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Jüdische Rundschau · 1917-10-26 · Heft 43 (26.10.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 43 (26.10.1917)
Date
1917-10-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 340 Nr. 43 JUED1SCH 2 R U M DGC 11 A U hinaus ohm. Rücksicht auf die Staatsangehörigkeit ו des einzelne,■• <;u einem in sich geschlossenen Fak* tor der in.c*nationalen Politik 'erheben wird“. Unter dem Eindruck dieser im Zionismus sich vorwirklkhomlen internationalen jüdischen Beziehungen fordert Heinzc, ״man sollte endlich alle die .inscheinend mir jüdischen, aber in Wirklichkeit ganz oder teilweise ententefreundlichen Strömungen in der ausländischen Presse auch deswegen genau verfolgen, weil sie vermutlich auf der Friedenskonfcreuz eine beachtenswerte Rolle spielen werden“. Wir können Heiir/cs Ausführungen über die grobe politische Bedeutung der internationalen jüdischcn Beziehungen mir beipflichten, ln der Tat war cs umd wird es auch in der Zukunft ein Akt einsichtsvoller Klugheit für alle Regierungen und Staaten sein, dein einheitlichen Willen des Judentums, in Palästina sieh einen nationalen Mittelpunkt zu schaffen, Beachtung ־zu schenken.!Wir können diese IJcberskht nicht schließen, ohne auf den schönen Aufsatz aufmerksam gemacht zu habe״, den Max Brod im Scptcmbcrheft der ״Neuen Rundschau“ über ״Die jüdische Kolonisation in Palästina'‘ veröffentlicht hat. Auch Max Brod, der in seinem Aufsatz den Versuch macht, die jüdisch-palästinensische Kolonisation auf religiöse Motive (religiös in einem weiteren Sinne gefallt) zunkkzuführen, kommt am Schlüsse seiner wcilaiisgrcifeudeu und inhaltsreichen Arbeit auf die politische Seite der Kolonisation zu sprechen. ״Die jüdische Kolonisation Palästinas“, schreibt er, ״bildet ein loyales Element der heutigen Türkei.“ Den ״waficiiklirrenden Versprechungen“ der Mächte gegenüber rät er zur Vorsicht und Skepsis und erinnert an jenen Völkcrfricdcn, ״da man die Schwerter zu Pflugscharen und die Spcerc zu Wiiizermesseni mnschinieden wird“. Trotzdem! er weiß, daß ״das Tiefste aller jüdischen Angelegenbeiten“ eine religiöse Frage bleibt, bekennt er, daß ״unsere Wünsche und Bestrebungen nicht ins Leere, sondern auf eine ungestörte Entwicklung der jüdischen Kolonisation in Palästina gehen". Auch er hofft, ״trotz etlicher Enttäuschungen in letzter Zeit, daß der ruhige Fortbestand der türkischen Herrschaft und die Einsicht türkischer Staatsmänner, ihre Vertrautheit mit den Gesinnungen der jüdischen Einwanderer diese Entwicklung garantieren, daß cs der Losreißungsprojektc der Entente nicht be• dürfen wird“. Eine Rcii e der ungesehensten deutschen Zci• tungcii und Zeitschriften hat sich mit der Palästina• frage befallt. Die .Wirkung dieser aufklärenden und zur Stellungnahme drängenden Aufsätze wird nicht ausbleibcn können. Die deutsche Oeffentlichkcit wird allmählich begreifen, ein wie schwieriges!und koniplizierles Wcitproblcm durch den Zionismus seine glückliche Lösung finden kann. Die jüdische Frage und die Stockholmer Dokumente (Schluß.) Die Ausführungen des poale-zionistischen Führers Leen C 11 a s a n o w i t sch verdienen um so größere Beachtung, als vor kurzem gemeldet winde, daß die jüdische Forderung einer internationalen Lösung des jüdischen Problems durch Gewährung der personalen und nationalen Autonomie in den Gebieten Rullkmds, Oesterreichs, Rumäniens und Polens, wo die Juden in geschlossenen Massen wohnen, und durch den Schlitz der jüdischen Kolonisation Palästinas (in deutschen Tageszeit ungen verstümmelt wiedergegeben) zu denjenigen Forderungen gehört, die einstimmig . in das P riedeus ma n if cst des Holländisch- Skandinavischen Komitees aufgenommen wurden. Zionverb,־uiils und die Ddeg.Tioa einer armenisdieii Par* (ei, weiche die Armenier Kuiilmuls, Je/ 1 Ürnei tuul Pcisiens vertreten. Aiie die;״.