Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1917)
- Date
- 1917-10-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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■»I«* V. 'j/L •> 7 0 r־ ~ז3ל 7.0 O ,j , \ 'x C-1, 1״. Redaktion und Verlag Jüdische Rundschau, Berlin W, 15, Sä<iuis<56 öiraSe 8. Er- «cheint wödientl. am!•reiUjf. Abonnement bei der Eipedition und bei allen!,׳״.täliilcrn «1ert«ljährl. Mk. 2,75 in Deutschland, in Oetterreid1-Un׳{nrn Kr. 5,— im An innd Mk.4,— —tr.7 Nummer 43 Berlin, de« 26. Oktober 1017 /i i ׳■> \r 1; Ar. { Po־ r d־׳;׳r ר Jl.lstid S׳':j. C75. lV,'.v.V-'\i:*״to: Berlin Nr. 17392. Für Oesterreich 1 •r.-nimt SräciMcento Nr, 156050, Anzeigen die rnJ1s״ejpaUe1,e Petit» ’mim 40 Pf. Teilerun״sn1.1dda{15% ׳• Re1Jaktien».1.־i»luQ Dienstä" nacht■# Ckc3ciiv/r.n srss * ־«»«.«ג ־&*׳&*» arr■* XXII. Jahrgang Neue Aeußerungcn zum Palästinaproblein Die Diskussion über die jüdische Palästinafrage, die in der deutschen i*risse und Publizistik bereits eine erfreuliche Beachtung gefunden liat (vcrgl. die Aufsätze in Nr. 31, 31, 37 und 30 der ״Jüdischen Rundschau‘'), erfüllt jminer weitere Kreise der deutschen Oeffeatliclikcit,!Wir sind in der Lage, auf eine Anzahl neuer Aeiißeningcn deutscher Zeitungen und Zeitschriften zu dieser Frage liinzuwciscn. * Schon vor einigen Wochen konnten wir auf die bedeutsame Tatsache aufmerksam machen, daß die angesehene ״Vossischc Zeituiig“ zur Frage der Zukunft Palästinas eine dem Zionismus freundliche Stellung einnimmt, Die in dieser Zci■ tung erschienenen vielbeachteten Ausführungen C, A. Hratters hatten die polilisclie Bedeutung der zionistischen Best re!! imgen gewürdigt und «iie Auf• inerksumkeit auf das durch die Regierungen der finlciiteliinder aufgerollte Paliistinapiobiem'gelenkt■ Schon damals begrüßten wir den einsichtsvollen Versuch einer großen deutschen Tageszeitung, den maßgebenden Faktoren der auswärtigen deutschen Politik die Beschäftigung mit diesem wichtigen Problem zu empfehlen und die Möglichkeiten, die in diesem Zusammenhang der Zionismus bietet, wohlwollend zu prüfen. In dem Bestreben, die deutsche Ocffentliclikcit über den Zionismus und seine Bedeutung für die auswärtige deutsche 1*0• litik atifzuklären, hat die ״Vossische Zeitung“ nun-!mh! am 18. Oktober einen Aufsatz unter dem Titel ״Die zionistische Bewegung“ an leitender Stelle der Zeitung veröffentlicht. Diesem Aufsatz hat die Redaktion eine Bemerkung voraus• geschickt, in der sie nochmals auf die politische Bedeutung hinweist, die sie der zionistischen. Bevvegung zinnißt. ״Wir halten es“, heißt es hier, ״für wichtig, die maßgebenden Stellen unserer auswiirtigcn Politik im Zusammenhang mit den Be- Strebungen der Entente auf die zionistischen Pläne aufmerksam za machen, und veröffentlichen des• halb die nachfolgende Darstellung, die der Feder eine,-, zionistischen Führers entstammt, der die Türkei und besonders Palästina genau kennt.