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Jüdische Rundschau · 1917-01-05 · Heft 1 (5.1.1917) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 1 (5.1.1917)
Date
1917-01-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JUEDlb-HE Rt/NDSCH.iU Nr I Austesc bei «k׳r Wahl der Kräfte geübt wird, und '",111 , יMן׳111 '׳■ geeigneten Kräfte beding«׳!! grolle Gi'Ulmiltil, <liu den größten!,«steil In dem Jalircsetat «len I lauptiiusseliusses durstclleii werden, List nachdem dieser wichtige organisatorische Auf• bnu geschaffen ist und den einzelnen Ortsgruppen die systematische Vorarbeit der Arbeitsausschüsse zur Verfügung steht, wird die Oegenwartsarbcit in den Orts• gruppen in der rechten Weise beginnen können. Keine Ortsgruppe, and! die schwächste,' wird dann ein Wintcrlwlbjahr ohne wertvolle jüdische Kultur-Vcranstaltun• gen verstreichen lassen dürfen, und in vielen Orten wird sich mit Hilfe der Vorarbeiten der Arbeitskreise ein eigenes wertvolles, jüdisches Kulturleben ausbauen. Dem Leben unserer verschiedenen Jugcnd-Qrganisa* tionen stehe ich zu fern, um die Arbeitsmöglichkeiten des von mir vorgcschlageiien Arbeitskreises für nationale br/.iehtmg jin Einzelnen zu übersehen. Eine der frucht• harsten Aufgabe dieses Arbeitskreises wird es sein, die verschiedenen Gruppen unserer Jugend organisatorisch ziisanimenzufassen. Die tüchtigsten JCr.ifte der einzelnen Jugendverbände werden in diesem Arbcitskreis mit tätig sein. Die älteren Mitglieder des Ar• beitskreises werden den jungen helfen können in Wort und Tat. Es wird dann nicht schwer sein, für die einzelnen Jugeiidgruppeii!und für jede Art der Jktätigung unserer Jugend einen besonderen Kreis von Förderern zu gewinnen, der durch regelmänigc Berichte über die geleistete Arbeit informiert bleibt und gern Hilfsbeitriigc für die Aufgaben, die ohne Geldmittel nicht durclizuführcn sind, leisten wird. In «len verschiedenen hiEcnd-Verbändcn und akade• mischen Vereinigungen wird sich ein Wettstreit in jü• dischcr Arbeit entwickeln müssen. Von den akademischen Vereinigungen besonders wird man verlangen können, daß aus ihrer Arbeit auch sichtbare Früchte in die allgemeine Bewegung hinüber kommen. Es gehört zu den Aufgaben «les I iauptausschusscs für jüdische Kul• turarbeit, die Herausgabe der wertvollen Seminar-Arbeiten aus dem Lehen unserer Jugcndvcrbäiide zu un* terstützen. Es ist damit zu rechnen, daß unsere jungen Akademiker eine bestimmte Zeit ihrer Studienjahre ganz in den Dienst unserer Aufgaben stellen, begabte Stu• denten, denen die Bewältigung ihres akademischen Stu• diums keine Schwierigkeit verursacht und die Wirtschaft• lieh gut gestellt sind, könnten sich für ein oder zwei Semester ganz, in den Arbeitsdienst des Kultur-Aus- Schusses stellen, Robert Weltsch hat in der letzten Nummer der Jüdischen Rundschau ein jüdisches Dienstjalir vorgeschfagcn. Ich glaube, daß unsere Studenten damit den An lang machen können. Außer den eben von mir vorgcschlageiien ein oder zwei Semestern im Dienste der jüdischen Kulturarbeit käme für Studenten ein Arbeitsdienst von der gleichen Dauer in unserem Zentralbüro in Frage. Ich glaube, daß cs für unsere Bewegung von großem Nutzen sein י würde, wenn eine Anzahl Akademiker, die ' später im Reiche lebend die Stützen unserer Bewegung sein sollen, während ihrer Studienzeit Gelegenheit hätten, ein oder zwei Semester in unserem Berliner Zentralbßro zu arbeiten. Sic würden dort lernen, wie organisierte Arbeit zai leisten ist; sic würden sich dort eine reiche Kenntnis von Sachen und‘ Personen aneignen, die für ihre spätere Arbeit sehr wertvoll sein kann und die ihnen die Möglichkeit gibt, dauernd in lebendigen Be- Ziehungen zum Zentrum