־ Dei.g.itioueu hauen dem 110(• limdiseli-sliaiulinavisrlu'ii Komitee ihre Memoranden übergeben. Audi die sozialistische Pariei Frankreichs und die Arbeiterpartei Englands, die keine eigentlichen Dele* gaiionen entsandten, haben auf den Fragebogen des holländisch-skandinavischen Komitees schriftlich geeint* woriet, so daß in den Stockholmer Dokumenten zwei ,Drittel der Internationale zun! Worte kommen. Wie spiegelt sich die jüdische Frage in die* sen Dokumenten? Ausführlich wird, wie schon bemerkt, mir in eitiigen Memoranden über die Juden gesprochen, doch hat auch ei» großer Teil der übrigen Dokumente für uns vom spezifisch-jüdischen Standpunkt aus eine Beilentimg. Die jüdischen Forderungen, wie sic in der De* klaration der Po nie-Zion formuliert sind, sind drei* erlei Art: 1. bürgerliche Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern und gleiche Behandlung der Juden beim Wiederaufbau 11er Länder, die durch den Krieg zerstört wurden, 2. nationale Gleichberechtigung in den Ländern, in denen Juden in großen Massen leben und 3. freie Arbeit in und für Palästina zwecks Schaffung eines Heimes für das jüdische Volk. Die Verwirkliciiimg aller dieser Forderungen soll international garan* tiert werden. Heber die erste Forderung kann es an sich keine Meinungsverschiedenheiten unter den sozialistischen Parteieit geben, Die einzige Frage, die hier auftmicht, ist, ob die jüdische Gleichberechtigung In den verschiedenen Ländern im Friedensvertrag festgestcllt tiud unter Internationalen Schutz gestellt werden soll, besonders für die Staaten, die durch den Friedcur.vertrng gegründet werden (Polen) oder durch ihn wieder ihre Unabhängigkeit bekommen (Rumänien). Die Regierungen der kleb neu und grollen Staaten sind der Meinung, daII man ihre Souveränität autastet, wenn mau ihnen nicht die fremden Völker oder Volksteile auf Gnade und Un* gnade überläßt. Das Wiener lialhoffizit'lie ״Fremdenblatt“ hat die Losung des nationalen Sclbstbcstimmuugs* reelltes, die der russische Arbeiter- und Soldatenrat aus• gab, so interpretiert, daß niemand ein Recht habe, Oesterreich hineinziireileii, wie cs seine Völker zu' bcliandein habe, 111 der gleichen Weise verstehen auch die polnischen Politiker inklusive der Sozialisten das nntionah* Selhslbcstiiniiningsrccht des polnischen Volkes und erheben ständig [,rötest gegen die fremde Einmischung, wenn außerhalb der polnischen Grenzen gegen die Miß• liamilung der Juden durch die Polen Stimmen laut werden. .Wenn eine solche Ideologie bei den Friedens« Verhandlungen durchdringen wird, dann werden die Völ• Ucrhe/.ichuiigfc» »ach dein Kriege sich in dem gleichen anarchischen Zustande wie vor dem Kriege befinden und die Menschheit wird aus der Wcltkatastroplie nichts gelernt haben. Glücklicherweise wird der Gedanke einer überstaatlichen Organisation immer populärer und iniicii* tige Regierungen arbeiten für seine Verwirklichung. Eine der wichtigsten Funktionell dieser Organisation, die der Friedensvertrag schaffen muß, wird der Schutz der schwachen Völker sein müssen, gleichgültig, ob diese staatliche Selbständigkeit besitzen oder nicht. Nicht alle sozialistischen Parteien verstehen bereits die Auf* gaben des geplanten Vöikcrfriedcnsluuuls. Viele So* zialisleu, die diesen Gedanken von bürgerlichen Ideologen übernommen haben, meinen, daß die Bedeutung des Völ* kerbmitls sieh in der Regulierung der Beziehungen zwi* sehen Staat und Staat erschöpft, und vergessen, die Beziehungen der Völker zu einander zu berücksichtigen, als ob die Staaten das Hauptproblem der Menschheit und die Völker eine gleichgültige Sache wären. Nur die Delegationen von drei Völkern, Ukrainern, Tschechen und Juden (Poalc-Zion) haben die Forderung erhoben, daß der Völkcrfricdensbimd alle Völker ohne Ausiiahmo schützen soll und daß alle Völker und Volksteilc bcrecii־ tigt sein sollen, ihre Beschwerden dem internationalen Tribunal vorzulegen und dessen Intervention zu fordern. Dieser Gedanke wird sich, wie zu hoffen ist, bei der Internationale cinbürgcrn. Welche große Bedeutung seine