Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXII (1917)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1917)
- Date
- 1917-07-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 232 j U EDI SC H E RUNDSCHAU -Nr. 28 in Palästina auf seinen Posten gef.dienen Schomcr aus Warschau dieser P 1 11 k 1■ I s t e 1 n hielt, liin inhallsreiches Referat des Vorsit/enden über ״Religion, N a I i o 11 a I i s in 11 s und Z i o n i s 111 11 s“ leitete die Konferenz ein. Uehvi־ die 1״ n t w i e k 1 u n g des M i s - r a e h i“ referierte der Prediger M i I e j k o w s k i. Beide Referate riefen eine anregende Ik'bnlte hervor, Eine eingehende Rede über die drei E 111 \v i c k 11111 g s p 11 a - s e n d e s .Yt i s 1־ a c ii i u 11 d sei 11 e A 11 f g a 11 e 11 außer• halb mul innerhalb der zionistischen Organisation hielt der Führer der inisrnchistisehcn Jugend R i w k i 11 d. Ilerr Tcuuchaum (Wotomiu) verlangte, daß die Misraeliisteii ihr Ziisaninienarheiten mit den Zionisten nur auf das rein zionistische (iebiet beschranken sollen, ohne sie in ihrer Lamlespolitik zu unterstützen. Bei den Waiden in den (ieineiiulen könnten die Misrachistcn mit den Zionisten nicht :Zusammengehen. ״Bei all unserer vollen Achtung für unsere (iegner müssen wir ihnen erkliireu, dali ihre Kultur nicht die unsrige ist. Wir verstehen linier Kultur,uheit mir Chadarim und Jeschiwoth.“ Hem Redner erwiderte eingehend I lerr M i I e j k o W s k i. Einen ausführlichen Vortrag über die Aufgaben des Misrachi auf dem Gebiete der Erziehung hielt in hebräischer Sprache Ilerr K ir sc 11 c n b a u m. Er sprach von der Notwendigkeit der Schaffung von Jeschiwoth und vertrat die Ansicht, dali in den jüdischen Schulen die , räische Sprache zur Unterrichtssprache in allen Gegen- 1•;....ג werden muH. Dieses Referat wurde vom Vor- ....! :■ Rabbiner Z Iot n ik, ergänzt. Der Vorsitzende >. .;c die Gründung eines Rabbinerseminars und , e ein ausführliches Projekt über die Schaffung eines Nvtz.es von Jeschiwoth vor. Was die Sprachenfrage betrifft, meinte der Redner, dali die jidischc Sprache als wichtiger Lehrgegenstaml betrieben werden muß. Gegen den Unterricht der jidischeti Sprache sprach Milejkowski. Er hielt auch die Bildung eines Rabhinerseminars unter den gegenwärtigen Verhältnissen für unmöglich. Uelier die S t e I i u 11 g des Misrachi zur z. i o- 11 i s t i s c 11 e 11 O r g a 11 i s a t i o 11 gab es kein besonderes Referat. Der Vertreter des ״Jungen Misrachi“ R i wk i 11 d vertrat die Ansicht, daß der Misrachi auch, in organisatorischer und finanzieller Beziehung einen von der allgemeinen zionistischen Organisation völlig ahgeschlossenen Organismus zu bilden hat. Sogar die Sammlungen des Misrachi für den Nation,־ilfoud müßten getrennt, aut ein besonderes Konto der Misradii-I'öderalion, gebucht werden, iierr L e v 11» - E p s t c 1 n verlaugte eine weitgehende ,Autonomie des Misrachi inner- 11,11 h des Zionismus, mit Ausnahme der l'inaan/eu. T s c 11 e r 11 j a t z k i (Sokolow) forderte, dal! sieh der Misrachi an den zionistischen Stadtkomitees nicht heledigen solle und einen selbständigen Waad liaironi gründe, liegen die separatistischen Tendenzen dieser Redner sprach der Vorsitzende Rabbiner Zfotnik und I lerr M i I e j k o w s k i. Vielfach mußte sieh die Konferenz mit der feindliehen Agitation des ״A g 11 d a 111 h.a o r t o d o x i m“ befassen. Einige Redner versuchten eine Verständigung mit der ״Agvul״“ anzubahnen, da doch die ״Agtida“ die Palästina-Arbeit