Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1917)
- Date
- 1917-08-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2651273-2652026-2652060--11253-2668557- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 288 JU EDI SCH 2 RUN DSC II A U Nr. 35 ili 111 11;1:I; kann. Und man wird begreifen, mit vrtder t-rauk Herr Rabbiner Pinchas Kohn in den» Leitartikel der No. 153 der Zeilimp, die für iliiTcrläscinlc Nachricht mitteilen darf, dal] der englische Premierminister Lloyd George im engii* scheu Parlament sich bei der Behandlung der Palästinafrage ausgesclnviegen habe, während als einziger, der sicli gegen ein jüdisches Palästina aussprach, der jüdische Minister Edwin Montaguc aufgetreten sei, George hat geschwiegen Und Montague war dagegen 1 Seitdem sind für Rabbiner Kolm Lloyd ‘George •und der englische Minister Montaguc die einzigen in dieser 'Frage ihrer Verautwortung bewußten Politiker! Wir haben nur einiges Material aus dem überreichen Stoff ausgewählt. Genügt es nicht, um den Segen und Fortschritt zu zeigen, den das ,,Jiidisclic Wort“ für das polnische Judentum darstellt? M. M. Die 20. Jahreskonferenz der amerikanischen Zionisten Die Jalircslioiifercnz der amerikanischen Zionisten, die in diesen! Jahr in Baltimore stattfaml tnid 1111gefähr <100 Delegierte vereinigte, hat einen teilweise stürmischen Verlauf genommen, Leider reichen die spärlichen Nachrichten, die darüber vorliegen, noch nicht aus, um sich die Einzelheiten der Verhandlungen dieser Tagung zu vergegenwärtigen. Schon die Debatte über den Bericht, den der• Vorsitzende, Herr Louis Lipsky, über die Tätigkeit der Zioiiislisdren Organisation in Amerika während des letzten Jahres auf der ersten Sitzung der Konferenz erstattete, ließ die Opposition deutlich 'erkennen. Der Zionismus, so behaupteten die Redner der Opposition (Dr. Wortsinan, S. Goldenberg, Dr. S, Melaro cd, Ka rmcl 11. a.), ist in Amerika zu einer grollen Volksbewegung geworden, wahrend die Leitung noch immer die alten Formen der Organisation und Taktik bewahre. Die ganze Aufmerksamkeit der Leitung sei nur der Kongreflbcwegung zugewandt gewesen, ׳aber auch hier sei die Leitung auf Kompromisse mit den Gegnern cingegaiigen, die eine Organisation wie die zionistische nicht schließen sollte. Nachdem der Vorsitzende erwidert hatte, wurde gegen nur fünf Stimmen der Bericht bestätigt und der Leitung das Vertrauen ausgesprochen.. Im Name« des Zionistischen Zentralkomitees für Frankreich begrüßte die Konferenz Prof. Nahum Slouschtsch aus Paris. Mit großer Begeisterung wurde das Bcgrüßungstclcgrainn! des Mitglieds des £,A.C. N. Sokolo w entgegengenommen, das lautet: London, '23. Juni 1917, ״Ich komme soeben aus Frankreich und Italien mit neuen Eindrücken über den großen Fortschritt, den unsere Organisation in den Hauptzentren unserer Tätigkeit hier und in Europa gemacht hat. Ich spreciie Ihnen meine Bewunderung aus über die Orolltatcn Ihrer Organisation und llirc begeisterte aufopferungsvolle Tätigkeit. Möge Ihre Bcdachtsanikeit und Vorsicht von Erfolg gekrönt sein l Möge die gegenwärtige Konferenz ein neues und großes Kapitel in der siegreichen Geschichte Ihrer Tätigkeit für unsere nationale Heimat in Palästina eröffnen.“ t Jeher die Tätigkeit de:־. Jüdischen Natkmaifoiuls _in Amerika berichtete S. Abel, Die im Verlauf des Jahres zugunsten den jüdischen NationnlfomU im Lande gesammelte Summe erreichte die Höhe von 60 156 Dollar, Einen eingehenden Vortrag über die gegenwärtige Lage des iudischen Volkes und des Zionismus hielt der Sekretär des Provisorischen Exckutiv-IConütces Jakob de-11 aas. Er charakterisierte die furchtbare Not der Juden im okkupierten Gebiet, hauptsächlich in Polen' und Litauen. Aber auch in den schlimmsten Tagen des Elends sei der stolze Geist des vielgeprüften Volkes nicht erloschen. Als man in Amerika für die Be- Schaffung von Essen und Kleidern für die Notleidenden im Kriegsgebiet