Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1917)
- Date
- 1917-08-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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jUEDISCHE KUH □SCHAU Nr. 31 St, 254 Spruch des jüdischen Volksstammcs auf sein i leiuiatlauJ bestritten •werden. Die Juden kommen nicht nach Palästina, •um dort katholischen Interessen :in den!Weg; ua\ treten» aber Hungjckdirt hat der Katholizismus kein Recht, das Land und das Volk, die durch eine vk1־t«use11djiihrige geschichtliche Traitition Zusammenhängen, zu trennen. Niemals wird das jüdische Volk auf den Anspruch verzichten, Paliisüna als sein Heimatland zu betrachten. Der Zionismus ist kein Projekt, kein blolSes Koloiiialtmtenielimeii, das mau gründen oder ancli nicht grün• den kann. Der Zionismus ist der Wille des jüdischcu Volkes, »ml er wird wachsen, weil das Volk an Zahl, an Macht, an nationaler Selbstbesinnunp; wächst. Ist es vom deutschen Standpunkt politisch klug, eine so mächtige Bewegung zu vernachlässigen oder gar zu bekämpfen? ist cs nicht ein Beweis für den von •uns gerügten Mangel an poliüschem Sinn, wenn ungeklärte Empfindungen ge• gen ein Zerrbild des Zionismus aufgercizt wer• ■den? Vermag der Artikclschrcibcr der ״Germania“ sich nicht ־zu einer besseren Würdigung־ dieser weit• politisch bedeutsamen Bewegung aufzuschwingen'׳‘ Muß auch liier wieder ein weltpolitisches Interesse dem Parteisentimeut, dem Vorurteil der Abneigung gegen alles Jüdische geopfert werden? Gerade wenn Palästina türkisch bleibt: Wer soll dieses Land besiedeln und erschließen? Alle deutschen Sachverständigen stimmen darin überein, daß die Türkei für größere deutsche iJauernsiedluitgen nicht in'Betracht kommt. Das Land ist von wenigen Hunderttausenden armseliger Fellachen hewohnt. Türken gibt es dort überhaupt nicht, •mb. Ausnahme der Beamten und Offiziere. Mit welehern Recht will man da den Juden in den Wcgtre• teu, wenn sie, von den besten Absichten für die Er• Schließung des Landes erfüllt, nach ihrem alten Stammland zu wandern wünschen, wenn sie ihre moralischen ud materiellen Mittel ־zur Verfügung bteilen wollen, um Palästina, das heute vermint und verödet ist, wiederum zu einem frudlithareii Gartenland zu madlrai, der Weltwirtschaft ein neues Gebiet zu erschließen, europäische Zivilisation nach Asien zu tragen, ein Zentrum wirtschaftlicher und geistiger Kultur zu schaffen? Wer will es wagen, die noch immer bestehenden Ausnalimeregeln zu verteidigen, mit denen heute die jüdische Einwanderuiig von Palästina fcrngchaltcn Wird? Glaubt inan, daß nach dem Kriege die Juden der euro• päiscli-amerikanischen Kulturstaaten sich schweigeud damit abfinden werden, daß jlinen durch Ausnahmegesetze, die ihre staatsbürgerliche Gleichbercchtigung zunichte machen, die Niederlassung und der Grunderwerb in Palästina noch weiterhin erschwert oder unmöglich gemacht werden? Dies sind Fragen praktischer Politik, die in Erwägung gezogen werden sollten. Der Zionismus als geistige Macht, als tragende Idee des Judentums ist zu stark, als daß hum ihn mit so ־ladai&eheinigeii Ar* gumenten abtun könnte, wie die ,,Germania“ dies getan hat. Der Zioiiismus als Vereinigung der eiiiopäisch-amcrikasiisclscn judenheit, die ihre Rechte wahrzimehnien entschlossen jst, ist zu slark, als daß die Zwirnsfäden im Kriege erlassener Ver* Ordnungen ihn hemmen könnten. Der Zionismus als schöpferische Tat ist zu bedeutsam, als daß irgendeine Macht, die• im niiI1t*rc11 Orient Politik treibt, achtlos an ihm vorübergehen dürfte. I k*r Zionismus hat deshalb 1u:!son heilte in vielen Kulturetaaten das Ansehen und die Förderung errungen, die ci־ verdient, und , nur Mangel an po li t i - sc 11 ein S in» ist es» wenn er in der deutschen Oeffentliclikeit noch nicht die nötige Anerkennung gefunden hat. Freilich muß gesagt werden, daß die deutsch en Juden hieran einen wesentlichen Teil der Schuld tragen. Auch sie ermangeln jener politischen