unserer Bewegung zu bleiben. Der Zentralleitung wird diese studentische Mitarbeit sehr willkommen sein; cs ließe sich ein besonderes Arbcitsleid für diese Mitarbeit ausbauen. Ich glaube, daß eine ähnliche Dienstleistung für Studenten in Palästina nach dem Kriege möglich sein wird und hoffen wir, daß nach dem Kriege unsere Be- Ziehungen zu Polen so eng bleiben können, daß «׳in Amtmiscli von Kräften ln ülmliclier Form mich mich Polen hin möglich ist. Das Leiten unserer zionistischen Jugend könnte durch diese Arbeits-Semester Int praktischen Dienst Unserer Bewegung au Reichtum außerordentlich gewinnen. Mit meinen Ictztch Vorschlägen bin ich scheinbar von meinem Thema abgekommen. — Nachdem icli Ihnen 'die Arbcitsaufgaben des Hauptausschusses für Kulturarbeiten in großen Zügen vorgetragen habe, möchte ich, alles zusammenfassend, folgendes hinzufügen; Ich weiß, wir werden in diesem neuen Arbcitsgebiet auf manchen Widerstand stoßen. Widerstände, die aus ׳anderen Gruiidanscliauungcn' stammen, werden wir gut überwinden können. Schwerer wir«! cs mit den Widerständen in uns sein. Dr. Epstein (Arnnu) nennt sie offen beim Namen in einem Aufsitz, der vor kurzem im ״Juden“ erschienen ist: ,,Wir haben einen großen Feind, das ist die Ausrede-Seuche.“ Max ßrod sagt einmal: Sic mühen sich im Schweiße ihres Angesichts, um darzutun, daß. sie nicht arbeiten können. Ich hoffe, daß die Schwieriglcciten, die Menschen unserer Bewegung zur Arbeit zu bringen, nur in der ersten Zeit vorhanden sein werden, ‘solange nichts Fertiges aufgezeigt werden kann. Alle skeptischen Bedenken gelten solange, bis ein froh- Hcher Anfang sie fortbläst, und ich glaube, wir haben den Willen und die Kraft zum guten Anfang und zur Durchführung der Arbeit. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden nach zwei Richtungen hin wichtig sein. — Nach innen erreichen wir eine Fülle wirklichen und ccht-jüdlschcn Lebens. Wir schaffen uns die Verbindung mit dem jüdischen Leben der Judenmassen im Osten, und wir bauen uns unsere Brücken zum neuentstchenden jüdischen Volksleben In Palästina. Nach außen wird unsere Oegenwartsarbcit als das beste und dauernde Werbemittel wirken. Zeigen unsere Menschen die Erfolge unserer Arbeit in ihrem ganzen Wesen, dann werden wir einen besseren Ersatz haben für Volksversammlungsreden und Polendken aller Art. Wir werden eine wohHIsziplinierte jüdisclie Jugend haben, die nicht auf Wohlleben, sondern auf produktive Arbeit hinstrebt, die auf ein mustcrgültiges Gemeinschaftsleben abgestimmt ist und ein einhcitliclies jüdisches Gepräge zeigt, das vorteilhaft abstechen wird von der assiml'atorlschcn jüdischen Jugend, die in einem geistigen und kulturellen Wirrwarr lebt. Von Diesem etwas, von Jenem auch etwas ln wunderbarem Gemisch.“ (Kant.) Unsere Akademiker wer* «len als Früchte eim׳H liebevollen F.lmlrlng:׳its in die Jüdisehen Aufgaben wertvolle wi8f;en!1ehahllc!;e Lclntungen unf/clgcn können. Auch unsere Jungverheirateten Ehepaare und ■ unsere Familien mit großer Kin'ilcrzahl werden als Werbemittel besser wirken, als die hie und da von uns geübte Agitation mit dem Schlagwort vom Aussterbeu der Juden in Deutschland, wie Dr. Hugo Bergmann bemerkt. Vielleicht wird durch unsere positive Arbeit un* serc Kunst des Debattierais eine Einbuße crleiden . Ich glaube, daß uns dadurch keilt Schaden gcschiebt. Vielleicht werden wir nicht mehr allenthalben so unbedingt und in Allem darauf bedacht sein müssen, daß stets eine bestimmte Linie cingehaltcn werden muß. Der Energie-Kern, der in unserem Tun, in unserem Werke wirkt ,wird die wertvollen Kräfte des anderen Lagers nnziehen!und unbewußt beeinflussen. Die Gcfahr, «laß unsere Kräfte sich verlaufen, wird