Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1917)
- Date
- 1917-11-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 388 J U EDI SCH E RUN DSC HAU Nr. 48 Bezüglich der poliilsclu.11 demokratischen Bewegung fiili 110 der Redner ans, daß ilir früher mir Juden an• gehört IialK'11. Aus Furcht vor dieser jüdischen Macht sei der progressive Antisemitismus ent• blanden. Vor den l.odzer Stadtwahleii sei plöt/lieli eine neue radikal demokratische Partei entstanden, und ihr Vertrete!• ist Herr i atersofl, der hier g(v.cn die Juden aiifgctrcfen ist, Diese verkehrte Politik bringe es dazu, daß ein so intelligenter und unterrichteter Mann wie Fatcrson das Nest beselnimlzt, dein er seihst entstammt. Der Redner sprach daun von dem jüdischen (llietto, das inan im Stadtrat so oft crwälnft und von dem inan die Juden erlasen will und bemerkte, datl das Ghetto die Spinozas, Lasallcs und viele andere her• vorgebraeht hat. Die nhlcliciidc Haltung gegen das Jiidenium gehe so weit, daß Herr Remiszewslci sogar verlange, <latt der religiöse Separatismus ahgesdiallt würde. ״Ihr wollt," rief l>r. Ryäenblatt ans, ״unsere Kultur unterdrücken, unsere Religion, auf die sich alle positiven Religionen stützen 1“ Bezüglich der Sprachcnfragc erklärte der Redner, drill seine Partei die hebräische Sprache als nationale anerkenne. Aber hier handle cs sich nicht «in die Bestimmung der nationalen Sprache. Wir stehen auf dem Standpunkt, der nationalen Selbst hesti in• m u 11 g. Die Entscheidung über die Sprachcnfragc ist eine innere jüdische Angelegenheit. Keiner hat das Recht, in so beleidigender und schändlicher Weise sich in unsere Dinge 411 mischen, wie das Herr Fatcrson getan hat. Das Unglück ist, dali in den Schulen nicht gelernt, sondern Politik getrieben wird. Diese Politik hat es fertig gebracht, dali ein jüdischer Schüler aus einer Schule ausgeschlossen wurde, weil er die ״Ha• tikwah" gesungen hat. Vom pädagogischen Rat einer Schule in einer Nachbarsfadt von Lodz werden die jüdischen Schüler aufgefordert, eine Erklärung zu unterschreiben, dali sic Polen sind und ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Volke nicht bekennen werden. Dr. Rosenblatt endete seine Rede, die mehrfach durch Beifallsrufe unterbrochen wurde, mit der Aufforderung, ,die Beziehungen zwischen Juden und Polen nicht noch zu verschärfen. Die Judenverfolgungen in Rumänien Der Stockholmer Obcrrabbincr Dr. Ehrenpreis richtete, wie das Jüdische Prellbüro in Stockholm meldet, im ״S v c n s k a 1) a g b I a d e 1" einen offenen Brief an den neuen französischen Ministerpräsidenten Cieinenceau, in dem er ihn auf die fortgesetzten M i fl - h a n d l u 11 g c וו d e r j ü d i s c li e u B c v ö l k' c r 11 n g i n Rumänien seitens der rumänischen Zivil- und Atili* tärbchürdcn aufmerksam macht und die Intervention der französischen Regierung zugunsten der rumänischen Juden heit fordert. Dr. Ehrenpreis erinnert Herrn Cieinenceau an die persönlichen Unterhandlungen, die er mit ihm im lierbst 1913 in betreff der rumänischen Juden führte und an das grolle Interesse, das Clcmcnceau so• wohl Dr. Ehrenpreis gegenüber als auch in seiner Korrespondenz mit Luzatti und in seinem Blatt ״Ho 111 me libre" für die unglücklichen Juden Rumäniciis bekundete. ״Sie werden in den Archiven Ihres Ministeriums'', schreibt Dr. Ehrenpreis, ״Berichte über die tragischen Erlebnisse der rumänischen Juden während der letzten Monate finden (11. a. vom russischen Arbeiter- und Soldatenrate in Petrograd und von einer von General Marx eingesetzten UntersuchungskomMission aus Odessa usw.), welche sicherlich Ihr so starkes Rechtsgefülii auts tiefste erregen werden. Sie werden da lesen, wie zu gleicher Zeit, da 'JO000 jüdische Soldaten für ihr Vaterland sterben lind bluten, das doch nie ein Vaterland für sie gewesen, ihre Frauen