“ Es ist sehr erfreulich und zugleich von nicht zu unter» schätzender symptomatischer Bedeutung, daß -•״ zum ersten Male, wie uns scheint — in einer führenden deutschen Tageszeitung der Zionismus von 7.10• nistischcr Seite selbst eine eingehende politische Würdigung erfährt. Der Verfasser des Aufsatzes stellt zunächst fest, daß es verfehlt wäre, wenn man in Deutsch» 1.1 ik! an der zionistischen Bewegung achtlos vor• überginge oder gar aus der Tatsache, daß die Entente sich des Zionismus annimmt, den Schluß 7üge,' daß der Zionismus den deutschen und tüxkUchcn Interessen widerspreche. Die Unter- Stützung des Zionismus durch die Zemralmächte! erscheine schon deshalb sehr wünschenswert, weit diese schon heute in der Lage wären, ihr Wohlwollen fiir dm Zionismus durch Taten zu bekunden. Folgende Fragen seien zu prüfen: 1. Ist der Zionismus eine so starke Bewegung, daß er als realer Faktor in die Orientpolitik eilige-•teilt werden kann? 2. ist er für die Türkei nützlich? 3. IsJ er vom deutschen Standpunkt aus unteMüt■ zeuswert? Der Verfasser kommt bei allen drei Fragen zu dem Resultat, daß sic zu bejahen seien. Die bis jetzt für die jüdische Kolonisation aufgewandten Mittel, die nachdem Kriege noch reichlicher fließen werden, und der Befähigungsnachweis für eine großzügige landwirtschaftliche und städtische Kolonisation, den die Juden durch ihre bisherige Tätigkeit gebracht haben, sind ein Beweis für die r e a 1 po I i t isciie Bedeutung der jüdischen Pnliistiiiaarbcit. Bei der Frage, ob das zionistische Stieben der Türkei nützlich sei, geht der Verfasser auf die zögernde Haltung der türkischen Regierung in dieser Frage ein. ״Die türkisdien Staatsmänner Italien sicli bisher nicht entschließen können, die Bewegung zu fördern, weil sic offenbar iin Zwnfel sind, ob dm Ansieülung eines neuen nationalen Elements in dem von so vielen Nationen 'bewohnten Reich nicht zur weiteren Desorganisation des Reichsganzen bei:• tragen könnte. Aber dieses Bedenken müßte vor ״Der ZS«r!1u«1» ereürcM für t!8a jC:77'׳*.a Vc!!3 die Schaffung cf׳?er r,."־ngfch»recKEch ׳Gdc*:t;־*ca ffelButftite 1» Pnl'lsüoo." B8seter rrc״n־.mm. der Erkenntnis weichen, daß P,1!.':׳iina als ein Oe» inet, wo zurzeit 50000(1 Araber um1. ÖO (JOD luden, dagegen gar keine Türken wohnen, auf die Dauer nur an die Türkei gefesselt werden kann, wenn die Regierung Mittel und Wege findet, die Landeskultur zu heben, und wenn sie die Be- U'olmtT dieser Provinz durch Berücksichtigung ihrer Kulturellen und nationalen Wünsche für sich zu gewinnen versieht.“ Da die Türkei in Palästiim vor allem Arbeit, Menschen!und Kapital braucht, so wäre cs für sie eine Forcierung der Vernunft, die jüdische Einwanderung nach Palästina zu begünstigen. ״Die Türkei sicht vor der Frage, ob . sie aus Mißtrauen gegen die jüdische Einwanderung diese aiissdiiießeii «Hier wenigstens stark behindern ׳und Palästina als ein halb verödetes, vcrnachliiiiuigtes, von einigen i luiulerttau» send armseligen Fellachen bewohntes Gebiet durch rein äußerliche Machtmittel behaupten will, wobei die dauernde Gefahr liestcht, daß das Gebiet in irgendeinem günstigen Moment dem umliegenden englisch-arabischen Läiulerkrcis cinvcrleibt wird, oder ob sic durch' entschlossene Förderung des jüdischen Kolonisationswcrkes die Sympathien und damit auch die finanzielle Hilfe der Juden für sich gewinnen und Palästina durch die jüdische Kolonisation zu einem fruchtbaren und ertragreichen Teil des osmanischen Reiches machen will.