um so geringer werden, je reicher sich unsere Arbeit ausbaut. Wir werden die Möglichkeit haben, neutrale Hilfe, die sich uns bietet, anzunchmcn. ln einer großen Anzahl Ortsgruppen ׳wird unsere Arbeit im Rahmen des Gcmeiiukiebcns vor «ich gehen, können. Rabbiner und Lehrer werden gern die Arbeitsmöglichkeiten, die unscre Organisationen ihnen bietet, ergreifen, unu wir werden keinen ■sachlichen Qrund haben, sic abzulchmcn, wenn durch unsere positive Arbeit in den Ortsgruppen die Gefahr, ׳daß der geistige Schwerpunkt in innen verschoben werden kann, nicht mehr besteht. Wenn ich jetzt zu den Arbcitsaufgaben des Haupt- Ausschusses für Partei-Arbeit übergehe, kann ich erlieblich kürzer sein, weil ich nur von den Teilen der Arbeit zu sprechen habe, die durch die Einrichtung der Arbeitskreise erneuert und ausgebaut werden wird. Ich spreche zuerst von den Aufgaben des Arbcitskreiscs für National-Fond und Palästina-Arbeit. Dieser Arbeitskreis wird als beratende Instanz manches Neue schaffen können. Es wird versucht werden müssen, die National-Fond-Arbcit aus den! Stadium der einfachen Sammeltätigkeit hermiszuhcbcn und für die einzelnem Institutionen und Schöpfungen In Palästina besondere Interessentenkreise unter den deutschen Zionisten zu schaffen. Dann wird Jeder unter uns unseren Aufgaben in Palästina durch werktätige Liebe für ein bcstimmtes Arbeitsgebiet, das sein besonderes Interesse hat, näher kommen können, und alle Menschen, die sich für eine hcstinjmtc Unternehmung In Palästina intcressiercu, werden zu einer. Arbeits-Einheit zusommengcfaßt werden können. Neue Arbcitsaufgaben wird der Arbeitskreis für Wohlfahrt-Einrichtungen und Hilfs-Aktionen haben. Unserc Hilfs-Aktionen waren bisher das Werk Einzelner, die weit über ihre persönliche Kratt arbeiten mußten. Ich bin davon überzeugt, daß unsere Aktionen in Zukuuft an Kraft und Erfolg stärker sein werden, wenn für sie im ganzen Reiche eine Interessierende Mltnrbeitcrscliar vorhanden ist. Richtiger, als die gclegent* liehen Hilfs-Aktionen erscheinen mir aber die Wohlfahrtsv-Eini'ichtimgen, die die Menschen in unserer Bewegung als Ocbcndo und Nehmende zugleich fördern können. In Berlin ist hier in letzter Zeit manches Wertvolle geschehen. Ich «lenke an die Oründung des Sicdlungsheimes: hinzu käme noch die Schaffung von Kindergärten, Mädchen vereinen, Mütterberatungsstellen, Ein großes Gebiet würde sich eröffnen, wenn wir die Aufgaben, die das Wirtschaftsleben stellt. In Angriff nehmen würden; zuerst ׳ käme vielleicht die Schaffung von Kredit-Organisationen In Frage. Wenn eine Körpcrschaft da ist die stets mit Interesse die schon be* goimene Arbeit beratend und werktätig unterstützt, wird auf diesen wichtigen Gebieten viel Ersprießliches geleistet werden können. Wenn Ich mm auf «In« Gebiet des Arbeitskreise* für Propaganda zu sprechen komme, kann ich auf da* zurückgreifen, was Ich bereits über diesen Punkt ausgeführt habe. Seit langem hörte man Klagen darüber, daß ünsere Propaganda-Tätigkeit nicht den rechten Erfolg hatte. In Deutschland hatten sich, trotzdem die ganze Ent- Wicklung nach unserer Richtung hin geht, von links und rechts Mauern nufgerichtct. und durch unsere Werbearbeit kamen selten Menschen aus fremden Ligen! zu uns herüber. Treten wir In das große Aufgnbcn-Gcbict unserer Oegenwartsarbcit ein, dann werden wir einen Teil der Werbearbeit der Entwicklung selbsft überlassen können mul unsere Werbearbeit wird Im allgcmeinen leichter und fruchtbarer durclmiführcn sein. Als vierten Arbeitskreis der zionistischen Partei- Arbeit habe ich mir «l'en Arbeitskreis für Gemeinde- Politik gedacht, der die Aufgaben der bereits bestellenden Kommission für Gemeinde-Politik