Verwirklichung für das jüdische Volk hat, ist klar. Das schutzloseste Volk der Welt unter dem Schutz der Menschheit, welche Wandlung der Geschichte i Das holländisch-skandinavische Komitee hat bisher mit einer stattlichen Zahl Parteien, die aber doch nur einen Teil der sozialistischen Internationale ausmachen, Konferenzen gehabt. So gut wie vollständig war in Stockholm die sozialistische Bewegung der Zentralmachte vertreten, während die Vertretung der Entente schwach war. Es waren auf Seite der Zentralmiiclitc yertreter folgender Parteien in Stockholm: deutsche Sozialdcmokratie (Mehrheit), deutsche Unabhängige Sozialdcmokratic (Minderheit), ungarische Sozialdemokratie, fc-r- »er Delegationen der Tschechen, Ukrainer (Galizien), Polen (Galizien), Bosniakcii, Herzegowiner und liulgaren. Von Seiten der Entente war außer Rußland, d. 11. dem russischen Arbeiter* und Soldatenrat nur eine Delegation der Belgier. Die amerikanische Dclcgahon hat sich als Bluff erwiesen. Amerikanische Man- (late hatten nur der Vertreter der unbedeutenden soziali* stischen Arbeiterpartei, die sich zur eigentlichen soz.ialiiitisdien Partei in der Opposition befindet, und der yertreter einer jüdische״ Gruppe (So/iaUsten-Tcrrihi. rialli.kii). Die gewählten Delegierten der sozlnliiitiselu■״ 1.11 leien Amerikas bekamen keine Pässe und an ihre Siclle trat in ihrem Namen ein politischer Chariatan Golafarb (Lipcx) *uif, den die wirklichen Delegier• ten später in der Presse offiziell desavouiert haben Keiner der beiden Miichlekoalitioncn gehören zwei Dele* gationen an: die Delegation des aUweltlichen Poalc* wir!Urnern neu internationalen ocliutz nicht 11 für unsere bürgerlichen, sondern auch für unsere trat nalen Rechte im Qotus und in Palästina. Die cingcflcisi testen Gegner der jüdischen Gleichberechtigung sind der Internationale die Polen und die Deutsch-Ocst reicher. Das polnische Memorandum, das durch Igi Daszynski im Namen der polnischen S z i a l i s t e n Oesterreichs dem holl.ändisch-skawlina scheu Komitee überreicht wurde, ist Im Ton eines erregt und beleidigten polnischen Schluchzte gehalten. Wc man das Memorandum liest, hat man den Eindruck, als sich der ganze Krieg nur um die polnische Frr drehe und als ob es außer ihr kein Problem gü mit dem es für einen ernsten Politiker sich zu 1 fassen lohne. Die jiidiadi-polninchcn Beziehungen w den nur so nebenbei und in einer Weise berührt,! jedem Jesuiten Ehre gemacht hälfe. Danzynski «. den Juden keine imtlonah'ii Rn LU! zu. 1:1׳ kann nicht /u;11;:1-n, w.v! er und!;eine Ueno׳!tu nicht zu f teil gedenken und was er stet:! IslUer bekämpft |1 Auch kann er die polnische Oudbchaft nicht du eine solche Zusage provozieren. Andererseits aber fc; man, bet einem unparteiischen Sozialisten keine Sy pathien erwerben, wenn man einem Volke die dem tarsien nationalen Rechte verweigert, und gerade 11 haben _d°d1 die Polen die Sympathie der Welt 80 nö: Wie zieht mau sich aus der Verlegenheit? Man beginnt mit einem1 Protest gegen Verlernt!* düngen des polnischen Volkes, berührt dabei die Juden* frage, schließt mit einer aligemeiiicn Versicherung und verschweigt die Juden. Man gibt sich die Pose eine# beleidigten ״Pan“ und verplliclilet sich zu nichts. Es ist nngczcigt, die entsprechenden Stellen wörtlich wieder* zugeben: ״Man hat gewagt, die völkischen Minoritäten in Polen, die deutsche, jüdische und ukrainische wegen der polnischen Unabhängigkeit zu beunruhigen, indem man die Polen von vornherein als untolcrante Unterdrücker verschrie“. Die offiziellen polnischen Politiker und die Sozialisten von Daszyirskis Schlag vermeiden es ständig, den Ausdruck Nation für die Juden zu verwenden. Zum ersten Mal werden hier die Juden in einem Atem mit den Deutschen und Ukrainern vom Vizepräsidenten des polnischen Pnrlaiiictitklubs in Wien als ״völkische Minoritiit" bezeichnet. Das ist auf den ersten Augenschein ein großes Zugeständnis von Das/ynskis Seite und eine Absage an die Tradition. Ist cs nicht eine vollkommene Wandlung in der Stellung der polniseli-galizisdien Sozialdeniokratcu zur jüdischen Frage, wenn liier die Juden als nationale Minorität angeführt werden? Einige Sätze später lesen wir die feierliche Zusage: ״Jedes Volk soll auf seiner Erde frei und unabhängig sein, das polnische Volk auf polnischer Erdet• Und jeder Minorität Polens gehört das größte Maß von Selbstbcstinuiningredit, wie das in jedem freien Staat der Welt cingeführt ist.