in ihr Programm aufzuueliiueti verspricht. Die Konferenz, beschloß sogar, eine Einladung an die ״Aguda“ zu entsenden. Wie zu erwarten war, blieb diese Einladung unbeantwortet. Dafür aber croffuete die Zeitung der ״Aguda“, ״Das jüdische Wort“, gerade an den Tagen der Konferenz eine gehässige Polemik gegen den Zionismus voll Beschimpfungen und Verleumdungen, so daß die Konferenz später sich veranlaßt fühlte, eine Protesterklärung gegen diese Zeitung, die sich ״Toratreu“ nennt, zu veröffentlichen. Die Konferenz nahm die bekannten Resolutionen über die Anerkennung der jüdischen Rechte im zionistischeii Sinne in Palästina und über die Forderungen der bürgerlichen 11ml nationalen Gleichberechtigung in der I )iaspora an mul faßte eine Reihe von Beschlüssen über die weitere Tätigkeit. 111 der politischen Arbeit, heißt es in ׳Jen Resolutionen, gehen die Misradüstcn mit der allgemeinen tz.ionistisehcu l.aiidesorgaiihntian zusammeii. Das Zentralkomitee des Misrachi in Polen hat die Pilicht, sich über alle Fragen der laufenden Politik mit dem zionistischen Zentralkomitee zu bcraten. Die Sammlungen für den Jüdischen National- Fond werden durch das Misrachistisdic Zentralkomitee direkt an das Hauptbüro des Jüdischen National• Fonds überwiesen. Während der Geineindcwahlcn haben die Misrachistcn nur solche Vertreter zu wählen, die eine positive Stellung (zur jüdischen Religion und Nationalität cimichmvn. (Das Zentralkomitee hat ein Musterscininarium für Lehrer und Meiamdim zu bilden und für die Besserung der bestellenden Chadarim und Jeschiwoth zu sorgen. Die hebräische Sprache, die die Nationalsprache der Juden ist, muß die Unterrichtsspradie für alle Lchrgegcnstäiide werden. Wo aus technischen oder pädagogischen Gründen die Durchführung der hebiäischeii Unterrichtsspradie unmöglich erscheint, muß die jidischc Spradie die Sprache des Unterrichts sein. Die Konferenz protestiert gegen diejenigen, die das jüdische Volk öffentlich als eine nur religiöse Gemeinschalt erklären. Nur die rcchtlidtc Anerkennung der jüdischen Nationalität wird dem jüdischen Volke seine religiösen und nationalen Rechte garantieren. Die Konferenz beschloß ferner, eine größere Propaganda-Tatigkcit zu entfalten, ein offizielles publizistisches Organ zu schaffen, Instruktoren in die Provinz zu aut- *,enden etc. Das Budget wurde auf 20 000 M. festgeslcllt. ln der Schlußsitzung hielt der Rabbiner Zlotuik eine begeisterte Rede Tiber die Pflichten dem Pa last i r» a j is c h u w gegenüber und rief die Dele-־ gierten auf, an der Hilfsaktion für Palästina energisch Anteil zu nehmen. Die Versammelten brachten dem ehrwürdigen Vorsitzenden, Rabbiner Zlotnik, und 1 dem langjährigem Organisator des Misrachi L e v i 11 - Epstein lebhafte Ovatioen dar. Au das Zionistische Aktionskomitee wurde folgende B e gr ü ß u n g s d e p e s c h e gerichtet: ״Die erste Konferenz der orthodox-zionistischen Föderation Misrachi in Polen sendet ihre״ wärmsten Gruß der höchsten Leitung der zionistischen Organisatiou. Möge der Himmel der im gegenwärtigen Moment so verantwortlichen (Arbeit der zionistischen Leitung seinen Segen verleihen. Die Konferenz gibt sieh der Hoffnung hin, durch ihre vom Geiste der Tora mul der nationalen Wiedergeburt geleitete Tätigkeit zum gedeihlichen Fortschritt des zionistischen Ideals beitragen zu können. Vorsitzender Rabbiner 1. Zfotnik.