Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1917)
- Date
- 1917-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nf. 32 Seite 265 Palästinabekenntnis der Sozialisten-Territorialisten Wie wir bereits mitgcteilt haben, beschlossen die amerikanischen Sozialisten •Territor in listen (S. S.) auf ihrer letzten, linde Mai in Boston abgchalten in Konferenz, die Pa 1 ii s t i 11 a־ A r b c i t wieder in ihr Programm auf/unchnicn. Wir sind jetzt in der Lage, diese bemerkenswerte Resolution zu veröffent* liehen: ״Die 7. außerordentliche Konferenz, tlcr Sozialisten- Tcrritorialisten bleibt ihrem alten Standpunkte treu, der sic auf keine prinzipielle Forderung oder Gegnerschaft einem bestimmten Territorium gegenüber fcstlegt. Sic erkennt aber an, daß die Forderung einer jüdischen Republik in Palästina, wie sic gegenwärtig von der öffentlichen Meinung der ganzen Welt gestellt wird, jetzt die einzige Möglichkeit ist, den nationalen Willen des jüdischen Volkes nach einem selbständigem Lehen auf einem eigenem Boden zum Ausdruck zu bringen. Die Konferenz beschließt daher, Im Verein mit den anderen Elementen des jüdischen Volkes, die eben• falls an der territorialen Lösung der jüdischen Frage Interesse haben, die Palästinaforderung auf die Tages* Ordnung des Kongresses zu setzen und für die Auf* rolhing dieser Forderung auf dem internationalen Frie* denskongreß zu sorgen.“ Diese Resolution, die nach einem 12 Jahre währenden gehässigen Kampf gegen Palästina die S. S. wieder mit Palästina verknüpft, wurde nach einer Debatte angenommen, die von 4 Uhr nachmittags bis 2 Uhr nachts dauerte. Alle Redner betonten, daß dieser Palästinismus nichts mit dem ״prinzipiellen Paläsiinis* mus der Poale-Zion und der Chibatli-Zion des Ziouismus" gemeinsam hat, sondern lediglich den gcgcnwiirtigen politischen Möglichkeiten entspringt. Unter den Verteidigern dieser Paliistinafordcrung waren auch die Führer der Partei Dawidowitsch und M. Katz. Denselben Beschluß faßten auch die Sozialisten- Tcrritorialisten in England, Am 23. Juni fand in London eine gemeinsame Beratung der Sozialistcn -Tcrritorialisten und der Poale-Zion statt, in der der Beschluß der Vereinigung beider Parteien auf Grund der gemeinsamen Arbeit in Palästina gefaßt wurde. Waad liaalijali Die ״II c c h a 111 z - B c w c g u 11 g“, die bisher in den zionistischen Arbeiter- und Jugendkreisen Verbreitmig gefunden hatte, wurde jetzt durch eine neue Grün* düng gestärkt. Das Palästina-Komitee der zionistischen Federation in Amerika gründete ein ״Komitee des Aufstieges“ ״Waad haali* ja 11*', das die folgenden Aufgaben hat: 1.) Organisicruug aller Juden, die entschlossen sind, sobald die Müglichkcit bestellt, sofort als Arbeiter, Kolonisten, lland- Werker, Katifleute, Fabrikanten etc. 11,ich Palästina zu gehen. 2.) Vereinigung aller Juden die die Absicht haben, spater die l IcUcrsiedlung vorzimehmcn, ferner Sorge für ihre gehörige Ausbildung und Vorbereitung; 3.) Erteilung von Inlormationen über das!.eben und die Bedingungen für die verschiedenen Arbeiten und Unternehmungen in Palästina. In dem schlichten und energischen Aufruf des Palä- Stinn-Komitccs wird auf die großen Eitiwaiidcriingsmöglichkeiteii hingewiesen, die sielt mit der Wiederkehr des Friedens für die Paläsiinakolouisution eröffnen, mul die Ueher/eugung /.Um Ausdruck gebracht, daß politisehe Erfolge unser Ziel nicht verwirklichen können, wenn ihnen nicht sofort eine zahlreiche und zielhe* wußte Einwanderung der geeigneten jüdischen Kräfte folgen werde. Die Lage der Evakuierten Mit Genehmigung Djemal Paschas 11.1t die Ililfs* k