und Kinder auf das Grausamste verfolgt werden; wie hungernde jüdische Kinder heim Holen von Eil waren an der rumänisch• bellarahischeii Grenze von den Wachtposten niederge• iiiaclit wurden; wie 31 jüdische Soldaten, wegen Fahnen• fludit mistlmldig angeklagt, in liacau erschossen wur• den, wie u. ,1׳. der jüdische Sozialisteuführer 1 fr. Wuchs• 1er vom Offizier Romain, einem persönlichen. Freunde des Thronfolgers erschossen, wurde, weil er angeblich am ersten Mai au der Befreiung Rakowskys aus dem Gefängnis teilgcnommcn haben soll; wie Tausende jüdischer Flüchtlinge mii ihren Kranken und Säuglingen linier freiem lliniincl unter Kälte und Regen kampierten, weil ihnen nach nimiinisdiein Gesetze der Aufenthalt ja den Dörfern verholen ist. Sie werden schließlich auch die Milldlmigeu len 11, die V a 11 Uc r v e Ul e während seiucs Besuches in Rumänien über Judenverfolgungen au lind hinter der rumänischen Front von Soklatendeput»• tioneii gemacht wurden". Der Briet schließt mit den ,Worten: ,.Die Lage der rumänischen Juden ist kritischer als je und vor allem ist Rumänien ihr Bundesgenosse, dessen luuuamtatsvidrigc Handlungen einen Schatten auf die grollen Demokratien werten, mit denen cs aliiert ist. Für die Aktion, die Sic 1913 gemeinsam mit Luzatti unter• nominell, für die Grundsätze, welche Sic in Ihrem ״Hünime liore“ verkündet haben, ist jetzt die Stunde der trlullung gekommen. Die Stimme des Blutes unserer Bruder schied zu uns aus der Erde Rumäniens. Ich holte und wtmwiie, daß auch Sie, Herr!Ministerpräsident, diese Gaume hören mögen. Sic waren in llirem Vateriaiiue Zeit Ihres Lebens der unerschrockenste Kämpfer tur das, was Urnen als Recht und Wahrheit erschien. Sie werden auch jetzt, ich bin dessen sicher, ihrem lumainsclien Alliierten gegenüber dem Recht und der Wahrheit zum Diirehbrucli verhelfen. 1913 ließ mich I.uzaiti an Sie ab an einen ״Herd der immanenten Ge• reelitigkeit" wenden mul ich wende mich 1917 an Sie mit der Litte; tun Sie was in Ihrer AVicUt liegt, um meinen unglücklichen Volksgenossen in Rumänien Gerechtigkeit widcrf.'ilirni zu * Die nationale ״V e r e I n!!׳; u 11 g der 1* 11 in;111 i - scheu Juden in Amerika" entfaltet gegenwärlig eine große Tätigkeit zwecks krkuigung der Emailzipnlion ihrer Urinier in der Heimat. Line Reihe jüdiselicr mul nicliljüdisclicr Politiker von Ruf, nahmen au der Festlegung des Programme•: der Aktion teil. Im Namen der Vereinigung sandte der Vorsitzende des B11e-Brill«-Onk11׳s Ad. Kr auf! eine. Depesche an Wil- Sun, in der die gegenwärtige Lage der Juden in Rumänien geschildert und der Präsident aufgefordert wird, seinen!:infinit auf das verbündete Rumänien gclieud zu machen. Zionisten l . In mächtigem Aufschwung wächst die• Zioni.sti.sd1e Organisation. Die zionistische Idee ergreift immer weitere Krci.se des jüdischen Volkes. 1111 klaren ncwulitseiu, dali nur in der zionistischen Bewegung die Kraft lebendig ist, die für die Zukunft des jüdischen Volkes bürgt, schwindet der Widerstand, den der Zionismus zwei Jahrzehnte zu überwinden hatte. Gegner, die zur besseren Einsicht kamen, schließen sich, der Zionistischen Organisation an, um ihre Kraft zu mehren und in ent* scheidender Zeit sich als Juden zu bekennen, denen die ewige nationale Hoffnung unseres Volkes heilig ist. Aus allen Teilen der Welt erhält die Leitung der Zionistischen Organisation die Botschaft, daß cs vorwärts geht. Mitten im ,Elend des Weltkrieges, unter, dem unser zerstreutes Volk bitterer ztt leiden hat als irgend eine Nation, siegt der zionistische Ge* danke, dem das Basler Programm den Ausdruck geformt hat. Ihr kennt den Aufschwung, den die zionistische Bewegung in Polen und in Rußland, in England mul in Amerika und auch in den Ländern genommen hat, in denen nur kleinere Teile unseres Volkes leben. Zionisten! Das Zionistische