Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 31 (3.8.1917)
- Date
- 1917-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ab 5677 j XXII* Jahrgang Der Zionismus und die Zentral machte 111 den letzten Tilgen sind in der führenden katholisdien Zeitung ״ü e r in a,n i a“ und in der ״Voss i sc 11 cn Zeitung״ Artikel erschienen, die sich mit der Zukunft Palästinas und im Zusammen• hang damit mit dem Zionismus beschäftigen. In der ״Voss. Ztg.“ vom 1. Aug. schreibt C. A.B 1־_a_t tcr in einem vom deutsch-politischen Standpunkt sehr einsichtsvollcu Sinn über den Zionismus, den er ,,eine kolonisatorische Massenbewegung von ernster Bcdeutung“ nennt. Er gellt von der Zeitungsmclchiiig aus, daß Präsident Wilson eine dreiköpfige Palästina-Kommission eingesetzt habe, die auf dem Wege nach Aegypten sei und auf der Rückreise in den EntentelüiKlerii dafür Propaganda machen solle, ,,daß die jüdischen Wünsche in betreff der Zukunft Palästinas berücksichtigt werden,“ Brat• - ter erklärt das Interess*# der Vereinigten Staaten am Zionismus mit innerpolitisclieii üründen, iiiim״ lieh mit dem Wunsch des Präsidenten, die ein• fitißreidieii jüdischen Stimmen, die früher im \vc* scntlichcn der .republikanischen Partei zufielen, für die demokratische Partei zu gewinnen. Dann gebt der Verfasser des Artikels auf Englands Palästinnpolitik über, welche mit dein Satz charakterisiert wird, daß England sich den Landweg nach Indien sichern wolle. Hieran habe England seit langem systematisch gearbeitet, insbesondere habe es die Bildung eines grollen äggyptisch-arabischcn Rcidies unter einem selbständigen arabischen Khalifcn erstrebt. 111 Analogie zu diesem Plan wolle Eng* Umd jetzt durch die Förderung der jüdischen Be• wegting Palästina für sich gewinnen — ״ein Ikweis für die Wichtigkeit, die England dieser Bewcgung beilegt“. Brattcr fährt dann folgendennassen Tort: ״Dali es sicii dabei um eine kolonisatorische Bewegung handelt, wurde schon oben ausgeführt. Von diesem Gesichtspunkt nus muß deshalb zu ihr Stellung genommen werden, wenn den englischen Plänen erfolgreich begegnet werden soll, Die Portierung des ״Reklisboten“, Deutschland solle sich seihst an die Spitze dieser Bewegung stellen, enthält darum einen weltpolitisch richtigen Kern, wenn der ,,Reichsbote1‘ auch vermutlich die Sache anders gemeint hat. Man wird selbstverstündlich, um in der für Deutschland wichtigen Paliistinafrage klar zu sehen und richtig zu haudein, ihre Verquickung mit iimerpolitischcii Angelegenhcilen ebenso vollständig .vermeiden müssen, wie dies in England geschieht. Die angedeuteie Palästinapolitik wird in England selbstverständlich nicht nur von solchen Juden vertreten, die selbst Zionisten sind, oder nur von solchen Nichtjuden, die Antisemiten sind. Immerhin muß gesagt werden, daß die cigent licli zionistische Auffassung der Palästinafrage den Interessen des Vierbundes ebenso entspricht, wie die englische Uiiideiitung diesen Interessen wider• spricht. Die zionistischen Siedlmigsbestrebungen bezwecken selbstredend keine Losreissung Palästinas vom türkischen Reich, sondern wollen sich im Rahmen dieses Reiches •und auf Grund einer starken Interessengemeinschaft mit ihm entwickeln.“ Zum Schluß führt der Verfasser aus, daß die Engländer und Amerikaner bei der Verfolgung ihrer palästinensischen Pläne auf erheblichen Widerstand bei ihren eigenen Bundesgenossen stoßen würden, deren Interessen in Syrien und Palästina keineswegs init den englisch-amerikanischen Interessen übereinstimmen. Dieser an leitender Stelle der ״Vossischen Zei* tung“ erschienene Artikel ist ein erfreuliches Zei• dien für das allmählich wachsende Verständnis, wcl• dies der Zionismus in Deutschland findet. Brattcr hat den für die deutsche Politik entscheidenden Punkt richtig herausgefunden. Er hat gezeigt, daß die führenden Ententemächte volles Verständnis für die große Bedeutung der zionistischen Bewcgung haben, und der Sinn seines Artikels ist eine Aufforderung an die Leiter der deutschen Orient- Politik, sich ihrerseits des Zionismus anzunchmen. Brattcr sieht auch ganz richtig, daß die Verwirkliclvuug des Zionismus in einem türkischen Palästina durchaus den türkischen Interessen entspricht und ״Der