sorgte, erscholl aus Polen der Ruf, die jüdischen natioualkulturolien Bedürfnisse zu befricdigeu, die hebräischen Schulen zu unterstützen. Wo cs a׳.f Brot maugehe, wurde der Schekel gezahlt. Aus dieser Prüfung geht die Zionistische Organisation gestärkt und gerüstet hervor. Ucberall, selbst in den entferntesten Gebieten, wie Australien, Neu-Secland, Südafrika und China zeigten die Zionisten am meisten Interesse und Verständnis für die Leiden ihrer Brüder und die Notwendigkeiten der Zeit, ,Der Referent schilderte dann die Tätigkeit der russischen Zionisten und ihre großzügigen Leistungen während und nach der Revolution. Die Stimmung wurde lebhafter, als die Konferenz die zukünftige Arbeit der zionistischen Organisation in Amerika zu behandeln begann. Im Zentrum standen zwei Kampf fragen, die die Gemüter besonders erhitzten: die Frage des künftigen amerikanisch-jüdischen Kons gresses und tSic Frage der Neuorganisierung des ״Provisorischen Komitees für die zionistischen Angelegen‘ heilen". Bekanntlich war von den Zionisten mit den anderen jüdischen Parteien ein Übereinkommen bezüglich des Programme•« des cinzubcrufendcn Jüdischen Kongresses in Amerika geschlossen worden, in dem u, a. die Forderung der jüdischen Rechte in Palästina enthalten war. Die Zionisten waren damals auf eine solche Forumlienmg «!‘«gegangen, uni das Zusammengehen allqr Parteien zu ermöglichen. Inzwischen aber bewirkte die Revolution und die damit verbundene Judenemanzipation in Rulll,and, daß die sich tim den ״Vorwärts“ gmppiereutleii sozialistischen und antizionistisdicn Arbeiterkreise von der Kongreßbewegung ziiriicktrntcn. Dagegen war die Palästinafrage akuter geworden. Ein Teil der Zionisten forderte daher auf der Konferenz, das Uebcreinkonimen atifzuhcben und dem künftigen Kongroß eine extremere Formulierung vorzuschlagcn. hu Namen der Leitung legte Richter Hugo Pam eine Resolution vor, die fordert, an den im Ucbcreiukoinmen iestgelcgten Prinzipien treu festzuhaltcn, und die de» zionistischen Delegierten die Agitation gegen das geschlossene Uebcrciiikommcn verbietet. Gegen diese Resolution sprach M. SclicJnkin. Der Standpunkt der Leitung wurde von Prof. H. Fricdc 11 waId, Jakob de 11 a a s, Louis Lipsky und anderen verieidigt. Der von Scheiukin vertretenen Meinung sehlos- .sc« sich S. Golden Berg, Worts man, Seit neeberg und andere an. Mit 261 gegen 44 Stimmen wurde die von Richter Pnm vorgcsclilagcne Resolution angenommen und damit der Standpunkt der Leitung mit großer Majorität gebilligt. Die zweite zentrale Frage, die zu einem Austritt der beiden Föderationen der Poale-Zion und des Misrachi aus dem Provisorischen Exckutiv-Komitce führte, war das Problem der Neuorganisicrung des Provisorischcn Komitees. Das Provisorische Exekntiv-Komltee war bekannt- Sieb bei Ausbruch des Krieges in aller Eile geschaffen.; worden, L>r. Sduuarja L c \v i 11 mul der Vorsitzende der amerikanischen Zionisten - Föderation Louis Lipsky hatten im August 1914 eine Beratung cinberttfcn, die ein Komitee aus 11 Mitgliedern, darunter je ein Vertreter der Ponlc-Zion und des Misrachi, wählte. Die große Ausdehnung der Zionistischen Organisation in den letzten Jahren machte cs aber notwendig, diese» Provisorische Komitee, dessen ursprünglicher Aufgaben-? bereich sich inzwischen erweitert hatte, mit einer größeren Autorität auszustatten und cs von dem vom : 1 Kongreß gewählten E.-A.