Aktionskomitee, die Leitung der Zionistischen Gcsaintorgnnisalion, verlangt jetzt von der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, daß auch sie nicht zuriiekstehe und ihren Platz behaupte. Die Zionistische Vereinigung für Deutschland hat bisher ihre Pflicht getan. Wir haben unsere Organisation in schwerer Zeit stark und einig er- ]!alten. Wir haben unseren hart geprüften Brüdern in Palästina die nationale Tret e gehalten. .Wir haben unsere Kräfte für die gewaltige Arbeit der Zukunft gesammelt. Jetzt gilt es mehr, Zu neuer Stärkung müssen wir unser Teil beitragen. Wir rufen jede Gruppe unserer Organisation, jeden einzelnen Zionisten; tut Eure Pflicht 1 Die Zahl der Schekel wird das Bild geben, wie stark jede einzelne Organisation im Rahmen der einheitlichen Zionistischen Weltorganisation ge- 1worden ist. Sammelt die Schekel 1 Stärkt die Zionistische Organisation! Der gescliäf tsführen 11 e Ausschuß d e 1׳ Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Brief aus Skandinavien (Von unserem Korrespondenten) 111 Skandinavien weilt zur Zeit das Mitglied des j Grollen Aktions-Komitees, Herr Leo Motz ki 11. Lr ist soeben ans Amerika, wo er fast zwei Jahre laug tätig war, ztiriickgckoumieu. Bekanntlich hat die letzte große Ziomslcn-Konfereir/ in Petrograd Herrn Leo Moi/.kin in das Zentral-Komitee der russischen Zioninteii gewählt. Gelegentlich der Anwesenheit des Herrn Mot/km in Skandinavien haben die skandinavischen Zionisten, sowie seine zahlreichen Verehrer eine Reihe versähedener zionistischcr Kundgebungen veranstaltet. Der norwegische Zioiiistcuvcrcii! in Kristiania voranstattete einen Abend, an dem das jüdische Publikum von Kristiania und fast die gesamte jüdische Jugend beteiligt war. Herr MoUkin referierte über die nntio* aale Wiedergeburt des amerikanischen Judentums und wies auf die grolle Rolle hin, die den amerikanischen Juden bei dem jüdischen Bcfreiuugswerk noch l>cschieden sei. Die interessanten und packenden Ausführungen machten auf die Zuhörer einen überwältigen* den Eindruck. ln Kopenhagen veranstaltete der dänische Zionistenverein zu Ehren des Ilern! Motzlrin einen De* ßriißuiigsabciid, zu dem mehr ab 10t) Personen geladen waren. Zu diesem Abend waren auch Vertreter Verechic* dener jüdischer Richtungen erschienen, Nachdem der Vorsitzende des dänischen Zionistenvereins, Herr Josef Nachemsohn, den Gast aufs heizlicudc begrüßt und auf die groflen Verdienste des Herrn Leo Atotzki« [indie Nciibclelmiig des jüdischen Lebens in Kopenliagcn 11 ingcwiesen hatte, wurde auf seinen Vorschlag Herr Dr. Bernstein zum Vorsitzenden des Abends pewiihlt. Der .Vorsit/emlf des Zionistischen Zentral• komitces in Polen, 1 lei r Stadl rat F a rb s t ei n , begrüßte Herrn Mot/Idu als den alten Gegner, au den er stets mit tiefer Verehrung denke. Der ppale-zionistische Schriftsteller und frühere Redakteur des ״Ilaachdutli" in Jerusalem, Herr Scrub a bei, der ׳ebenfalls von Amerika znrückgekelirt ist, betonte die große Popularitäf, der sich Leo Mol/kiu in Kreisen der jüdischen Arbeiterschaft erfreue, Herr Dr. Bernstein feierte 1 lernt Molzkin als den ׳Wegweiser der zionistischen Intelligenz und Vorkämpfer des demokratischen Go datikeus innerhalb der zionistischen Bewegung. Motz• kin sei siats dort anzutreffen, wo die jüdische Demokratie zu großen Taten ruft. So erschien er zur rechten Zeit vor dem amerikanischen Judentum und so geht er im rechten Moment zu den befreiten jüdischen Volks- ״lassen in Rußland. Molzkin sei einer der treuesten Träger der llerzlsehen Traditionen, die ihn als einen wahren Sohn seines Volkes durch Rußland zu einer grollen Zukunft nach Palästina führen werden. Als Niclilziouist begrüßte Herr Wladimir Großmann den Gast. Motzkin gehöre zu den wenigen Persönlichkeiten, die ungeachtet ihrer überwältigenden Parteiarbeit