Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1917)
- Date
- 1917-01-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. I wenn itli vorher sagte,' daß jede wahrhafte Erziehun!׳ Förderung der Sclbsterziehuiig ist, so gilt das besonders ,ur ",*■ .r1r..k?״l״•" d״ neuen Oeneratiou gar niciit tl;1s Alte überliefern weil• wir es nicht besitzen. Un• sere Großvater besaßen es. wir nicht. Wir haben dieses Uut nicht in Händen, wir haben nur unser grobes Oe• fuk der jüdischen Werte und das starke Bedürfnis nach Aktualisierung der jüdischen Werte. Aber stiirker noch als bei jedem anderen Volke tritt aus dem angeführten Orunde an uns die Forderung heran: in An• kiiiipfimg an die alten Formen der Wertübergabe, der 1.rz1t‘hunK, /u schaffen. Für jeden, der sich klar macht, um was es geht, bedeutet dies ein ungeheures Wagnis. Wir haben seit zwanzig Jahren auf allen zionistischen Kongressen und anderen Tagungen von der Kulturarbeit geredet, aher wir gelangen erst jetzt zu dem Gefühl, welch ein ungeheures Wagnis, weieii eine schwere, harte, widerstandsreiche Aufgabe sie ist. Geredet haben ■wir zwanzig Jahre genug und über• genug, aber wir stehen noch immer vor dem Aiilang einer wahrhaften Arbeit, Diese Arbeit kann niclil :ווו• lieben, ehe wir uns mit aller Strenge gegen uns selbst ihre grolle Schwierigkeit zum Bewußtsein bringen. Es handelt sieb für uns darum, den neu aufwachseiideu Geschlechtern des westlichen Judentums die Werte des jüdischen Volkstums zu überliefern, so aber, daß diese Generationen an der Hand des Materials, das wir ihnen in der rechtmäßigen, zweckentsprechenden Form zu über• geben haben, lernen, sich selbst zu erziehen. Was uns von der Jugend immer wieder ztigeruteii wird, ist eben dies: Helft uns, uns selbst zu erziehen. Das, woran es diesen jungen Menschen fehlt, ist jüdisches Material. Und da müssen wir es uns ganz klar machen: Was für ein Material haben wir ihnen zuzuführen und in welcher Weise? Wir sniil bisher an diese Arbeit noch fast gar nicht herangegangen. Wir haben zwar ein Verlagswesen und eine Presse, wir haben aber trotz alledem nicht das geeignete Material, um einen jungen Menschen, der *sich im Judentum bilden will, die Mittel dazu an die I (and zu geben. F.s gibt weder aul dem Gebiet der Geschichte, noch der hebräischen Sprache, noch der l.iteraturktinde, noch der Palastinakur.de, noch der soziologischen Gegenwartskunde, ja nicht einmal auf dem (icbicl der nationalen Bewegung, ihrer Theorie und Geschichte Material, das wir mit gutem Gewissen von unserer so erfaßten Aufgabe aus den jungen Leuten in die Hand geben könnten. Es geht hier um ein Doppeltes: erstens tun die Bearbeitung des wissenschaYtlicheii Materials iii der Weise, 11:111 es unsere Erziehungsaufgabe fördere, zweitens um die /weckentspreeilende Darbietung geeigneten Stoffs aus der hebräischen und jüdisch-volkstümlichen Literatur. Für beides sind Vorschläge allsgearbeitet oder entworfen; mit der Aus• fiihriing muß nun endlich begonnen werden. In ilersc'llven Richtung liegt die Frage: wie lassen sich die jüdischen Werte der Jugend so übermitteln, daß in der ganzen Methode der Uebermittlung die Richtung auf die Förderung der Selbsterziehung bewahrt wird? Ich möchte auf drei konkrete Beispiele