-C. bis zu einem gewissen Grade unabhängig zu machen. Es wurde daher bej schlossen, die 2t>. amerikanische Zionistcn-Konfercuz als konstituierende zu betrachten und sie mit der Wahl 1 eines erweiterten Provisorischen Komitees von 30 Per- 1 sotten zu beauftragen. Dieses größere Komitee sollte ai aus sich heraus einen Fünferausschuß wählen, der die!' ׳ zentrale Leitung des Zionismus in Amerika bis zur Einberufung des nächsten zionistischen Kongresses darstellen soll. Den beiden Föderationen der Poale-Zion ■ und des Misrachi wurde das Recht der proportioncllcn Vertretung gemäß der Zahl ihrer Schckclzahlcr zugestanden. Auf diese Weise sollten ins Provisorische Komitee sechs Misrachistcn und vier Poale-Zion gcwählt werden, Die Forderung des Ordens ״B ti c Z i 0 n“, ebenfalls als selbständige Körperschaft mit autonomer Vertretung betrachtet zu werden, wurde einstimmig abgelehnt. Die Vertreter der Poale-Zion und des Misradii stellten die Bedingung, auch im Fünfcraussdiuß vertreten zu sein. Da über diese Frage keine Einigung erzielt werden konnte, verließen die Delegierten der Poale-Zion und des Misrachi die Konferenz und lehnten die Beteiligung am Provisorischen Komitee ab. Die Konferenz beschloß hierauf, die Plätze für die Vertreter der Föderationen unbesetzt zu lassen und sprachen in einer offiziellen Erklärung die Hoffnung aus, daß die beiden Föderationen in das Provisorische Komitee dntreten werde 11. Ucbcr die Tätigkeit der hebräischen Organisation berichtete R. IJrniniu. Auf seinen Antrag faßte die Konferenz eine Reihe Beschlüsse über die Kulturtätig• keit der zionistischen Vereine und Orden. ■ ln den Vorstand der zionistischen Föderation in Amerika wurden gewählt: Prof, H.’ Frieden wa I d (Präsident), :Louis Lipsky :und L. Robinsohn, ferner die Herren S, Abel, B. R o s c n b 1 a 11, Frau Fels, Prof. Friedländcr, de Solo-Pool, J. Brody, Dr, S. Melamed, M. Rothenberg, A. Cowcn, :11. Maslianski, N, L. Awncr, R, I3rai ni n und Ab. Qo 1 d berg. Au die Konferenz schloß sich ein Bankett an, das zu einer herzlichen Kundgebung für Oberrichter Louis D, Brandeis, der anwesend war, Gelegenheit gab. Anläßlich seines 60. Geburtstages überreichten ihm die Anwesenden eine Adresse mit fünfzigtausend Unter- Schriften. Vor, nach und während «1er Konferenz fanden eine Reihe zionistsicher Tagungen statt, über die wir noch ausführlich berichten werden, darunter die Jahrcskonierejiz des zionistischen Ordens B ne-Zion, eine Konferenz der zionistischen Jugendorganisationen ״Jung« Juda“, eine Beratung der ״Ha das sah" und eine Tagütig der zionistischen Studentenorganisation. Bibelwissenschaftliche Irrungen Der angesehene christliche Theologe Kittel hat durch ein Obcrgutachtcn den berüchtigten Judenfresser Fritsch, de» Verfasser einer von den unflätigsten Beschimpfungcu gegen den Gott des Alten Testaments strotzenden Broschüre, vor der Anklage wegen Gotteskisterung bewahrt. Der Tenor dieses Gutachtens geht dahin, daß der von Fritsch angegriffene Galt garnidit mehr der Gott der heutigen staatlich approbierten jüdisclicn Religionsgemeinschaft ist; ferner, daß die von Fritsch erhobenen sittlichen Vorwürfe gegen den alten Judengott — der gutachtende Professor billigt natür• lieh nicht die rüde Form — doch trotz vieler ״Ucbcr- Reibungen" einen Kern von ,Wahrheit enthalten, , Dieser Tatbestand gibt zu denken. Wir wollen davor äbschcn, ob man Gott beleidigen kann, und wenn je• mand so geschmacklos und pervers ist, cs zu versuchen ob man nicht am beMe!1 der beleidigten Gottheit di: Bestrafung des Uebelläter» überlassen sollte. Aber c entbehrt nicht eines grimmigen Humors, daß gerade in Gegensatz zur Meinung seines —- sagen wir cs nur — Verteidigers Kitte! der Angeklagte Fritsch mtürllc mclit die Absicht. hatte, eine» uralten, hingst gestoi benen, palästinensischen Stammesgott zu treffen, son ־,crn,. ''IC sc*״ Vorleben und seine Vorstrafen es zu Genüge beweisen — den beute und (leider! sage auch wir!) in seiner Nähe lebenden Juden etwas a! Zeuge zu flicken. Weiter berührt cs sonderbar, da das Gericht angesichts der ״Hammer“-Schläfe Fritsch' zur Feststellung einer Gotteslästerung einer ganzen; Reih von Gutachten bedurfte (hier sollte dodi wohl nid Gelehrsamkeit, sondern Laiengefülvl maßgebend sein), un *) Bibelwissenschaftliche Irrungen. Ein Beitrag־ zt Kritik der alttcstamentlichen ßibelkritik an der Flau eine» gerichtlichen theologischen Gutachtens. Vc ÜSmb 247CSb8״Uef