zu übernehmen hat. Ich möchte empfehlen, daß man die aktive Gemeinde* Politik mit Wahl-Agitation und ähnlichen Mitteln nur dort aufnimmt, wo man sieb durch diese Arbeit einen wirklichen Erfolg für die Sache des lebendigen "Judentums versprechen kann, und wenn man damit rechnen kann, daß ein positives, jüdisches Programm «turchgeführt werden kann. Nur um des Ergebnisses willen, daß ein oder zwei Zionisten in die Ocmcindestubc kommen, verlohnt sich gemeinhin der Aufwand von Mitteln und Energien nicht. Hierbei tnuß man die unsere Sache hemmende Verbitterung, die bei Gegnern und bei neutrat zuschaiicntlen Juden oft entsteht, mit in Rechnung stellen. Ich glaube, daß wir uns stark genug fühlen können, um auf die Waffen und Mittel, die unsere Gegner als die Vertreter der Majorität nun einmal haben, verzichten zu können. Unsere Kräfte sind letzten Endes doch die größeren, oder sie werden die größeren sein, wenn wir das erweiterte Arbeits-Programm auf nehmen und erfüllen. Ich glaube, daß ich hier nidit als Enthusiast gcsprechen habe, sondern als ein Mensch, der mitten im Leben steht. Ich glaube, die Schwierigkeiten, die vorhanden sind, ebenso zu kennen, wie Irgendeiner. Aber ich weiß auch, daß für lode Arbeit eine doppelte Liebe entsteht und ein doppelter Anreiz, wenn man darangegangen ist, die Schwierigkeiten, die «kr Arbeit entgegenstehen, zu überwinden. Wir׳ alle sehen in unserem I «׳Ihm und in unserem Beruf, daß 1111׳ Aufgaben uns um s« wertvoller wcrik'ii, Je schwerer sie «lureh/uftihrcii sind, liier werden wir eine schwere Arbeit zu leisten haben, die ganz auf «lern Gebiet unserer großen Liebe liegt, und unsere Arbcitsfreudigkeit wird alle Hemmungen überwinden. Wir werden für unsere Arbeit einen Teil der Kraft verwenden die wir bisher für die Agitation aufgewendet haben! und wir werden von dieser Arbeit mehr Freude und positive Erfolge haben. Ich weiß, daß cs in den ganzen zwanzig Jahren unseres zionistischen Lebens nicht gefehlt hat an Arbeitsprogrammen für die Kultur-Arbeit. Ich fürchte aber nicht, daß es diesmal ebenso wie bisher bei der Aufstellung des Programmcs bleiben wird. Die zwanzig wo die Arbeit begonnen werden muß, wenn wir die Sache unserer Jugend nicht verlassen und verraten wollen. Unser zukünftiges Geschlecht blickt aul uns, und wir können die Verantwortung nicht auf uns nehmen, daß später einmal gesagt werden kann, wir hätten unsere Pflicht nicht getan Ich glaube, wir deutschem Zionisten sind dazu berufen, für die Organisation der jüdischen Kulturarbeit in allen Oaluth-Ländcrn vorbildlich zu sein. Wir besitzen viele Kräfte, die sich für diese Arbeit eignen. Organisieren wir sic fruchtbar, dann leisten wir eine Arbeit für uns und Palästina,!.tenn die geistigen und kulturellen Früchte unserer Arbeit werden nach Palüstina hinübcrlciten und dessen wollen wir troll sein. Nachmittagssitzung vom 25. Dezember. Der stellvertretende Vorsitzende Dr. Klee erölfnet die Sitzung um' 4 IJhr nachmittags. Es kommt fol• gender Antrag, unterschrieben von Dr. Orüncberg• Elberich! Lehrer Reinhardt -Cöln, Dr. R0bi n• sohn-Bcrlin, J, Mi ch a 10 w ski - Düssehlorl zur Verlesung: ״In den verschiedenen Städten Deutschlands sind aus ucn besetzten Gebieten Polens zahlreiche junge Juden als Arbeiter beschäftigt. Losgcrisscn von Heimat und Familie entbehren die-.e Arbeiter jede Gelegenheit der geistigen Erholung, Der Delcgicrtcntig der Z, V. f. I>. erachtet cs als eine Pflicht der Ortsgruppen, diese Arbeiter in Vereinen zusammen zuschfiessen, um durch Gründung von Lesehallen, Oe- Währung von Rechtsschutz 11. dgt. in ihnen das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu pflegen." Der Antrag wird angenommen. Das hierauf