ein* gehen. Das erste davon ist der Geschichtsunterricht. Wohl müssen wir zunächst davon abschen, in den vorhandenen deutschen Schulen unserer Auffassung des (iesdiichts- Unterrichts• Eingang zu verschaffen: wir müssen selbst Institutionen dafür begründen. Aber in einzelnen dieser Institutionen unterscheidet sich der Geschichtsunterricht in der Methode, im (!eiste kaum wesentlich von dem, der gewöhnlich in unseren Mittelschulen herrseht. Es werden Daten und Fakten aneinander;gereiht und es wird versucht, etwas geistige Sana׳ darüber zu tun. Was wir uns vornehmen sollen, so schwer es ist und so wenig geeignetes Material uns vofliegt, ist dies, den jüdischen Geschichtsunterricht so lebendig zu gestalten, daß die Jungen und Mädchen, die wir unterrichten, das Gefühl bekommen das ist eine andere Welt als die 1icr Schult* <las Nt nicht etwas, was ich einzupuuken habe, sondern etwas, was ich ganz lebendig empfinde was inicli umnitUibar angtht. Hs muß also versucht werden, daß, wenn /.. B. von der Geschichte Palästinas gesprochen wird, Palästina für die Jugend, zu der ge• sprechen wird, nicht ein Land auf der lamdkurtc ist, ülier dessen Klima Faima, Flora sie einiges erfährt, sondern ein Land das nicht nur an ideellem Gehalt, weil es das Ziel unserer Sehnsucht ist, sondern an lebendigem Interesse alle anderen Länder überragt. Und in der• selben Weise ist etwa die Lvhcnsgescliichtc der großen Männer zu behandeln. I.s ist hier heute gesagt worden, v/ir müssen jüdische I leldengeschichte haben, wir müssen jüdische heroische Vorbilder haben und es kommt nicht darauf an, ob der David etwa so aiissiciit wie der *Siegfried Meiner Meinung noch kommt es sehr darauf;111, Die jüdischen Werte sollen von der Jugend ment empfunden werden als ein Wert unter den Werten, das Judentum naht als ein Volk unter den Völkern, soiuimi das Einzigartige, Geprägte. Unvergleichliche des Volks• tums muH sieh ihr offenbaren. Der spezifische Jtidi■ sehe Heroismus muß ihr erscheinen; und das ist and bleibt ein 1 teroisnuis des Geistes. Deshalb soll man, so schwer es auch ist. einem jungen Menschen solche« Heroismus ganz fühlbar zu machen, es immer wieder versuche 11 bis es gerät. Bis unsere Jugend auch ein so ״anderes" Heldentum erkennt mul erlebt wie etwa das Jcrcmijus, des Mannes, der gegen die Macht• liabcr und ungebeugt von allem, was ihm die Macht• Itaber aiitun. die Wallt heit verkündet, weif er unter dem (Jesetz des Geistes steht. Die Vorbilder, die wir vor der Jugend aufz.ustelleti haben, sind die Bilder der Helden, die Macht durch den Geist waren. Aus denselben Prinzipien ist der hebräische Un• terrieht zu betrachten. Gewiß ist das gesprochene He• bräiscli - das Hebräisch des Familien ebens, der Küche, des Marktes, der Straße das schönste hanomeu des jüdischen I .ebens in Palästina. Worauf es aber in unserer westjudisehen brz.iehniig zu allm:1־.st Jttk(״«״« ist etwas iimleres diejenigen jüdischen Werte, da m n in der hebräischen Sprache und nur ,*״ jcr Sprache überliefern kann in der J!