“ Die Juden sind also eine nationale Minorität und jede Minorität im freien Polen wird das ״größte Maß von Selhstbestiinniuiigsrecht“ erhalten. Folgt daraus nicht mit eiserner Konsequenz, daß die Juden im freien Polen das ״größte Maß“ nationaler Gleichberechtigung erhalten? Der polnische Nationalist bat aber seine eigene Logik und seine eigene Kirnst, sich atisziulrücken. Dort, wo» ein normaler Mensch eine feierliche Verpflichtung sieht, ist der polnische Schladiziz im Stande, sieii mir einen Witz mit seinem ״Shid“ zu nindicfi. Versucht man sich auf den Standptinkt des poluisclieii ״Pan" zu stellen, so erfüllten die zitierten Stellen des Dokuments einen ganz anderen, entgegengesetzten Sinn. Wenn wir jetzt zu Daszynski mit seinem Dokument in der Hand kommen wollten, und die Erfüllung seiner Zusage vor der ganzen Welt fordern wollten, würde er ein überraschtes Gesicht machen und auf folgende Weise antworten: ״Meine Herren, die Verpflichtung, von der Sie sprechcn, existiert in Ihrer Phantasie und nicht in meinem Dokument. Lesen Sie cs doch noch einmal durch, aber mit Verständnis. Ich habe gegen die Verleumdung pro* testiert, daß die Juden national unterdrückt werden. Gewiß, Eine solche Unterdrückung ist schon deshalb nicht möglich, weil das Judentum keine Nation, soudem nur eine Religion ist. Ich habe ausdrücklich ge* sagt, daß ״jedes Volk auf seiner Erde frei und unabhängig sein soll, das polnische Volk auf der polnischeu Erde." In der Tat kann kein Pole irgend etwas dagegen haben, daß audi Ihr Juden frei sein sollt . . , auf Eurer Erde in Palästina. Ich habe wirklich am Schlüsse gesagt, daß jeder Minorität in Polen das Selbstbcstiininungsrecht gehört, aber dabei ausdrücklich hinzu* gefügt: ״wie das in einem freien Staat der Welt eiligeführt ist.“ Der Sinn dieser Worte kann bezüglich der Juden kein anderer sein, als daß wir ihnen das Maximum ztigcsngt haben, daß sie bereits in den westeuropäi* sehen Ländern erhalten haben, aber nicht ein Haar mehr, Im Westen hat man den Juden, wie Sie wissen, nach der französischen Revolution bürgerliche Rechte unter der Bedingung gegeben, daß sie auf jeden jüdischnationalen Gedanken verzichten. Dieselbe Bedingung habe Idi Ihnen stets gestellt. Dabei bleibe ich.“ Die gute Brüderschaft zwischen deutschen und polnischcn Sozialdemokraten in Oesterreich ist In der Kriegszeit stark erschüttert worden. In einer Sache aber können letztere auf die vollste Unterstützung der erstcrcii rechnen. Wie die polnischen sind auch die dcut* sehen Sozialdemokraten in Oesterreich erbit* terte Feinde des jüdisch-nationalen Gedankens geblieben. In ihrem Memorandum, das vollständig den Standpunkt der österreichischen Regierung vertritt und die nationale Lage in Oesterreich als eine innere Ange* legenheit des österreichischen Staates erklärt, sagt die Delegation der dcutsch-östcrrcidiiselien Sozialdemokraten den Polen und Ukrainern in Oalizicn die volle Autonomic zu. Die Juden sind hier vergessen, und das absichtlich. Die Victor Adler bleiben sich treu! Ganz anders ist die Stellung der Ukrainer. Sie, die den Schutz des geplanten Völkerbunds für alle Völker ohne Unterschied fordern, unterstreichen in ihrer Au die Leser de? Jüdischen Rundsdiaa in Wien. Wir haben dom Verlag R. Löwlt, Wien, Rotonturmatr, 22, den Elnzolverkauf der Jüdfaelien Rundschau fürWie■ Ober• trogen. Der Preis der Nummer beträgt im Einxel* verkauf 30 11• Verlag der Jüdischen Rundschau.

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