Erziehung, die den Blick für die Erfordernisse des Tages schärft. Audi sie sind bcfangen in ihren alten dogmatischen Streitereien •und können sich nicht zu dem Entschluß aufraffen, den die meisten Juden anderer Länder gefaßt haben: | sich geschlossen hinter den Zionismus zu stellen. So trägt das deutsche Judentum einen erheblichen Teil der Schuld, .wenn die amtlichen deutschen Kreise, wenn die deutsche Oeffentliclikeit, wenn Parlament und Presse Deutschlands schlecht über den Zionismus informiert sind. Die Zionistische Organisation hat getan, was sie konnte. Sic hat alle ihr erreichbaren Stellen über die wahre Bc-* de iitung der Bewegung aufzuklären versucht. Nun ist es Sache des deutschen .Volkes, insbesondere aller politisch-interessierten dcuSschcn Kreise, iirt eigensten Interesse der deutsehen Politik den Ziotiismus so zu werten, wie er cs verdient, sich aas dem Banne überlebter ,Vorurteile zu ,befreien und hei der Neubildung der Welt, die sich vor unseren Augen vollzieht, der Stimme des jüdischen Volkes Gehör zu schenken. Zur Verfassungsrevfsfon in Oesterreich Eine jüdische Autonomie In Oesterreich wird eine Revision der Verf a s s u n g vorbereitet und die Staatsmänner befassen sich jetzt eingehend mit diesem sehr komplizierten Problcm. In der Jüdischen Zeitung vom 27. Juli veröffentlicht l>r. S. Kassner hierzu außerordentlich wichtige Ausführungen. ״Eine Handvoll Juden, die sich zum Deutschtum oder zu einer anderctr Nation bekennen wollen, darf über das Schicksal der großen Mehrheit nicht entsdteiden. Denn wir stehen jetzt im Zeichen des Sclbstbc* stimnnmgsrechtes der Volker, und Oesterreich hat jederzeit volles Verständnis dafür bekundet, wenn es sich darum gehandelt hat, die nationalen Bestrebungen seiner Bewohner zu berücksichtigen. Warum soll allein hinsichtlich der Juden ein anderer Vorgang beobachtet werden?“ ״Es sei klipp um! klar ausgesprochen, die Frage einer jüdischen Autonomie ist nicht nach vorliegendem Muster, wie sic von den anderen Völkern Oesterreichs begehrt wird, zu lösen. Sic hat ihre Eigenart, und tmicr Berücksichtigung derselben muß sic behandelt werden. Nachäfferei eines Programmcs der Autonomie der Amte* ren,^ ohne dieselben Voraussetzungen, ist ein ־Unding. Es ist sehr bedauerlich, daß auch als Wissenschaftäi(ti fundiert geltende Interpreten der Forderung einer jiidisehen Autonomie »ich mit den Inkongruenzen der Postulate zu befassen mit erlassen haben. Dies kann alrer lief Sache nicht schaden. Denn das Leiu-ii ist stärker als das Fundament der Prinzipien, die in einer westlichen <klelirtcnstubc zu einem tragfähigen Volksgebiiudc herhalten sollen. Man muß sich mit der jüdischen Atitonomic im allgemeinen befrrynden und nicht bloß darauf beschränken, von einer solchen für die Ostjuden zu sprechen und für sie zu schreiben.“ 1111״ Verfassung.•;,msschiifl sitzt aber kein Vcrtretcr der jüdischen Nation. Im österreichischen Ahgeordudculmiise ist als solcher nur der wackere Bukowinacr jüdische Abgeordnete, Dr. Strauch er, anzusehen. 111 sehr anerkennenswerter Weise, wie es seitens dieses und seines galizischcn jüdischen Vertreters, des sehr bewährten Abg. Reizes, geschehen ist, hat als Christ der Bukowinacr Sozialdemokrat, Abg. G r 1 g o rowiczi, Angriffe gegen die Juden abgcwchrt. Diesein gebührt besonderer Dank. Dies läßt auch erkennen, daß nichijiidische Volksmandatare, wenn sic aus einem Gebiete kommen, in dem die jüdische Nation als existent angesehen wird, für ihre jüdischen Heinintsgcnossen mehr Verständnis bekunden als cs im Westen beispielsweise der Fall ist, wo trotz aller Deutschtümelei jüdischer Orüppchcu, gerade seitens^,des deutschen Nationaherbandes im Abgeordnetenhause nichts weniger als Judenfreundsebaft bekundet worden ist. Im Herrenhause erhob niemand für die Juden das Wort. In der Verfassungs-Kommission sitzt Freiherr von Schcy. Es ist aber seinem Gutdünken überlassen, wie er sich zum jüdischen Problem stellen wird. Es