<KC״d Kbe idig zu machen. Das heißt vor allem die Bibel l vorher saute daß die neuen Formen, die wir zu scimttcn S& nur durch Anknüpfung au ™ den können, so haben wir m kl״ch def ta besondere Anknüpfung au 1e11e Methode, nach aer 1m besondere AnKnupiuiig ״»* «. * n*»iii*hi1uVntuit18 Osten .Alle Geschlechter des lebendigen Oaluthjuocntums J UED1SCH E RUNDSCHAU erzogen wurden. Dem Unterrichte sind die großen iexte des jüdischen Schrifttums, vor allein die Bibel- I te.\te, dann aber auch die späteren, bis auf unsere zteit, zugrunde zu legen. Auch hier macht sich die Forderung der bclbsterzichung geltend. Man läßt die Jugend nicht irgendwelche Satze einlernen, die sic nicht sehr angelten, sondern gibt ihr etwas, was Ihr eine neue Weit erschließt und so, daß sie es sich nidit anders erschließen kann; denn es gibt keine Bibeltiber- Setzung. Es gibt aber etwas, was stärker ist ab Erkenntnis, stärker noch als die Verbindung mit den großen histori• sehenWerken׳; das ist der IcbcndigeKontukt mit dem Volke י״״ ־־ jvnem innerlichsten Leben des Volkes darin die Werte als Traum, als Aufgabe, als Streben fnrtbcstchcn. Zweierlei ist hier vor allem wichtig; Palästina und das östliche Judentum. Mit beiden müssen wir unsere losgeloste westliche Jugend eng verknüpfen, Es genügt nicht daß sie von ׳unseren Kolonien wisse; sie muß mit der Jugend Palästinas in einen direkten Zusammenhang des Gebens und Nehmens, in einen steten Austausch von Erlebnissen und Erfahrungen, Wünschen und Absichten treten. Und ebenso genügt e» nicht, daß unsere Jugend dieses oder jenes Werk ostjüdischen Geistes sennen lerne; sie muß!an den Käinpien und Arbeiten, an den Leiden tuid Ringen des ostjüdischen Volkes innig teilnehmen. Damit habe ich etwus berührt, was nicht die Jugend allein, was uns alle angeht. Für uns alle ist das Wichtigste wie einerseits die .'Schaffung einer Einheit zwischen Palästina und Diaspora, so andererseits die Schaffung einer Einheit in der Diasjxira selbst durch die Herstellung eines lebendigen Kontakts zwischen östlichem und westlichem Judentum. Dieser Kontakt Ist durch mancherlei Dinge erschwert, vor allem durch den westlichen und den östlichen Hochmut. Der westliche Hochmut ist im Abnehmern: wir haben liier heute schon weit weniger Zionisten, die sich dünken, durch ihre Zivilisation den anderen überlegen• zu sein. Der östliche Hochmut ist im Zunehmen: die östlichen Juden meinen, weil sie eine geschlossene Kultur bcsitzen, eine höhere Spezies zu sein, und die westlichen luden vernachlässigen zu dürfen Di.eseu doppelten Hochmut gilt es zu überwinden. Wir müssen selbst zusammeiikoimneii. wenn wir wollen, daß die Jugend zusammeiikommt. Und zuletzt noch eins. Nationale Erziehung ohne menschliche ist eng und unfruchtbar. Diese, die iiicnsdiliehe Erziehung der jüdischen Jugend, ist bisher zu wenig berücksichtigt worden. Unse.e nationale Erziehung war bisher allzusehr eine nationalistische. Es handelt sich darum, daß wir auf alle Interes en, auf a'le menschlichen Bedürfnisse eines jungen Menschen cingchcn. Anfänge dafür sind da. Ein guter Blau-Wciß-Fiihrer etwa hält es für seine Aufgabe, nicht bloß jüdische Parolen herauszugehen und jüdische Kenntnisse mit/uteiien. sondern sich mit allen Jungeiisinteresseii mit a len die Knabenseelc bewegenden Fragen, auch den intimsten und scheinbar unbesprcchbarsten, in der rechten Weise abzugeben; dadurch wird er erst in Wirklichkeit zum Führer. Solche Führer sind das, was uns am meisten nuttut; nicht