Zfonltmu! crilrcM für dal Jädtache Volk die Schaffung einer dffcntlicii-rccUfllch gesicherten Hcimitiitic in Palästina." Baicler Programm. keineswegs zu einer .Losreissung Palästinas vom; türkischen Reich führen muH. So erfreulich es für uns ist, daß nunmehr — leider erst infolge der öffentlichen Diskussion und Forderung des Zionismus in den Entcntcstaatcn — unsere Bewegung in einer großen Tageszeitung Deulschlamls so vorurteilsfrei gewürdigt wird, so müssen wir leider sagen, daß diese Stimme vorläufig nur eine vereinzelte ist. Zwar haben sich eine ganze Reihe angesehener deutscher Zeitschriften, wie die ״Preußischen Jahrbücher‘‘, die ״Sozinlisti• scheu Monatshefte“ und andere, mit dem Zionismus beschäftigt, und es sind in diesen Blättern häufig Beiträge erschienen, die den Zionismus anerkannten und würdigten. Aber die eigentlich politische Würdigung hat bisher meist gefehlt. Das hat tiefe Gründe, auf die wir hier nur kurz hinweisen könneu. Weltpolitisches Verständnis ist in Deutschlami bei weitem nicht so häufig an/.utreffen wie in den anderen europäischen Staaten. Nicht nur die vielgesclmiiihteu deutschen Diplomaten tragen die Schuld au den Fehlern der deutschen Auslaiulspoli• tik, sondern der mangelnde politische Sinn des ganzen Volkes ist es, der für diese Fehler verantwörtlich gemacht werden muß. Es besteht in Dculschlaud eine beklagenswerte Neigung, Fragen der Ausiandspolitik stets vom Standpunkt der Partei, der persönlichen Empfindung, d. h, in praxi unter irgend einem Vorurteil, zu betrachten. Der Engländer hat auf Grund seiner langen Schulung für die Ausiandspolitik gelernt, die Umwelt kühl und objektiv zu .werten, und gerade dadurch wurde es iluu möglich, jede neu au ( tauchende Bewegung, jede weltpolitische Veränderung zu seinen (hinsten zu wenden. Dem Deutschen wird es offenbar schwer, diese ruhige Objektivität aufziihringen. Er betrachtet andere Völker gern als Freund oder als Feind. Aber seine Freundschaft und Feindschaft beschränkt sich dann nicht auf das eigentlich po-!bische Gebiet, sondern sie greift in sein Gemütsleben über, wird zur Doktrin, zum Vorurteil und verleitet so zu irriger Auffassung fremder Kräfte. Ist diese Gemütsslinumuig einmal da, so kommt zum SchluII noch der deutsche Professor und heweist mit viel Aufwand historischen Materials, warum der Deutsche gerade mit seinem jetzigen Bundesgenossen in tiefer seelischer Harmonie verbunden ist und warum der Feind das teuflische Prinzip in der Welt verkörpert. Kann man erwarten, daß die jüdische Bewc* gung unserer Zeit in Deutschland ohne weiteres weltpolitisch richtig gewertet wird? Wir wissen ja, wieviel Vorurteile gerade hier zu überwinden sind, sobald cs sieb um jüdische Angelegenbeiten handelt. Der tief wurzelnde Antisemitismus, erschwert eine ruhige Würdigung des Zionismus außerordenllicii. Nicht nur die breiten Volkstnasseit aber, sondern auch die gebildeten Schichten sind politisch zu wenig geschult, um eine solche Bewegung in das Kalkül der deutschen Auslands- Politik eins teilen zu können. Will man einen Beweis völliger politischer Verständnislosigkeit für die zionistische Frage, so stelle man den Ausfüllningen Bratters in der ״Voss. Zcitg.“ den Leitartikel gegenüber, der am 2h. Juli in der Morgenausgabe der ״Germania“ erschien. Auch dieser Artikel beschäftigt sich mit der Zukunft Palästinas und erwähnt die zionistischen Pläne. Die ״Germania“ kann sicii mit diesen offenbar;licht befreunden, wie folgende Sätze zeigen: ״Besser wäre es indes, auch den Juden klar zu machen, daß die Trauben in diesem Falle zu hoch hängen. Oder sind die romanischen mul angelsächsischen Katholiken mit einer jüdischen Herrschaft in Palästina anstelle der türkischen einverstanden? Ueber die Türken konnte vor dem Kriege keine an den heiligen Stätten interessierte Nation Klage führen, •und wenn es jetzt andere ist, so ist das eben eine Folge des Krieges, die aiier durchaus nicht beweist, daß durch den Fricdciisschluß nicht für alle christlichen Staaten amieliinbare Zustände Jm Heiligen LaJide geschaffen werden können, wenn auch die Kapitulationen einfür allemal von den Türken abgeschnfft sind. :Wie es in einem zionistisch beherrschten Palästina misseiien wird, kann niemand wissen, und niemand kann dafür aiifkomnu'ii, daß dann die Duldsamkeit ebenso gehamlliabt wurde wie unter türkischer Herrschaft.