“ In das Zentralkomitee wurden zwanzig Mitglieder gewählt, da runter die Rabbiner aus Oombin, W i o z I a w e k und P 1 o c k, die Herren L e v i n - Epstein, Schtsehcranski, K i r s c h e n b am 111, G r 1111 d I a u d und M e 11 r e n 11 o I 7. aus Warsrlt a 11, Riwkind aus Lodz und elf andere Mitglieder aus der Provinz. Mit Ausnahme der orthodoxen Zeitung ״Das jiidis che Wort“ begrüßte die gesamte jüdische Presse tfic Konferenz mit lebhafter Sympathie und widmete ihrer Tätigkeit große Aufmerksamkeit. Die Judendebatte im Warschauer Stadtrat Am '28. Juni begann im W arscliauer S t a d t r a t die Debatte über das Budget. Die jüdischen Ratluiimier benutzten die Gelegenheit, tun die Stellung des Magistrats zu den Juden zu beleuchten und die jiidiseben Forderungen zum Ausdruck zu bringen. Eingehend sprachen darüber die Ratiniiimer Prilutzky, Be 1׳ e 11 s o 1111, G ״ I d f I a in m , Po s n a n s k y, S c id cin a 11 n , N a t a 11 s o 11 n Und T r u s k e r. Hier handelt es sich bloß darum, . begann Prilutzky seine Rede ־ ■, dali in dem neu geschaffenen Polen die Juden die Rechte erhalten sollen, die ihnen als Bürger des Staates ziikommen, und die von ihnen ohne Unterschied von Partei und Richtung verlangt werden. Es handelt sich bloß darum, dal! wir Juden, die alle Pflichten dem Lande gegenüber tragen, ein für allemal als allen anderen Bürgern ebenbürtig erklärt werden, auf die keine Ausnahms-Methoden und Systeme aiigewemiel werden dürfen. Der Vertreter des Magistrats erklärte hier wiederholt, daß er in seinen Arbeiten keineu Unterschied unter den einzelnen Biirgergrnppeii der Bevölkerung machen will. Die Erfahrung, die der Mngistrai geschaffen hat, ist aber eine krasse Widerlegung dieser allgemeinen Behauptung. Trotzdem die rus->iscl1e Spradie aus dem Bei rieh des Magistrats ausgeschlossen ist, herrscht noch immer in seinen Beschlüssen und Arbeiten der Geist der alten russischen Gesetze. Per Magistrat beruft sich sogar wiederholt in seiner Juden- Politik auf die Judengesei/gchung, die einst von riissischer Seite cingeführt worden ist, und niemand, auch nicht die Herren derjenigen politischen Orientierung, die sich vom Osten stets zu entfernen sucht, erheb! dagegen Protest. In Rußland selbst sind die Gesetze längst aufgehoben, der einzige Ort, wo die alten russischen Gesetze bezüglich der Juden noch in Kraft sind, ist gegenwärtig Polen. Der Redner erwähnt den Beschluß des Stadtrates bezüglich der Zulassung der lang gekleideten Juden im Stadt garten. Dies svar der einzige Beschluß des Stadtrates zugunsten der Juden während der ganzen Zeit seines Bestehens uml, trotzdem mehrere Monate vorüber sind, seit der Stadtrat diesen Beschluß gefallt hat, habe cs der Magistrat noch immer nicht fcitig gebracht, den Wunsch des Stadtrates zu erfüllen, und die Aufschrift, die den Juden den Eiiifritt in den Stadlgarien verbietet, sei nach wie vor am Eingang des Gartens zu lesen. In keiner anderen Trage außer der Jüdischen lud der Magistrat gewagt, einen Wunsch des Stadtrates so rücksichtslos zu übertreten. Während der Verhandlungen liber die Untersuit/tiug der jüdischen Schulen gab der Herr Bürgermeister die skandalöse Erklärung ab, daß die Juden keine Unterstützung für ihre Schulen ans der Kasse des Magistrats brauchen, da ihnen aus der ganzen Welt Unterstützung geschickt werde. Seinerzeit wurde dem Bürgermeister geantwortet, daß auch die Polen von ausländischen Komitees Unterstützung bekommen, 'Hier aber handelt es Sich um das Prinz'ip. Vorausgesetzt, dal! die Juden alleines sind, die Unterstützung bekommen: was will dies sagen? Lediglich, daß die Stadt uns