Fiihrer, die der Jugend etwas aiifoklroyiereu wollen, die Bescheid wissen und fertige Weisheiten v«m sieb geben, sondern Führer zur Selbsterziehung. Und das kann mau wahrhaft nur dann werden, wenn uiau al’e mensehliehen Interessen eines jungen Mensche« umfaßt, wenn man ihn zugleich menschlich und völkisch erzieht, so daß ihm sein menschliches und sein jüdisches Ideal zu einem verschmelzen: zur Vollendung des eigenen Wo sens. Bisher ist aut dem Gebiet einer so aufgciaßten nationaien Erziehung fast nichts geschehen, wir müssen der Aufgabe mit allem Ernst ins Auge blicken. Den״ dieser Moment, in dem wir darüber Sjirechen, ist nicht ein Mo» ment wie alle die früheren, in denen von Kultur ge- Sprüchen wurde, und unsere Beratung an! heutigen Tage ist, obgleich an Umfang und Art wesent ich bescheidener, etwas sjiezifisclt anderes, als alle Kuturberatunuen der Kongresse. Es Ist ein ganz besonderer Augenblick, den wir heute durchleben, und wenn es trüber nur Arbeit aufgehalten hat, wenn es nur jüdisch unerfüllte Jahrgänge hat aufwachsen lassen, wäre cs heute ein ganz besonderer 1schaden, wenn wir Von dieser Tagung wieder nur mit Resolutionen und Kommissionen von dannen gingen. In diesem Augenblick wird von unseren Zionisten etwas ganz Bestimmtes gefordert. Nicht mir wir selbst, soii- (fern die jüdische Umwelt, die jüdische Peripherie fordert die Tat von uns. Die Peripherie, der Kreis um den Zionismus herum, der Teil des Judentums, der innerlich nahe Ist, ist ungemein gewachsen und die Lehren der iieuiiinid/wanzlg Monate, die wir zulct/t erlebt haben, haben tief gewirkt. Wir sehen es vielleicht noch nicht konkret vor uns, aber der Tag ist hoilcntüeh nicht fern, WO’ wir es überraschend und überwältigend vor uns aufsteigen werden sehen können, der Tilg, da die zurück, kehrende Schar uns zurufeii wird; Gebt uns Brot des (leistes, gebt uns Leben, gebt uns ein lebendes Ideal. Es gibt,große und Kleine Symptome dieser Eutwick» hing. Ich darf etwas Persönliches sagen, Ich habe im letzten Jahre immer wieder von unbekannten Menschen aus dem Felde Briefe bekommen, die mich mehr als irgend etwas anderes in diesen erschütternden Jahren erschlittert haben. Und aus allen spricht dieselbe Frage: Was soll mit uns werden? Es ist das Gefühl eines Preisgegeltenseins und das Verlangen nach Festigung, nach Richtung, nach Halt. Und nichts *anderes bedeuten jene noch undeutlichen, dennoch unverkennbaren Stimmen, die <(111 Tagungen wie die der neutralen Jugvndverenu• laut geworden sind. Sie werden, meine Damen und Herren, mich gewiß nicht des Opportunismus zcilien. Aber wenn ich jemals das Gefühl hatte, daß es eine Forderung der Stunde ist, die vitalen Kräfte des Judentums zusammen/ufassen, so habe ich es jetzt. Wenn Meusidicn, die sonst in ihren Aeußerungeii vorsichtig zu sein pflegen, sagen, daß man ohne den Zionismus nicht arbeiten kann, so brauchen wir kaum zu •ergänzen, was gemeint ist: Ohne den idealen Halt, ohne den idealen Lebenskcrn, den der Zionismusgibt, oder richtiger, de״ er geben kann, geben!»11. Jetzt ist der Augenblick da, der unvertagbare, unaufschiebbare, dem wir uns gewachsen zeigen müssen. Wir müssen luinmehr positiv zu schaffen beginnen, Das improvisierte Arbeiten, das Arbeiten von Fall zu Fall