jahrzehntelang für die schwierigsten Gegenwarlsproblenic des Judentums gekämpft haben. Jahrzelintelang habe Leo Motzkin für die Emanzipation des russischen Judentums unermüdlich vorgearbeitet. Motz* kin war einer der Wenigen, die, als der Dcilisprozeß bcgann, vom Auslände nach Kiew geeilt sind, um von dort aus die gesamte Kulturwclt über die Verbrechen der zairischen Regierung zu informieren. Der Vorsitzende des Skandinavischen Zentralhilfskomitces, Herr T r o t zk y, dankte Herrn Leo Motzkin für seine Tätigkeit zu Gunsten der Hilfsaktion für die notleidende jüdische Bevölkerung in den kriegführenden Ländern. Vor etwa drei Jahren habe Herr Motzkin eine kleine Gruppe von Juden zu sieb geladen und ihnen den Plan zur Gründung eines Hilfskomitees entwickelt. Die Anwesenden hatten das Unternehmen für unbedeutend und aussichtslos erklärt, aber Motzkin habe darauf bestanden, sodaß ein kleines Komitee gebildet wurde, das ihn zum Vorsitzenden wählte. Motzkin habe viel Begeisterung und Eiche in die Arbeit gebracht, Volksversammlungen cinberufeti, sodaß nach kurzer Zeit ein großes Komitee vorhanden war. Heute ist das Komitee ein segensreiches Werk für unsere Unglück* liehen Brüder. Hunderttauseude von Kronen weiden ge* sammelt; Kopenhagen bildet ein Zentrum für das jüdisehe Hilfswerk. Das ist die Arbeit von Leo Motzkinl Hierauf ergriff Herr Leo Motzkin das Wort zu einer begeisternden Ansprache. Lr schilderte das Leben der jüdischen Massen in Amerika. Als er durch die endlosen Straßen New Yorks wunderte und die Huudcrttausendc« der ji'nii* scheu Jugend kennen lernte, d.1 erkannte er die große nationale Kraft, die in der jidisehen Sprache liege. Die jüdische Jugend in Amerika versiehe nicht mehr Jütisch und erst dort erkennt man, was für ein nationales Unglück cs fiir uns bedeute, wenn die Kinder die Litern nicht mehr verstehen. Er habe erst in Amerika eiiigesehcn, zu welchen großartigen Lcishiiigeii kompalrfc Judcnmnsscn fällig sind. Wenn er siel» nur einen Teil dieser grollen Massen auf anderer Scholle — in unserem I leimatkiiule Palästina — denke, erscheine ihm die große Zukunft des Volkes gesichert. Man mache sieii in Europa gar keine Vorstellung von dem großen politischen Einfluß des amerikanischen Judentums. Motzkin feierte in warmen Worten die hervorragenden Verdienste von Louis Brand eis. Man rechnet in Amerika mit dem Judentum als einer Macht. Der Zionismus gehört in Amerika nicht nur 211 den Be- Strebungen der Juden; das Palästina-Problem gehört in Amerika zu den großen allgemeinen nichtjüdischeu politischen Angelegenheiten, deren günstige Lösung als eine politische Notwendigkeit angesehen wird. Das Judentum stehe jetzt vor einem großen Moment und mau müsse sagen, (lall die amerikanischen Juden diesen Moment voll und ganz würdigen und alle ihre Kräfte amvendcii, um die Zukunft des Volkes zu bauen. Ls liege jetzt am europäischen Judentum sidi dieser großen Zeit windig zu sein. Das wird die Erlösung des Volkes sein! Die Rede Leo Motzkius wurde mit großer Bcgci- Sterling aufgenommen. Die Versammelten erhoben sich und stimmte״ die ״Hatikwa" an. Herr Nach cmso!111 teilte mit, daß die Versammelten den Namen des Herrn Leo 'Motzkin 'in dns Goldene Buch des Jüdischen Nationalfonds eintragcii. Demnächst soll Herr Motzkin in einer großen V o 1 k s v c r s ,1׳ m m I ti n g über das amerikanische Judentum referieren. Der Kopcnhageuer Jugcndvcrcin Hai’bri* Hazai'r kündigt an, daß Herr Leo Motzkin, falls er bis dahin noch in Skandinavien weilen wird, die Festrede an dem vom' Verein vorbereiteten großen Makkabäerfest übernommen bat. Alle in der Jüdischen Rundschau besprochenen oder erwähnten Bücher sind mit Ausnahme der im Ausland erschienenen durch den Jüdischen Verlag G. m. b. H., Berlin W. 15, Sächsische Strafie 8 xu beziehen. t I I % I ן3i 4? I i ' >“