ist möglich, daß bei entsprechender Fühlungnahme auch jene Herren, die sieli lediglich al? Angehörige der jüdischen Kultus• gemeinde noch fühlen, dem Willen der Volksmchrlicit sich nicht feindlich gegciüiherstelkii werden. Es wird vielleicht noch die Zeit kommen, Wo der Widersinn auch im Westen eingesehen wird, die jüdische Volks niatrik, als die sich die KuHusgcmcinde darstellt, für eine Anzahl Juden nur als Gcburts- und Stcrbematrik gelten zu lassen. Diese Zeit aber in Ergebung erst abzuwarten, wäre der Gesamtheit schädlich. Wer zur Kultusgemeinde sich bekennt, hat dem Volksganzcn sich angeschlossen, ist Jude seiner Nation nach, ־hat seinem eigenen, freien Wißen Ausdruck gegeben. Eine re 11• giöse Gemeinschaft ist es bei den meisten bekannt• lieh nicht; denn sie stehen mit der Religion nicht au! bestem Fuße. Den Kultusstcuer-Bcitrag allein als Interessengemeinschaft anzusehen, ist also gewiß nicht ausreichend. *Die Befürchtung, in ein fremdes Sprach• milicu eingezwängt zu werden, erweist sich angesichts der Hervorhebung, daß die Sprache für den Nationale tätsbegriff nicht erforderlich ist, als völlig haltlos. Die deutsche oder polnische Schule, die ein jüdisches Kind besucht, ändert nichts an der Tatsache seiner Volkszu• gehörigkeit. Maßgebend ist der Geist, in dem das Kind erzogen wird. Die neue Schule muß auch nicht jj I! 1 1 ו 1 1 f i s I I b b 1 Der Jüdische Student*) Als sich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts das erstarrte Westjiwleulum wieder zu rühren begann, da machte sich dies in den׳ Form geltend, daß Organisationen der verschiedensten Art entstanden, religiöse, soziale, Wohltätigkcits- und Berufsorganisationen. Die immer größere Differenzierung bewies das Erwachen jüdischer Lebenskraft. Die Tendenz des nationalen Judentu ins aber erstrebte Zusammenfassung der zersplitterten Kräfte, einheitliches organisiertes Vorgehen zu großen gemeinsamen Zielen. Die jüdische Studentenschaft in Deutschland bildet hier wie in anderen Fällen ein getreues Spiegelbild jüdischer Entwicklung in Deutschland. Nach der Diticrenzicrthcit, die sich in unzähligen ״paritätischen“ Vereinen kundtat, begann auch hier die Klärung der Parteigegensiitzc, die das nationale Juden* tum überall herkorbraclrte. Man sah in den paritätische» Verbindungen keine irgendwie jüdische Interessen bcrührenden Organisationen mehr und so standen sich der Kartell-Convent (K.dC.), der den Standpunkt des offiziellen deutschen Judentums vertrat, und der Bund Jüdischer Corpora!ionen (B. J.C.) und das Kartell Zionistischer Verbindungen (K. Z. V.) gegenüber, die den Gedanken der jüdischen Renaissance unter der jüdischen Akademikcrschaft zur Geltung brachten. Es lag in der natürliehen Linie der Entwicklung und war doch ein bedetitsames Zeichen klarer Einsicht in die Notwendigkeiten, als am IQ. Juli 1914, vor nunmehr drei Jahren, B. J.C. und K. Z. V. sich zu einem einheitlichen Kartell Jüdischer Verbindungen (K.'J.!V.) zusamincngeschlosseii, das mit seinen tausend Mitgliedern der stärkste jüdische 'Akademikerverband in Deutschland war. Wir haben schon in den ersten Kriegsmonaten Gelegenheit gehabt, auf «in öffentliches Heft hinzuweisen, das das K. J. V. herausgegeben hatte und können heute auf ein neues Heft liittweisen, das von Arbeit und Stirnmting im K. J, V. ein erfreuliches Bild entrollt. *) Der ״Jüdische Student“, Zeitschrift des. Kartells Jüdischer Verbindungen, öffentliches Heft, Sommer 1917, herausgegeben vom Präsidium des K. J. V., Berlin W 15, Sächsische Strasse 8. Bemerkenswert ist das tiefe Interesse, das in diesem Heft au den allgemeinen Vorgängen Uer jüdischpolitischen Welt genommen wird. Man bemerkt, daß die K. J.Ver sich Idar in die Entwicklung hinciiistcllen, als deren Glied sie sich fühlen. In •einem einleitenden Appell weist die Leitung des K, J.V., das Präsidium, auf die ungeheuere Bedeutung der russischen Revolution hin, für die tief empfundene Worte nationalen