unter der Diktatur des Zufalls muß au (hören.' Und wenn wir das tun. wenn Seite 5 wir Positives zu bauen beginnen, dann, und daun allem sind, wir berechtigt, an die Zusammenfassung der vitalen Kräfte des Judentums zu gehen. Ich möchte Sie auf etwas hiuweisen. was uns am nächsten liegt, aber noch nicht ge-dießen ist. Es ist so tauge in der deutschen LandiimimsclialS über die Frage der Gegenwartsarbeit gesprochen worden; aber noch kein einziges Mal ist dieses näehstliegende angeregt worden: Wie kommen wir dazu, hier in Deutschland an der Erziehungsarbeit isoliert zu arbeiten? Müssen wir diese Arbeit nicht mit den itiutseh-österieieliiselien Zionisten zusammen leisten? Es gibt eine ganze Reihe von Aufgaben, an die wir verein! mti der österreichischen Landsmannschaft herantreten könne!1 und sollen: mit all den Krälteii von!!ober geistiger und moralischer Leistungsfähigkeit die sic umfaßt und die wir gar nicht entbehren können; denn wir dürlen die Jugendarbeit nicht in der Isolierung, wir müssen sie in möglicnsteif ,Verkiiiipfung betreiben. Und darüber hinaus sollen wir minier intensiver jene große Verbindung atistrchcn, von der ich gesprochen habe, jene dreifache Verbindung: fürs erste den lebendigen Zusammeiilia 11g der Diaspora mit dem werdenden palästinensischen Volkstum, iürs zweite die Vereinheitlichung der Diaspora selber durch eine stete und fruchtbare Verknüpfung des westlichen mit dem östlichen Judentum, und fürs dritte endlich eine tätige, hellende, schöpferische Verbindung, eine Verbindung ohne Schwäche mul ohne Kompromiß im Zeichen unseres” reinen Ideals, mit jenem nahen peripherischen Judentum, welches das Judentum ist. das sich nach uns sehnt. Jakob Reich •Müll c It e 11• 7. unadist habe ich uen Auftrag, Ihnen im Namen des zi •ni<ti>chcn Grupjienverbandes Bayerns folgenden Antrag zu unterbreiten .,Die Leitung der Zionistischen Vereinigung für Deutschland nehme mit tunlichster Beschleunigung Vorarbeiten zur Schaffung eines Netzes propagandistischer Zeitschriften nach Art des ״Jüdischen Echo" in Müiieilen und der ״Hamburger Jüdischen. Nachrichten" für alle Urt1p|>cuverhünde mit möglichster Zentralisation in Angriff." In langen Versuchen praktischer Arbeit haben wir erkennen können, daß es notwendig ist. den Kreisen, die wir zu bearbeiten haben, bei jeder Gelegenheit unsere Anschauungen vorzutragen. Das Dt in der Form unserer bislieiigcn Propaganda nicht möglich gewesen. Grolle Kreise, die wir zu gewinnen wünschen, Kommen nicht in unsere Versammlungen und lesen unsere Bro- »chüren nicht. Wir müssen versuchen, sie durch regelmäßige Zusendung einer Zeitschrift unserem Interessenkreis nüherzubriiigen. Wir haben Hute« 2 Nummern des ״Jüdischen Echo*', das wir umschichtig an alle Juden Bayerns versenden, vorgelegt. Was bei un. möglich wai, muß auch in anderen großen Orten möglich sein. - leb weiß nicht, ob die Bedeutung dic-cr Tagung von allen genügend gewürdigt worden ist. Das Judentum der ganzen Welt ist in der größten Sorge für seine nächste Zukunft. Fs wartet, daß etwas ihm Hoffnung geben wird und wartet, daß dieses Etwas von dieser Tagung kommen wird. Es wird bitter enttäuscht sein, daß wir uns nur über gewiß gute Sachen unterhalten Ivaben. Die Juden Osteuropas werden atomisiert