“ Noch» mals wird in diesem Zusammenhang darauf hin־ gewiesen, daß bei einer Förderung der jüdischen iialioiiaikadturellen Ziele durch die Türkei für die Juden kein vernünftiger Grund vorlicgc, die Los• iösuiig Palästinas vom türkischen Reiche an/u• sireben, daß vielmehr das, was die Juden in Palä• stina fordern, völlig vereinbar mit der türkischen* Staatsidee sei. Die Antwort auf die dritte Frage bc» tont die wirtschaftliche Bedeutung, die eine jüdische Kolonisation in Palästina für Dcutsc 11 la nef hat, und licht besonders hervor, welche aticit im deutschen Interesse liegenden!wertvollen Sympa» tliien sich die Türkei durch Förderung des Zionismtis in der ganzen Welt erwerben würde. Per Auf• satz schließt mit einem Appell an die Zentral machte, durch Taten, die ihre Wirkung auf die Juden der ganzen Weit nicht verfehlen würden, ihr Intexesse am Zionismus zu bekunden. Während die ״Vossischc Zeitung“ durch die Veröffentlichung dieses zionistischen Aufsatzes ihren ausdrücklichen Wunsch nach einer ernsten P!üf 1111g des Zionismus durch die maßgebenden dcutscheu Stellen dartut, begnügt sicli das führende Organ der deutschen Katholiken, die ״Gernunia“, mit einer Aufforderung an die Zcnttalmachte und die Christgläubigen der ganzen Welt,! die frage der Zukunft Palästinas scharf im Auge 711 behalten. Das Zentrum sblatt, das schon vor einiger Zeit seine ־religiösen Bedenken gegen ein jüdisches Palästina ausgesprochen hat, läßt keinen Zweifel darüber, daß es für die von der Entente begünstigten zionistischen Ziele nicht viel übrig hat. Es bedauert, daß die politische Seite der Pa• lästin,־!frage noch immer zur Diskussion stellt. Es ist nach Ansicht der ״Germania“ bestimmt zu erwarten, ״daß die Zukunft des Hi. Landes auf der Friedenskonferenz zur Sprache gebracht wird. Frei■* lieh wird der Vierlnuid auch ein Wort niitzureden haben. 'Aber mail darf nicht übersehen, daß es in den Mittelmächten eine sehr verbreitete jüdische Presse gibt ■und daß diese dann vielleicht die zio■ nistischeu Ziele noch mehr unterstützt und förde.t, als cs in Friedenszeiten der Fall war.“ Mit dieser letzteren Vermutung hat die ״Gcrmama“ sicher das Richtige getroffen. Auch der liielilzionistisclie Teil tles deutschen Judentums beginnt allmählich eiiiztisehen, daß eine Fortsetzung der Gegnerschaft oder Gleichgültigkeit gegenüber dem Zionismus keine Berechtigung hat und cs ist wohl keine zufällige Erscheinung, daß selbst das v«־breiteste Organ der deutsch-jüdischen Nichtzionisten, das ״Hamburger Israelitische.* Familienblatt“ unlängst .an heifvo!ragender Stelle einen Aufsatz über die Palästinafragc• gebracht hat, in dem der Versuch ge macht wird, eine Formel zu finden,׳ unter der'auch die deutsche Assimilation sicli den zionistischen Forderungen atischlicßcn kann. ״Das Jude!1 problem im Weltkrieg“ ist ein Aufsatz in der ,,Europa isc 11 e 11 Sta nt8• und Wirtschaft-Zeitung“ vom 6. Oktober betitelt, der sicli ebenfalls neben anderem liauptsächlich mit der Paliisiiiiafrage befaßt. Der Aufsatz ist die Reproduktion eines Gespräches mit Obernibbiuer l)r. Eli re 11 preis in Stockholm. Dt‘. Ehrenpreis weist in diesem Gespräch auf die Schritte hin, die Regierungen und öffentliche Mciinnig in den Enteiitestaaten fiir ein jüdisches Pa• lästina getan haben, und bedauert, daß die Einzellieiieu dieser ״diplomatischen Okkupation“ von seiten der Zcntralmiiclitc noch viel zu wenig gekannt und gewürdigt werden. Er zieht aus all den Bemühungen der Ententeländer für eia jüdisches Palästina den Schluß, daß ״bei dieser Sachlage aus realpolitischen Gründen die Notwendigkeit zur präventiven Regelung der Palästinafragc im Sinne der Befriedigung gerechter Wünsche der Juden, wohl vereinbar mit den Hoiieitsreditcn und Interessen der Pforte, einleuchtend ist.