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Jüdische Rundschau · 1917-07-13 · Heft 28 (13.7.1917) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXII (1917)
Issue
Heft 28 (13.7.1917)
Date
1917-07-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Keine einzige Richtung gibt cs aber unter ihnen, die gegen die bürgerlichen Pflichten, die wir dem Lande gegenüber 711 erfüllen haben, auftritt, oder den Wohlstand des Landes, in dem wir wohnen, nicht ersehnt. Wir sind das älteste Volk der Welt. Auf imseim langen geschichtlichen Weg waren wir 7engen vieler Umwälzungen und Erschütterungen. Was Kreiiz/iigc, Impiisitioiicn und russische Pogrome, was Männer von der Cieschieklichkeit eines Torquemada und Pobedonos/cw nicht erreicht haben, das wird auch Ilski und seinen Freunden nicht gelingen. Wir glauben an die Zukunft. Der Gegenwart gegenüber haben wir aber kein Vertrauen. Vor allem bähen wir kein Vertrauen zu dem gegenwärtigen Magistrat. Auf die Anklagen Rabbiner I)r. Poznan skis antantworteten der Bürgermeister und Dr. Zieewinski. Der Bürgermeister erklärte, daß die Zahl der jüdischen Stadtbeamten TU beträgt, was das loyale Vtrhaltcn des Magistrats den Juden gegenüber bezeugen soll. I)r. Z. i e e w i n s k I meinte, daß nicht der Stadtrat eine so komplizierte t rage, wie die jüdisclie, lösen werde. Wohl habe er zu den Juden, die von l)r. Poznauski repräsentiert werden, volles Vertrauen. F.s seien aber auch andere Juden da, von dereu Treue zum polnischen Staat er nicht überzeugt sei. Er berufe sieh auf die Haltung der Juden während der russischen Okkupation und warne die Juden, Steine auf den Weg der Verwirklichung der polnischen Selbsiämligkeit zu legen. Auf diese Beschuldigung antwortete Ratinaim Rechtsanwait S e i d e 111 ,11 111׳. Mit Ilski, der das jüdische Volk als ein mit den Polen verfeindetes und das Unglück Polens ei sehnendes darstellt, wolle der Redner nicht poleinisiercn. Solche Behauptungen sind nicht neu und die, die sie aufstellen, wissen selbst, wie grundlos sie sind., tierade die Zionisten, die die jüdisch-nationalen Forderilligen verteidigen, begriffen vom ersten Augenblick an die Wünsche des polnischen Volkes rtacli staatlicher Selb• ständigkeit. Selbstverständlich, bemerkte der Redner, können die polnischen Juden für die Tätigkeit außerhalb Polens, wie /.. B. die des ״Komitees für den Osten", keine Verantwortung tragen. In einem Punkt vereinigen sieb die Sprecher gegen die Juden von rechts und links: in der Beschuldigung, daß die Juden falsche Nachrichten über die Lage der Juden in Polen verbreiten. Wissen sie aber nicht, daß es vor 2 und, i Jahren eine Gefahr für einen Juden war, sieb auf den Straßen in Warschau zu zeigen, weit sieli an jedem Tage gegen die Juden neue Denunziationen häuften, weil die ,Juden limmtcr• brochcii seitens der polnischen Presse der Spionage verilächtigt wurden und weil man behauptete, daß Ihmderte von Juden für angebliche Tdcplmngcsprächc mit den Deutschen in den Gefängnissen geschmachtet habei!, daß unler den russischen Soldaten Aufrufe verbreitet wurden mit Photographien, wie Juden unterirdische Tclcpliongespräclu• mit den Deutschen führen, wofür die jüdische Bevölkerung «lie größten Leiden erdulden mußte, wofür sie gepliiiulcrtr geprügelt und gehängt w,irden? Diese Tatsachen müßten geprüft werden, bevor man sie leugnet. Wo ertönte auch nur eine einzige Stimme des Protestes gegen diesen wilden Teufelstanz? Wir stellen auf dem Standpunkt, daß unsere nationalen Forderungen in Polen ilire Verwirklichung an dem Tage erhalten werden, du keine fremde Hand über Polen bestimmen wird. Und wenn hier einige Juden, die noch über ihre Stellung zum Polonium und Judentum im unklaren sind, «lies leugnen, und sielt dabei auf ihre Zugehörigkeit zur jüdischen Religion berufen, so ist es an der Zeit, zu erklären, daß die jüdische Religion keine Trennung von der jüdischen