gegenüber ihre Pflicht nicht erfüllt uml daß wir daher auf Unterstützung von außen angewiesen sind. Die polnischen Schulen stehen halb leer, weil dort jüdisciic Schüler nicht gern aufgenommen werden, und wir müssen unsere Schulen selbst aushalten, nicht bloß mit Lehrern, sondern mit Essen, Kleidern und Schulten, weil wir keine Unterstützung bekommen. Woher sollen wir all dieses Geld nehmen? Daher sind wir gezwangen, unsere Brüder jenseits des Ozeans um Hilfe zu bitten. Was wird aber jetzt sein, da der Verkehr mit Amerika unterbrochen ist? I ferr Groto.wski versprach uns, daß im künftigen polnischen Staate die Juden ihre volle Gleichberechtigung erhalten werden, aber derselbe Grotowsky stimmte später für die Seblicfiutig der Diskussion, als wir über die Stellung des Magistrats zu dem Beschluß über die Zulassung der Juden im Stadtgarten sprechen wallten. Als es sich um die Nichtzulassung der Juden zu Stadtämtcrn gchandelt hat, erklärte 'Herr Lypac'ewicz, dal! als Stadtbeamte nur solche Personen angcstcllt werden kön- ־■1" ־" "'ul müssen, die völlig von dein polnischen Geiste durchdrungen sind. Aber mit solchen Begriffen kann man jetzt kein Land bauen 1 Politisch sind wir Polen, politisch wollen wir zusammen mit euch für das Glück das Blühen und die Demokratisierung des Landes arbeiteil. In gewissen 1 linsiehten haben wir auch mit der polnischen Kultur Gemeinsamkeit, da wir seit Jahrhunderten auf polnischer Erde leben und von polnj. scher ,Sprache beeinflußt sind, jenseits dieser Grenzen aber beginnt unser Heiligtum, unsere Kultur, mit ihren individuellen Begriffe״, Sympathien und Antipathien Hier wollen wir allein bleiben und niemand hat mehr das Recht, uns zu diktieren uml zu belehren, oder g,r uns dafür zu bestrafen. Was wir fordern, ist nicht ihu uml entspricht dem allgemeinen Begriff der Demokratie. Es ist auch eine vollständige Verleumdung, wenn bchauplet wird, daß nur wir und mir in Polen solche Forderungen auf stellen. Der Redner brachte dann eine Reihe Heispiele aus der Politik der österreichischen Regierimg, die mit den Ktiltui'bedürfiiKscii ihrer Natioiialitäteu rechnen muß, schilderte die Forderungen der Juden in Galizien und schloß mit der Darstellung der jüdisch-nationalen Bewegung in Rußland vor und nach der Revolution, der Beschluss(; der jüdischen Beratungen und Parteien, die alle die Forderung der Anerkennung der jüdischen Nationalität aufstellen, und niemand hübe gewagt, darin eine Störung für die Verwirklichung der bürgerlichen Gleichberechtigung zu erblicken. Er brachte auch Beweise aus der polnischen Vergangenheit, als auch in Polen mehr Verständnis für die Kult ureigen• art der Nationalitäten Polens aufzubringen war, und schilderte die Gefahr für Polen selbst, wenn es sich auf diesen aggressiven Weg begeben wird. ״Im Inter• esse der Juden, aber auch im Interesse Polens wünsche ich es, dali bis 1018 die jüdische Gleichberechtigung in Polen verwirklicht wird.“ An der Hand von Ziffern und Tatsachen aus der bisherigen Tätigkeit des Magistrats beleuchtete Ratmann Dr. Gold flamm die stiefmütterliche Behandlung der jüdischen Bevölkerung. Die Juden bilden in Warschau 4t)״d der Stndtbcvölkcruug mul tragen zu den Einkünften der Stadt ungefähr in demselben Malte bei. Wie wer• den aber die Bedürfnisse der Juden berücksichtigt? Die Sehulahteilimgcu des Magistrats haben 7T2 christliche mul nur 122 jüdische Abteilungen, das heißt nicht mehr als 1(1(1״;״׳, Für Wohltätige /.wecke verwendet der Magistrat •1(17 7(1(1 