o in m i s s i o 11 für die E v a k 1t i e r t e 11 eine Reise du reit Palästina unternommen, um die Lage genau (est/ustellen. Die Zivil- und Militärbehörden waren angewiesen worden, die Tätigkeit der Kommission zu unterstützen. Dem Wunsch I)jemal Pusihas entsprechend beschäftigte sich der Vorsitzende der Ko inmisfion auch mit dom Schicksal der ara Iris eiten Evakuierten, deren Situation im allgemeinen als hefrie* digend befunden wurde. Die Zahl der arabischen Eva* koierten war in der von der Kommission durchreisten Gegend nicht besonders groß. Wieviele von ihnen mit* 11 Horns und 11 a in a transportiert worden sind, ließ sich nicht genau feststcllcn. Die arabischen Einwohner von Jaffa sind zum überwiegenden Teil in der .n.ivhsten Umgebung von Jaffa untcrgckommeii, . soweit sic in der Stadt seihst nicht unterschlüpfen konnten. Wegen der jüdischen Evakuierten traf die k'0111* mission eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung der Krankheiten und zur Festsetzung eines Aiücnsprogrammes lür die Arbeitsfähigen. Es fanden zu die* sein Zweck in Liberias Beratungen statt, an denen zahlreiche Mitglieder der verschiedenen Komitees teilnahmen. Bei diesen Beratungen waren sieben Acrztc aus verschiedenen Teilen des Landes vorsammelt, die über die Einrichtung einer Krankaniürsorgc beraten konnten. JUED1SCHE RUNDSCHAU Die Zahl der unterst ützungsbcdürftl• gen Evakuierte׳» ist zur Zeit folgende: Judäa: Pctach Tikwah 500 Kfar Sabal! 1100 Siclimu Jacob Jerusalem und andere 250 Platze liläa: 350 2200 Daganiah 43 Bittania 60 Kinereth 458 Migdal 105 Melcliamije 285 Jemma 300 Mcscha 264 Scdschcra 236 Hetli Gau 170 Sarona 21 1042 lil.ia : Tibcrias (Stadt) Jcschibath R. Meier 323 baal ucss 400 Saffed 103 016 Summa 5058 Einige glückliche Umstände liaben mitgespielt, um die Folgen der Evakuierung etwas zu lindern. Zunächst konnten infolge der warmen Jahreszeit die Unterkuuftsscliwicrigkciten zwar nicht iiberwunden, aber deich gemildert werden, 3a man sich mit provisorischen Hütten und Zetten einiftemafteii helfen konnte. Die Zeit des Schnittes und der Ernte bot Arbeitsgelegenheiten, zumal gerade in die- 6cm Jahre infolge des Ausbleibens von Spätreren die Aehren so kurz geraten waren, daS an vielen Orten der Sclmilt nicht mit Mähmaschinen erfolge« konnte, vielmehr das Getreide mit der Hand gcachafctten werden mußte. Auch das b i bl i s ch c Oe $ e t z der Nachlese (Lekel) bewährte sich neusten der Evakuierteil. Nach rnohamedanischem Gesetz wd nach der Lamlcssittc steht den Armen d&a Recht der Nachlese zu. Gewöhnlich w׳ird cs von arabischen Kindern ausgeübt, die davon auch auf jüdische« Felder■ Oebraudi machen. In diesem Jahre konnten die Evakuierten eini* gen Nutzen davon ziehen. Von größter Bedeutung für das Schicksal der Evalauerten sind die hygienischen Verhältnisse des Untcrkimftsortes. An den «takrlafrtiea Plätze» halten sich die Evakuierten mutig aufrecht, dagegen bieten die von Malaria hehsieesnchten Plätze ein äußerst trauriges Bild, Nameuthch am Tiberiassec, in Kineret 11, Bittania uad Mlgdal herrscht viel Malariaficber, daneben auch Fleck- und R ü c k f a 11 f i c b c r. Sehr ungünstig wirkt ee, Wenn viele Familien in größeren Konzentration«• lagern beisammen wohnen. Wo dagegea j«de Familie für sieh einen eigenen, wenn auch ■oeäa so kleine■ Fleck hat, treten die mensclildie■ Schwäch«■ weniger hervor. Es bleibt «las Selb«tbewult»ein erhalte», und der Wille zu einer menschenwürdigen Exlaleaz, Im einzelnen ist über die Lage der Evakuierten Folgendes zu sagen: in Pctaeh Tikwah ist die Situation ziemlich schwierig, weil dort schon seit Begi■■ des Krieges ein dauernder Zuzug der armen BevöBrertma aus den Städten statt fand. 