Nation zuläßt und daß «lie entgegengesetzte Meinung völlig der Vorgangenheit aiigehört. Ich bin sicher, schloß «ler Redner, daß jeder der Ratiiiänucr, der einmal die Juden- Frage erfaßt hat, dies bestätigen und auf diese Weise gegen die Politik «les Magistrats und seines Bürgermeisten■ Protest erheben wird. Ich fordere die Demission des Bürgermeisters! Gegenüber der Behauptung des 'Magistrats, daß 720 Juden Angestellte des Magistrats sind, zeigte der jüdische׳ Ratuuiim Truskcr, daß dies eine unerhörte Irreführung sei. Der Magistrat 11 a t 11 i e r all die Btarnten der jüdischen Schule 11 u 11 d jüdischen Kinderheime, die i r g c 11 d einmal eine Unterstützung des Magistrats genossen haben, als M a g i s t r a t s b c a in 1 c gerechnet! ln der Tat beträgt die Zahl der jtalisehen Angestellten an den allgemeinen StadUimitutioimi nur 20, darunter auch einige, die bereits das Judentum verlassen haben oder an der Schwelle zum Uebertritt stein 11, Auch die Assimilamen benutzten die Auseinandersetzuug, um ihren Kampf gegen die nationalen ־Fordertmgen der Juden auf der Tribüne des Warschauer Stadtrates miszufecliten. Der erste Vertreter der Assiinilauten, Ratmami ־Be r en s01111, sagte unter anderem: Sie wolle״ nicht, daß die Juden sich als Volk betrachten sollen, aber meine Herren, die These vom jüdischen Nationalismus ist kein Evangelium, keine absolute Wahrheit, die für einen Gesetzgeber maßgebend sein darf. Wold darf eine nationale Minorität, «lie eine eigene Physiognomie bat, ihrer Rechte nicht beraubt werden. Was «He Juden betrifft, ist es aber fraglich, ob sie eiiumia- (ionale ,Gruppe darstcllcn. Nicht mir liier in Polen und nicht nur unler uns Assimilaiiten, sondern in der ganzen Welt, sind Gegner dieser Idee vorhanden. Ein Netz von speziell-jüdischen Schulen zu schaffen, sagte der Redner ferner, sei technisch unmöglich, weil dies die noch vorläufig so schwache' Staatsorganisatiou des Landes ruinieren würde. Jedenfalls ist der Begriff der jüdischen Nationalität vorläufig eine Theorie, die nur von einer Richtung vertreten wird und für die das (iesamtvolk nicht verantwortlich gemacht werden kann. Noch feindlicher trat der extreme Assimilaut N a t h a 11 s o 11 gegen die jüdisch-nationalen Forderungen auf. Er profestierte scharf dagegen, daß die nationalen Ratmiimier für die Jmlcn Miunritätsrcchtc int Namen des gesamten polnischen Judentums verlangen. Er und sein Kreis protestieren gegen jeden Versuch der nationalen Absonderung von den Polen, Er sei überzeugt, daß in Polen wie in allen andern Ländern die Juden sich allmählich vollständig assimilieren werden, und das sei das Ideal, das er und seine Freunde wünschen. Seit Generationen arbeiteten sie tlafür, daß die jüdische Bc• volkertmg in Polen von der polnischen nationalen Kultur sirdtirdidiiuigen werden soll, so wie er selbst cs jetzt sei. Für die Erreichung dieses Ideals seien er und seine Freunde bereit, die größten Opfer zu bringen. Die einzige Schwierigkeit sei die verhältnismäßig große Zahl der Juden in Polen. Der Redner sei aber überzeugt, daß gerade dieser Krieg eine große Auswanderung der Juden nach Rußland, vielleicht auch nach Palästina, hervorrufen werde, mul auf diese Weise werde der Prozeß «ler Assimilation siegreich vor sich geben. Er schilderte dann den jüdischen Nafionalisnuts als Produkt der russischen Unterdrückung, behauptete, daß nirgends außerhalb Polens die Juden solche nationalen Forderilligen aufstellen wie in Polen und versicherte, daß an dem Tage, an dem «ler polnische Staat errichtet werden wird, die jüdischen Nationalisten mit seiner Kraft und Größe werden rechnen und auf ihre Forderungen verzichten müssen. Die polnischen Ratmiinner, die sich au dieser General-Debatte beteiligten, gaben sieh keine Midie, die Anklagen «ler jüdischen Vertreter zu bezweifeln. Der liberale Patek bedauerte wohl, daß der Magistrat verschiedene