Rubel, darunter fiir jüdische Institutionen (1180. Christliche Kinderheime bekamen 112!20 Rubel Unterstützung vom Magistrat, während die jüdische in• stitution ״Kimlerfretmile“ keinen einzigen Pfennig bckommen hat. IN unterliegt keinem Zweifel, daß der Magistrat mir die Stimmungen wiedorspiegclt, die gegenwärtig in der polnischen Gesellschaft und im Warschauer Stadrlat vorherrschend sind, ,,Diese Stimmung muß aber geändert werden, Allen Unglücksfäikn des Krieges zum Trotz geht die Welt einer großen Gerechtigkeit und Solidarität entgegen.“ Eingehend sprachen über die Stellung der Juden in Polen bis jetzt und ihre I loffninigen auf die Zukunft die zionistischen Ratmiiniicr Rabbiner Dr. Poznnnski und Rechtsanwalt Seide m a 1111. Das Budget trägt die Uehersclirift ״Budget der Hauptstadt Warschau“ heganii Dr. Poznanski, es wäre also zu erwarten, daß die Bedürfnisse der ganzen Bevölkerung Warschaus hier inbegriffen sind. Leider gelang cs dem Magistrat nicht, sich äuf diese Höhe zu erheben, wo Gerechtigkeit für alle Bürger der Stadt herrscht. Der Magistrat verspricht, daß das künftige polnische Parlament den Juden die Gleichberechtigung gewähren wird, aber der Magistrat vergißt, daß eigentlich die Juden in Polen schon zurzeit des Markgrafen Wjelopolski ihre gesetzliehe Gleichberechtigung bekommen haben. Was die Gelilvcrtcilung betrifft, so leimt der Magistrat die gerechte Forderung der Juden auf Unterstützung ab, mit der Begründung, die Juden bekämen viel Geld aus dem Auslände und der Magistrat sei nfcht imstande, sich über die Höhe dieser Summen einen Begriff zu machen, llun genüge aber die Tatsache, ilaß die Juden mich die russische Zivilbevölkerung in Warschau unterstützen, als Beweis dafür, dal! diese ausländische Unterstützung für die jüdischen Bedürfnisse ausreichen. Der Redner wundert sich darüber, dal! der Magistrat von den Einkünften der jüdischen I lilfskotuinission, die periodisch ihre Berichte veröffentlicht, nichts weiß. Ich weiß nicht, sagt der Redner, ob die Kommission wirklich auch die christliche russische Bevölkerung unterstützt. Sollte dies der Fall sein, dann kann die Kommission stolz darauf sein, daß sic den alten jüdischen Geboten treu bleibt und auch unter den schlimmsten Umständen jedem die Unter- Stützung gewährt, dem sie nottut. Unsere Biüiler in der gesamten Welt, die die außergewöhnlich ־traurige Lage des polnischen Judentums und die Tatsache, daß die städtischen Behörden den Juden gegenüber ihre Pflicht nicht erfüllen wollen, erfahren haben, beeilten sich, uns ihre brüderliche Unterstützung zu bringen. Kann dies aber für den Magistrat als Grund ge teil, ilm von seinen Pflichten der jüdischen Bevölkerung gegenüber zu befreien? Mag der Magistrat selbst die Fra;׳e beantworten, ob die höchste Institution der polnischen Hauptstadt ein Muster engherziger Politik und Kurzsichtigkeit sein will, oder ob sic fähig ist, die Schritte einer neuen Zeit zu vernehmen. Der ,Redner sprach dann über die Lazienki-Affnire und erklärte den Ursprung der Sitte der polnischen Juden, lang gekleidet zu gehen. Vielleicht kann man, meinte der Redner, von den Juden verlangen, daß sie diese Tracht des Mittelalters nicht zu einer unantastbar heiligen machen, aber ebensolches Recht haben wir vom Magistrat zu fordern, daß er nicht auf dem mittelalterlichen Standpunkt stehe und die Rechte eines Bürgers nur deswegen begrenze, weil er diese und nicht jene Tracht trägt. Wir haben das Recht, vom Magistrat zu fordern, daß er die Beschlüsse