folgende Referat Dr. Eugen Tä übler» ״Grundlinien eines ,Kulturprogramms, behandelt Fragen der Presse, der Schule und des Bibliothekwesens, das Programm einer jüdisch-soziologischen Oe- Seilschaft. Wir sehen von der Wiedergabe des Reierats ab, da der Referent sich eine erweiterte Veröffentllchung des Vortrages Vorbehalten möchte. Nachdem Dr. Hantke wieder den Vorsitz übernommen Imt, nimmt Dr. Martin Bubcr das Wort zu folgenden Au*־ führungen: ■ Ich möchte mich mit Ihnen zunächst darüber verständigen, was Erziehung, was nationale Erziehung und was insbesondere jüdisch-nationale Erziehung bedeutet. Unter den Definitionen der Erziehung erscheint mir als die richtigste die, die darin die Fortpflanzung der Werte erblickt. Die geistigen Werte eines Einzclnen, einer Gemeinschaft, einer sozialen oder nationalcn Gruppe werden übermittelt. Die erziehende Gencration empfindet die Berufung in sich, die Werte, die das Leben ihrer Gemeinschaft getragen haben, der komnicmlcn Generation zu übergeben. Dies ist al*er nicht so gemeint, als ob man einen fertigen Inhalt nälinn׳ und In «Ile llaml eines imderen legte, «Is ob so «In׳ fertigen, abgeschlossenen Inhalte etwa eines Volkstums zain Belspiel von einem Geschlecht zum anderen gehen könnten. Lebendige Werte können so nidit tradiert worden, so״- dem die Ucberinlttlung von einer Generation zu, anderen geschieht dadurch, daß die Werte in dieser neuen Generation neu erweckt werden. Daraus ergibt sieh, daß die Ucbermittlung keine mechanische sein kann Die Werte bleiben dieselben und verändern sich doch Immer wieder, sic nehmen ln jeder Generation nach Ihrem Lebcnsgcfühl, dem besonderen Kulturstadium und den besotmlercn historischen Verhältnissen gemäß neue Gestalt, eine neue Struktur, neue Acußcrirngsforin«! an. So wird «Ile wahrhafte Erziehung, sowohl die indivlihiellc wie die soziale, zur S c 1 b s t e r / i e 11 u n g. Der Erzieher kann im Grunde nichts anderes tun, als unter dem Aspekte der ewigen Werte, die er als «len Sinn des Lehens empfindet, In der Generation, die er zu erziehen hat, das Latente zu erwecken. Erziehen bedeutet also in Wahrheit nichts anderes als Sdbstcr• Ziehung fördern und der überlegene, der wahrhafte Erzieher ist der, der dem Erzogenen jenes Material überliefert, das geeignet Ist, seine Selbsterziehung anzuregen, zu nähren und zu beflügeln. Nationale Erziehung bedeutet die Fortpflanzung der Werte eines ,Volkstums, das heißt, der diesem Volkstum eigentümlichen Wertungen, Strebungen. Hoffnungen usw., 'aber nicht in der Weise, daß Starres und Feststehendes weitergegeben wird, sondern so, da!׳ an jede neue Generation herangetreten wird mit der ungeheuer schweren; ungeheuer verantwortungsvollen, aber, soll die Erziehung wahrhaft geschehen, unabwcislichen Forderung, daß diese neue Oeneration aus sich heraus diese Erziehung Unter Benützung des gesamten Materials des Volkstums hervorbringe, ihren besonderen Wünschen, ihrer besonderen Art zu leben gemäß. Diese Aufgabe erhält eine erhöhte Prägnanz und eine erhöhte Problematik im Judentum, vornehmlich im westlichen Judentum. Hier kommt etwas dazu, was in keinem anderen Volkstum besteht: die Tatsache ei* ncr wohl nicht allgemeinen aber doch sehr umfassenden historischen Lücke in der Fortpilanzung der Werte. Es gab hier eine Epoche, die eine Unterbrechung der Uebcrgabe der geistigen Werte des Judentums von Oeschlecht zu Geschlecht bedeutet. Und deshalb ist hier die Aufgabe der Erziehung eine besonders prägnante. Es gilt nämlich nicht «ne bereits bestehende, ununterbrochene Kontinuität fortzusetzen, sondern es gilt eine unterbrochene Kontinuität wieder aufzunehmen. Und

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