Stolzes gefunden werden. Von einer politischen Rundschau gellt mich ein ״Die Organisierung des jüdischen Volkes“ bctitclter Aufsatz, von Dr. Fritz Lö weitste in aus, der, auf die Ereignisse der Jüdischen Geschichte des letzten Jahrhunderts und die Vorgänge des Krieges eingehend, zeigt, daß das jüdische Volk mehr und wehr zu dem kommt, was die real-politische Bewegung von der Utopie unterscheidet, zur Organisation und zum Programm. lieber «las Wesen des K. J, V. spricht Karl Glaser. Statt aller Besprechung möge hier der Schlussabsatz dieses ausgezeichneten Artikels stehen: ״Unsere Aufgabe wächst ins Unermeßliche; größer steht sic vor dem Manne als vor dem Jüngling. Körperliehe und moralische Erziehung und Selbster/iehung, Politik, künsterisches und geistiges Leben umfaßt sic mit gleicher Notwendigkeit. Das K.J.V. ist ein Keim, ei« wichtiger, der neuen jüdischen Gcsellsduft, die sich bildet, des natürlichen Zusammenflusses aller Kreise, die noch jüdisch empfinden, gegenüber allen, die der Assimilation, der Zersetzung, dem Verfall das Wort reden. Die Scheidung im Judcntume, ilic wir stets cmpfänden, wird der Krieg offenbar machen. Dem׳ jödischen Abfall gegenüber organisiert sich das jüdische Volk. 'Eine Kcrntruppe in seinem Lager ist das K. J. V.“ Was den K. J. Vcrn ihre Gemeinschaft bedeutet, konnten sie uns nicht besser andcuten, als durch Abdruck von Max Brods Artikel aus dem ״Jüdischen Prag“, der treffend die menschlichen Zusammenhänge darstcltt, die eine Kampf- und Lebensgemeinschaft verbinden und sie in Gegensatz stellt zur Selbstgerecht!*{;• keit des ״Individualisten“. Gerade in diesem Zusammen•• hange sind Otto Kahn* Ausführungen von Interesse, der schildert, welche innere Entwicklung ihn zum K. J.V, führte. Ein wichtiges Problem des deutschen Judentums, nämlich die Orthodoxie in Deutschland wird von Abraham Horodiscli erörtert. Er charakterisiert sie, — im Gegensatz z. B. zu der Orthodoxie in Rußland — als erstarrt und ohne wahrhaft jüdischen Geist und erblickt eine Möglichkeit ihrer Wicderbelcgung nur in der nationalen Idee- Interessant sind die Stirn 111 c 11 zur Juden• Zählung, wo wir neben den krampfhaften Versuchen der Assiini!,inten, zu beruhigen, und jede Erbitterung zu vermeiden, Arnold Zweigs ״Jude 11 z ä h l u n g v <1 r Verdun" finden, die den beredten Ausdruck der Stirn• mvmg widergibt, mit der nationale J uden diesem Problem gcgeiüibersteheii. Mit Recht hat das K. J. V. den seinerzeit in der ״Jüdischen Rundschau“ erschienenen wertvollen theoretischen Aufsatz Kurt Bl u m e n f e I d s über ״A ח t i s c m i t i s 111 u s" noch einmal abgedruckt, der in unserer jüdischen Eigenart den eigentlich wahren Grund des Antisemitismus und nur im Streben nach einem freien schöpferischen Judentum eine Möglichkeit steht, den Antisemitismus zu bekämpfen. Auch über die Arbeit des K. J. V. informiert das reichhaltige Heft in einem Bericht des Präsidiums. Ein wertvolles Dokument aus der Geschichte dieses Krieges bildet die Schilderung einer Pe s s a ch f c i cr, die jüdischc Soldaten und speziell K. J, V.er in diesem Jahre in B a r a n o w i t s c h i hatten. Wir empfinden nach, mit welcher Freude sielt unsere Gesinnungsgenossen im Fehle treffen, wie sie sofort untereinander sich heimisch fühlen und wie ihre Gedanken zu der jüdischen Arbeit fliegen, an der sic jetzt nicht tcilnehmcn können. Das Heft schließt mit der Besprechung von Reymont* ״Lodz das gelobte Land“ durch Felix Roscnblüth Die Besprechung betont, daß wir trotz aller antisemitischen Einseitigkeiten des Verfassers ein interessantes und lesenswertes Buch vor uns haben. So läßt sich zusammenfassend über das Heft des K. J. V. sagen, daß es dem Außenstehenden ein Bild der Arbeit und des Geistes zeigt, der bei unserem akadänischen Nachwuchs herrscht. Ihn Arjeli. k e ti 1 n R r srt ״ d. K e• 1u n; bi 111 ־.2 b. sc 3.) g< de lat rie: die j cxj! log! lu ' Ko; l W| ’ vot Oie, ncr; j die des sac die hab du! (־