Beschlüsse «les Sladlrates zugunsten der Juden nicht zur Durchführung gebracht ' habe, meinte aber, daß es jetzt noch nicht an «ler Zeit sei, die Judenfrage m Polen zu losen, bevor «ler polnische Landtag eiiilienifen ist. I! e r n a t o w i t e z wiederholte die alten Legenden, daß die Juilen seihst mit ihrem Verlangen nach Separatismus «len Antisemitismus in Polen hervorgerufen hätten. An vielem habe auch die jüdische Konkiirrcnz schuld, und vor allem seien cs die aus Litauen stammenden Juden, «lenen die Bestrebungen der polnischen Nation fremd geblieben seien. Dazu kommt noch die innere Zersplitterung unter den Juden selbst, die dem Außenstehenden jede Orientierung erschwere, Der einzige Pole, der die Forderungen der Juden verteidigte, war der Sozialistische R n 111! a 11 n Zi• s 11 e w s k i, «ler vom ״Bimil“ als Ratinaim gewählt worden ist. Dr, Prcugowski dagegen erklärte, «laß es «len Juden in Polen viel besser gehe als irgend anderswo, mul «laß in Paris, Berlin oder London «lie [iidcn nicht so viel Rechte genießen wie in Warschau. Nationale Rechte würden hier aber die Juden niemals bekommen, so lange (Ile Polen noch irgendeine Macht besitzen werden. Ein polnisches Judäa werde es nieinals geben. Polen sei tolerant. Das künftige polnische Reich werde den nationalen Provinzen, wie Wcißruß• laml, Ukrainn etc. wohl Minorilätsrcchtc gewähren, aber niemals werde cs «len Juden nationale Rechte zucrkeimen. Den Rekord schlug wie immer Dr. Ilski,!11 einer Hetzrede, voll von Drohungen uml Beschimp• hingen bestätigte er all die von «Im jüdischen Ratmännern angeführten Tatsachen. ״Die Juden werden wirklich nicht als Beamte der Stadt angcstellt, uml so soll es auch bleiben. Die Jmlcn werden niemals «lie Interessen der Stadt verteidigen können. Im Auslände gibt es wohl jüdische Minister, die aber niemals als Juden auftreteii . . . Die Juden keimen nicht die Liebe zum Nächsten #nd die jüdische Frau, die ihren Handel betreibt, ist ein wildes Tier, «las nur zu betrügen versieht. Das jüdische Viertel ist überfüllt von Dieben, Auswurf und L'rmicnhäiulleru. Der Jmlc explodiert den Bauer uml dcmiiizicrt ihn .־uioiiym vor «len deutschen Behörden . . . Wir Polen haben im Jahre 1<)17 gelernt, der Wahrheit in die Augen zu schauen, und wir erklären öffentlich: wir wollen stark und mächtig werden. Keine Sentiments und Reden von Gerechtigkeit werden 1ms beeinflussen könne«. 1111 Namen unserer Lcbcusinlcrcsscn werden wir kämpfen gegen euch, so lange wir nur können.“ Diese mit Wut und offnen Fäusten vorgetragcnc Droh rede wurde von vielen!101nischen Ratmänneni, nicht bloß auf den rechten Bänken, mit Beifall begleitet. Die Juden meldeten sich zum Wort, um den Antisemiten eine Antwort zu erteilen, erhielten aber mir 10 Minuten Redezeit. Die Debatte über das Budget und damit auch die Generaldebatte über die Judenfragc wird ״och fortgesetzt. Die jüdischen Ratmiinner gedenken gegen das Budget zu stimmen. Von der Stockholmer Sozlalisten-Konferenz Die jüdischen Vertreter des amerikanischen Sozialisnuis I >r. G o 1 d f a r b\ R e i 11 s t c i n , und Dawido witsch wurden vom hollämliscli-skaiiiimavischeii Frieileiiskomitee emplnngeii, dem sic dir Frtedcnsprogramm darlcgten. Sie verlangen einen Lriedcn ohne Schadenersatz und ohne Annexionen, die Rückgabe aller eroberten Gebiete tun! Kolonien, mit Ausnahme von!,ölen, die Wiederherstellung des freien unabhängigen Polen, die Lösung aller territorialen Streitfragen auf Grumi eines Referendums unter «ler bctrcffcmlcn Bevölkenmg und die Anerkennung der Rechte aller Nationalitätcn, die im eigenen Staat oder in einem Staats* Organismus leben. Für das jüdische Volk fordert die Delegation I. die Aufhebung aller bürgerlichen, politischen und nationalen Beschränkungen und Ansiiahmsge׳setze, 2. die nationale Autonomie für «las jüdische Volk in allen Ländern, wo die Jmlcn in großen Massen wohnen und