von einer vvohlorganisiertcn zielbevvußten Feindschaft, ''ic können nicht existieren, wenn ihnen nicht durch eine Organisatiou elie Möglichkeit zur Existenz gegeben w ird. Selbst die sonst ganz ruhigen |>oh1iscl1cn Zeitschriften spreeilen es als etwas Selbstverständliches aus. daß sie die Massen der Juden, die ihnen angeblich die Russen auf den Hals gehetzt haben, nicht brauchen, sondern nur einen kleinen Bruchteil haben wollen. Die übrigen Massen wollen sie Innausdrängcn. lieber die Mittel hierzu sind!Sie sieh noch nicht einig. Die gilizisch-polmschen Zeitungen nehmen sieh diese Presse,1 lußcrungvii. die ja auch schon in Taten umgesetzt sind -־ ich erinnere an den Boykott und an die Lubliner Beschlüsse , zum Vorbild, um den Juden im Osten das Leben unmöglich zu machen. Jeli habe den Eindruck, dali sieh die Politik, von der wir gehört haben, nicht von der früher von Herzl geübten unterscheidet. Wir können erst dann etwas sein, wenn wir die jüdische Masse hinter uns haben. Vielleicht ist es so, daß, wie Herr Schocken sagte, wir in Deutschland mehr von organisatniiselien Dingen versteheu als z. B. in Oesterreich. Das sollten wir nun heute, wo man Organisationsarbeit im Osten so dringend braucht, in die Tat uniset/en. Ikr Kreis, der sieh um den Zionismus gebildet hat. ist atißeroi-dcntlicli gewachsen, weil der Zionismus heute anziehender geworden ist. Es Ist vielen klar geworden, daß das Judentum so nicht mehr leben kann, ein Zionismus aber, der ausschließlich a!uf kulturellen Dingen beiiiht 1111:1 die lebeiisinögliclikeiteii des jüdischen Volkes vollkommen vernaehlässigt, kann diesen Kreis niciit an sich ziehen. Zu den Arbeiten der Zionistischen Vereinigung für Deut-ehlnml gehört meiner Meinung nach die intensive Beschäftigung mit dem Ostjtulenproblem. Fs ist riehtig. daß die Mauern zwischen Ost♦ und Wcstjmlcntum gefallen sind. Ich halte für die Zeit nach dem Frieden Wanderungen nach üali/icn mul Polen für mindestens ebenso notwendig wie Palästina Wanderungen. Unsere Aut׳׳aln: heute ist es, zu prüfen: wie wird das jüdische Volk weiter existieren und wie können wir es erreichen, daß eine erhebliche Anzahl von Ostjudcu in Deutschland Arlreit finden und leben kann? Es wird jetzt gerade Finvvanikruugsmöglichkeiteu für viele geben, wir können dafür sorgen, daß diese Einwanderung organisiert geschiebt. Ein einfacher Jude in Galizien sagte mir, wenn die Zionisten jetzt nichts für untun, so sollen sie uns nicht wieder kommen, wenn es sich tun Wahlen handelt. Mein Wunsch ist cs, Ihnen klm zu machen, daß es nicht geht, heute eine Tagung der Zionistischen Ver• eiuigung für Deutschland zu veranstalten dir■ sich in nichts von einer unterscheidet, die drei Jahre früher stattgcllinden hat. Ich möchte die Frage antworten, ob diese Dinge uns nichts angehen. Ich habe bestimmt erwartet, daß das Referat von Herrn Blumcnfe'd über das Thema ״Zionistische Gegenwartsarheit“ Vorschläge über niese wichtigen Fragen enthalten würde. Die Leitung der Organisation wira auch gewiß sagen, dali sie in diesen Dingen etwas getan hat. len meine, wir müssen uns darüber klar sein, daß die Juden frage ein nicht zu trennen» des Problem ist. Es gibt heute zwei Richtungen bei uns, eine, die vom Judcnelctid weiß, nichts dazu