralische Katastrophe, daß in Deutschland ein Ausnahmegesetz der Grenzsperre für Ostjuden erörtert, wenn auch nur erörtert worden ist. Viertel hat recht, wenn er das Auftauchen des Gespenstes eines Ausnahmegesetzes in allen seinen möglichen psychologischen Folgen bedauert. Demi er hat recht, wenn er vom Ostjuden sagt: ״Er fühlt sich nicht mehr als der Geächtete, der zum Refugium taumelt. Jude, und das ist: Ausnahme sein, ist ihm zum Stolz, zur Aufgabe, zur Mission geworden;die Eroberung nach innen beginnt diesem Typ jeden Raumgewinn nach außen an Wert zu übertreffen, lieber alle Treue triumphiert die Treue zu sicli seihst.“ Wie dann zum Schluß Berthold Viertel den Westjuden ins Gestellt sagt, daß die Ostjudenfrage nicht zuletzt eine Frage der Westjtulen ist: das müssen wir hier nicht wiederholen, das war für die Leser ״Der Schaubühne“ bestimmt, denen es noch nicht gesagt worden ist. Berthold Viertel ist Jude und deshalb hat ihn das Miterlehen ostjüdischen Schicksals besonders erschüttert und deshalb ist er, wie er selbst hekennt, das altbekannte Westjüdische, das allzuneue Ostjiklische schwerfällig durchdenkend, an der Hand des ״Juden" in die sicheren Gedankengänge des Bubcrscheii Kreises ganz unwillkürlich geraten; das hat ihm nach eigenem Geständnis den fragmentarischen Blick vielfach ahgerundet. Achnlich aber geht es auch Nichtjuden, die jetzt einen Führer zum Ostjudentum und zum Judentum zu finden wissen. Prof. Kranz legt davon in einer großen Besprechung Zeugnis ab, die in der ״Osteuropäischen Zukunft“ erscheint und dem Autor Gelegenheit gibt, vom Standpunkt des Deutschen das überragende lntciesse zu betonen, daß die deutsche Politik an den jüdischen Sonderwünschen für die Zukunft der Ostjuden nehmen muß. Und im gleichen Sinne schreibt Prof. Herm a n n Stra ck in der ״Thco Io gischen Li tcr atu rzc it u n g“, welcher an die Spitze seiner Besprechungen des ״Juden“ die Sätze stellt: ״Die Juden der Gegenwart sind ein Volk. Dieser Satz ist namentlich von deutschen Juden oft und nachdrücklich bestritten worden, so von Moritz. Lazarus (״Die Juden haben keine eigene Nationalität mehr), Ludwig Geiger. Der große Krieg, aber hat schon jetzt seine Riehtigkeit bestätigt und er bestätigt sie für den aufmerksamen Beobachter täglich mehr.“ Daß man von jeder Seite her den Außenstehenden zu dieser Erkenntnis führen kann und ihm diese Erkenntnis zu einem festen und unverlierbaren Besitztum zu machen vermag, das beweist der schöne Aufsatz im 26. Heft der ״Sozialistischen Monatshefte“, den der Referent der Kunstrubrik, August Döppner an Arno Nadels Beiträge über jüdische Volkslieder im ״Juden“ schließt. Indem Döppner zu dieser ״ungewöhnlichen und ungewohnten Poesie“ Stellung nimmt, erfaßt er den ganzen geistigen und nationalen Zusammenhang des jüdischcn Lebens. Es ist nicht ohne Bedeutung, daß auch von dieser Seite der Leser der sozialistischen Zeitschrift erfährt, daß man in urteilsfähigen Kreisen heute anders über Judentum, nationales Judentum und Ostjudentuin denkt, als es bis vor nicht zu langer Zeit üblich war. So wird die Empfänglichkeit geschaffen, die jüdischen Dinge und Probleme wirklieh auch mit unseren Augen sehen zu können. Daß das möglich ist, beweist in einem gewissen Sinne auch ein Aufsatz aus der Feder des Reichstagsabge ordneten G. N o s k e, der in der letzten Dezember-Nummer der von Partus