“ ״Dagegen“, heißt es weiter, ״erscheinen Aciißerungcii wie die von Djcmal Pascha in der Rohrhach-Jaockhsclicn Zeitschrift ״Deutsche Politik“ über die Gefahren und Bedenklichkeit des Zionismus nicht geeignet, die Juden mit Vertrauen ׳und Zuversicht zu erfüllen. Die neutrale Judcnheit erwartet von der Einsicht der Regierungen der Mittelmächte die wohlwollende Förderung ihrer gerechten Wünsche“. Der Verfasser des Aufsatzes, mit dessen Mit- | tcilungcii sieh die Redaktion der ״Europäischen Staats- und Wirischaftszcitimg“, wie sic mitteilt, nicht in allen Einzelheiten identifiziert, hat nicht vergessen, eingangs hcrvorzulieben, daß Dr. Ehrenpreis, ein geborener Ocslcrreiclitr, als früherer Oberrahbiucr von Bulgarien und jetziger Rabbiner in Stockholm ״durch seine Antc/.ulcii/ieii und seine Persönlichkeit zum Vermittler zwischen dem neutralen Judentum und dem der beiden kriegführenden Gruppen geradezu berufen scheint“. Aus der Vorgeschichte dieses ״geistlichen Diplomaten der JiKicnhcit“ wird unter anderem mitgeleüt, daß er zur Zeit des iitikarestcr Friedenskongresses die Sicherstellung der nationalen und religiösen Minderheiten in den Balk.instaatcn als Vorbedingung für die Ratifikation bei den verschiedenen Regierungen zur Geltung zu bringen verstand, womit cs zusammenluingt, daß die Ratifikation des Bukarestcr Friedens durch die Signaturmäclite bis heute noch nicht erfolgt ist. Diese Betonung der frühcren diplomatischen Wirksamkeit von Dr, Ehrenpreis zeigt das ik'strelicn des Verfassern, den Aus!- fülirttngeii Llnuipriis' besonderes Gewicht bei den Lesern der ״Europäischen Staats- und Wirt Schafts- Zeitung“ zu geben. Auch die von Professor Hans Delbrück herausgebenen ״Preußischen Jahrbücher“ haben neuerdings Ausführungen über den Zionismus Raum gegeben. 1111 Rahmen einer größeren Abhandlung, ״internationale jüdische- Beziehungen“ genannt, hat im September- und Oktoberlieft Dr. Wolfgang Hein 7.e in einem allgemeinen Uebcrblick über die politischen Orientierungen def Juden aller Länder, auf den noch in einem anderen Zusammenhang zurück zu kommen sein wird, auch über die Palästinafragc geschrieben. Nachdem er auf die Gefahr liiiigcwicscn hat, die die englischamerikanischen Palästinap]ä11e für die Integrität der Türkei bede uten, empfiehlt auch er die sorgsame Pflege der!deutsch-türkischen Bezklumgen unter dem Gesichtspunkt, * daß ״ein Palästina unter angelsächsischem Protektorat die Orientierung mancher (jüdischer) Kreise von Konütaiitüiopel nach London oder Washington ablenkcn könnte.“ 1 Iciiize nennt den englischen Plan, das auserwählte Volk der Hl. Schrift zu befreien und zugleich die für das britische Weltreich recht notwendige Landbrückc von Aegypten-Afrika nach Palästina- Vorderasicn 811 schlagen, ״keinen üblen praktischidealistischen Gedanken“. Aber vor allein erhebt er mit Recht die Frage, ״ob den unter der jüdischen Jugend ,unleugbar zugkräftigen ־zionistischen Idcalen“ nicht eine Wirkung bcscliicdcn sein könnte, ״die Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte überdauert und dadurch das Judentum über alle individuellen Beziehungen in Presse, Literatur, Finanz usw.