J. freie Einwanderung uml Kolonisatioji für die Juden in allen Ländern, hauptsächlich in Palästina. Die Delegation iiberbraelite auch ein Memorandum der Sozialistischen Partei *n Amerika, das «lie Forde• rungen «ler Juden unterstützt. Von der Delegation des jüdisch-sozialistischen Arbeiter- Verbandes P o a 1 c - Z i o n, «Le zur Teilnahme an der Stockholtner Konferenz eingeladcn worden ist, ist Herr Leon C11 a s a 11 o w i t s c h aus dem Haag schon in Stock- 1101m cingctroffcn. Die anderen Vertreier der poalezionistischen Partei werden erwartet. Während der Konferenz wird in Stockholm eine allwcltliche Konferenz des poale-zionislischcn Verbands abgehallcn werden, zu der Delegierte verschiedener Landesverbände erwartet werden. Delegierte aus Amerika, England, Frankreich sind schon cingctroffcn. Das letzte Ghetto Mitteilungen der russischen Tageszeitungen zufolge steigt die Not der rumänischen J11 d e 11 mit jedem Tage. L)ic Teuerung im Lande ist unerträglich. Die rumänische Regierung unterstützt die christlichen Bürger, verweigert aber «len Juden jede Hilfe unter dem offen ausgesprochenen Vorwand, «laß die Juden die Freunde Deutschlands sind. Die Presse veröffentlichte Nachrichten über neue Judenverfolgungen im Lande. Die russische Regierung befragte «teil russischen Hotsch,öfter in Jassy Po k 1 c w s k i K os je 1 über die Richtigkeit dieser Nachrichten. Der Botschafter bcstä• tigte, daß im Kriegsgebiet, insbesondere während «les- Zuriiekvveicheus des nutiämschcu Heeres, die Verwaltimgsbeliörilen die Juden des Hochverrats brsdiuliligtcn, worunter viele Juden zu leiilen hatten. Auf «lem Kongreß der süd-russischen Front wurde eine Resolution beschlossen, die die russische provisorische Regierung aullordert, energische Schritt«׳ gegen die Ausdchnimg der antisemitischen Agitation in dem nmiäni• sehen Heere und gegen die Verfolgungen der Juden seitens der rumänischen Regierung zu unternehmen. Das Zentralkomitee des ״Bundes‘‘ wandte sich mit einem Aufruf an die sozialdemokratische Partei in Rumiiiücii, in dein cs seiner Ucberzcugamg Ausdruck gibt, daß das rumänische sozialistische Proletariat gegen die Unterdrückung «ler rumänischen Juden Protest erheben wird. Eine jüdische Deputation bei der südafrikanischen Regierung Der Exekiitiv-Aiissclniß des Jüdischen Kongrcßkomitees in Kapstadt entsandte eine Deputation an die Regienmg der südafrikanischen Republik mit einem Memoramlum über «lie Wünsche der Juden bezüglich Paläsitnas. Die Regierung der Republik versprach offiziell der Oesamlschaft, auf dem bevorstehenden Fricdcnskongrell die Forderung des jüdischen Volkes zu unterstützen. Das Julihcft des ״Juden“ Mit einer wichtigen Neuerung beginnt «fas Julihcft des ״Juden“.•) In einem ״Aktivierung, Politische Rundschau“ überscliriebenen Leitartikel unterzieht Leo 11 e r r m a 11 n die gegenwärtige politische Situation im Judentum einer eingehenden Betrachtung. Von der Befreiung des russischen Judentums aus «kr ״ussischen I fälle und vom beginnenden Kampf des russischen Judentums um seine nationalen Rechte ausgehend, bespricht Hermann die nationale Organisierung der jüdischen Massen Amerikas und erörtert dann in tief angelegter Weise die Frage, ob auch für das Judentum Deutschiands und Oesterreichs eine Bewegung zu erwarten ist, die auf nationalen Zusammenschluß hinziclt. Der Verfasser glaubt, auch hier Ansätze in dieser Richtung zu sehen. Für Oesterreich würde ein derartiger Zusamrncnschliiß von besonderer Bedeutung sein, da er die energische Wiederaufnahme des Kampfes um die Anerkennung der jüdischen Nationalität bedeuten würde. von *1 »^.cr cinc Monatsschrift, heraugegeben Dr. Martin Buber. Juli 1Ü17 || lahrioimr Verlag R. Löwit, Wien-Berlin N37, Weißcriburger Str! 6! ff ft"* Port°) 13.70 M., für das Halb- Jahr 6.60 M., EinzcMieft 1.20 M. ,1■: T1 •׳. 1! Fi f i I i

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