'Dazu hat insbesondere die schreckliehe Not, in der sielt die Bevölkerung Jerusalems befindet, beigolragcn. Der Zuzug der Evakuierte 11 hat diese Schwierigkeiten in Pctach Tikwah ■a&rlkch verschärft. Die Unterstützung wird in Petaeli Tikwah von dem dortigen Wnad Itagirah und dem Jaffaer Komitec, welches die amerikanischen Gelder verwaltet, besorgt. Einen recht guten Einduck macht Klar Saba, wo die Evakuierten sich in gesundem Klima befinden und etwa 200 Laubhütten aus Eukalyptusbäunien durch die Jaffaer i landwerkcrvcreinigung ־aufgebaut worden sind, Wenn diese Hütten aueli gegen die »tarke Sonne und die Kälte der Nacht nicht genügend Schutz gewahren, so ist doch das Wohnen darin einigermaßen erträglich. Die Evakuierten konnten hier ihre Betten und den wichtigsten Teil ihrer Habe usterbringen. Maadie lffttten sind als Läden eingerichtet. Die Evakuierten haben auch Arbeit gefunden. Besonders werde« zahlreiche Versuche mit Lelimziegclu gemacht, die nach altbiblischer Alt aus dem Lehmboden mit Stroh hergestellt und an der Sonne gebrannt •werden. Für ärztliche Hilfe ist gesoigt, ebenso für den Unterricht der Kinder. tu Sichren Jakob sind etwa 250 uabemittelte Evakuierte, und zwar alles Jemeniten, die dank der Sdinüt/eil Arbeit gefunden haben. Die ärztliche Hilfe leistet Dr. J of f e. 111 Sc 11 weja, eine Stunde von Sichren Jakob, hat sich das Gymnasium uiedergelas«eu, und zwar in den Gebäuden, die seinerzeit von Baron Rothschild als Sanatorium gebaut und vorübergehend von Beikind für die Kischinewcr Waisen benutzt worden waren. Die Gegend ist schön und gesund. Es sind hier etwa 100 Kinder, überwiegend solche, die im Lande keine Eltern haben und vom Gymnasium verpflegt werden, Die meisten Lehrer sind ebenfalls da und erteilen tag. lieb einige Stunden Unterricht im Freien. Für den Winter kann aber das Gymnasium hier nicht bleiben, weil das Haus keine Türen und Fenster bat. Wenn die Rückkehr nach Jaffa für den Winter nicht möglich ist, wird die Ucbersicdlung nach einem größeren Ort, etwa Pctach Tikwah, Haifa, oder Jerusalem, erfolgen müssen. 111 M c s c 11 a, S c d j c r a und M e i c h a in i j e, wo 785 Evakuierte leben, ist die Lage einigermaßen bc* friedigend. Die Kolonisten geben sicli große Mühe, insbesondere gilt das von dem Komitee in Melcliamijc. Sehr unerfreulich ist die Lage in J e m m a. Dort lagern noch viele Leute auf freier Stratlc. Die aus Matten errichteten Zelte sind kostspielig und dabei impraktisch, die bei den Kolonisten gemieteten Wolmungen zu teuer. Es herrschen viel Malaria und sonstige Krankheiten. Es wird beabsichtigt, einen großen Teil der Evakuierten von Jeinma nach anderen Plätzen zu verlegen. In dem Jcinnta benachbarten Bet 11 Qan befinden sich 170 Evakuierte. Einen sehr schlechten Eindruck macht die Situation in K i n c r c t h , Bittania, I) a g a n i a h und M i g - dal, wo zusammen etwa <>M) Evakuierte wohnen. An diesen Plätzen leiden alle an Malaria und anderen Krankbeiten, und die Unterkunftsverhältnisse sind sehr un* günstig. Todesfälle sind häufig. In T i b c r a s, Jcschibath Rabbi M e i r b a a I ne ss, sind 400 Evakuierte untergebracht, die seLir un- ־ ter Krankheiten leiden. Besser sind die Verhältnisse in der Stadt Tibcrias, wo jede Familie ihre eigene Wohnung hat und Krankheiten nicht so häufig sind. Die hierher übersiedelten Jaffaer Kaufleute und Ffand* werker bemühen sich redlich, sich eine Existenz zu begründen. Für Verabreichung von gekochtem Essen an die Evakuierten sorgt die