herausgegebenen sozialistisehen Wochenschrift ״Die Glocke“ unter dem Titel ״Ostjüdisches“ erscheint. Reichstagsahgeordneter Noske, einer der führenden Männer der sozialdemokratischen Fraktion, bekennt, wie unendlieh kompliziert und außerordentlich schwer'lösbar die ost jüdische Frage erscheint. Er spricht vom Schicksal der Ostjuden vor dem Kriege und während des Krieges und erzählt von dem jüdischen Massenelend, das er selbst während des Krieges im Osten, in Lodz, in Wilna, in Bialystok und in Warschau gesellen hat. ״Ratlos und unfähig zu helfen, steht . der Einzelne und stand anfänglich auch die deutsehe Verwaltung dieser Häufung von Elend gegenüber. Rasche, durchgreifende Hilfe ist überhaupt nicht möglich. Eine neue Ordnung kann nur allmählieh Besserung bringen.“ Nun fragt Noske, ob die Befreiung Polens auch den in Polen wohnenden Juden sofort eine wesentliehe Verbesserung ihrer Lage und volle Gleich- Berechtigung als Staatsbürger des Gemeinwesens bringen• dürfte; dem sie seit Jahrhunderten angc* hören, und kann auf die Frage kein klares Ja sagen. ״Das russische Joch ist beseitigt, starker polnischer Druck wird vorerst bleiben. Der Grund dafür ist ein scharfer wirtschaftlicher Konkurrenzkampf zwischen Polen und Juden. Deshalb wird dem Juden das Leben weiter recht sauer gemacht werden. Nebenher gellen wird ein starker Druck, um die Juden zur Assimilation, zum Aufgchen in das Polentum .zu nötigen. Rasch wird es werter mit der Ab- Wanderung, noch mit der Verschmelzung gehen.“ Noske wiederholt an dieser Stelle, was uns ja hinlänglich bekannt ist, wie die befreiten Polen den Juden gegenüber sicli als nationale Unterdrücker benehmen. ״Mau muß sicli darüber klar sein“, schreibt Noske, ״daß es undenkbar ist, Deutschland könnte als großer Polizist neben Polen stehen und dafür sorgen, daß dem Juden keine Unbill widerfährt. Krassem Unrecht ward die deutsche Verwaltung jetzt aber entgegcntretcii müssen. Ist zu fordern, daß Deutschland sich nach dem Kriege möglichst wenig in die iimerpolitischen Angelegenheiten Polens cinmisclit, so muß dafür unbedingt Sorge getragen werden, daß den Juden wie den anderen Minoritäten in Polen, besonders aucli den Deutschen, ihre Rechte dauernd gesichert werden. Politische Gleichberechtigung und körperliche sowie geistige Bildungsmöglichkeit ist den Ostjuden zu garantieren. Dann aber heißt es für sie, sicli nicht zu ducken und zu schmiegen, sondern für eine bessere Zukunft zu kämpfen. Die Ostjuden werden in der Hauptsache sieh ihr Schicksal selbst zu gestalten haben. Bei einem Volke, das cs trotz jahrhundertelanger Leiden und Verfolgungen verstanden hat, sich zu behaupten, darf man sicher sein, daß die größere Freiheit, die der Krieg trotz alledem bringt, von ihm so angewendet werden wird, daß von nun au aus Not, Elend und Unfreiheit sein Weg aufwärts führen wird zu wirtschaftlicher Hebung und moderner Kultur.“ Noske hat recht: die Ostjuden werden in der Hauptsache sich ihr Schicksal selbst zu gestalten haben. Zweifelt jemand, der die Kräfte des ostjüdischen Volkes kennt, daran, daß der Wille hierzu hei ihnen vorhanden ist? Hat man vergessen, welche heroischen Kämpfe von den Juden im Osten, im besonderen auch von den polnischen Juden geführt worden sind? Allzuwenig noch kennt man den Heroismus dieses ununterbrochenen Kampfes, in dem es keine Atempause, keinen Stellungskrieg hin-