Bcr19171 ־״״ Vcrla* von Lou daß cs auf das Kiitclscbe Gutachten hin, dem andere entgegenständen, das Verfahren sofort eingestellt hat. Unwillkürlich erhebt man die Frage, ob der Lauf der Dinge der gleiche gewesen wäre, wenn — nicht etwa die Grundlagen ~ sonder» historische Verirrungen oder סיןlytheistischc Beiklänge des Christentums Gegenstand derartiger Beschimpfungen gewesen wären, A111 wichtigsten aber ist die Frage: wie konnte ein Gelehrter vom Range Kittels zu einer Anschauung kommen, die einer Billigung von Flitsch» Ausfälle» in gemilderter Form verzweifelt ähnlich sieht? Ist er zu dieser Stellungnahme wissenschaftlich bcrcchtigt? Dieser Frage widmet Jakob Neubauer ein Büchlein, das über den Einzelfall Kittel hinaus zu einer Gcncrnlnbrcchnung mit der ganzen modernen literargeschichtlichen Bibelkritik werden will. Das Buch zeigt, wie vorweg bemerkt Kein möge•, Beißige Beschäftigung mit der bibelkritiselieu Literatur und ausgezeichnete Kenntnis der jüdischen Quellen, der tnliitudisclicn wie auch der späteren Koninjcntatoren. Das Urteil, das Neu- Dauer (S. 212—213) über die bibclkritischc Schule fällt, und «i e m wir uns in allem Wesentlichen a n s c 111 i c ß c n müssen, soweit die Stellung z 11 m Judentum in Frage kommt, ist für eine wissenschaftliche Richtung geradezu vernichtend: ״Die moderne alttcstaiiiciitliclie Forschung ruht nahczif ausschließlich in den Händen christlicher Gelehrter. Zu der starken Wechselwirkung zwischen Bibelbetrachtung und jeweiliger Weltanschauung kommt für jene Kreise die aphoristische Annahme hinzu, ihre Religion stelle gegenüber der israelitischen: ״das Ziel, den Abschluß, die Vollendung, die Krönung“ dar... Dabei ist es unerheblich, ob der einzelne Autor radikalkritiscli oder ״rechtgläubig“, ist: der eine rlidkt nur mehr die OrtginaliUt christlicher Gedankcngdngc in den Vordergrund der andere spricht eher von einer bedauerlichen Abirrung Israels von Jener ״vorgezcichnetcn“ Bahn, die schlankweg in «las Christentum mündet. Von König und Sellin bis zu den Wellhausen und Delitzsch bleibt das Judentum die ״Retorte, die Verpuppuiig und Verschalung“, in welcher der Kern auf ״bessere Zeiten“ hinübergerettet wird.“ Kurz darauf (S, 216) sagt Neubauer mit Herford: ״Ist denn die christliche Religion so schwach, daß sie nicht anders verteidigt werden kann, als indem man den Charakter ihrer ältesten Rivalin in den dunkelsten Farben schildert?“ Es ist richtig: das Judentum — und die Wissenschaft der Geistesgcschichtc! — hat Grund, sich darüber zu beklagen, daß die moderne Bibciforscliung fast ausschlicßlieb in Händen protestantischer Theologen liegt. Denn diese Forschung ist n i cht unvoreingenommen; sie bat christlich-apologetische Tendenz, meist natürlich unbewußt, und sie hört darum au den entscheidenden Punk* tcu auf, Wissenschaft zu sein. Es wäre zweifellos um viele Dinge besser bestellt, wenn die historische 1Hbclkritik dem Historiker und dem Philologen, nicht dem Theologen, zuüele. Der christliche Theologe befindet sich hier in einer durchaus zwiespältigen und zu innerer Unwahrheit führenden Stellung: auf der einen Seite braucht er für den Unterricht des jungen Theologen und für die christliche Gemeinde die Bibel als heilige Schrift und muß ihr immer wieder das von ihm selbst an allen Ecken und Enden durchlöcherte und zerrissene Mäntelölten der Göttlichkeit Und Inspiration umhängen; auf der anderen Seite führt ihn das natürliche Bestreben nach Kontrasten zutn einseitigen Hcrvorsuchen und Betonen aller Momente, die das Alte Testament gegenüber dern Neuen herabsetzen und ״das Judentum“ als niedere überwundene Stufe der religiösen Entwicklung hinstcllen könnten. Auf beiden Wegen entfernt er sich meilenweit von wirklich objektiver Forschung. Er neigt dazu, wo er jüdische Probleme zu beurteilen hat, «ine Deutungen zu luigunsten des Judentums zu wenden. So kommt er immer wieder zu der peinlichen Frage, warum