Volksküche, welche von dem Valksküchenkomitee in Berlin unterhalten wird. Günstig ist die Situation der 193 Evakuierten in Saffed, wo die Wolimmgs- und Gesundheitsverhältnisse gut siad. Die wichtigsten Maßnahmen, welche in Tibcrias beschlossen worden sind, waren; 1. ) Räumung der von Malaria heimgesuchten Orte und Ueberführung der Evakuierten, bt*onders der Kranken, Alten und Arbeitsunfäldge«, ■ach Saftes). Dieser Abtransport war nicht sehr leidbt durchaufiihren. Die meisten Flüchtlinge wäre« so willenmchwach und ohne Energie, daß sie sich zu kefcter Orttveniideruag entschließen wollten. Sie waren auch iltraui»c!1 und fürchteten, das Komitee wolle sicäi ihrer entledSgen und sie an einem entfernten Orte schütz- 10» abkagern. Die mit der Ueberführung der Leute betrauten Komiteemitglieder mußten viel Energie aufbrivgea, um *ie zum Verlassen, des Platze» zu bewegen. Der Transport wurde bewerkstellig: durch Segelboot zur Station Tapcha am Tiberiassee, von da mit Wirtacluftswagen nach Roselt Pinalt und Saffed. Zur Deck«® der Fra Importkosten wurden 0000 Frcs. Gold ausgeaetzt. Es sind in einigen Tagen gegen 330 Personen überfährt worden. Die Ueberführung dauert an, wie es *clieiat fnit Erfolg. 2. ) MeeKzinbche Flilfe. Die Aerzte legten eine ausführliche Rudgetaufsteliuag vor, welche rund 03U0 Francs erfordert. Es wurden 4 Zentralen für medizinische Hilfe ge* gründet: Tiberias, Kinereth, Jemma und Saflcd. 111 Tiber«»» wurde ein Hospital unter Leituttg des Br. Pochofsky eröffnet. Dr. Sc 11 er nt a■« bat sich zunäcliat in Kinereth niedergelassen, um ärztliche Hilfe in diesen Bezirken zu erteilen. In Jemma wirkt Dr. Chi ss in im Krankenhaus und einer Ambulanz, In Saffed steht die ärztliche Hilfe unter Leitung des Dr. G r ü n. Von gr'olem Werte für die medizinische Hilfe waren die Heilmittel, welche gerade jetzt in ausgezeichneter Auswahl eiatrafe■. 3. ) Arbeit für die Evakuierten. Zur Einrichtung von Arbeiten wurden von den er* warteten Hilfsmitteln 1000 Pfund mo«atich a1K®«»et/t. Da* unter Leitung des I lerrn Wilkau sky stehwaäe Büro hat festgMtellt, daß unter 2300 Evakuierte« ittt Bezirk Tiberias SK) sieh befanden, die g^iazlidt arbeite* unfähig si«d, 300 sind für jegliche Arbeit, 200 für leichtere Arbeiten geeignet. Auf ekewe 500 Arbeit«• fähigen kommen 1200 untätige l'aiiiiiieaniitgüeder. 500 arbeitende Personen sollen zusammen ako 1700 er«äbrs«. Die Forderung des Arbeitsbüros ging dshla, daß eine reinliche Scheidung gemacht werde zwischen den arbeitsfähigen und arbeitsunfähigen Evakuierten, damit diejenigen, die nur auf Unterstützungen angewiesen aiad, nicht den Arbeitsfähigen zum Vorbikl dienen tad 1ic von der Arbeit ablenken. Das Arbeitsbüro war be* müht, zunächst so weit als möglich die bei den Koloni* steil vorhandenen Saisonarbeiten für die Evakuierten zu bekommen, da hierfür keilte besonderen Mittel fkftatig gemacht werden sollten. Ferner wurden Arbeiter für die Regierung vennittclt. £10 Arbeiter, die 250 Seelen ernähren, in der Ptejcha (Ebene an der Einmündung des Jordan in den Tiberiassee) für Wege- und Straßenbau, und nördlich von Semach (Station) 100 Personen. Das Arbeitsbüro hat darauf geachtet, daß die Arbeitsfähigen keine Unterstützung bekommen, und auf diese Weise konnte die Arbeit bei den Kolonisten trotz anfänglicher Schwierigkeiten durchgeführt werden. Von den Unternehmern bei den Rcgicrungwbeiten wedlen den Arbeitern gute Versprechungen in Bezug auf Lohn und Billigkeit der Lebensrnittel an diesen Plätzen ge* macht. Leider werden aber in solchen Fällen oft die Versprechungen nicht gehalten. Außerdem sind die Oe-