“ Die ״Germania“ gellt dann auf Englands palästincnsischc Pläne ein und schließt ihre Ausfüllrtmgen folgendermaßen: ״Wir haben keinen Anlaß, uns mit diesen Utopien zu befassen, aber da Zweifellos beim Fricdeiisscbluß auch über das Flcilige Land gesprochen und verhandelt wird, auch dann, wenn es wie selbstverständlich unter türkischer Herrsduft bleiben soll, so möchten wir die katholischen Kreise in Deutschland und den'verbündeten Mächten einmal nachdrücklich auf das Thema hin* gewiesen haben, damit nicht die Zionisten und an* dere den Katholiken z.iivorkoninieii und sich allein eine ״friedliche Durchdringung“ des Landes, oder, wie man es sonst nennen mag, sichern.“ Man sicht aus diesen Ausführungen, daß die ״Germania“ eine Gegnerin des Zionismus ist. Dann muß man sieh aber doch fragen, warum sidi das Blatt nicht nach besseren Argumenten uingesc* her! hat. Jeder Kenner Palästinas, der auch nur die Anfänge der dortigen jüdischen Kolonisation kennt, und jeder gebildete Europäer, der die Ju* dert Europas und Amerikas halbwegs richtig zu beurteilen vermag, wird bei dem Gedanken lä* ciieln, daß die Juden, wenn sie maßgebenden Einfind in Palästina erlangen, dem christlichen Interesse an den heiligen Stätten in Palästina mehr Abbruch tun würden, als die türkische Herrschaft dies getan hat. Wir stimmen zwar mit der ״Germania“ darin überein, daß die Türkei den fremden Religionsge* nicinsdiaftcn gegenüber bis zum Ausbruch dieses Krieges stets Toleranz geübt hat, aber unser bcrcchtigtcs Selbstgefühl läßt ,uns die Furcht des Zentrumsblattes, daß die Juden die der Christenheit heiligcn Stätten weniger respektieren sollten als die Türken, mit Entschiedenheit zuriiekweisen. Im iibrigen sollte die ״Germania‘‘ sich in dieser Frage an diejenige Stelle wenden, die in erster Reihe berufen scheint, den katholischen Standpunkt zu vertreten: an den Papst. Wenn ein Blatt vom Range der ״Germania“ Bedenken äußert, daß die Interessen der Christenheit durch die jüdische Ko* Ionisation gefährdet würden, so sollte sie nicht verschweigen, daß erst vor wenigen Wochen def Papst einen Vertreter der Zionistischen Organisation empfangen hat, welcher ihm die zionistischen Absichten eingehend erläuterte und insbesondere erklärte, daß die Juden die Frage der heiligen Plätze mit dem größten Respekt vor den Empfindungen der Christenheit behandeln würden. Die ״Germa• nia“ sollte auch ,wissen und ihren Leser» mittcilcn, daß der Papst nach diesen Aufklärungen seine Sympathie für den Zionismus in deutlichen Worten ausgesprochen und die Unterhaltung mit demSartz beendet hat: ״Wir werden gute Nachbarn sein.“ Doch scheint die ״Germania“ nicht nur über diese letzten Vorgänge nicht unterrichtet zu sein, sondern sie sucht auch bei jhren Lesern über das Wesen der zionistischen Bewegung Vorstellungen zu erwecken, die mit der Wirklichkeit nichts ge* mein haheii. Schon der Satz von der jüdischen Herrschaft anstelle der türkischen zeigt, wie schlecht die ״Germania“ ihr Leserpublikum unterrichtet. Je* der Publizist muß heute, nach iüjähriger zionistischer Agitation, wissen, daß das zionistische Programm nicht einen jüdischen Staat erstrebt, «indem stets — wie dies in dem oben erwähnten Artikel von Brattcr richtig gesagt wird — seine Pläne im Rahmen des türkischen Reichsverbandes verwirkliehen wollte. Ganz irreführend ist endlich die Ge* genübcrsteilung katholischer und jüdischer Intcressen, wie sic von der ״Germania“ geübt wird. Die Berücksichtigung der christlichen Interessen bietet bei gleichzeitiger Verwirklichung des Zionismus überhaupt keine Schwierigkeiten, weil es sich nicht um feindliche Rcligionsansprüchc handelt, die miteinander ringen, sondern um Tendenzen von sehr verschiedener Art, die sich eben wegen ihrer grund* sätzlichen Verschiedenheit beide auf dem Boden Palästinas nebeneinander behaupten können. Da» ist der Sinn des klugen Papstwortes: ״Wir werden gute Nachbarn sein.“ Das holte Interesse der Christenheit an den heiligen Stätten Palästinas bedarf weder einer Begründung noch einer Rcchtfcrti* gung. Ebenso wenig aber kann der historische An*